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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 16.08.2017

Die Tarahumara in NordmexikoEin Volk im Würgegriff der Drogenkartelle

Von Regina Mennig

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(Regina Mennig)
Tarahumara-Verkäuferin an den Gleisen des Chepe (Regina Mennig)

Das indigene Volk der Tarahumara in Nordmexiko ist Opfer von Drogenbanden, die Anbauflächen für Schlafmohn brauchen. Ganze Dörfer sind inzwischen vor den Narcos geflohen. Denn wer sich weigert, für sie Drogen anzubauen, begibt sich in Lebensgefahr.

Jeden Tag bricht im Morgengrauen der "Chepe" zu seiner Tagesreise auf, der einzige Personenzug in Mexiko. Seine schnaufende Diesel-Lok zieht die grünen Waggons von der Stadt Los Mochis am Pazifik 2400 Höhenmeter hinauf in die Bergregion Sierra Madre Occidental. Der Weg des Chepe-Zugs führt mitten durch die Barranca del Cobre, die so genannte Kupferschlucht - ein zerklüftetes Canyon-Gebiet, das viermal so groß ist wie der Grand Canyon in den USA.

Ein wunderschöner Ausblick auf den Kupfercanyon Sierra Madre Occidental (Regina Mennig)Ein wunderschöner Ausblick auf den Kupfercanyon Sierra Madre Occidental (Regina Mennig)

Aus dem Zugfenster blickt man in schwindelerregend tiefe Schluchten und an turmhohen, bizarren Felsformationen empor. Vom höchstgelegenen Punkt an der Zuglinie des "Chepe" sieht die Canyon-Region aus wie ein überdimensionales Labyrinth. Auf den windigen Hochplateaus und in den verwinkelten Tälern siedelt das indigene Volk der Tarahumara - oft an Flecken, wo eine Quelle genug Wasser liefert für einen Familienclan. Dort, in der Siedlung Panalachi, lebt Victoriano Churro. Wie viele aus dem Volk der Tarahumara ist er ein ausdauernder Läufer.

In den 90er Jahren ging Victoriano bei Ultra-Marathons in den USA und Europa an den Start, bekam internationale Aufmerksamkeit und einige Medaillen. Heute ist Victoriano ein Mann mit grau meliertem Schnauzbart und vielen Lachfältchen um die Augen. Sein Alter misst er nicht in Jahren, sondern an seiner Laufkondition.

"Ich bin schon lange nicht mehr so schnell wie früher. Obwohl: Die 'chabochis', die Weißen, sagen zu mir: Du bist noch nicht alt, du hast immer noch viel Kraft."

Nach seinen Wettkampf-Erfolgen im Ausland kehrte Victoriano wieder in seine Blockhütte in den mexikanischen Bergen zurück. Mit seinen Kindern und Enkeln lebt er dort von dem, was der karge Boden hergibt - hauptsächlich von einer kleinen Maisplantage. In seinen Huaraches, selbstgemachten Sandalen aus Autoreifen, geht Victoriano auf seinem Feld umher. Er schiebt seinen Strohhut aus dem wettergegerbten Gesicht, zupft an seinem roten Halstuch und inspiziert besorgt die bräunlichen Mais-Stauden.

"Es wäre gut, wenn es regnen würde, damit der Mais wächst. Dann müssen wir nicht hungern. Hier drüben habe ich gesät, aber da kommt fast gar nichts. So wird es uns kaum für dieses Jahr reichen. Wenn das so weitergeht, werden wir die anderen bitten müssen, dass sie mit uns teilen."

Über Jahrhunderte haben die Tarahumara für sich gelebt

Früher hat Victoriano bei den traditionellen Marathon-Wettkämpfen zwischen den Tarahumara-Dörfern öfter mal einen Sack Mais oder Gemüse nach Hause gebracht - als Preis für einen gewonnenen Lauf. Jetzt ist er froh, dass es in der Tarahumara-Gemeinschaft das Prinzip "Corima" gibt. Es besagt: Wer viel hat, der teilt mit dem, der wenig hat. Über Jahrhunderte haben die Tarahumara für sich gelebt, nahezu unbemerkt von der übrigen mexikanischen Gesellschaft. Bis heute wissen viele Mexikaner kaum etwas über das indigene Volk aus dem Canyon. Das erzählt der junge Filmemacher Juan Nuñez, der eine Dokumentation über die Ultramarathon-Läufer aus dem Volk der Tarahumara gedreht hat.

