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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.01.2009

Die Tiefenschichten der israelischen Psyche

Gabriela Avigur-Rotem: "Loja". Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008, 551 Seiten

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Gabriela Avigur-Rotem porträtiert in ihrem Roman die erste Generation der in Israel Geborenen. (AP)
Gabriela Avigur-Rotem porträtiert in ihrem Roman die erste Generation der in Israel Geborenen. (AP)

Loja verlässt nach dem Tod ihres Vaters mit Anfang 20 Israel und fliegt als Stewardess um die Welt. 20 Jahre später erbt sie von Davidi, dem Freund ihres Vaters, ein kleines Häuschen. Unweigerlich wird sie an ihre eigene Kindheit erinnert, beginnt aber auch, über ihre Familiengeschichte nachzuforschen, nachdem sie im Haus das Tagebuch ihres Vaters gefunden hat. "Loja" erschien schon vor sieben Jahren in Israel und avancierte zu einem Bestseller.

Loja, Anfang zwanzig, verlässt nach dem Tod ihres Vaters Israel. Als Stewardess fliegt sie mehr als 20 Jahre um die Welt. Sie lebt in Paris, dann in New York. In ihrem Heimatland übernachtet sie von nun an im Flughafenhotel. Mit Mitte 40 erbt sie ein kleines, windschiefes Haus in dem Ort, in dem sie aufgewachsen ist. Davidi, ein Kollege und enger Freund ihres Vaters, hat es ihr nach seinem Tod vermacht.

Eigentlich will Loja das Haus verkaufen, doch als sie an den Ort ihrer Kindheit und frühen Jugend zurückkehrt, wird der Zwischenstop zu einem Wendepunkt in ihrem Leben, einer Reise in die eigene Vergangenheit. Die Vermischung von Fremdem und Vertrautem, Neugier und Erinnerung, die Möglichkeit zur Selbstbegegnung, aber auch Müdigkeit und Wurzellosigkeit halten sie an jenem Ort fest, dem sie so lange ausgewichen war.

Szenen aus Kindertagen im Israel der 50er Jahre kommen ihr wieder in den Sinn. Sie nimmt sich endlich Zeit, die eigene Entwicklung wie die ihres Landes in zahlreichen Gesprächen und Selbstgesprächen zu reflektieren. Die alleinstehende Frau richtet sich in dem Haus ein, erkundet Stück für Stück seine Geheimnisse und kommt dabei ihrer eigenen Familiengeschichte auf die Spur. Alte Wahrheiten erscheinen in neuem Licht. Für Loja wird die Erbschaft zum Beginn eines neuen Lebens.

Eines Nachts hat sie einen Traum. Sie trifft Davidi, der wie ihr Vater Historiker und Archäologe war, bei Ausgrabungen inmitten des Heeres chinesischer Terrakotta-Soldaten. Sie weiß, wenn er sich bückt, wird er zerbrechen. Sie will ihm behilflich sein und greift nach einer Hacke. Als sie sich aufrichtet, kann sie nicht mehr erkennen, wer von den zahlreichen Tonfiguren der väterliche Freund gewesen ist.

Das Abtragen des Verschütteten, die Suche nach Identität und Wahrheit, die Erfahrung der Vergänglichkeit und der Verwerfungen der Geschichte, sind Schlüsselmotive des Romans der israelischen Autorin Gabriela Avigur-Rotem.
In Buenos Aires geboren, kam sie als Vierjährige nach Israel, wo sie als Lehrerin arbeitete. Heute ist sie Lektorin, hat Romane und Lyrikbände veröffentlicht, ist mit etlichen Literaturpreisen ausgezeichnet.

Ihr Roman "Loja" hebt sich durch seine stilistische Feinheit ab von vielen zeitgenössischen Werken der hebräischen Gegenwartsliteratur. Einerseits beschreibt die Autorin plastisch israelischen Alltag - das Laute, Rüde, Humorvolle - in entsprechender Umgangssprache. Andererseits flicht sie ein dichtes Netz von Bezügen zu historischen Ereignissen, verwendet eine Vielzahl literarischer Zitate und Anspielungen, variiert subtil die Leitmotive des Romans. Kollektivgeschichte bildet sie in Individualgeschichte ab und umgekehrt. Der Leser, folgt er dem Bewusstseinsstrom der Ich-Erzählerin, wird durch die Tiefenschichten der israelischen Psyche und Geschichte getragen.

Anfangs fällt es schwer, parallele, nicht chronologisch entwickelte Handlungsfäden zu entwirren und sich durch zunächst rätselhafte Bedeutungsschichten zu wühlen. Doch entsteht dadurch eine über fünfhundert Seiten anhaltende Spannung. Der Leser vertieft sich unweigerlich in die Geschichte der Ich-Erzählerin, wird selbst zum Archäologen, der aufmerksam nach Spuren und Hinweisen der Vergangenheit sucht, um die Gegenwart besser zu verstehen.

Als kleines Mädchen hatte Loja dabei geholfen, die Scherben alter Tongefäße zusammenzukleben. Als Erwachsene setzt sie ihr eigenes Leben neu zusammen. Ein Happy End gibt es nicht, ihre Welt wird nicht heil davon. Aber zumindest wieder brauchbar.

Rezensent: Carsten Hueck

Gabriela Avigur-Rotem: Loja
Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008
551 Seiten, 24,80 EUR

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