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Musikfeuilleton | Beitrag vom 26.07.2019

Die späten Jahre von Lorenzo Da PonteWie die italienische Oper nach New York kam

Lydia Rilling

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Ein Porträt des Italieners Lorenzo Da Ponte. (Picture Alliance / Heritage Images / Ann Ronan Picture Library)
Vor der Pleite in die USA geflohen: Lorenzo Da Ponte arbeitete in New York als Gewürzhändler. (Picture Alliance / Heritage Images / Ann Ronan Picture Library)

Vier Bände mit Memoiren hat Lorenzo Da Ponte veröffentlicht. Dennoch ist kaum bekannt, dass der Librettist von drei Mozart-Opern auch in den USA wirkte. Sein Erbe wirkt bis heute nach.

Der Name von Lorenzo Da Ponte ist untrennbar verbunden mit dem Wolfgang Amadeus Mozarts: Mit ihren drei gemeinsamen Opern "Le nozze di Figaro", "Don Giovanni" und "Cosí fan tutte" gingen die beiden in die Operngeschichte ein. Weniger bekannt ist hingegen, dass Da Ponte ein abenteuerliches Leben als Dichter, Priester und Libertin führte und die letzten 33 Jahre seines Lebens in den USA verbrachte. 

Leser und Priester

Geboren wird Lorenzo Da Ponte am 10. März 1749 als Emanuele Conegliano in ärmlichen Verhältnissen im jüdischen Getto von Ceneda in Venetien. Die Republik Venedig billigt Juden damals nur stark eingeschränkte Freiheiten zu. Bis zum Alter von zehn Jahren kann Lorenzo kaum lesen und schreiben. 1763, als er 14 Jahre alt ist, lässt sein Vater die gesamte Familie katholisch taufen. Nach der üblichen Sitte übernimmt der älteste Sohn Vor- und Nachnamen des taufenden Bischofs: aus Emanuele Conegliano wird Lorenzo Da Ponte. In seinen mehrbändigen Memoiren wird dieser seine jüdische Herkunft später nicht ein einziges Mal erwähnen. Der junge Lorenzo überredet den Bischof, ihm eine Ausbildung im Priesterseminar zu ermöglichen, die sein weiteres Leben prägen wird. Er lernt Latein, entdeckt seine Leidenschaft für Bücher und beginnt zu dichten. 1773 wird er zum Priester geweiht.

Im gleichen Jahr tauscht er seine erfolgreich begonnene Karriere als Professor ein gegen ein ausschweifendes Leben in den Spielcasinos, Ballsälen und Theatern Venedigs. Anstelle der Dichtung verfällt er der Spielsucht – und einer jähzornigen Aristokratin. Nach einem Jahr kann er sich befreien und wird Dozent in Treviso, bevor ihn die Liebe einmal mehr in Schwierigkeiten bringt. Seine jahrelange Beziehung zu einer Frau, die er als Priester nicht heiraten darf, lässt ihn ins Visier der staatlichen Moralaufsicht geraten. Da Ponte muss fliehen. Im Dezember 1779 ergeht das Urteil: Er wird für 15 Jahre aus der Republik Venedig verbannt.

Dichter und Librettist 

Das berühmteste und glanzvollste Kapitel von Lorenzo Da Pontes Lebens spielt im Wien der 1780er-Jahre. Hier wird er zum gefragten Librettisten, der von Joseph II. zum "Dichter der kaiserlichen Theater" ernannt wird. Zunächst schreibt er Libretti für Antonio Salieri und andere Komponisten, bevor er in Wolfgang Amadeus Mozart seinen kongenialen Partner findet. Innerhalb von gut vier Jahren, zwischen 1785 und 1789, schaffen die beiden gemeinsam drei Opern, die bis heute zu den Höhepunkten der Operngeschichte zählen: "Le nozze di Figaro", "Don Giovanni" und "Cosí fan tutte".

