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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.04.2009

Die traurige Wahrheit über Pakistan

Mohammed Hanif: "Eine Kiste explodierender Mangos", A1 Verlag 2009, 338 Seiten

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Eine Straßenpatrouille im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan. (AP)
Eine Straßenpatrouille im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan. (AP)

Bis heute sind die Umstände des mysteriösen Flugzeugabsturzes vom 17. August 1988 in einem kleinen Ort in Pakistan nicht nur ungeklärt, sondern auch Anlass von wilden Gerüchten. Einen Beitrag zum Thema legt Mohammed Hanif mit seinem Roman "Eine Kiste explodierender Mangos" vor, der soeben mit dem Commonwealth Writer's Prize 2009 für das beste Debüt ausgezeichnet wurde.

17. August 1988, in einem kleinen Ort namens Bawahalpur in Pakistan: Kurz nach dem Abflug explodiert eine Herkules C-130. An Bord: General Zia ul-Haq, der sich elf Jahre zuvor als Oberkommandierender des Heeres an die Spitze des Landes geputscht hat, mehrere ranghohe Generäle, der Militärchef höchstpersönlich und nicht zuletzt der amerikanische Botschafter. Keiner der Insassen überlebt.

Die Ära Zia, Synonym für eine erschreckende Islamisierung des Landes, geht damit zu Ende - doch bis heute sind die Umstände des mysteriösen Flugzeugabsturzes wegen der Geheimhaltung aller Untersuchungsberichte nicht nur ungeklärt, sondern auch Anlass von wilden Gerüchten.

Einen Beitrag zum Thema legt nun auch Mohammed Hanif mit seinem Roman "Eine Kiste explodierender Mangos" vor, der soeben mit dem Commonwealth Writer's Prize 2009 für das beste Debüt ausgezeichnet wurde. Hanif, selbst ehemaliger Pilot der pakistanischen Luftwaffe, liefert, ausgehend von den letzten zwei Monaten vor dem tragischen Ende des Generals, eine so aberwitzige wie bitterböse Version jenes geschichtlichen Ereignisses, das bis heute nachwirkt in den Annalen des von blutigen Machtkämpfen der jeweils Herrschenden heimgesuchten Pakistan.

Im Mittelpunkt steht der (schwule) Unteroffizier Ali Shigri, Ich-Erzähler und seines Zeichens Angehöriger der pakistanischen Luftwaffe, der auf Rache sinnt, seit sein Vater Colonel Shigri im Auftrag von Zia zwischen dem CIA und den afghanischen Mudschaheddin vermittelt hat und kurze Zeit später tot aufgefunden worden ist.

Weitere wichtige Personen: General Akhtar, Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI und damit zweitmächtigster Mann im Land, der nur darauf wartet, endlich an die Spitze zu rücken und dafür keine Mittel scheut. Mayor Kiyani, der mit manikürten Händen für den ISI das Geschäft des Folterns und Töten verwaltet. Und natürlich General Zia ul-Haq, der wie eine Karikatur seiner selbst wirkt, von Bandwürmern geplagt und stets auf sexuellen Abwegen unterwegs ist - und einen Monat vor seinem Tod wie an jedem Morgen den Koran zu Rate zieht und fortan nicht mehr das Army House verlässt.

Alles Weitere reiht sich in einer vor komischen Einfällen und historischen Details nur so sprühenden Ereigniskette so zwanglos wie folgerichtig aneinander - wobei auch bei Hanif letztlich offen bleibt, was wirklich an jenem Tag geschah.

Dennoch spricht dieser Roman, der virtuos zwischen Militärsprache und Alltagsjargon, zwischen Spannung und Slapstick changiert, politisch Klartext: Das Militär und der Geheimdienst bilden die politische Klasse in einem Land, das sich die Religion auf das Banner geschrieben hat, tatsächlich aber korrupt und verlogen ist und die Menschenrechte mit Füßen tritt, dazu ein General, der wie in einer schlechten Schmierenkomödie agiert - das ist die traurige Wahrheit über Pakistan, die Mohammed Hanif hier im Licht der historischen Ereignisse aufscheinen lässt.

Rezensiert von Claudia Kramatschek

Mohammed Hanif: Eine Kiste explodierender Mangos
Aus dem Englischen von Ursula Gräfe,
A1 Verlag, München 2009,
338 Seiten, 22,80 Euro

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