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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 11.07.2017

Die Türkei ein Jahr nach der Putsch-NachtEin blutiges Geschenk für Erdoğan

Von Reinhard Baumgarten

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Erdogan-Anhänger mit Fahnen, im Hintergrund Porträt von Erdogan auf einem Bildschirm (ADEM ALTAN / AFP)
Eine Demonstration für Präsident Erdoğan nach dem niedergeschlagenen Putsch-Versuch 2016 (ADEM ALTAN / AFP)

Am Abend des 15. Juli 2016 besetzen türkische Soldaten strategisch wichtige Positionen, schießen auf Zivilisten und das Parlament. Der Putsch ist am nächsten Morgen wieder vorbei, doch dann beginnt Erdogans große Säuberung. Für ihn ist es ein "Geschenk Gottes".

Am Anfang - gegen 22 Uhr Ortszeit am 15. Juli 2016 - sind es nur Gerüchte. Am Anfang sind es kreisende Hubschrauber über Istan­bul und Ankara.

Die Gerüchte verdichten sich, als Kampfflugzeuge über die beiden großen Metropolen des Landes donnern.

Sol­daten riegeln den Ata­türk-Flug­ha­fen in Is­tanbul ab, sie besetzen strategisch wichtige Po­sitionen und sie sperren die bei­den Brücken über den Bospo­rus. Neben der er­sten Brücke liegt das ARD-Hörfunkstudio. Wir werden Augen- und Ohrenzeugen der blutigen Ereignisse.Die Bosporus-Brücke in Istanbul  bei Nacht (Sedat Suna, dpa, EPA FILE)Neben der Bosporus-Brücke liegt das ARD-Hörfunk-Studio aus dem Korrespondent Reinhard Baumgarten Zeuge der Putsch-Nacht am 15. Juli wurde. (Sedat Suna, dpa, EPA FILE)

Von einem der Brückenpfeiler schießt ein Scharfschütze auf Zivilisten. Immer mehr Menschen strömen auf die Brücke. Immer heftiger werden sie von den Put­schisten unter Feuer genommen. Die Lage droht auf entsetzliche Weise zu eskalieren.

Gegen 23.30 Uhr Ortszeit meldet sich Präsident Erdoğan via FaceTime zu Wort.

"Ich rufe unser Volk dazu auf, auf öffentliche Plätze und zu den Flughäfen zu kom­men und dieser kleinen Gruppe die Stirn zu bieten."

Zu Tausenden folgen die Menschen seinem Ruf. Sie klettern auf Panzer, stoppen Last­wa­gen, reden auf Soldaten ein. Kampfbomber durchbrechen derweil die Schallmauer über Istanbul, Scheiben bersten, Men­schen zittern, sie befürchten das Schlimmste für sich und ihr Land. In Ankara wird das Parlament bombardiert, werden Polizeistationen und Kasernen ange­griffen.

Hubschrauber feuern mit Leuchtspurmunition auf Menschen, auf Autos, auf alles, was sich unter ihnen bewegt. Die ganze Nacht durch donnern Kampfflugzeuge über Istanbul und Ankara hinweg.

"Ich dachte mein Bein ist abgerissen"

Den Bürgermeister des Istanbuler Stadtteils Çengelköy, Can Cumhurcu, streckt eine Kugel nieder.  

"Sie ist mir hier oben im Schritt ins Bein gefahren. Das brannte wie die Hölle. Ich dachte, mein Bein ist abgerissen."

Als er in den Ambulanzwagen getragen wird, beschwört er die Helfer, sein Bein nicht auf der Straße liegen zu lassen.

"Alle schrien vor Angst. Sie haben mein Haus unter Feuer genommen. Meine Frau er­zählte mir später, dass sie in diesem Moment überhaupt nicht an mich dachten. Sie hatten sich versteckt, aus Angst vor Vergewaltigungen. Sie hatten furchtbare Angst."

"Das wirst du nicht einfach los. Wenn mich dann jemand fragt, ist es nicht verkehrt, wie wir mit den Putschisten umgehen, dann könnte ich den Typen abknallen, der so was fragt."