"Die Tarahumara waren eins der größten Völker in Mexiko, vergleichbar mit den Azteken. Nach der spanischen Eroberung hat man immer mehr von ihnen umgebracht und vertrieben. Die Tarahumara haben nicht viel Widerstand geleistet, sondern sich immer weiter zurückgezogen. Die wenigen, die bis in die Canyon-Region gegangen sind, haben überlebt - weil man sie nicht mehr gefunden hat. Das Leben in der Vergessenheit hat den Tarahumara letztlich die Existenz gesichert."

Das Tarahumara-Dorf Cerocahui (Regina Mennig)Das Tarahumara-Dorf Cerocahui (Regina Mennig)

Doch längst haben auch andere die Abgeschiedenheit der Sierra Madre Occidental für sich entdeckt. Das Siedlungsgebiet der Tarahuamara wird in Mexiko inzwischen als das "Goldene Dreieck" bezeichnet. Dreieck, weil es zwischen den drei Bundesstaaten Durango, Chihuahua und Sinaloa liegt. Und golden, weil dort die zwei größten Drogenkartelle des Landes ihre milliardenschwere Geschäftsbasis haben. Das mächtige Sinaloa-Kartell und das emporkommende Kartell aus Ciudad Juárez breiten sich immer weiter über die nordmexikanische Bergregion aus. Subtropisches Klima in den Tälern des Canyons bietet einen guten Nährboden für Cannabis- und Mohnplantagen. Und die schwer erreichbaren Dörfer in höheren Lagen sind ideale Orte, um die Drogen zu lagern und mit Propellermaschinen in aller Ruhe Richtung US-Grenze zu fliegen.

"Es gibt Zonen, die vollständig unter der Kontrolle der Narcos sind"

Mexiko-City, knappe 2000 Kilometer südlich der Canyon-Region. Von hier aus arbeitet Joquín Pérez. Er leitet eine Stiftung, die sich für das Volk der Tarahumara einsetzt. Die Mitarbeiter sind an Schulen in den Tarahumara-Dörfern aktiv, sie wollen Mangelernährung und die hohe Kindersterblichkeit senken. Doch viele Gebiete in der Sierra Madre Occidental sind für die Stiftung zur No-Go-Area geworden. Joquín Pérez ist ein gemütlicher Mittfünziger mit schütterem Haar und randloser Brille. Wenn er über die Lebenssituation in den nordmexikanischen Bergdörfern spricht, blitzt in seinen Augen die Empörung.

"Es gibt Zonen, die vollständig unter der Kontrolle der Drogenbanden, also der Narcos, sind. Es kommt zum Beispiel vor, dass die Narcos abends mit ihren Pick-ups durch die Dörfer fahren und das Kommando geben, "alle in ihren Häusern bleiben!". Oder die Dorfbewohner merken selbst, dass ein Konvoy von Narcos unterwegs ist, und dann warnen sie sich gegenseitig und schreiben sich per Handy, "irgendwas geht hier vor". Und dann bleiben alle in ihren Häusern. Das ist praktisch wie eine Ausgangssperre."

Dass die Drogenbanden in den nordmexikanischen Canyon-Dörfern das Leben beherrschen, ist unübersehbar: Immer wieder führen Straßen und Schotterpisten in der Sierra Madre Occidental an Checkpoints der Narcos vorbei. Es sind Szenen wie aus TV-Serien über legendäre Drogenbosse. Auf Pick-ups sitzen junge Männer mit Baseballmützen, über ihren Schultern baumeln Maschinengewehre. Ihre glänzenden Autos haben keine Nummernschilder, aber verspiegelte Scheiben, und aus dem Inneren dröhnen Narcocorridos, in Mexiko inzwischen ein eigenes Musik-Genre. Es ist traditionelle mexikanische Norteña-Musik mit neuen Liedtexten, die die Macht und Brutalität der Drogenbosse rühmen.

