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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 19.02.2012

Die soziale Wirklichkeit unerbittlich realistisch

Vor 175 Jahren verstarb der Dramatiker Georg Büchner

Von Eberhard Spreng

Gedenkstein für den deutschen Schriftsteller Georg Büchner in Zürich, Schweiz. Büchner lehrte an der Universität Zürich und starb dort im Jahre 1837. (picture alliance / dpa)
Gedenkstein für den deutschen Schriftsteller Georg Büchner in Zürich, Schweiz. Büchner lehrte an der Universität Zürich und starb dort im Jahre 1837. (picture alliance / dpa)

Georg Büchner war von Anfang an von der französischen Revolution fasziniert und rief auch selbst zum Umsturz auf. Der Dichter begründete eine Traditionslinie der sozial verantwortlichen Literatur. Am 19. Februar 1837 verstarb er.

"Ich sitze am Tag mit dem Skalpell und in der Nacht mit den Büchern",

schreibt Georg Büchner im Winter 1836/1837 aus seiner kleinen Zürcher Wohnung. Er hält an der dortigen Universität Vorlesungen über die Anatomie von Fischen und Amphibien und arbeitet nachts an seinem "Woyzeck", einem Stück, das er vor seinem Tod am 19. Februar 1837 nicht mehr vollenden wird. Der geniale Dichter und Revolutionär, am 17. Oktober 1813 in der hessischen Provinz als Kind einer Arztfamilie geboren, interessiert sich in der Schulzeit vor allem für Naturwissenschaften und Geschichte. Die französische Revolution fasziniert ihn schon früh. Später sollte er seiner Verlobten Wilhelmine Jaeglé schreiben:

"Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt. Der Einzelne ist nur Schaum auf der Welle."

Dramatisches Ergebnis der Auseinandersetzung mit der französischen Revolution wurde das stark auf historischen Quellen basierende Stück "Dantons Tod", das vor allem den Konflikt zwischen Robespierre und Danton bis zu dessen Hinrichtung nachzeichnet. Der Schauspieler und Regisseur Thomas Thieme ist fasziniert:

"Von einer unglaublichen Poesie, von Sensibilität, fast Empfindsamkeit bis zu großer Aggressivität, fast Gewalttätigkeit, das ist die Spanne, zwischen der dieser Text aufgehängt ist."

Während seiner kurzen Straßburger Studienzeit hatte Georg Büchner offenere politische Verhältnisse kennen gelernt, als solche, die in den deutschen Kleinstaaten herrschten. Bei seiner Rückkehr nach Gießen litt er unter den Schikanen der Obrigkeit. Er gründete die "Gesellschaft für Menschenrechte", die sich den Umsturz der politischen Verhältnisse zum Ziel machte. Mit der Parole "Friede den Hütten! Krieg den Palästen" erschien Büchners Flugschrift "Der Hessische Landbote". Einer Vorladung zum Untersuchungsrichter entzog er sich im März 1835 durch die Flucht nach Straßburg. Hier beschäftigte er sich unter anderem mit dem psychischen Leiden des Schriftstellers und Goethe-Zeitgenossen Lenz, über den er seine großartige gleichnamige Erzählung schrieb.

Was aber alle anderen bis heute virulenten literarischen Werke und Fragmente Büchners und auch sein Lustspiel "Leonce und Lena" überragt, ist der "Woyzeck", eine karge Sprachlandschaft von radikaler Modernität. Die schon im Danton gestellte Frage, was "in uns lügt, hurt, stielt und mordet", bleibt im "Woyzeck" auch für die junge Regisseurin Nora Schlocker ohne Antwort:

"Ich finde, es ist eine ganz große Geschichte über Chancenlosigkeit, also über Menschen, die einfach erstmal durch gesellschaftliche Bedingungen nicht die Möglichkeit haben, zu leben. Ich finde, dieses ganze Stück stellt unheimlich viele Fragen und gibt keine Antworten. Wir wissen am Schluss nicht, wieso Woyzeck diesen Mord begeht. Und das ist essentiell. Das ist keine Eifersuchtsgeschichte, sondern ich glaube, man kann es einfach nicht verstehen."

- "Ich seh nichts. O, man müßt's sehen, man müßt's greifen könne mit Fäusten."
- "Was hast du Franz? Du bist so hirnwütig Franz."
- "Eine Sünde so dick und so breit. Es stinkt, dass man die Engelchen zum Himmel hinaus rauche könnt."

Büchner erahnte mit seinem Woyzeck-Fragment die Katastrophen der Moderne. Das Stück war seiner Entstehungszeit allzu weit voraus. So ist zu erklären, dass die Uraufführung erst 1913 erfolgte. Alban Bergs Opernversion sollte zwölf Jahre später folgen. Der Büchner-Preisträger Elias Canetti unterstrich 1972 einen literaturgeschichtlichen Durchbruch. Er bewunderte Büchners Haltung zu seinen Figuren, deren soziale Wirklichkeit er unerbittlich realistisch und ohne falsches Mitleid schilderte:

"Büchner ist mit dem Woyzeck der vollkommenste Umsturz in der Literatur gelungen: die Entdeckung des Geringen. Diese Entdeckung setzt Erbarmen voraus, aber nur, wenn dieses Erbarmen verborgen bleibt, wenn es stumm ist, wenn es sich nicht ausspricht, ist das Geringe intakt."

Mit Büchner ist eine Traditionslinie der deutschen Literatur gegründet, die bis in die Gegenwart fortwirkt. Der Literaturwissenschaftler Norbert Miller sieht die Chance ...

"aus dem 'Wahren', 'Guten', und 'Schönen' auszubrechen und dagegen eine sozial verantwortete Literatur der Gesellschaftserkenntnis zu stellen, die gleichzeitig große Dichtung war."

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