Nach der Putsch-Nacht folgt die "Säuberung"

Landesweit sterben in dieser Nacht 249 Zivilisten. Weit über 1000 werden ver­letzt. Die Putschis­ten ge­raten bald in die Defensive und sie geben auf. 130 Personen seien fest­genom­men, ein Ge­ne­ral sei getötet worden, ver­kündet Regierungschef Binali Yıldırım am frü­hen Morgen. Es ist der Auf­takt einer noch in der Putschnacht von Präsident Erdoğan an­gekündigten großen "Säu­berung". 

"Dieser Aufstand und diese Bewegung sind ein Geschenk Gottes für uns. Warum? Weil diese Aktion uns die Gelegenheit gibt, die türkischen Streitkräfte, die klar und rein sein müssen, zu säubern."

Soldaten, denen eine Beteiligung am Putschversuch vorgeworfen wird, werden im Gefängnis Sincan in einen Gerichtssaal geführt. (AFP / ADEM ALTAN)Türkische Soldaten, denen eine Beteiligung am Putschversuch im Juli 2016 vorgeworfen wird, werden im Gefängnis Sincan in einen Gerichtssaal geführt. (AFP / ADEM ALTAN)

Die in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli vergangenen Jahres begonnene so genannte "Säu­­­berung" dauert bis heute an. An die 160.000 Staatsbedienstete wurden bislang vom Dienst freigestellt oder entlassen. Rund 50.000 Menschen wurden festgenommen. Gut 180 Medien wurden dicht gemacht, rund 150 Journalisten sitzen im Gefängnis.

Wenn die Betroffenen überhaupt eine Begründung für ihre Inhaftierung erfahren, dann lautet sie fast immer: Unterstützung einer ter­roristischen Vereinigung.

Ausnahmezustand dauert bis heute an

Die Putschnacht hat den Prozess der totalen Machtergreifung durch Recep Tayyip Erdoğan massiv beschleunigt. Fünf Tage nach dem gescheiterten Putsch wird der Aus­nahmezustand über das Land verhängt. Seitdem herrscht der Präsi­dent per De­kret. Der Ausnahmezustand soll für drei Monate gel­ten, ist aber inzwischen mehr­fach verlängert worden. Erdoğan begründet.

"Das Ziel des Ausnahmezustands ist die schnelle und effektive Beseitigung jener Be­drohung, die sich gegen Demokratie, Rechtsstaat, die Grundrechte und die Frei­heit der Bürger richtet.”

"Die Regierung hat allen Grund eine Kerngruppe von Putschisten strafrechtlich zu ver­folgen. Das ist ein Muss, vollkommen angemessen und wir befürworten das auch."

Das unterstreicht Emma Sinclair Webb von Human Rights Watch in Istanbul.

"Der Ärger beginnt dann, wenn du das Netz sehr weit spannst und immer mehr Leute festnimmst. Du entfernst dich von der ürsprünglichen Absicht, zu verstehen, was pas­siert ist in der Nacht vom 15. Juli. Schließlich beginnst du eine He­xen­jagd gegen Leu­te, die du nicht magst. Genau das haben wir im Laufe des ver­gan­genen Jahres erlebt."

Für den türkischen Präsidenten stand schon in der Putschnacht fest, wer mutmaßlich hinter dem gescheiter­ten Staatsstreich steckt: Die Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen.

"Wir säubern alle staatlichen Einrichtungen, das Militär und die Polizei von Gülenisten. Wir müssen den Staatsapparat und das ganze Land von diesem Krebsgeschwür be­frei­en. Unser Kampf gegen sie wird bis zum Ende weiter gehen."

Fetullah Gülen ist auf einem Computerbildschirm zu sehen, davor liegen Kopfhörer und eine Tastatur. (imago stock&people)Der islamische Prediger Fetullah Gülen, der im Exil in den USA lebt. (imago stock&people)

Der Staat hat die Gülen-Bewegung lange gefördert

Ein Ende ist nicht abzusehen. Wie steht es um den Anfang? Der Putschversuch sei nicht aus heiterem Himmel gekommen, analysiert Sezgin Tanrıkulu.

"Der Staat hat seit den 1980er Jahren – vielleicht sogar noch früher – diese Gruppe ge­för­dert und mit ihr zusammengearbeitet. Verschiedene Regierungen haben es zuge­las­sen, dass sie so mächtig wurden und schließlich diesen Putschversuch unternehmen konnten."