In Mozarts Todesjahr 1791 wird der Hoftheaterpoet Da Ponte nach Intrigen polizeilich aus Wien ausgewiesen. 1792 heiratet er die 20 Jahre jüngere Schönheit Nancy Grahl. Wie es ihm gelingt, als katholischer Priester die Jüdin Nancy nach jüdischen Riten in einer Synagoge zu heiraten, gibt schon seinen Freunden Rätsel auf. Die junge Familie lässt sich bald in London nieder, wo sich Da Ponte als Dichter, Übersetzer und Bearbeiter für die italienische Oper am King’s Theatre und als Buchhändler betätigt.

Gewürzhändler und Bankrotteur

So viele Talente Da Ponte in die Wiege gelegt worden sind – das des Geschäftsmannes zählt zweifellos nicht dazu. Als ihm 1805 wegen hoher Wechselschulden zum wiederholten Male die Verhaftung droht, wagt Da Ponte mit 56 Jahren noch einmal einen radikalen Neuanfang: Am 7. April 1805 ergreift er die Flucht in die USA; ein damals noch wirkungsvoller Weg, den Gläubigern zu entkommen.

Da Ponte ist gezwungen, als Gewürzhändler den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu verdienen. Doch nach anfänglichem Erfolg als Kaufmann verlässt ihn das Glück bald. Nach nur wenigen Monaten muss Da Ponte wegen eines abermals drohenden Bankrotts alles verkaufen und zieht nach Elizabethtown in New Jersey. 

Durch eine glückliche Zufallsbekanntschaft lernt er den Sohn des Bischofs von New York kennen. Der 27-Jährige ist von Da Pontes Leidenschaft und Kenntnis der italienischen Literatur derart beeindruckt, dass er ihn sofort seinem einflussreichen Vater vorstellt und ihm Schüler vermittelt. Mit seinem Unterricht in der Residenz des Bischofs in Park Place – neben dem damaligen Sitz des Columbia College – beginnt für Da Ponte ein neues Leben in den USA. Mit großem Eifer sucht er die gute Gesellschaft der Stadt für die italienische Sprache und Literatur zu begeistern, veranstaltet Konversationszirkel und führt mit seinen Schülern italienische Theaterstücke auf.

Mit der Ernennung zum – wenn auch unbezahlten – Professor an der Columbia University wird Da Ponte 1826 schließlich zum angesehenen Botschafter der europäischen Kultur in der neuen Welt und zugleich zum mehrfachen Pionier: Er ist der erste Professor für italienische Sprache und Literatur an der Universität, der erste ursprünglich jüdische Dozent und schließlich der erste katholische Priester, der dort in den Professorenstand erhoben wird.

Büchernarr und Mäzen

Die Spuren von Da Pontes Wirken sind heute immer noch greif- und sichtbar in wertvollen Sammlungen verschiedener Bibliotheken, wie der Library of Congress, der Columbia University Library oder der New York Society Library. Der Dichter scheut weder Kosten noch Mühen, um wertvolle Bücher aus Italien und Frankreich zu erwerben.

Schon bei seiner Überfahrt 1805 gehört eine Truhe mit Büchern zu den wenigen Habseligkeiten, die er aus London retten kann. Seinen Traum einer italienischen Bibliothek in New York kann Da Ponte zwar nie verwirklichen. Aber durch Verkäufe und Schenkungen sorgt er dafür, dass sich im Katalog der Columbia University von 1839 genau so viele Titel italienischer Literatur befinden wie in allen anderen Sprachen zusammen, Englisch eingeschlossen. 

1832 holt Da Ponte eine italienische Operntruppe nach New York. Deren Gastspiel bedeutet zwar einmal mehr seinen wirtschaftlichen Ruin, aber bald darauf erfüllt sich – auch dank seines Engagements – ein lange gehegter Traum: 1833 eröffnet das erste Opernhaus in New York, das "Italian Opera House", auf das die heute weltberühmte Metropolitan Opera zurückgeht. Es ist entscheidend seinem unermüdlichem Enthusiasmus, seiner Beharrlichkeit und seinem Einfluss zu verdanken, dass New York zu einem Zentrum der internationalen Opernszene wird und die italienische Oper bis heute zum Herz des New Yorker Repertoires gehört.

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