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Alte Musik | Beitrag vom 19.02.2020

Die Studienreise eines MusikgeniesJohann Rosenmüller in Venedig

Von Cosimo Stawiarski

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Blick zum beleuchteten Markusdom bei Nacht. (imago images / Eibner Europa)
Der Markusdom war für Johann Rosenmüller ein musikalischer Anziehungspunkt. (imago images / Eibner Europa)

Bereits zu Lebzeiten galt Johannes Rosenmüller um 1700 als das A und O der Musik. Er wurde sogar als Amphion seines Jahrhunderts bezeichnet, der „teutsche Gravität“ und italienische Sinnlichkeit musikalisch zusammenbrachte. Diese Kunst erlernte er in Italien.

Im Sommersemester 1640 immatrikulierte sich der aus dem vogtländischen Oelsnitz stammende Johann Rosenmüller an der theologischen Fakultät der Universität Leipzig. Er war zu diesem Zeitpunkt etwa 20 Jahre alt und konnte bereits auf eine profunde musikalische Ausbildung zurückblicken. Die Umstände unter denen er in die Messestadt kam, sind jedoch alles andere als glücklich, denn in ganz Deutschland wütete der Dreißigjährige Krieg und brachte Not, Elend und Seuchen über die Bevölkerung.

Leipzigs Belagerung

Leipzig war in besonderem Maße von den Kampfhandlungen betroffen. Von 1642 bis 1650 wurde die Stadt von schwedischen Truppen besetzt und musste zum Teil enorme Kriegskontributionen aufbringen. Das öffentliche Leben war stark eingeschränkt, die Universität verzeichnete extrem niedrige Immatrikulationszahlen. Musikaufführungen konnten nur mit bescheidenem Personalaufwand bestritten werden.

Historische Fotographie des großen Schulgebäudes, das 1902 abgebrochen wurde. (imago images / Arkivi)Die Thomaskirche mit angeschlossenen Thomasschule, die zu Rosenmüllers Zeiten nur drei Etagen hatte. (imago images / Arkivi)

Das Talent des jungen Rosenmüllers fiel dem Stadtrat auf, und sie ernannten ihn zum "Collaborator" an der Thomasschule. Von nun an hatte er die Aufgabe, den kränkelnden Kantor Tobias Michael zu vertreten. De facto war Rosenmüller also Thomaskantor – zeitweise zumindest. Der Rat war derart beeindruckt, dass die Stadt beschloss, ihm eine Studienreise nach Venedig zu ermöglichen.

Eröffnung einer neuen Musikwelt

Im Dezember 1645 begab sich Johann Rosenmüller für sechs Monate nach Venedig. Die Eindrücke im kulturellen Musik-Epizentrum Europas prägten ihn nachhaltig. Vor allem die Kirchenmusik, die regelrecht inszeniert wurde, beeindruckte den jungen Mann.

Als der Komponist im Frühsommer 1646 nach Leipzig zurückkehrte, ist nichts mehr, wie es war. Unmittelbar danach begann Rosenmüller der deutschen Kirchenmusik einen neuen, süßeren Ton zu verleihen und ihr gleichzeitig seinen Stempel aufzudrücken.

Bruch in der Karriere

Doch dann kam der Skandal. 1655 wurde Rosenmüller inhaftiert. Ihm wurde "per publikam famam grober Excesse bezüchtiget". Von "Sodomiterey" "Knabenschänden auf gut italienisch" und "Päderastie" ist die Rede. Diese Anschuldigungen, ob sie nun Übergriffigkeit auf Kinder meinte, oder das Verlangen nach homosexueller Partnerschaft (die damaligen Begrifflichkeiten lassen beide Interpretationen zu), sorgten dafür, dass die Karriere jäh angebrochen wurde. Rosenmüller floh aus Leipzig nach Venedig, wo er etliche Jahre blieb und sich eine neue Existenz aufbauen konnte. Erst im Alter betrat er wieder deutsche Lande und wurde für kurze Zeit Hofkapellmeister in Wolfenbüttel.

Musikausschnitte

Johann Rosenmüller
Gloria in excelsis Deo
Cantus Cölln
Ltg: Konrad Junghänel
Label: Harmonia Mundi. HMC 901861

Johann Rosenmüller
Christus ist mein Leben
Cantus Cölln
Ltg: Konrad Junghänel
Label: Harmonia Mundi. HMC 901861

Tobias Michael
Höre mein Gebet
Ensemble Polyharmonique
Ltg: Alexander Schneider
Label: Raumklang. RK 3403

Giovanni Rovetta
Magnificat
Cantus Cölln
Ltg: Konrad Junghänel
Label: Harmonia Mundi. HMC 901706 / HMA 1951706

Johann Rosenmüller
Das ist meine Freude
Gli Scarlattisti 
Jochen Arnold
Label: Carus, 83.500

Johann Rosenmüller
Wie der Hirsch schreiet
Miriam Feuersinger
Les Escapades
Label: Christophorus. CHR 77425

Johann Rosenmüller
Entsetze dich Natur
Cantus Cölln
Ltg: Konrad Junghänel
Label: Harmonia Mundi. HMC 901861

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