Sezgin Tanrıkulu sitzt für die Republikanische Volkspartei CHP in der Großen National­versammlung. Der Oppositionspolitiker hat recht. Das bestätigt auch Präsident Erdoğan, wenn er zugibt:

"Özal, Demirel, Ecevit und sogar wir - obwohl wir politisch unterschiedliche Ansichten haben – wir haben alle mit guten Absichten diese Bewegung unterstützt.”

Der Fluch der guten Absicht, aber letztlich der bösen Tat? Präsident Erdoğan versucht zu rechtfertigen.

"Ich sage es ganz offen: Trotz zahlreicher Meinungsverschiedenheiten habe ich wie vie­le geglaubt, dass man sich in grundsätzlichen Fragen einig ist. Und deswegen ha­be ich ihnen geholfen.”

Haben die türkischen Führun­gen – allen voran die islamisch-konservative AKP-Re­gie­rung – wirklich unwissentlich die Natter am eigenen Busen genährt? Tanrıkulu von der oppositionellen CHP bezweifelt das.

"Sie haben den Weg gemeinsam beschritten. Erdogan hat das offen zugegeben. Ich zi­tiere ihn: 'Was fordert ihr, was wir euch nicht schon gewährt haben?' Und noch etwas hat er gesagt: 'Wir sind zwei Wesen mit dem gleichen Ziel, aber unterschied­li­chen Wegen.' Sie bildeten eine verdeckte Koalition. Sie sind hochgradig verantwort­lich. Jetzt sagen sie: 'Sie haben uns getäuscht.' Kann sich jemand im Staat so oft täu­schen las­sen?"

Gülen und Erdogan wollen islamisch-konservative Türkei

Das gemeinsame Ziel war die Umformung der westlich-orientierten Türkei in ein isla­misch-konservatives Land. Die ideologischen Unterschiede erscheinen auf den ersten Blick marginal. Offensichtlich hat das Streben nach Einfluss und Macht aus Partnern erbitterte Feinde gemacht.

Es gab viele Warner. Einer von ihnen war Admiral a.D. Türker Ertürk. Er war für die Aus­bildung bei der Ma­rine verantworlich. Als strammer Kemalist versuchte er, der Ausbreitung  und dem Ein­fluss gülenistischer Elemente in den Streit­kräf­ten entgegen zu wirken. Dabei geriet er in die Schusslinie der in der Türkei "Hizmet" genannten Bewegung, die sich längst mit im Staatsapparat, den Sicherheitskräften und der Justiz eingenistet hatten.

"Wenn du dir die Namen der Generäle und Admiräle anschaust, die eine Schlüsselrolle beim Putsch gespielt haben, dann siehst du, das sind Leute, die als Ergebnis der Entlas­sungen vor 2010 aufgestiegen sind. Wenn Leute wie ich nicht durch die AKP-Regie­run­gen kaltgestellt worden wä­ren, dann wäre der Putsch vom 15. Juli über­haupt nicht möglich gewesen."

Regierung will keine Aufklärung der Putsch-Nacht

Es gibt erschütternde Bilder aus jener Nacht: von Kugeln zer­schmetterte Schädel, von Panzerketten zermalmte Körper, wütende Bürger, die junge Soldaten von der 65 Meter hohen Bosporusbrücke in den sicheren Tod stür­zen. Es ist eine Nacht, die sich bei je­nen, die nah dran waren, tief ins Gedächtnis einge­gra­ben hat.

Es ist viel über diese Nacht geschrieben und diskutiert worden. Es gibt Bild- und Ton­auf­nahmen in rauen Mengen. Trotz allem liegt diese Nacht in vielerlei Hin­sicht immer noch im Dunkeln. Es gibt zu viele unbeant­wor­­tete Fragen.

Nicht für die türkische Füh­rung. Sie ver­tritt eisern die These, allein die Gü­len-Be­we­gung sei für den versuchten Staats­streich verantwortlich. Eine gerichtliche Aufarbeitung des­sen, was geschehen ist, hat kaum be­gon­nen. Eine parlamentarische Un­tersuchungs­kom­mission sollte Licht in die dunkle Nacht brin­gen.

"Die Kommission wurde eine Woche nach dem Putschversuch in einer Atmosphäre ge­bildet, in der die AKP sie schlicht nicht verhindern konnte."