In jedem Dorf ein heimlicher Bandenchef

In den Canyon-Dörfern offen Interviews zu führen, daran ist meist nicht zu denken. Aber hinter vorgehaltener Hand erklären die Einheimischen, wer im Dorf gerade der Bandenchef ist. Oder wie die Gesetze der Narcos aussehen. Zum Beispiel: In Sichtweite der Drogenbanden oder in der Nähe ihrer wuchtigen Backstein-Villen darf niemand mit einem Handy telefonieren oder gar Notizen machen. Damit macht man sich verdächtig, Informationen nach außen weiterzugeben. Offene Worte wagen vor allem diejenigen, die nicht mehr in direkter Nachbarschaft mit den Narcos leben. Dazu gehört Carmen, ihren Nachnamen nennen wir zu ihrer Sicherheit nicht.

Eine Tarahumara-Frau in der Stadt Chihuahua (Regina Mennig)Eine Tarahumara-Frau in der Stadt Chihuahua (Regina Mennig)

Carmen ist vor elf Jahren nach Chihuahua gezogen, in die nächstgrößere Stadt außerhalb der Canyon-Region. Dort arbeitet sie als Haushaltshilfe in einem Hostel. Ihr Lohn sichert den Lebensunterhalt ihrer Eltern und ihrer Tochter zuhause im Bergdorf.

Wie viele Tarahumara-Frauen trägt Carmen ein geblümtes Rüschenkleid und ihre schwarzen Haare zum Zopf geflochten. Das Leben in der Stadt ist für die 39-Jährige eigentlich nur eine Lösung auf Zeit. Aber in den letzten Monaten macht Carmen sich Sorgen beim Gedanken, in die Berge zurückzugehen.

"Vor kurzem gab es einen Jungen, er war 13 Jahre alt, und er hing da irgendwie mit drin, er wurde ein Narco. Er war zwei Wochen dabei, da haben sie ihn umgebracht. Sie haben ihm den Kopf abgeschnitten und ihn auf einer Hauptstraße liegen lassen. Man sagt, der Junge haben den Narcos Geld geschuldet. So etwas macht uns große Angst. Aber wir wissen nicht, was wir tun können."

Eltern fürchten, dass die Drogenbanden ihre Kinder holen

Überall in den Bergdörfern des Canyons berichten Eltern, wie schwer es sei, ihre Kinder von den Drogenbanden fernzuhalten. Die Narcos sind für viele Jugendliche die "coolen Jungs", sie fahren teure Autos mit dicken Musikboxen, sie haben scheinbar unbegrenzt Geld und Drogen, und sie sind oft mit den begehrtesten Mädchen zusammen, so erzählen es die Dorfbewohner. In besonders abgelegenen Siedlungen des Canyons fürchten die Eltern, dass bereits Kinder in die Fänge der Drogenbanden geraten. Joaquín Pérez, der Leiter der Tarahumara-Hilfsorganisation, war bei seinem letzten Besuch in den nordmexikanischen Bergen an mehreren Schulen. Oft sind es Internate, damit die Schüler nicht jeden Tag stundenlange Schulwege gehen müssen. Und Joaquín Pérez hat beobachtet, dass die Internate auch am Wochenende voll besetzt sind.

"Ein Schuldirektor sagte mir, diese Kinder gehen nicht mehr nach Hause. Ihren Eltern ist es lieber, dass sie bleiben, als dass sie in ihre Dörfer zurückgehen. Denn auf dem langen Weg besteht das Risiko, dass die Narcos sie mitnehmen, sie kidnappen, und die Kinder nicht mehr zurückkommen. Die Eltern wollen deshalb, dass sie im Internat bleiben. Das sind alles Faktoren, die die indigenen Gemeinschaften kaputt machen."

Schon Ende 2015 wendeten sich die Tarahumara mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit. Ein Indigenen-Führer berichtete den Medien in der Stadt Chihuahua von immer mehr verschwundenen Kindern in den Canyon-Dörfern. Seine Erklärungen klingen erschütternd: Entweder nehmen die Narcos die Kinder gewaltsam mit und zwingen sie zur Arbeit auf den Drogenplantagen. Oder ein paar Jugendliche aus einer Siedlung ziehen freiwillig mit den Narcos - in der Hoffnung, dass die Drogenbanden dann wenigstens den Rest ihrer Familien in Ruhe lassen. Andere junge Tarahumara verlassen ihre Eltern und Geschwister, weil ihnen ein Leben mit den Narcos Luxus vorspiegelt, das Leben mit der Familie hingegen Arbeit und Entbehrung. Sich aus dem brutalen Geschäft der Narcos herauszuhalten, das ist in den Canyon-Dörfern oft gar nicht mehr möglich, sagt Filmemacher Juan Nuñez:

"Viele Tarahumara arbeiten inzwischen für die Narcos - oft gegen ihren Willen. Sie haben schlichtweg keine Wahl. Die Narcos kommen in ihre Siedlungen, und sie sagen: "Du hast diese paar Hektar? Ab jetzt wirst du nicht mehr Mais anbauen, sondern Marihuana, du wirst für uns arbeiten." Die Menschen haben keine andere Option, das ist ein Befehl."

