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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.04.2009

Die subversive Kraft der Evolution

Philip Kitcher: "Mit Darwin leben: Evolution, Intelligent Design und die Zukunft des Glaubens". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, 224 Seiten

Zeugnisse der Evolution (AP)
Zeugnisse der Evolution (AP)

Seit Jahren herrscht in den USA ein Kulturkampf zwischen Vertretern der Evolutionstheorie und den Kreationisten oder Anhängern des sogenannten Intelligent Designs. Sie behaupten, Darwin habe Unrecht, die Evolutionslehre sei falsch. Die Entstehung der Welt und des Menschen folge einem intelligenten Plan und sei nicht Ergebnis zufälligen Mutationen und Selektion. Der Wissenschaftsphilosoph Philip Kitcher hat eine Art Handbuch gegen die Argumentation der Anhänger des Intelligent Designs geschrieben.

Der in den USA erbittert geführte Kampf zwischen Kreationisten und Vertretern der Evolutionstheorie wirkt in Europa eher befremdlich. Doch das Handbuch des Wissenschaftsphilosophen Philip Kitcher, das die falsche Argumentation des Intelligent Designs entlarvt, ist auch bei uns alles andere als überflüssig.

Vertreter der Theorie des Intelligent Designs glauben, eine intelligente Macht - und nicht allein die Gesetze von Darwins Evolutionstheorie - hätten das Leben, wie wir es kennen, erschaffen. Es ist leicht, darüber herablassend den Kopf zu schütteln und das Kreationismus-Phänomen zu belächeln. Etwas ganz anderes und gar nicht Triviales ist es, wirklich überzeugende Argumente gegen Kreationismus und Intelligent Design bereit zu haben. Diese Argumente findet man in diesem Buch.

Philip Kitcher zeigt, dass die Evolutionsbiologie bis heute nicht nur ein Problem für amerikanische evangelikale Christen darstellt, sondern für alle, die an einen allmächtigen Schöpfer glauben. Evolutionstheorie und religiöser Glaube lassen sich nur dann problemlos miteinander verbinden, wenn man sich nicht näher mit dem Thema auseinandersetzt.

Philip Kitcher ist Wissenschaftsphilosoph an der Columbia University in New York. Das überzeugendste Argument gegen die Theorie des Intelligent Designs sei die Wissenschaftsgeschichte selbst, sagt er. Denn sie zeigt, dass Intelligent Design eine falsche, seit langem überwundene Theorie ist. Intelligent Design ist keine Pseudowissenschaft, sondern eine tote Wissenschaft, so Kitchers These.

Und so erzählt er in seinem Buch sehr lebendig, detailreich und leicht zugänglich die Wissenschaftsgeschichte der Evolutionsbiologie: Angefangen bei dem Geistlichen Thomas Burnet, der im 17. Jahrhundert gewissenhaft versuchte, zu berechnen, wie die Erde nach der großen Sintflut wieder hatte trocken werden können.

Je länger Wissenschaftler solchen Fragen nachgingen, desto mehr häuften sich die Beweise, dass die Bibelgeschichte nicht wörtlich wahr sein konnte, dass die Geschichte der Erde und des Lebens naturwissenschaftlichen Gesetzen gehorchte, die mit religiösen Erklärungen unvereinbar waren. Darwins Evolutionstheorie ist ein Meilenstein in dieser Entwicklung, die immer deutlicher machte, dass ein Glauben an die Vorsehung mit den wissenschaftlichen Tatsachen unvereinbar war.

Philip Kitcher: Mit Darwin Leben (Suhrkamp Verlag)Philip Kitcher: Mit Darwin Leben (Suhrkamp Verlag)Überflüssige Gen-Sequenzen, umständliche Wiederholungen, ein menschliches Knie voller Schwächen und Konstruktionsfehler: Kein intelligenter Planer hätte sich so etwas ausgedacht. Warum aber ist die tote Wissenschaft des Intelligent Designs heute wieder so lebendig? Kitchers Antwort ist eindeutig: Der Widerspruch zwischen Religion und Naturwissenschaften, zwischen einem wirkmächtigen Gott und Darwin, rüttelt auch heute noch an den Grundfesten unseres intellektuellen und sozialen Selbstverständnisses. Hier liegt der tiefere Grund für die Popularität des Kreationismus' und des Intelligent Designs.

Wir müssen die tiefe Angst vor dem Verlust des Glaubens an die Vorsehung ernst nehmen, plädiert Kitcher. Wir müssen daran arbeiten zu zeigen, dass auch eine Welt, in der wir mit Darwin leben, eine attraktive und lebenswerte Welt ist, in der sogar noch Raum für einen, wenn auch grundlegend veränderten "spirituellen Glauben" bleibt.

Kitcher schlägt einen Bogen von der Wissenschaftsgeschichte des 17. Jahrhunderts hin zu den moralphilosophischen und religiösen Fragen unseres Jahrhunderts. Dabei bleibt er stets argumentativ anspruchsvoll, tiefgehend und zugleich leicht verständlich. Das Buch will Aufklärung im besten Sinne sein, und das gelingt ihm.

Rezensiert von Sibylle Salewski

Philip Kitcher: Mit Darwin leben. Evolution, Intelligent Design und die Zukunft des Glaubens.
Aus dem Englischen von Michael Bischoff.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009
224 Seiten, 24,80 EUR

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