Die Kommission habe nichts erreicht, räumt Sezgin Tanrıkulu ein, der Mitglied dieser Kommis­sion war. Den Vorsitz und alle entscheidenden Posten hatten Politiker der AKP inne. Nach knapp fünfmonatiger Arbeit löste Präsident Erdoğan sie kurzerhand auf.

"Ich denke, dass der Untersuchungsausschuss seine Arbeit vollendet hat und als letzten Schritt hoffentlich seinen Abschlussbericht vorlegt und veröffentlicht."

Es gibt keinen Abschlussbericht. Admiral a.D. Türker Ertürk rechnet auch nicht damit. Und selbst wenn, bemerkt er, er würde keine neuen Erkenntnisse bringen. Die Kommis­sion sollte seiner Meinung nach nicht erhellen.

"Es ging darum, die dunklen Seiten zu vertuschen. Wenn wir die Sache wirklich aufklä­ren wollten, was würden wir tun, wen würden wir befragen? Den Präsidenten, den Re­gierungschef, die Chefs von Geheimdienst und Generalstab. Sind diese vier wichti­gen Personen befragt worden?"

"Sie haben nicht die Zeugen vorgeladen, auf die wir bestanden. Wir wollten mit den Put­­schisten im Gefängnis reden. Sie haben es verhindert."

Wer unbequeme Frage stellt, landet im Gefängnis

Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm. Viele ziehen es derzeit in der Türkei vor, keine Fragen zu stellen. Doch manche wagen es, meint Emma Sin­clair Webb von Human Rights Watch.

"Ahmet Altan begann ziemlich unbequeme Fragen darüber zu stellen, was in der Putschnacht wirklich passiert ist. Die Regierung wollte nicht, dass er diese Fragen stellt."

Der 67-jährige Ahmet Altan ist einer der bekanntesten Journalisten in der Türkei. Er sitzt in U-Haft. Die Staats­­anwaltschaft fordert lebenslänglich für ihn wegen angeblicher Be­tei­ligung am Putsch.

Eine türkische Journalistin zeigt ein Foto ihres Kollegen Ahmet Altan, der mit einer Reihe von anderen Journalisten in Istanbul vor Gericht steht. (AFP / Ozan Kose)Eine türkische Journalistin zeigt ein Foto ihres Kollegen Ahmet Altan, der wie rund 150 andere Journalisten in der Türkei im Gefängnis sitzt. (AFP / Ozan Kose)

Seine Schlussfolgerung sei klar, erklärt Admiral a.D. Türker Ertürk, die Fethullah Gülen-Bewegung stecke ganz eindeutig hinter dem Putschversuch. Aber:

"Die Führung hat das vorher herausgefunden. Sie hat die Put­schisten zu einem vorzeiti­gen Losschlagen gezwungen und sie hat die Sache sich kon­trolliert entwickeln lassen. Wa­rum? Um das tun zu können, was sie anschließend tun wollten. Wir wissen, dass jene, die die Türkei heute regieren, Islamisten sind, die das Regie­rungs­system in der Türkei ändern wollen."

"Wir konnten diesen Major nicht befragen, der den Geheimdienst Stunden vor dem Putsch gewarnt hatte. Sie wussten doch Bescheid. Was passierte während dieser 7,5 Stunden? Alles liegt im Dunkeln. Wieso konnten sie den Putsch in diesen 7,5 Stun­den nicht verhindern?"

"Versetze dich mal in die Lage des Präsidenten nach einem gescheiterten Putsch. Wür­dest du die Chefs von Geheimdienst und Generalstab behalten, obwohl sie dich nicht über den bevorstehenden Putsch informiert haben? Würdest du nicht, weil es Ver­rat ist. Ich würde sie nicht nur aus dem Amt entlassen, ich würde dafür sorgen, dass sie an­geklagt werden. Was ich damit sagen will, ist, dass beide keinen Verrat begangen ha­ben."

Präsident Erdoğan, so die offizielle Lesart, sei von seinem Schwager darüber informiert wor­den, dass ein Putschversuch im Gange sei. Zu diesem Zeitpunkt wussten der Geheim­dienstchef, Hakan Fidan, und der Chef des Generalstabs, Hulusi Akar, seit Stunden über den Umsturzversuch Be­scheid, ohne den Präsidenten zu informieren – so heißt es.