Juan Nuñez war für seinen Film über die Marathon-Läufer der Tarahumara mehrere Monate in den nordmexikanischen Canyon-Dörfern unterwegs. Er weiß, dass er während der Dreharbeiten unter ständiger Beobachtung der Narcos stand. Und ihm war klar, dass es in brenzligen Situationen keinen Schutz gegeben hätte - für ihn genausowenig wie für die Tarahumara-Familien. In einigen Dörfern gibt es zwar Polizei-Stationen. Aber die Beamten rücken höchstens bei bei Streit zwischen Nachbarn oder Ehepaaren aus. Alles andere liegt in der Hand der Drogenkartelle.

Der Anti-Drogen-Krieg von Ex-Präsident Felipe Calderón ist gescheitert

Daran hat auch der Anti-Drogen-Krieg nichts geändert, den der ehemalige mexikanische Präsident Felipe Calderón vor über zehn Jahren ausgerufen hat. Dieser Krieg sollte die Macht der Narcos brechen, vor allem mit massiven Einsätzen des Militärs. Rund 200.000 Menschen sind seit 2006 im Drogenkrieg gestorben. Die Drogenkartelle sind mittlerweile zersplittert, es gibt neue Gruppen mit neuen Bandenchefs. Die bekriegen sich immer wieder untereinander, und so haben Gewalt und Todesopfer in den letzten Jahren zugenommen. Filmemacher Juan Nuñez ist desillusioniert von der Politik, so wie viele Mexikaner:

"Das Problem in Mexiko ist, dass der Drogenhandel institutionalisiert ist, und das seit Jahrzehnten. Die Drogenkartelle stellen hier Bürgermeister und Gouverneure. Und dieses ganze Thema mit dem Anti-Drogen-Krieg, den Präsident Calderón begonnen hat, das ist doch nur Theater, das ist nur Verkleidung. Wir alle in Mexiko wissen, wo die Drogenplantagen sind - die Bewohner wissen es, die Polizei weiß es, das Militär weiß es."

Alle wissen von den Narcos - aber wer öffentlich über sie spricht, der begibt sich in Lebensgefahr. Miroslava Breach und Patricia Mayorga, zwei Journalistinnen aus der nordmexikanischen Stadt Chihuahua, haben jahrelang in den Canyon-Dörfern recherchiert. Seit 2015 werden ihre Reportagen immer eindringlicher. Sie dokumentieren, wie die Tarahumara sich gegen die Übergriffe der Narcos wehren, und wie die Drogenbanden deswegen ganze Familien töten und Dörfer vertreiben.

Journalistin von Killer getötet

Zuletzt war in den Artikeln von Breach und Mayorga zu lesen, dass die Drogenkartelle bei Wahlen im Bundesstaat Chihuahua eigene Kandidaten aufstellten - die Narcos standen auf der Liste der Regierungspartei PRI. Im März 2017 feuerte ein Killer auf offener Straße acht Schüsse auf Miroslava Breach. "Wegen Geschwätzigkeit", stand auf einem Stück Pappe am Tatort, dazu die Unterschrift des bekannten Drogenbosses "El Ochenta". Patricia Mayorga floh nach dem Mord an ihrer Kollegin ins Ausland. Schweigen aber will sie nicht. Aus dem Exil unterstützt sie die politische Arbeit der mexikanischen Journalisten-Vereinigung "Periodistas de a Pie" und meldet sich mit Videobotschaften.

"Wir brauchen echte Kriterien zum Schutz von Journalisten. Was wir dafür nicht brauchen, sind noch mehr Mechanismen und Apparate der Regierung. Die funktionieren hervorragend auf dem Papier, aber nicht in der Praxis. Wir Journalisten werden weiterhin unsere Arbeit tun und die Gesellschaft informieren. Man kann die Wahrheit nicht einfach töten, in dem man Journalisten tötet. Zusammen mit den Kollegen in Mexiko nehme ich das Risiko auf mich, das meine journalistische Arbeit mit sich bringt. Was wir nicht hinnehmen, ist die Straflosigkeit und die Korruption, die unser Berufsrisiko extrem erhöht hat."

