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Religionen | Beitrag vom 25.11.2018

Die Stadt Colma bei San FranciscoDie Vereinten Nationen der Friedhöfe

Von Arndt Peltner

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Blick auf den Friedhof in der Stadt Colma (imago/ZUMA Press)
Blick auf den Friedhof in der Stadt Colma bei San Francisco. (imago/ZUMA Press)

Eine Kleinstadt bei San Francisco nimmt die Toten der Metropole auf – ganze 17 Friedhöfe sind dort angesiedelt. Auf einen Einwohner kommen 1000 Tote. Den Humor lassen sich die in Colma Lebenden davon aber nicht verderben.

Rae Gonzalez: "Ich weiß nicht, ob das morbide klingt oder nicht - gegenüber von meinem Haus ist der italienische Friedhof, das Mausoleum."

Rae Gonzalez ist die Bürgermeisterin von Colma, einer Kleinstadt südlich von San Francisco, etwa fünf Quadratkilometer groß. Gerade mal 1500 Menschen leben hier. Über der Erde. Denn Colma ist bekannt dafür, die Friedhofsstadt von San Francisco zu sein. 1,5 Millionen Tote sind hier begraben. Gonzalez ist hier aufgewachsen, mit Freunden spielte sie auf den Friedhofsfeldern Football und Baseball. Für sie und all die anderen, die hier leben, war – und ist – das ganz normal.

Gonzalez: "Aber über die Jahre, als Häuser zum Verkauf standen, wollten bestimmte ethnische Gruppen, wie Chinesen und auch Mexikaner, nicht hierher ziehen, wegen des Feng Shui und weil es Unglück bringe. Ich sehe es als ein offenes Feld. Meine Nachbarn sind leise und ich muss mich nicht mit ihnen um die Parkplätze auf der anderen Straßenseite konkurrieren."

"Es ist großartig, am Leben zu sein"

Trotz der alltäglichen Konfrontation mit dem Tod hat man hier seinen Sinn für Humor nicht verloren. "Es ist großartig, in Colma zu leben", so lautet der offizielle Slogan der "Stadt der Seelen", wie Colma auch genannt wird. Das städtische Museum verkauft T-Shirts und Aufkleber mit der Aufschrift: "It’s great to be alive in Colma" – Bürgermeisterin Rae Gonzalez lacht und setzt noch einen drauf:

"Viele würden dafür sterben, hier zu leben."

17 Friedhöfe gibt es in Colma, darunter vier konfessionslose, vier jüdische, zwei chinesische, einen japanischen, einen griechischen, einen serbischen, einen katholischen, einen italienischen, einen nicht mehr aktiven Armenfriedhof und einen Friedhof für Haustiere. Colma wurde aufgrund der weltlichen Vielfalt auch einmal als "Vereinte Nationen der Friedhöfe " beschrieben, denn im Totenreich sind sie alle friedlich vereint.

Friedhöfe vor die Tore der Stadt verbannt

Richard Rocchetta: "Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in San Francisco eine Bewegung, alle Friedhöfe auszulagern, damit man die beschränkte Landfläche gerade im Westen der Stadt für Häuser und Geschäfte nutzen könnte."

Richard Rocchetta arbeitet im historischen Museum von Colma.

Rocchetta: "Dann dauerte es etliche Jahre, bis die Friedhöfe aufgelöst waren. Es gab Gerichtsverfahren und mehrere Wahlen. Ende der 1930er Jahre wurden sie schließlich alle aufgelöst. Von den vier großen Friedhöfen in San Francisco wurden zwei schon in den 1920ern umgebettet, aber erst Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre kamen die letzten beiden großen Friedhöfe und ihre Toten nach Colma."

Damit war das Ende der Farmgemeinde Colma besiegelt. 1894 wurden hier noch rund zwei Millionen Tonnen Weißkohl geerntet und nach San Francisco, in den Mittleren Westen und bis nach Chicago verkauft. In Colma gab es damals sogar eine deutsche Sauerkrautfabrik, die die zahlreichen deutschen Immigranten in der Region versorgte.

Hunderttausende Leichen geerbt

Auch Massengräber sind hier zu finden, denn als die Stadtführung in San Francisco 1914 beschloss, die ersten städtischen Friedhöfe aufzulösen, erbte die kleine Gemeinde Hunderttausende von Leichen. Viele der Hinterbliebenen konnten damals die 10 Dollar Überführungsgebühr von San Francisco nach Colma nicht bezahlen. Die sterblichen Überreste wurden deshalb einfach in Massengräbern auf dem Armenfriedhof bestattet.

Colma ist eine friedliche Gemeinde. Probleme scheint es hier kaum zu geben. Darauf angesprochen meint Bürgermeisterin Gonzalez, das größte Problem sei das Parken, da Besucher oft nicht wüssten, dass man eine Parkerlaubnis haben müsse. Mit 17 Friedhöfen und eineinhalb Millionen Toten, ist da der Tod eigentlich ein gutes Geschäft für die Kommune?

Gonzalez: "Nein, leider nicht für uns. Das Geld geht komplett an den Bezirk. Das wurde schon vor vielen Jahren beschlossen, ich weiß nicht, wie es dazu kam, denn wir beherbergen ja die ‚Ruhenden‘. Steinmetze und Floristen machen ein gutes Geschäft. Sie sind beschäftigt, sollte ich wohl besser sagen. Aber sonst: nein."

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