Präsi­dent Erdoğan sei schließlich an seinem Urlaubsort in Marmaris nur knapp einem Mord­kommando entkommen. Trotz der konkreten Gefahr, von putschenden Kampfpiloten ab­geschossen zu werden, erreichte er noch in der Putschnacht den Atatürk-Flughafen in Is­tanbul, der nach kurzzeitiger Besetzung mittlerweile kampflos von den Putschisten ge­räumt worden war.

Erdoğan will die "Neue Türkei" aufbauen

Erdoğan stammt aus dem Istanbuler Stadt­teil Kasımpaşa. Sein Vater war ein einfacher Hafenarbeiter. Er soll ein gläu­bi­ger Mann gewesen sein. So gläubig, dass er seinen Sohn auf eine Imam Hatip Schule schickte. In der Predigerschule wird der junge Recep Tayyip religiös in Form ge­bracht. Dort lernt er, den Koran zu rezitieren, dessen Verse zu deuten, Menschen zu ge­winnen und zu führen.   

Mit knapp 52 Prozent ist Erdoğan vor drei Jahren gleich im ersten Wahlgang zum Prä­si­denten gewählt worden. Davor regierte er lange als Ministerpräsident und holte zuletzt im November 2015 49,5 Prozent der Stimmen mit seiner AKP. Am 16. April diesen Jahres haben knapp 51 Prozent dafür ge­stimmt, die Verfassung in entscheidenden Punkten zu ändern. Kein türkischer Politiker hatte seit den Tagen von Republikgründer Mustafa Kemal Ata­türk so viel Macht wie Staats- und Parteichef Recep Tayyip Erdoğan.

"Wir glauben, dass sich das parlamentarische System in diesem Land überlebt hat. Wir bauen die 'Neue Türkei' auf, und wir glauben, dass wir eine neue Verfas­sung und ein exekutives Präsidialsystem brauchen."

An der Spitze dieses Präsidialsystem wird Recep Tayyip Erdoğan stehen. Jener Mann, der einst fragte:

"Wie müssen wir uns Demokratie vorstellen? Soll diese Demokratie Zweck sein oder Mittel? Darüber muss diskutiert werden. Unserer Ansicht nach kann De­mo­kratie nie­mals Zweck sein. Demokratie ist aus wissenschaftlicher Perspektive be­trachtet ein Mittel."

"Aufstand ist Geschenk Gottes für uns"

Als der 63-Jährige in der Putschnacht in Istanbul landet, verkündet er: "Dieser Aufstand und diese Bewegung sind ein Geschenk Gottes für uns", zu einem Zeitpunkt, da Menschen ihr Leben verloren und der Ausgang des Umsturzversuchs noch ungewiss schien. Türker Er­türk war von  Erdo­ğans Aussage nicht überrascht.

"Wir hatten ein Referendum am 16. April. Es wurde Referendum genannt, aber es ging um einen Systemwechsel. Hätte es den 15. Juli nicht gegeben, dann hätten sie auch kei­ne Mehrheit bekommen. Es hätte keinen Ausnahmezustand und keine Präsidenten-Er­lasse gegeben. Es war der Meilenstein, um die Opposition einzuschüchtern und den Bo­­den für ein neues Herrschaftssystem zu bereiten. Mit dem 15. Juli haben sie den Weg geebnet. Sie haben die Putschisten gezwungen früher loszuschlagen, und unter ihrer Kontrolle haben sie die Dinge laufen lassen."

Die Journalistin Hande Fırat ist in der Putschnacht berühmt geworden. Sie war es, die dem Präsidenten via FaceTime ermöglichte, in der Frühphase des Putsches live zu sei­nem Volk zu sprechen und die Menschen dazu aufrief, massenhaft auf die Straße zu kommen.

"Es hat viele Anschuldigungen gegeben, es sei ein kontrollierter Putsch gewesen und ich wäre das mediale Standbein davon. Aus meiner Sicht sind das dumme Anschuldigun­gen, die schlicht nicht wahr sind."

