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neunzehn fünfundvierzig / Archiv | Beitrag vom 27.04.2005

Die Toten von Treuenbrietzen

Zum Schicksal der italienischen Militärangehörigen in Deutschland

Von Victoria Eglau

Benito Mussolini  im Jahr 1936 (AP)
Benito Mussolini im Jahr 1936 (AP)

Mehr als ein halbe Million italienischer Soldaten befand sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden, als Mussolini stürzte, Italien die Achsenmächte verließ und sich auf die Seite der Alliierten schlug. Mit einem Schlag waren die italienischen Waffenbrüder zu Kriegsgegnern geworden. Sie wurden gefangen genommen, in Lager interniert und zur Zwangsarbeit gezwungen.

Viele von ihnen wurden in den letzten Kriegswochen umgebracht. Bis heute blieb ihr Schicksal weitgehend unbeachtet. Und anders als die Zwangsarbeiter anderer Nationen erhalten die noch Lebenden keine Entschädigung von deutscher Seite. Dies hat das Bundesverfassungsgericht soeben erst wieder bekräftigt. Wie konnte es dazu kommen? Victoria Eglau ist dieser Frage nachgegangen. Am Beispiel jener 127 Italiener, die in Treuenbrietzen ermordet wurden und auf dem Waldfriedhof von Berlin-Zehlendorf bestattet sind.

Beten für 127 ermordete Italiener. Jedes Jahr im April versammelt sich eine italienisch-deutsche Trauergemeinde im Dorf Nichel nahe der brandenburgischen Kleinstadt Treuenbrietzen. Auch am vergangenen Sonntag wurde wieder der 127 Männer gedacht, die hier am 23. April 1945 in einer Kiesgrube zusammengetrieben wurden und in einem Munitionshagel starben. Es waren italienische Militärinternierte, sie gehörten zu den rund 600-tausend Soldaten, die nach dem Kriegsaustritt ihres Landes 1943 nach Deutschland deportiert worden waren. Fast alle von ihnen leisteten Zwangsarbeit in der deutschen Rüstungsindustrie.

"Es war eine kleine Munitionsfabrik. Wir arbeiteten in Schichten, von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends, oder von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens. "

Antonio Ceseri erinnert sich an seine Arbeit in einer Rüstungsfabrik nahe Treuenbrietzen. Der 81-jährige ist der letzte Überlebende des Massakers in der Kiesgrube. Zum 60. Jahrestag des Kriegsverbrechens ist er nach Deutschland gekommen, um die Erinnerung wach zu halten und den Ort zu besuchen, an dem seine Kameraden getötet wurden. Außer Antonio Ceseri entkamen im April 1945 noch drei weitere Männer wie durch ein Wunder den Kugeln. Einer davon, Edo Magnalardo, starb im vergangenen Jahr im italienischen Chiaravalle. Seine Erinnerungen an die Erlebnisse in Deutschland hatte er zuvor schriftlich festgehalten. Magnalardo über den Alltag im Zwangsarbeiterlager:

"Wir Italiener waren 150 ehemalige Militärs und seit über 20 Monaten gezwungen, unter ständiger Überwachung durch die deutschen Soldaten zu leben. Untergebracht waren wir in einer Holzbaracke, alle einer täglichen zwölfstündigen Arbeit unterworfen, dem ständigen Hunger ausgesetzt. Die Verpflegung bestand aus einer halben Schüssel einer faden Brühe auf der Grundlage von Weißkohl und Rüben, begleitet von einigen Kartoffelstückchen. Eine Kost, die nie ausreichend war. Die Kälte im Winter erreichte Temperaturen von dreißig Grad unter Null. Wir konnten ihr nur mit unserer bis zur Unkenntlichkeit zerrissenen Kleidung begegnen. "

Erbärmliche Lebensbedingungen, unter denen die meisten der etwa 600-tausend italienischen Militärinternierten in Deutschland litten. Die ehemals verbündeten Soldaten wurden nach dem Bruch der Achse Rom-Berlin im September 1943 von der NS-Propagandamaschine als Verräter gebrandmarkt. Die Bevölkerung behandelte die Italiener oft schlecht, als Arbeitskräfte in der Rüstungsindustrie wurden sie schonungslos ausgebeutet. Die Historikerin Gabriele Hammermann:

"Man kann sagen, dass sich die Italienischen Militärinternierten eigentlich am Ende der politischen und sozialen Hierarchie der ausländischen Arbeitskräfte befunden haben. Die Verpflegungslage war katastrophal. Es ist so gewesen, dass sie als Militärinternierte bezeichnet wurden und nicht als Kriegsgefangene. Aus Rücksicht gegenüber der italienischen Satellitenregierung. Und das hatte zur Folge, dass die IMIs keine Versorgung durch das Internationale Rote Kreuz bekamen. Das heißt, sie waren auf das angewiesen, was ihnen die Deutschen gaben. "

Etwa 25.000 Militärinternierte überlebten die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Deutschland nicht. Antonio Ceseri, Edo Magnalardo und die anderen Italiener im Lager Sebaldushof bei Treuenbrietzen dachten Ende April 1945, kurz vor Kriegsende, sie hätten es geschafft.

