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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.08.2011

Die Stunde der sorgsam geplanten Vergeltung

Jan Costin Wagner: "Das Licht in einem dunklen Haus", Berlin 2011, 311 Seiten

Spielt mit den Grenzen zwischen Gut und Böse: Jan Costin Wagner. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Spielt mit den Grenzen zwischen Gut und Böse: Jan Costin Wagner. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

In seinem vierten Fall schickt der hessische Autor Jan Costin Wagner den finnischen Kommissar Joentaa auf Spurensuche zurück in den Sommer 1985. Damals verzauberte die Aushilfsmusiklehrerin Saara ihre Schüler - bis sie Opfer einer brutalen Massenvergewaltigung wurde. Nach und nach werden jetzt die damaligen Täter tot aufgefunden.

Vor acht Jahren trat er erstmals auf den Plan. Vor acht Jahren erfuhr die deutschsprachige Krimiszene eine ungemeine Bereicherung, als der aus dem Hessischen stammende Jan Costin Wagner, Jahrgang 1972, einen Finnen namens Kimmo Joentaa polizeiliche Ermittlungen aufnehmen ließ. "Eismond" hieß dieser Roman, der seiner Hauptfigur viel zumutete: Kimmos junge Frau Sanna starb an Krebs – ein Schock, den der Polizist auch in Wagners viertem Joentaa-Roman "Das Licht in einem dunklen Haus" vergeblich zu überwinden versucht, obschon inzwischen eine neue, leider meist abwesende Frau, die Prostituierte Larissa, in sein Leben getreten ist.

Kimmo Joentaa ist auf den ersten Blick einer jener melancholischen, mit sich und der Welt hadernden Kriminalisten, wie sie einem mittlerweile in vielen Büchern begegnen. Doch je länger man diesen mit seinen Kollegen kaum mehr als das Nötigste redenden Mann kennenlernt, desto eindringlicher wirken die Verbindungen, die Jan Costin Wagner zwischen den privaten Sehnsüchten seines Helden und den brutalen Morden, die er aufzuklären hat, herstellt. Eine unbekannte Frau, die im Krankenhaus von Turku im Wachkoma lag, wird umgebracht, und keiner vermag die Tote zu identifizieren. Erst allmählich, nachdem vier Männer auf unkonventionelle Weise ins Jenseits befördert werden, führt eine Spur ins südfinnische Karjasaari, zurück in den Sommer 1985. Damals verzauberte die Aushilfsmusiklehrerin Saara ihre Schüler – bis sie Opfer einer brutalen Massenvergewaltigung wurde.

"Das Licht in einem dunklen Haus" führt – erzählerisch verwandt mit dem dritten Joentaa-Roman "Das Schweigen" – die Gegenwart und die 25 Jahre zurückliegenden Ereignisse Schritt für Schritt zusammen. Die Absicht der im bürgerlichen Leben bestens etablierten Täter, das Vergangene zu vertuschen und zu verdrängen, schlägt fehl; die Vergewaltigung hatte mehr Zeugen, als es sich die Täter dachten, und so schlägt die Stunde der sorgsam geplanten Vergeltung.

Jan Costin Wagner versteht es brillant, seine sprachlichen Mittel zu zügeln. Er schreibt knappe Dialoge, liefert eindringliche Psychogramme aller Beteiligten, ohne deren Innenleben auszuwalzen, und weckt am Ende beim Leser gar Sympathien für jenen Rächer, der sich aufmacht, Saaras Vergewaltiger eigenhändig zu bestrafen. Und inmitten dieser auch erzählerisch geschickt verknüpften Motive steht Kommissar Joentaa, der zu klug ist, um sich als Moralist aufzuspielen, und der dennoch weiß, dass es die Grenzen zwischen Gut und Böse zu verteidigen gilt. Dieses Wissen macht ihn zu einem Gratwanderer, der – wie seine zu Recht begeisterten Leser fürchten – stets am Rande des Abgrunds steht.

Der Romanschluss zeigt sein abgelegen liegendes Haus im Dunkel – meist ein Zeichen dafür, dass seine rätselhafte Freundin Larissa zurückgekehrt ist.

Besprochen von Rainer Moritz

Jan Costin Wagner: Das Licht in einem dunklen Haus
Galiani Verlag, Berlin 2011
311 Seiten, 19,99 Euro

Rezensierte Bücher von Jan Costin Wagner bei dradio.de:

Jan Costin Wagner: "Im Winter der Löwen"
Jan Costin Wagner: "Das Schweigen"
Jan Costin Wagner: "Schattentag"

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