Die 42-jährige Journalistin des Nachrichtensenders CNN Türk verweist darauf, dass es zu einer Säuberung im Militär gegen die Gülen-Bewegung kommen sollte, weil die Ta­gung des Hohen Militärrats bevorstand. Mit dieser Tagung habe ein Prozess der Eli­mi­nierung von Gülen-Anhängern im Militär beginnen sollen. Deshalb hätten sie sich gezwungen ge­sehen, rasch zu handeln. Wenige Tage nach dem Putschversuch räumte auch Regierungs­chef Yıldı­rım ein, es habe bereits Listen für eine "Säuberung" gegeben."

"Wir kennen die Vergangenheit. Wir wissen um den Hohen Militärrat. Es gibt Geständ­nisse. Es gibt Aufnahmen, Bilder. Darüber können wir sprechen, aber über das Super­hirn hinter Gülen, darüber kann ich nichts sagen. Dafür habe ich keine Beweise oder Informationen."

Das Superhirn hinter Gülen – wer könnte das gegebenenfalls sein? Im Nahen Osten wer­den hinter schlechten Entwicklungen, politischen, religiösen oder ethnischen Verwerfun­gen weniger eigene interne Fehler in Betracht gezogen, sondern ger­ne übelmeinende Kräf­­te und Verschwörer von außen vermutet.

Was weiß die CIA über den Putsch-Versuch?

Je mehr sich die Türkei unter Erdoğan po­litisch von Europa entfernt, umso mehr nähert sie sich der politischen Kultur der Nahost-Staaten an. Der Ex-General Ahmet Yavuz ist überzeugt davon, dass die ame­rikanische CIA das Superhirn hinter Fethullah Gülen ist.

"Alle CIA-Chefs im Nahen Osten und viele US-Diplomaten hatten Verbindungen zu Fet­­hullah Gülen. Das Problem der Türkei beruht auf der falschen Annahme des We­s­tens, dass die AKP und religiöse Leute gute Menschen seien, denen Nichtreligiöse ge­genüber stehen. Die Folge davon war, dass Gülen wachsen konnte und die von ihm ausgehende Bedrohung nicht wahrgenommen oder aus pragmatischen Gründen nicht beachtet wurde."

Die USA, so General Yavuz und Admiral Ertürk übereinstimmend, hätten als Reaktion auf die Besetzung Afghanistan durch die Sowjetunion Ende 1979 einen so genannten Grü­nen Gürtel zur Eindämmung des sowjeti­schen Einflusses schaffen wollen, bestehend aus islamischen und islamistischen Bewe­gun­gen.

"Nicht allein die Gülen-Bewegung wurde unter­stützt, auch andere Gruppierungen und religiöse Sekten. Gülen war die erfolgreichste von ihnen. Er lebt in Pennsylvania. Selbst wenn du finanzielle Möglichkeiten und Geld hättest, es würde kaum ausreichen, um in Kenia, Usbekistan und in vielen anderen Ländern eine Kette von Schulen zu er­öffnen. Die Schulen waren gleichzeitig auch Basen für die CIA. Es kann deshalb nicht gesagt werden, die CIA habe über den 15. Juli-Putsch nicht Bescheid gewusst."

Türkische Nationalisten, Kemalisten und Islamisten unterscheiden sich in sehr vielem, aber in einem stimmen sie weitgehend überein: ihrem Misstrauen gegenüber den USA und deren Absichten im Nahen Osten sowie in der Türkei.

Die türkische Führung cha­rakterisiert Fet­hul­lah Gülen zum Oberterroristen schlechthin. Die USA lehnen es bis heute ab, den im selbst gewählten Exil in Pennsylvania lebenden Gülen, an die Tür­kei  auszuliefern. Die CIA, so legen auch internatio­nale Medienberichte nahe, hätten entschei­denden Anteil daran gehabt, dass der heute 77-Jährige dauerhaft in den USA leben dürfe.

Vielleicht werden spätetere Generationen einmal erfahren, wie viel der US-Geheimdienst über die Putschpläne und die Putschisten wusste und weiß. Vielleicht werden die offenen Fragen darüber, wer wann wie und mit welcher Absicht beteiligt war, irgendwann einmal schlüssig beantwortet.

Die Schicksale hinter den "Säuberungen"

Was wir heute schon wissen, ist, dass die Folgen dieses Umsturz­versuches für Hunderttausende Menschen verheerende Ausmaße angenommen hat. Gut 160.000 Suspendierungen und Entlassungen, mehr als 50.000 Inhaftierungen und Fest­nahmen.

