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Therapieland | Beitrag vom 01.10.2019

Die therapeutische BeziehungNur empathisch sein reicht nicht

Von Pia Rauschenberger und Thorsten Padberg

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Die Illustration zeigt die Schemen einer Frau, die anscheinend in einer S-Bahn sitzt. Sie wird durch ein Fenster von einer anderen Frau aus einem anderen S-Bahn-Wagen beobachtet. (Illustration: Dragan Denda)
Die Beziehung zwischen Therapierenden und ihren Patientinnen und Patienten lebt von Beobachtung und Gesprächen, aber auch von gegenseitigem Feedback. Nur so entsteht ein effektives Arbeitsbündnis. (Illustration: Dragan Denda)

Für den Erfolg einer Psychotherapie ist eine Komponente besonders wichtig: die therapeutische Beziehung zwischen Patient und Therapeut. Für Gabriele wurde es zum Problem, dass die Therapeutin ihren persönlichen Hintergrund nicht nachvollziehen konnte.

Der Beziehungsfaktor wurde in vielen Studien untersucht. "Der macht ungefähr 30 Prozent des Endergebnisses aus", sagt der Verhaltenstherapeut Thorsten Padberg. Eine therapeutische Beziehung unterscheidet sich von anderen Beziehungen, denn in der Regel spricht nur die Patientin über sich - und nicht der Therapeut.

"Es ist eine extrem einseitige Beziehung", sagt Thorsten Padberg. "Das heißt, einer öffnet sich, der andere darf die ganze Zeit neugierig nachfragen. Man kann sich natürlich als Therapeut auch selber öffnen, das sollte man aber in aller Regel gezielt machen." 

Eine extrem einseitige Beziehung

Wie genau eine gute therapeutische Beziehung aussieht, konnte aber bisher nicht eindeutig festgelegt werden. In den verschiedenen Therapieverfahren gibt es unterschiedliche Arten, die therapeutische Beziehung zu gestalten.

"Ich finde ja persönlich die Definition von Bruce Wampold ganz schön", sagt der Verhaltenstherapeut Thorsten Padberg. "Der meint: Beziehung ist dann gut, wenn der Therapeut und der Klient sich einig sind über das Problem, über das Ziel und die Mittel, wie man dahin kommt. Und wenn das beide zusammen mit viel Anstrengung verfolgen, dann ist auch die Beziehung gut und dementsprechend die Therapie." 

Für Thorsten Padberg heißt das: "Ich versuche gut zuzuhören, empathisch zu sein. Aber es reicht nicht empathisch zu sein, man muss auch empathisch sprechen. Das heißt, man muss rückmelden, dass man verstanden hat und wie man es verstanden hat. Und dass man in gewisser Weise mitschwingt."

Beziehung üben für das echte Leben

Oft kommen Menschen in Therapie, gerade weil sie Probleme in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen haben. Die therapeutische Beziehung dient hier dazu, dass Beziehungskonflikte in einem kontrollierten Setting erlebt und bearbeitet werden können.

Die Therapeutin kann als Gegenüber quasi dazu dienen, neue Beziehungserfahrungen zu sammeln. Dabei kann es auch zu Konflikten zwischen dem Therapeuten und Patienten kommen. "Kritik ist immer wichtig", sagt der Psychotherapeut Thorsten Padberg. "Es gibt den Spruch 'Störungen gehen vor', also wenn angespannte Stimmung im Raum ist, kann man schlecht arbeiten."

Kulturelle Unterschiede bergen Schwierigkeiten

Gabriele (Name geändert), 58, hat als Patientin erlebt, dass es unter Umständen schwierig sein kann, wenn die eigene Therapeutin den persönlichen Hintergrund nicht nachvollziehen kann. Sie hat ihre Kindheit in DDR-Kinderheimen verbracht und dort traumatische Erfahrungen gemacht.

Viele Jahre später bekommt sie Schmerzen am ganzen Körper und fängt eine Psychotherapie an. In ihrer Therapie hat sie mehr und mehr das Gefühl, dass ihre Therapeutin ihre Leidensgeschichte nicht versteht. Ihre Therapeutin kommt aus Westdeutschland und Gabriele vermutet, dass sie sich zu wenig für den historischen Kontext interessiert, in dem sich ihre persönliche Geschichte abspielt. Nach vielen Versuchen, das Problem anzusprechen und zu bearbeiten, bricht Gabriele ihre Therapie ab.

Nicht nur zwischen Ost- und Westdeutschen gibt es möglicherweise Schwierigkeiten, sich zu verstehen. Unterschiedliche kulturelle oder soziale Hintergründe fordern die therapeutische Beziehung heraus. "Ich glaube, dass die meisten Psychotherapeuten aus einer gehobenen Mittelschicht kommen", sagt Thorsten Padberg.

Probleme ansprechen hilft - auch in der Psychotherapie

"Einer der Hauptgründe ist die teure Ausbildung, die schlecht bezahlt wird. Man muss entweder sehr, sehr viel arbeiten oder von Zuhause Geld bekommen. Dadurch werden bestimmte Menschen Therapeuten, die dann oft nicht viel mit denen gemeinsam haben, mit denen sie arbeiten."

Thorsten Padberg ist trotzdem der Meinung, dass gute Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten auch Menschen aus anderen Milieus oder mit anderen kulturellen Hintergründen therapieren können: "Eine weitere Definition eines guten Therapeuten sagt auch immer: 'Ihr solltet darin gut geschult sein, in welchem Zusammenhang Menschen leben, was denen da wichtig ist, um das zu erkennen und dementsprechend darauf einzugehen.'"

Soziale oder kulturelle Unterschiede müssen eine Psychotherapie also nicht behindern. Wer in seiner Psychotherapie das Gefühl hat, der Therapeut oder die Therapeutin versteht nicht, wovon er oder sie spricht, sollte das auf jeden Fall ansprechen.

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