Laut "Reporter ohne Grenzen" sind in Mexiko seit dem Jahr 2000 über 120 Journalisten erschossen worden, Dutzende sind verschwunden. Die Ermordeten und Vertriebenen unter den Tarahumara im Norden des Landes sind dagegen ungezählt. Dass der Terror gegen das indigene Volk in der Sierra Madre Occidental nachlassen wird, ist nicht absehbar. Denn der Hunger der Drogenkartelle nach neuen Anbauflächen hat gerade erst begonnen. Jahrzehntelang war Mexiko eher Umschlagplatz für Drogen, für Kokain-Lieferungen aus Kolumbien und Bolivien Richtung USA. Aber in jüngster Zeit haben die mexikanischen Kartelle Heroin als eigenen Exportschlager entdeckt.

Mexiko ist drittgrößter Heroin-Produzent weltweit

Mexiko gilt heute als weltweit drittgrößter Heroin-Produzent, nach Afghanistan und Myanmar. Vor allem in den USA finden mexikanische Drogen reißenden Absatz. 90 Prozent des Heroins in Nordamerika stammen inzwischen von den Mohnplantagen der mexikanischen Kartelle. Joquín Pérez von der Tarahumara-Stiftung hat daher wenig Hoffnung auf ein Ende der Gewalt:

"Das Geschäft ist das Problem. So lange es diejenigen gibt, die Drogen kaufen, werden hier Politiker kommen und gehen, vielleicht auch ausgetauscht. Aber das Drogengeschäft mit all seiner Brutalität wird bleiben."

Zurück in der Küche bei Carmen in der nordmexikanischen Stadt Chihuaua. Mit dem Geld, das sie im Hostel verdient, baut sie in ihrem Heimatdorf im Canyon seit ein paar Jahren an einem kleinen Haus. Drumherum will sie Mais und Bohnen pflanzen. Die Arbeitsplatten aus Kunststoff, der Elektroherd, die ganze Lebensweise in der Stadt - das ist Carmen immer fremd geblieben. Sie möchte wieder über offenem Feuer kochen. Sie vermisst das Rauschen der Pinienwälder in den Bergen und ihre Familie.

"Ich will weg von hier, ich will wieder zurückgehen und bei meinen Eltern leben. Sie sind jetzt alt, und ich will bei ihnen sein und sie unterstützen. Dafür arbeite ich."

Victoriano Churro, ein Tarahumara, und ehemaliger exzellenter Läufer bei internationalen Wettbewerben (Juan Nuñez)Victoriano Churro, ein Tarahumara, und ehemaliger exzellenter Läufer bei internationalen Wettbewerben (Juan Nuñez)

In seinem Bergdorf sitzt Victoriano Churro auf einem Stapel mit trockenem Pinienholz. Unter den Schlägen seiner Axt formt sich langsam eine Holzkugel aus einem dicken Ast. Eine Holzkugel für die traditionellen Marathon-Läufe der Tarahumara. Die Läufer müssen den Ball mit ins Ziel bringen, sie kicken ihn mit den Füßen vor sich her. Victorianos kleine Enkel sollen den Ball bekommen. Mit geröteten Wangen rennen sie über das trockene Steppengras, während sich ihr Großvater an seine Jugend erinnert.

"Meine Mutter hat mir viele Ratschläge gegeben. "Arbeite gut auf deinem Stück Land, damit du gut erntest und dich ernähren kannst", hat sie zu mir gesagt. "Verlass' uns nicht, geh nicht von hier weg", das war ihr Wunsch."

Der alte Victoriano hat seiner Mutter diesen Wunsch erfüllt, er wollte auch gar nie weg aus seiner Blockhütte in den Bergen. Ungewiss ist, ob auch seine Kinder und Enkel auf dem Stück Land der Familie bleiben können, tief im nordmexikanischen Canyon.


Die Szenen zu Victoriano Churro basieren auf dem Film "Pies Ligeros" des mexikanischen Filmemachers Juan Nuñch. Der Film hatte im Mai Deutschlandpremiere beim Dokumentarfilmfestival in München und wird im Herbst in einigen Programmkinos in Deutschland zu sehen sein.

https://www.dokfest-muenchen.de/films/view/8770

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