Hinter diesen kalten Zahlen stecken Schicksale verzweifelter Menschen, die ihr Einkommen, ihre Rente, ihre soziale Absicherung, ihre berufliche Zukunft verloren ha­ben. Die vom Präsidenten ausgerufene "Säuberung” richtet sich schon längst nicht mehr nur gegen mutmaßliche Gülen-Anhänger, meint Emma Sinclar Webb von Human Rights Watch.

"Das Vorgehen wurde auf die Spitze getrieben. Sie sind gegen die kurdische Opposition vor­ge­gangen, gegen Journalisten von säkularen Zeitungen, die mit der Gülen-Bewe­gung gar nichts zu tun hatten, sondern sogar sehr kritisch ihr gegenüber waren. Das Netz wurde immer weiter gespannt. Erdoğan und die Regierung gingen gegen jede Art von Kritik vor, gegen Leute, die etwas sagten, was sie nicht hören wollten."

"Ich bin am 30. September entlassen worden. Ich habe als Forscherin an der Selçuk Universität in Konya gearbeitet."

Nuriye Gülmen, 35 Jahre alt, seit vielen Wochen ist sie im Hungerstreik. An die 20 Kilogramm Gewicht hat sie bereits verloren. Sie fordert ihren Job zurück.

Die Universitätsdozentin Nuriye Gülmen und der Grundschullehrer Semih Özakca im März 2017, wenige Tage, nachdem sie in den Hungerstreik getreten waren. (AFP / ADEM ALTAN)Die Universitätsdozentin Nuriye Gülmen und der Grundschullehrer Semih Özakca im März 2017, wenige Tage, nachdem sie in den Hungerstreik getreten waren. (AFP / ADEM ALTAN)

"Wir können nicht stumm bleiben. Viele tausend Menschen tun genau das. Ich kann das einfach nicht begreifen. Sie schmeißen Leute aus ihren Jobs. Und sie haben über­haupt nichts dagegen getan."

Viele Menschen solidarisieren sich mit Nuriye und unterstützen sie in ihrem Kampf für ih­re Rechte. Nuriye sagt, sie habe noch nie etwas mit der "Fetö-Terrororganisation" ge­nann­ten Gülen-Bewegung zu tun gehabt. Sie bezeichnet sich selbst als politische Linke. Unter der Anschuldigung eine Ter­rororgani­sation zu unterstützen, wurde sie von ihrem Uni-Job suspendiert."

"Sie sagen einfach, du bist mit den Gülen-Leuten verbandelt. Die halten es nicht einmal für nötig, dir konkrete Beweise vorzulegen. Sie halten es auch nicht für nötig zu sagen: "Es scheint so, als ob du eine Verbindung mit denen hattest." Sie fühlen sich so sicher wegen des verhängten Ausnahmezustands und sie glauben, dadurch können sie alles ge­gen wen auch immer tun und niemand kann sich wehren." 

"Wir kennen das grausame Gesicht des Staates. Ich bin 27 Mal festgenommen und 34 Mal angegriffen worden. Ich habe mein normales Leben aufgegeben und führe jetzt ein Leben des Widerstands."

Die Gefängnisse in der Türkei sind überfüllt. Die Führung des Landes will 18 neue Anstalten bauen. Wer hinter Gittern landet, hat wegen des Ausnahmezustands nur sehr einge­schränk­te Rechte. Wer in Polizeigewahrsam gerät, muss mit dem Schlimmsten rechnen, sagt Emma Sinclar Webb von Human Rights Watch:

"Viele Inhaftierte sagen, ihre Augen wurden ihnen während der Verhöre verbunden, sie seien geschlagen, ständig damit bedroht worden, dass sie selbst oder ihre Familienangehöri­gen vor ihren Augen vergewaltigt werden. In einigen Fällen wurden ihre Hoden ge­quetscht, es wurde ihnen ein Stock in den After getrieben als eine Form der Vergewa­l­tigung. Sol­cherlei Anschuldigungen hören wir."

Anschuldigungen, denen die türkische Führung nicht nachgeht, nicht glaubt, sie als Lügen und Propaganda zurückweist. Die Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 hat die Türkei nachhaltig verändert.

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