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Dienstag, 11.12.2018
 
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Im Gespräch | Beitrag vom 16.11.2018

Die Schriftstellerin Judith SchalanskyDie Natur schreibend erobern

Judith Schalansky im Gespräch mit Katrin Heise

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Judith Schalansky steht vor einer Wand, sie schaut freundlich rechts an der Kamera vorbei (Jürgen Bauer/Suhrkamp Verlag)
Für ihre Arbeit wurde Judith Schalansky in diesem Jahr mit dem Wilhem-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet. (Jürgen Bauer/Suhrkamp Verlag)

In ihren Arbeit widmet sich Judith Schalansky häufig zwei Themen, dem Verlust und der Natur. Letztere, so sagt sie, "haben wir den Naturwisschenschaftlern leichtfertig überlassen". Das will die Schriftstellerin nicht länger hinnehmen – mit Erfolg.

Als Kind streifte Judith Schalansky oft allein durch die Natur bei ihrem Heimatdorf zwischen Greifswald und Anklam. "Ich habe mir dann immer einen Rucksack gepackt mit sehr viel Proviant und bin los gelaufen; und es war tatsächlich so eine Phantasie, Entdeckerin zu sein." Oft besuchte sie ihren Großvater auf Usedom. Der bestimmte mit ihr Bäume oder die beiden sammelten Bernstein am Strand.

"Die größte Herausforderung ist es, zu Hause zu bleiben"

Die Typographin und Schriftstellerin, die schon früh ihre ersten Texte verfasste, hat sich ihre Fantasie und ihre Beobachtungsgabe bewahrt. Sie hat eine Vorliebe für Themen, die Abseitiges behandeln und die Leser ins Reich der Fantasie mitreisen lassen wie der "Atlas der abgelegenen Inseln". In der Berliner Staatsbibliothek entdeckte sie diese Orte auf einem großen Globus und begann zu recherchieren. "Während der Recherche stellte ich fest, dass alle Geschichten, die ich dort fand, eigentlich eher schrecklicher Natur waren, was viel über die Inseln aussagt. Denn wenn das Schiff nur dreimal im Jahr kommt mit Versorgung, dann geht es schnell nicht nur um das Leben, sondern auch um das Überleben."

Immer wieder habe sie gelesen, dass sich Menschen zu Sehnsuchtsorten aufgemacht hätten, die dann ganz anders waren, als diese es sich vorgestellt hatten. "Es gibt dann eine große Enttäuschung darüber, dass man sich selbst mitgebracht hat. Und es handelt ganz viel davon, ein anderer zu werden – und ich glaube, dass das sowieso nicht möglich ist. Deswegen ist die größte Herausforderung, zu Hause zu bleiben." Und so entstehen die Werke von Judith Schalansky in ihrem Kopf und am Schreibtisch in der Bibliothek. Auch die wunderschönen und sehr unterschiedlich gestalteten Naturkunden-Bände, die sie herausgibt. "Die Natur, die haben wir zu leichtfertig den Naturwissenschaftlern überlassen, die sich auch rühmen diesen Begriff im Namen zu führen, und ich glaube Erkenntnis fördernd kann genauso gut eine literarische Beschreibung sein."

Schalansky schreibt über Verluste – auch den der DDR

Ihre Auseinandersetzung mit der DDR, die auch nach ihrem Ende das Leben der damals Neunjährigen prägte, hat sie in dem Roman "Der Hals der Giraffe" verarbeitet: Eine Biologielehrerin klammert sich verzweifelt an die naturwissenschaftliche Empirie, muss aber zugleich entdecken, dass sie Gefühle für eine Schülerin entwickelt. "Die Inge Lohmark, die Figur, glaubt wirklich, und da rührt sie mich auch, dass die Naturgesetze niemals umgeschrieben werden. Insofern ist die Biologie bei ihr so eine Art Ersatzreligion." Dabei beschäftige sich die Biologie die "ganze Zeit mit Wandel. Und ganz vieles, nicht zuletzt, das was wir dem Eros zuschreiben, kann man nicht funktionalistisch sehen." Judith Schalansky erinnert sich sehr genau, wie verloren ihre Lehrer damals wirkten. "Ich erinnere mich, dass die Lehrer, die Stundenpläne machten und Lehrplänen folgten, nicht mehr wussten, was sie eigentlich unterrichteten sollten."

In ihrem jüngsten, mit dem Wilhelm Raabe-Preis ausgezeichneten Buch, "Verzeichnis einiger Verluste" widmet sie sich dem Verlorenen, unter anderem den Leerstellen ihrer eigenen Kindheit, die die DDR hinterlassen hat. Judith Schalansky hat inzwischen eine große Familie: zu ihr gehören eine Tochter, zwei Mütter und zwei Väter.

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