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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.02.2008

Die tödliche "Wunderfaser"

Maria Roselli: "Die Asbestlüge", Rotpunktverlag 2007, 239 Seiten

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Auch im Palast der Republik kam Asbest tonnenweise zum Einsatz (AP)
Auch im Palast der Republik kam Asbest tonnenweise zum Einsatz (AP)

Asbest galt lange Zeit als wahre "Wunderfaser". Das Mineral war leicht zu gewinnen und ließ sich vielfältig einsetzen. Dass der Werkstoff aber hochgradig Krebs erregend ist, wurde von der Asbest-Lobby lange bestritten und vertuscht. Maria Roselli rollt in ihrem Buch "Die Asbestlüge" die Geschichte dieser Industriekatastrophe auf.

Man nannte sie die "Wunderfaser": Asbest, ein Mineral, das man billig in der Natur abbauen kann und das hitze- und säureresistent und fester als Stahldrähte ist, ein idealer Werkstoff - auch als Eternit bekannt - für Haus und Garten wie auch für Bremsbeläge von Autos. Oder haben Sie vielleicht noch einen Toaster zu Hause, der vor 1993 hergestellt wurde? Dann besteht die Gefahr, dass er Asbest enthalten.

Am 1. Januar 2005 haben die EU-Staaten ein generelles Asbestverbot beschlossen, denn Asbeststaub ist hochgradig Krebs erregend; da aber vom Kontakt mit dem Asbest bis zum Ausbruch der Krankheit meist mindestens 10 bis 15 Jahre vergehen, kommt - so eine Schätzung im europäischen Parlament - bis zum Jahr 2030 eine Welle von zirka 500.000 Asbest-Toten auf Europa zu. Dieses Themas in seiner ganzen Komplexität hat sich die Schweizer Journalistin Maria Roselli angenommen. In ihrem Sachbuch "Die Asbestlüge - Geschichte und Gegenwart eine Industriekatastrophe" analysiert und geißelt sie die Strategien der weltweiten Asbest-Lobby in den letzten 30 bis 40 Jahren, die gesundheitsschädlichen Schäden durch Asbest zunächst zu leugnen, dann zu verharmlosen und schließlich den Asbest-Ausstieg systematisch zu verschleppen, was ihr auch zum Beispiel in Deutschland gelungen war: Auf schwedischen Baustellen war Asbest ab 1975 verboten, auf deutschen Baustellen erst ab 1990, während es zu einem generellen Verbot von Asbest innerhalb der EU erst 15 Jahre später kam: 2005.

Bis weit in die 70er Jahre hinein leugnete die Asbest-Industrie trotz wissenschaftlicher Beweise - seit 1918 schlossen die Versicherungen in den USA grundsätzlich keine Lebensversicherungen mehr mit Asbest-Arbeitern ab und seit 1936 waren in Deutschland Asbest-Erkrankungen als Berufskrankheit anerkannt - strikt jede gesundheitsschädigende Wirkung des Werkstoffes, ging dann zu dessen Verharmlosungen über, um Zeit zu gewinnen, sich in den letzten 30 Jahren aus ihren juristischen Verpflichtungen davonzustehlen zu können, denn die Schadensersatzpflicht verjährt nach 10 Jahren; Asbest-Krebs bricht aber erst nach mindestens 10 bis 15 Jahren Latenzzeit aus.

Gelogen wurde, wie Maria Roselli mit kriminalistischer Akribie nachweist, in Gerichtsprozessen, in wissenschaftlichen Gutachten beziehungsweise auch in staatlichen Gutachten, die aber von der Asbest-Industrie finanziert worden waren. Auch heute noch wird offen gelogen; die kanadische Regierung behauptet weiter, dass kanadischer Asbest nicht schädlich sei. Die weltweite Anwendung von Asbest hat sich durch die Verbote in Europa und in den USA nicht reduziert, sondern einfach nur nach Asien und Russland verlagert.

In ihrer brillant recherchierten und zutiefst erschreckenden Reportage "Die Asbestlüge – Geschichte und Gegenwart einer Industriekatastrophe" lässt die Autorin Maria Roselli keine Frage zum Thema Asbest unbeantwortet: historisch, wissenschaftlich, medizinisch und juristisch, in Europa und auch global, detailliert und dabei sehr übersichtlich. Sie gibt Fallspiele von Erkrankten und Verstorbenen, führte Interviews mit Verantwortlichen. Als Schweizerin beginnt Maria Roselli ihre Untersuchungen am Paradefall Schweiz, der dem Deutschlands - wie sie in vielen Vergleichen zeigt - fast identisch ist. Und besonders wichtig ist die Schweiz als Untersuchungsgegenstand auch, weil das größte Asbest-Kartell Europas dort seinen Sitz hatte.

"Die Asbestlüge – Geschichte und Gegenwart einer Industriekatastrophe" liest sich wie ein Wissenschaftsthriller, gleichzeitig hat es den Rang eines neuen wissenschaftlichen Standardwerks zum Thema Asbest, und es versucht nicht zuletzt den Opfern eine Art Lebenshilfe zu geben, bis hin zu Adressen von Asbest-Opfer-Vereinen, auch in Deutschland.

Rezensiert von Lutz Bunk

Maria Roselli: Die Asbestlüge - Geschichte und Gegenwart einer Industriekatastrophe
Rotpunktverlag 2007
239 Seiten, 22 Euro

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