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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.03.2007

Die Sklaverei rächt sich

Manfred Pohl: "Das Ende des Weißen Mannes - Eine Handlungsaufforderung", Westkreuz-Verlag, Berlin/Bonn 2007, 200 Seiten

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Die gute alte Hochkultur: Schloss Neuschwanstein. In 200 Jahren seien die weißen Deutschen in der Minderheit und deshalb Fremdenführer zu den Stätten deutscher Kultur. Meint Manfred Pohl. (AP Archiv)
Die gute alte Hochkultur: Schloss Neuschwanstein. In 200 Jahren seien die weißen Deutschen in der Minderheit und deshalb Fremdenführer zu den Stätten deutscher Kultur. Meint Manfred Pohl. (AP Archiv)

Die erste Assoziation ist sicher falsch: Das Buch hat nichts mit Indianern und Cowboys zu tun, sondern mit der Zukunft der Menschheit. Der Autor beschäftigt sich mit nichts weniger als dem geordneten Weiterleben der Menschheit beim Überschreiten einer Bruchstelle ihrer Geschichte. Eine "Handlungsaufforderung" nennt Manfred Pohl deshalb sein Buch. Denn, so meint er, die Zeit drängt.

"Das Ende des Weißen Mannes ist vorprogrammiert", schreibt der Autor in sachlichem Ton in der Einleitung. Mitte des 21. Jahrhunderts werden in Europa und den USA noch 50 Prozent der Bewohner Weiße sein, Ende dieses Jahrhunderts werden sie lediglich eine Minderheit sein.

Für Pohl stehen die Neuronen im Mittelpunkt seiner Überlegungen. Neuronale Prozesse bewirkten, dass der Weiße Mann im Laufe seiner Entwicklung die Leistungen seines Gehirns so steigern konnte, dass er mit Erfindungen über Jahrhunderte zum Vorreiter der Menschheit wurde. Deshalb ist für Pohl die Entschlüsselung des Gehirns ebenso wichtig wie jene der Gene, um darauf zu kommen, wie sich der Mensch in verschiedenen Regionen der Welt verschieden rasch entwickeln konnte.

Nun aber bricht das Entschlüsselungsjahrhundert an, und nicht mehr die Weißen haben die Nase vorn. Dank Globalisierung und Internet können heute Erkenntnisse weltweit genutzt und umgesetzt werden. Pohl sieht derzeit einen Wettlauf um die ersten Plätze, vielleicht auch an den Schalthebeln der Macht.

Aber es geht ihm nicht um den Machterhalt durch den Weißen Mann, sondern um eine Art geordneter Übergabe seines Kulturguts an den Multi-Colour-Man, der ab Mitte des Jahrhunderts in Kerneuropa und den USA den Weißen Mann ablösen wird. Gängige Zukunftsstrategien greifen dabei seiner Meinung nach zu kurz. Er versucht, die weltweite und tief greifende Dimension der Veränderungen deutlich zu machen. Demokratie, ein freier Markt, Freiheit und Frieden bleiben für Pohl die Leitlinien für eine Gesellschaft der Zukunft.

Es sind ernüchternde Szenarien, die er beschreibt, etwa, wenn die heute geborenen Kinder in der Mitte ihres Lebens wesentliche Rohstoffe der Gegenwart nicht mehr zur Verfügung haben werden: Öl, Gas, Kupfer oder Uran. In 200 Jahren würden die weißen Deutschen lediglich eine ethnische Minderheit in ihrem Heimatland sein, als Fremdenführer für Touristen, die die Denkmäler der deutschen Hochkultur besichtigen.

Pohls Verdienst ist der Verweis auf Entwicklungen, die uns heute in ihrer Größe noch gar nicht bewusst sind: etwa, dass europäische und amerikanische Unternehmen den Wettbewerb mit asiatischen Konzernen verlieren werden. Die Übernahme des größten europäischen Stahlunternehmens Arcelor durch die indische Mittal Steel Company ist demnach erst der Anfang.

Gleichzeitig verweist der Autor auf eine noch kaum beleuchtete Gefahr für den Weißen Mann: die seit den Zeiten der Sklaverei ihm aus bisher benachteiligten Regionen der Erde entgegengebrachte Distanz bis Antipathie. Pohl erwartet, dass die über Jahrhunderte ausgebeuteten Völker sich gegen ihn erheben werden.

Entscheidend ist für Manfred Pohl das Thema Bildung. Er spricht sich für die Elitenförderung bereits nach dem Kindergarten aus. Leidensfähigkeit und Leidenschaft müssten im Lernen zurück gewonnen werden, um mit den anderen mithalten zu können. Zudem gibt er der demografischen Entwicklung in seinem Buch viel Raum: Er sieht in den Älteren einen "Glücksfall für die Gesellschaft der Zukunft", will sie stärker einbinden und spricht von einem "zweiten Arbeitsleben", das ab 2015 fester Bestandteil des Lebens sein werde.

Eine stärkere Stütze der Gesellschaft werden die Frauen sein. Vieles am bisherigen Kampf um Gleichberechtigung empfindet Pohl als "Anpassung der Frau an die Männlichkeit".

Dem Ziel eines friedlichen und glücklichen Zusammenlebens in einer globalen Welt stehen aber mannigfache Gefahren im Weg. Da würde etwa dem Aufbau von Parallelgesellschaften nichts ausreichend entgegengestellt. Zudem denke die Mehrheit der Weltbevölkerung rassistisch.

Der Leser seines Buches muss allerdings bereit sein, radikal mit alten Gewohnheiten und bisher als unumstößlich Geltendem zu brechen, will er dem Autor auf seinem gedanklichen Weg folgen.

Der 63-jährige Manfred Pohl studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Volkswirtschaft, er ist Honorarprofessor in Frankfurt am Main und leitet das International Centre for Corporate Culture and History. Er ist Mitglied im Konvent für Deutschland.


Rezensiert von Stefan May

Manfred Pohl: Das Ende des Weißen Mannes - Eine Handlungsaufforderung
Westkreuz-Verlag, Berlin/Bonn 2007
200 Seiten. 14,90 Euro

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