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Studio 9 | Beitrag vom 13.07.2015

Die türkische Stadt Bodrum Flüchtlinge im Ferienparadies

Von Gerd Brendel

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Der Hafen in Bodrum (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Der Hafen in Bodrum (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Tausende Urlauber genießen an der türkischen Ägäis ihren Sonnenurlaub. Zugleich warten in den türkischen Touristenstädten zahlreiche Flüchtlinge auf eine günstige Gelegenheit, nach Griechenland überzusetzen. Sie haben die Angst im Gepäck.

Nur wenige Kilometer trennen Samos von der türkischen Küste. Ein Katzensprung für Touristen mit gültigem Schengen-Visa oder EU-Bürger. Unter Urlaubern sind die Orte hier genauso beliebt wie die griechischen Inseln. Kusadassi oder Bodrum heißen die Sehnsuchtsorte hier für ein paar unbeschwerte Sonnenwochen.

Der beliebteste Ferienort ist Bodrum. Tag und Nacht schieben sich die Touristenströme durch die Altstadt. Viele bleiben einen ganzen Sommer lang und pendeln zwischen Strand, Hotel und den vielen Nachtclubs.

Die anderen Bewohner auf Zeit sieht man auch hier kaum, dabei wohnen auch sie in Hotels. Im Hotel Evros zum Beispiel. Das ist nicht so luxuriös wie die Anlagen am Strand, selbst wenn es einen Swimmingpool gibt. Bis tief in die Nacht sitzen Männer und Frauen in den Gartenmöbeln am Rand. Sie sprechen leise auf Arabisch untereinander und schauen immer wieder besorgt auf ihre Smartphones: Flüchtlinge aus Syrien wie George und seine 16-jährige Schwester Mariam.

"Ich warte darauf, dass jemand anruft, der uns von hier wegbringen kann, nach Griechenland und dann weiter in ein europäisches Land."

Bezahlt wird über einen Mittelsmann.

"Ein paar von den Schleppern wollen vor der Überfahrt kassieren, aber das ist gefährlich. Also haben wir das Geld an eine dritte Person überwiesen, die wir und die Schlepper kennen, und wenn wir unser Ziel erreicht haben, melde ich mich bei ihm und er zahlt dann."

Vor zwei Wochen haben er und seine Schwester die syrische Grenze in Richtung Türkei überquert.

Von Syrien in die Türkei

"Ich hatte Angst. Wir mussten ein paar hundert Meter über ein offenes Feld laufen. Auf der anderen Seite standen türkische Soldaten. Einen Tag lang haben sie uns festgehalten, dann durften wir gehen."

George stammt aus al-Hassaka, im Nordosten Syriens. Umkämpftes Gebiet zwischen syrischer Armee, Guerilla und Islamisten. Deshalb beschlossen die Eltern von George ihn mit seiner kleinen Schwester auf die Flucht zu schicken.

Natürlich habe er Angst vor der Überfahrt, aber wenigstens könnten er und seine Schwester schwimmen. Alles was die beiden dabei haben, passt in einen Jutebeutel. Den Rest tragen sie auf dem Leib, Jeans, T-Shirt, eine Trainingsjacke. Bloß nicht zu viel mitnehmen, haben ihn Freunde gewarnt, das wird euch sowieso abgenommen. Und wenn er erst einmal bei seinem Onkel in Schweden ist, kann er sich ja Sachen schicken lassen.

Ankommen da, wo es sicher ist für ihn und seine Schwester. Mehr will er nicht. Dazu müssen beide es aber erstmal auf die andere Seite schaffen. Dorthin, wo Hassan und Ali schon sind, auf griechischen Boden.

Am nächsten Abend sind George und seine Schwester verschwunden. Wahrscheinlich werde ich die beiden nie wieder sehen. Die Fortsetzung ihrer Geschichte findet auf Facebook und am Telefon statt. Zwei Monate nach unserem letzten Treffen in Bodrum bekomme ich eine Freundschaftsanfrage von George über Facebook. In seinem Profil hat er Stockholm als Wohnort angegeben. Wir verabreden uns zu einem Telefonat.

"We had a call from the smuggler ...", erinnert sich George an seinen letzten Abend in Bodrum. Nach dem Anruf des Schleppers ging alles sehr schnell.

"Unser Boot wartete schon. Außer uns waren da 17 Flüchtlinge mit Kindern und eine alte Frau. Für die Überfahrt nach Kos brauchten wir nur 40 Minuten. Die Polizei ließ uns in Ruhe, und einen Monat später sind wir dann mit der Fähre wie ganz normale Touristen weiter nach Athen gefahren."

In Athen hat George dann bei einem Schlepper angerufen, dessen Nummer er von einem Freund in Syrien bekommen hatte. Der brachte George und seine Schwester zu acht in einer Wohnung unter. Und dann begann das Warten.

22.000 Euro für ein Leben ohne Angst

"Der Schlepper war kein guter Mann, er hielt uns die ganze Zeit in der Wohnung fest. 'Wenn ihr vor die Tür geht, werdet ihr von der Polizei verhaftet und eingesperrt', warnte er uns."

Zweimal versuchten George und Mariam mit gefälschten Papieren an Bord eines Fluges nach Italien zu kommen. Vergeblich. Beim vierten Mal hatten George und Mariam Glück. Diesmal glaubten die Beamten den beiden und ließen sie in die Maschine nach Mailand einsteigen. Zwei Wochen später landeten George und Mariam in Stockholm.

"Jetzt muss ich wieder warten. Auf meine Anerkennung als Flüchtling. Drei Anhörungen habe ich schon hinter mir, demnächst steht die letzte bevor."

George hofft, dass er nach der vierten Anhörung eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt, dann könnte er endlich einen Sprachkurs besuchen. Das Warten wäre endlich vorüber. Für die Flucht von Bodrum an der türkischen Küste über das Mittelmeer und weiter nach Stockholm hat er für sich und seine Schwester 22.000 Euro bezahlt.

22.000 Euro für ein Leben ohne Angst vor den nächsten Bomben, ohne Angst gekidnappt oder ermordet zu werden. 22.000 Euro für ein Leben, von dem seine Freunde und seine Familie in al-Hassaka träumen. 22.000 Euro für ein Leben, das für mich und die Menschen auf dieser Seite des Mittelmeers Alltag ist.

 

 

Beim Thementag "Das Mittelmeer - Sehnsuchtsort und Flüchtlingsfalle" kooperiert Deutschlandradio Kultur mit der taz. Weitere Beiträge finden Sie auch auf der taz-Themenseite.

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