Magnalardo: "Die Befreiung unseres Lagers war ohne Zweifel herrlich und grandios. Alles ereignete sich im Verlaufe weniger Stunden, so dass wir es fast unglaublich fanden, endlich frei zu sein, und diese Freiheit, die wir so sehr erwartet und herbeigesehnt hatten, zu genießen, und das Ende der lange Monate andauernden Leiden aller Art zu feiern. "

Eine Vorhut der Roten Armee hatte das Zwangsarbeiterlager befreit. Doch nur zwei Tage nach dem Vorbeimarsch der Sowjets tauchten plötzlich wieder deutsche Soldaten auf. Antonio Ceseri blickt zurück:

"Am Vormittag des 23. April sind die Deutschen wieder zurückgekommen. Das war nicht schön für uns, die Deutschen wieder im Lager zu sehen. Sie ließen uns alle aus der Baracke heraustreten, dann mussten wir uns in einer Dreierreihe aufstellen und in Richtung eines Waldes marschieren. Es waren vielleicht fünfzehn oder zwanzig Soldaten, die uns bewachten, und sie trugen alle die graue Uniform der Wehrmacht. Sie waren bis zu den Zähnen bewaffnet. "

An einer Eisenbahn-Unterführung kam die Kolonne vorübergehend zum Stillstand.

Ceseri: "Nahe der Unterführung standen etwa zwei bis dreihundert Soldaten. Eine Gruppe von Offizieren begann, mit dem Offizier, der uns begleitet hatte, zu diskutieren. "

Antonio Ceseri vermutet, dass es bei der Diskussion um die Italiener ging. So interpretierte auch Edo Magnalardo die Situation, die er in seinen Erinnerungen detailliert festgehalten hat:

Magnalardo: "Vielleicht ging es um unser Schicksal. Man verstand, dass die Diskussion sehr lebhaft war. Es schien uns, als handelte es sich um ein kleines Generalquartier, das mit Feldradio ausgerüstet war und unablässig Nachrichten empfang und sendete. Das Gespräch dauerte lange, während wir nur Blicke austauschten und versuchten, zu verstehen, was vor sich ging. Unser Offizier kam zurück, er brachte weitere Soldaten zur Verstärkung mit. Zwei unserer Kameraden rief er zu sich, sie mussten zwei schwere Kisten mit Gewehrmunition auf die Schultern laden. Bedrückt und stumm setzten wir den Marsch fort. "

Eskortiert wurden die Italiener nunmehr von etwa fünfzig Soldaten, erinnert sich Antonio Ceseri. Sie seien noch etwa eine halbe Stunde gelaufen und dann an einer Kiesgrube im Wald angekommen, schreibt Edo Magnalardo.

Magnalardo: "Die Kolonne wurde in die Grube hineingeleitet, während die deutschen Soldaten am Rande Aufstellung bezogen. Das war der schreckliche Augenblick, in dem wir genau erkannten, was geschehen würde. Keine Schreie, kein Weinen und kein Flehen um Gnade konnten dem grässlichen Tun Einhalt gebieten. Wir hörten den Befehl "Feuer!". In genau diesem Moment begannen die deutschen Soldaten, wütend ihre Waffen auf unsere ohnmächtigen Körper zu entladen. "

Ceseri: "Ich befand mich in der Mitte der Gruppe. Links und rechts von mir standen Reihen von Kameraden, die zuerst getroffen wurden und auf mich stürzten. Ich wurde unter ihren Leichen begraben. Es wurde weiter und weiter geschossen. Ich hatte den Eindruck, die wollten einfach ihre Munition verschießen. Neben mir lagen Verletzte, die nach ihrer Mamma riefen. Ich hörte Soldaten, die höhnisch antworteten "Wo ist Deine Mamma?" und ihnen dann den Gnadenschuss gaben. "

Erst in der Nacht wagten es Antonio Ceseri, Edo Magnalardo und die beiden anderen Überlebenden, den Ort des Massakers zu verlassen. Ihre 127 toten Kameraden blieben in der Kiesgrube zurück.

