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Studio 9 | Beitrag vom 27.09.2019

Die Schriftstellerin Kenah CusanitÜber das Gefühl, nicht verstanden zu werden

Von Anna Marie Goretzki

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Porträt der Schriftstellerin Kenah Cusanit   (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)
"Ich verbiege mich seit ich denken kann, für alles Mögliche", sagt die Schriftstellerin Kenah Cusanit. (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)

Für ihren Debütroman "Babel" erhält Kenah Cusanit den Uwe-Johnson-Förderpreis. Für die Autorin eine hohe Anerkennung: "Da sitzen Leute, die verstehen, was du sagen wolltest." Das sei ihr in ihrem Leben nicht oft passiert.

Kenah Cusanit kommt etwas zu spät in den Garten des Literaturhauses in Berlin geeilt. Die Reifen waren platt. Eichhörnchen huschen zwischen den Bäumen umher. Gelbe Blätter segeln auf die Tische. Die 40-Jährige lässt sich in der Sonne nieder, bestellt einen Sencha-Tee.

Gerade jagt ein Interviewtermin den nächsten. Cusanits erster Roman "Babel" sorgt seit Monaten für Aufmerksamkeit. Der Archäologe Robert Koldewey, um den es geht, hat mit Cusanit mindestens eine Gemeinsamkeit: Beide sind in Blankenburg im Harz geboren.

"Das Erstaunlichere dabei ist aber, dass ich das ganz lange Zeit gar nicht wusste. Wir sind da nur geboren und dann relativ bald weggezogen. Ich bin auch so im Brandenburgischen, wirklich auf dem Feld aufgewachsen, südlich von Berlin. Das habe ich mir nicht ausgesucht. Da sind wir dann irgendwie hingezogen. Da war es relativ einsam. Ich glaube, das nächste Dorf war zwei Kilometer entfernt. Und wir hatten nur ein Haus und ein Fluss und ein Feld."

Ein Haus, ein Fluss, ein Feld – Cusanit skizziert ihr Leben am liebsten nur. Lebensstationen lässt sie namenlos. Sie seien schutzwürdig und daher möchte sie diese – vorerst – für sich behalten. Ihr erschließt sich nicht, warum Leser unbedingt immer etwas über das Leben von Autoren wissen müssten. Sie stimmt aber zu: In vielen Texten stecke Persönliches, auch in ihren.

"Mir zum Beispiel, wenn ich schreibe, ist es auch nicht klar, was mich zum Beispiel interessiert, sondern es ist einfach: Es zieht mich was an. Ich gehe dem nach und meistens finde ich überhaupt nicht heraus, was das war, was mich angezogen hat, aber am Ende steht bestenfalls ein toller Text."

Gedichte im Goetheschen Stil

Cusanit, Hornbrille, graue Wollfilz-Jacke, lehnt sich zurück. Schon in der Schulzeit schrieb sie Gedichte. Eine Inspiration lieferte ein Gedicht von Goethe in ihrem Deutschbuch.

"Und da dachte ich: Jetzt schreibe ich aber auch Gedichte. Und habe ein Gedicht geschrieben, so im Goetheschen Stil, wie man es irgendwie so hinkriegt in der vierten Klasse, und dann wollte ich es jemandem vorlesen. Ich habe mich aber nicht getraut."

Einer nahen Verwandten liest sie es dann doch vor und beteuert, es sei von Goethe.

"Und sie sagte: Das soll von Goethe sein? Und das war es. Und dann habe ich nichts mehr geschrieben."

Die Enttäuschung war groß. Das Schreiben ließ sie für eine lange Zeit ruhen. Dabei hätte es ihr als Ventil dienen können, meint Cusanit.

"Ich hatte wirklich unglaublich viele Ticks und dachte dadurch, dass ich nicht normal sei. Und dann habe ich auch Zahlen und Buchstaben farbig gesehen. Ich hatte verschiedene seltsame Wahrnehmungen und wenn ich es kommuniziert habe, war Unverständnis die Folge – und dann habe ich es irgendwie nicht mehr kommuniziert und dachte, ich will nicht noch mehr seltsam auf mich aufmerksam machen, und dann bin ich einfach sehr introvertiert geworden."

Sich selbst fremd sein

Als Kind war sie sich selbst fremd. Mit diesem Fremdsein könnte auch, denkt Cusanit, die Wahl ihrer Studienfächer zu tun gehabt haben. Sie studiert zuerst Archäologie, dann Altorientalistik und Ethnologie.

"Wenn man sich sehr fremd ist, ich glaube, dann versucht man herauszufinden warum. Und merkt es aber nicht, dass das vielleicht mit einem selbst zu tun hat oder mit der näheren Umgebung und geht dann einfach auf die Reise und zwar zeitlich und räumlich. Das ist das, was ich unbedingt machen wollte. Ich habe die Idee gehabt, dass ich irgendwo was verstehen muss in der Geschichte oder in entfernten Kulturen."

Wissenschaftlich recherchieren, literarisch schreiben

Sie studiert, sucht, gräbt sich in Themen ein, immer weiter, immer tiefer. Hat es sie einmal gepackt, will sie alles über ein Thema wissen. Fast zeitgleich mit ihrem Studium fängt sie mit dem literarischen Schreiben an. Da geht sie ähnlich vor. "Babel" ist das beste Beispiel. Cusanit hat sich in Archiven verschanzt, sich – wie ihr Protagonist Koldewey – auf "Ausgrabung" begeben und enorme Wissensschätze rund um das Thema Babylon gehoben. Aber Cusanit kann auch kurz und knapp, auf Twitter zum Beispiel:

"geh endlich träumen
gehend licht räumen"

"Ich habe keinen linearen Lebenslauf. Überhaupt nicht. Ich bin geschlenkert. Es war immer schon klar: Ich möchte eigentlich gern schreiben. Aber ich dachte auch immer: Ich kann natürlich keine Schriftstellerin werden. Was ist das denn für ein Beruf?! Das ist ja kein Beruf."

Einen "Schlenker" macht sie noch im Wissenschaftsjournalismus, schreibt unter anderem für den Deutschen Depeschendienst. Bei dieser Art des Schreibens sei sie aber "an der Form gescheitert". Zu eng war das "Korsett" für ihre Geschichten.

"Es war immer ein Verbiegen. Also, ich verbiege mich seit ich denken kann, verbiege ich mich für alles Mögliche. Es kostet so viel Kraft und es ist einfach nicht angemessen."

Kenah Cusanit will nicht viel von sich preisgeben. Wissenschaftlich-empirisch recherchieren, literarisch schreiben – dieser Weg fühlt sich für sie richtig und befreiend an.

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