Heinz Ruhle aus dem brandenburgischen Dorf Nichel war im April 1945 zwölf Jahre alt. Tage nach der Erschießung der italienischen Militärinternierten sah er die Leichen im Wald:

Ruhle: "ir mussten ja bei den Kriegshandlungen hier flüchten. Wir waren erst im Nachbarort, und dann nachher etwas weiter. Und wo wir dann vielleicht nach zehn Tagen zurückgekommen sind, und (...) unsere Familie hat da draußen nen Garten, und Mutter hat mich wahrscheinlich rausgeschickt (...) und da hab ich das erlebt denn. Da lagen dann die Toten, zum Teil zugeschippt (...) und det Bild verlässt mich nicht wieder. (...) Und die Frage ist ja auch immer, (...) warum hat man die erschossen? Die Menschen haben doch keinem was getan hier. Die waren ja nicht mal Kriegsgefangene mehr, die waren ja Zwangsarbeiter geworden. (...) Warum hat man die nun erschossen? "

Auch Heinz Ruhles Nachbar Helmut Nichelmann war mit seiner Familie zunächst vor der anrückenden Roten Armee geflohen. Von der Ermordung der Italiener habe er nach seiner Rückkehr ins Dorf erfahren, sagt er. Er und andere Jugendliche seien mehrmals aus den Häusern geholt und verhört worden:

Nichelmann: "Ich hab noch in Erinnerung, wir wurden zusammengetrieben von russischen Offizieren. Zum Schulplatz hin, vor der Schule. Da war ein MG aufgestellt. Wir sollten verraten, wer hat die Italiener erschossen. Wir haben gefragt: Welche Italiener? Ja, die Leichen, die hinterm Dorf liegen. Wir wussten ja von nichts. (...) Plötzlich, beim nächsten Zusammentreiben, waren zwei Verwundete mit dabei, Zivilisten, auf dem Dorfplatz. Die standen bei den Offizieren. (...) Und das müssen angeblich diese zwei oder drei Leutchen gewesen sein, die das überlebt haben. Denn dann hat man sich bei uns entschuldigt, und wir durften gehen. 124 Die haben uns ja praktisch das Leben gerettet. Denn wenn die nicht gekommen wären (...), und hätten uns freigesprochen, wer weiß, was man mit uns gemacht hätte. "

Die Opfer des Massakers wurden einige Monate nach dem Krieg im Wald von Nichel bestattet. Der Überlebende Edo Magnalardo kümmerte sich darum zusammen mit einem italienischen Pater. Später wurden die Toten dann umgebettet – einige nach Italien, andere auf den Italienischen Ehrenfriedhof in Berlin-Zehlendorf. Keiner der Befehlsgeber und Schützen wurde für die Tat je zur Rechenschaft gezogen. Seit dem vergangenen Jahr ermittelt nun die deutsche Justiz. Erst als eine Anfrage der Staatsanwaltschaft im italienischen Ancona kam, begann die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg mit der Arbeit. Sechzig Jahre nach der Erschießung der italienischen Militärinternierten zu rekonstruieren, wer für das Verbrechen verantwortlich war, ist ein mühsames Unterfangen. Der stellvertretende Leiter der Behörde, Staatsanwalt Joachim Riedel:

"Das besonders Missliche an diesem Fall ist, dass wir keine zeitgenössischen authentischen Dokumente haben. Nicht mal zur militärischen Lage und zu den Verlusten, auch da gibt es nur vereinzelte Dokumente. Wer die Täter waren, ist bisher nicht bekannt. Wer die Befehlsgeber, wer die Schützen. Das ist unsere Hauptaufgabe, an der wir noch arbeiten. Gesichert ist, dass am Tat-Tag Angehörige der Infanteriedivision Theodor Körner im Raum Treuenbrietzen sich aufgehalten haben. Das haben wir auf verschiedenen Wegen klären können. Daneben sollen aber noch diverse andere militärische Einheiten dort gewesen sein. "

Die Ermittlungen, so Staatsanwalt Riedel, konzentrierten sich aber vor allem auf die kurz vor Kriegsende aufgestellte Infanteriedivision Theodor Körner. Denn diese setzte sich vor allem aus Einheiten von Reichsarbeitsdienst und Hitlerjugend zusammen, also sehr jungen Soldaten. Und der letzte Überlebende des Massakers, Antonio Ceseri, erinnert sich ohne jeden Zweifel daran, dass die Todesschützen jung waren.

Ceseri: "Sie waren sehr jung. Ich schätze um die zwanzig, aber vielleicht auch jünger. Einige sahen so aus wie Kinder. "

Dass sich Angehörige der Infanteriedivision Theodor Körner am Tag der Erschießung der Italiener im Raum Treuenbrietzen aufhielten, ist durch Dokumente aus der ehemaligen Wehrmachtauskunftsstelle in Berlin nachgewiesen. Bisher gibt es aber keinerlei Beweise für eine Beteiligung dieser Soldaten an dem Massaker. Staatsanwalt Riedel aus Ludwigsburg:

"Die Tatsache, dass diese Herrschaften am 23.4. waren, besagt natürlich noch lange nicht, dass sie auch an diesem Massaker beteiligt gewesen sind. Und das zumal vor dem Hintergrund der weiteren Information, das zahlreiche versprengte Militärangehörige sich im Raum Treuenbrietzen aufgehalten haben sollen, deren Zuordnung uns überhaupt nicht möglich ist. "

Wenn auch noch fast alle Fragen offen sind - vieles deutet darauf hin, dass Wehrmachtssoldaten die Militärinternierten umbrachten. Zeuge Edo Magnalardo war überzeugt, dass die Todesschützen der Wehrmacht angehörten. Auch Antonio Ceseri spricht davon, dass die Täter feldgraue Uniformen trugen. Er habe allerdings auch Uniformierte gesehen, die ein Abzeichen trugen, das dem der SS ähnelte, sagte Ceseri vor wenigen Tagen bei seinem Besuch in Deutschland. Sie hätten an der Eisenbahn-Unterführung gestanden, wo es zu der Diskussion zwischen den Offizieren kam. Möglicherweise eine Schlüsselszene, bei der die Erschießung der Italiener beschlossen wurde, glaubt Staatsanwalt Joachim Riedel. Nähere Erkenntnisse erhofft er sich von Vernehmungen ehemaliger Wehrmachtssoldaten. Einige Angehörige der Division Theodor Körner wurden bereits bei Landeskriminalämtern vernommen – laut Riedel ergab sich in den Aussagen aber kein einheitliches Bild.

"Nicht völlig auszuschließen ist, dass hier auch ein bisschen die Wahrheit manipuliert wird. Auch das müssen wir als Kriminalisten mit einkalkulieren. "

Ein kompliziertes Puzzlespiel seien die Ermittlungen, meint Staatsanwalt Riedel. Vermutlich wäre die Arbeit der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen vor dreißig Jahren einfacher gewesen. Doch damals wurde die Akte Treuenbrietzen versehentlich geschlossen.

"Das war ein ausgesprochen bedauerlicher Lapsus, der nie und nimmer hätte passieren dürfen. "

Dass es sechzig Jahre nach dem Massaker gelingen könnte, noch lebende Tatbeteiligte zu finden, will Staatsanwalt Joachim Riedel nicht ausschließen. Aber große Hoffnung habe er zurzeit nicht, sagt er. Sollte es der Zentralen Stelle in Ludwigsburg doch noch gelingen, konkrete Erkenntnisse zu den Vorgängen bei Treuenbrietzen zu gewinnen, wird sie das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Potsdam abgeben. Denn diese ist eigentlich zuständig, hat aber bisher kaum Interesse an dem unaufgeklärten Kriegsverbrechen in ihrem Einzugsgebiet gezeigt.

Antonio Ceseri, der letzte Überlebende des Massakers, ist skeptisch, ob die Täter noch vor Gericht gestellt werden können. Aber ist zufrieden, dass ermittelt wird.

Ceseri: "Ich finde es richtig, auch wenn so spät damit angefangen wurde. Ich freue mich besonders darüber, dass in Deutschland die Erinnerung an das Verbrechen nicht erloschen ist. In Italien wird über dieses Massaker nicht gesprochen. Was die strafrechtliche Verantwortung angeht: Der, der den Befehl gab, uns zu erschießen, war kein junger Bursche, er war sicher ein älterer Offizier. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er noch lebt. Und wer weiß, wie viele von den jungen Schützen schon gestorben sind. Diese Untersuchung hätte man vor zwanzig, dreißig Jahren machen müssen. Dann wäre es leichter gewesen. "

Es ist besonders eine Frage, die den 81-jährigen Ceseri beschäftigt, und auf die er wohl niemals eine Antwort erhalten wird:

Ceseri: "Wenn ich die Gelegenheit hätte, würde ich die Täter gerne fragen: Wie haben sie sich damals, mit 18 oder 19 Jahren, gefühlt, als sie auf uns schossen? Auf uns, die wir ungefähr so jung waren sie sie? "

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