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Zeitfragen | Beitrag vom 11.12.2020

Die Schriftstellerin Edna O'BrienDem Unrecht trotzen

Von Thomas David

Ein Porträt der Autorin Edna O'Brien, 2009. (Getty Images / David Levenson)
O’Brien glaubt nicht nur an Geister, sie ist auch ein bisschen abergläubisch: Eine Pflanze dient ihr als Glücksbringer. (Getty Images / David Levenson)

Ihr Debütroman wurde 1960 in Irland öffentlich verbrannt. Zu skandalös wirkte damals ihre literarische Erkundung weiblicher Sexualität. Edna O'Brien, inzwischen eine der wichtigsten irischen Autorinnen, wird am 15. Dezember 90 Jahre alt.

"In meiner Kindheit im irischen County Clare erzählte man sich Geistergeschichten, wenn man einander besuchte", erinnert sich die irische Schriftstellerin Edna O’Brien. "Ich glaube noch immer an Geister. Aber bei den Geistern, von denen ich mir heute wünsche, heimgesucht zu werden, handelt es sich um die Geister von Schriftsteller*innen, die ich liebe." Einer davon aus dem Werk der US-amerikanischen Dichterin Emily Dickinson (1830-1886), die in einem ihrer Gedichte den Wind als ein "smaragdgrünes Gespenst" bezeichnet hat. Ihre leidenschaftliche, von einem radikalen Individualismus zeugende Lyrik prägt auch das Werk der am 15. Dezember 1930 als Tochter eines Bauern geborenen Edna O’Brien.

Geistergeschichten

Anfang November 2020 sitzt die irische Schriftstellerin Edna O’Brien zur Mittagszeit in ihrer Küche und erzählt am Telefon von den Geistern, mit denen sie ihr kleines Haus im Londoner Stadtteil Chelsea teilt. "Ich hoffe, das klingt nicht allzu verrückt, aber ich habe mich in meinem ganzen Leben nie als "normal" bezeichnet."

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Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi sei so ein Geist. Und der dritte Geist wechsele je nach Stimmung. Oft aber handele es sich dabei um James Joyce. Dessen autobiographischer Entwicklungsroman "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann" sei für O’Brien, die in einem katholischen Internat erzogen wurde, eine Offenbarung gewesen.

Der Mut, literarisch aufzubegehren

Joyce schenkte ihr das Selbstvertrauen, von sich selbst, von ihren persönlichen Erfahrungen zu erzählen, von ihrer bäuerlichen Herkunft, ihren Sehnsüchten und ihrem sexuelles Begehren. Und von ihrem Aufbegehren gegen die demütigende Enge des dörflichen Patriarchats und das erstickende Zölibat ihrer katholischen Erziehung.
Ihren ersten Roman "Die Fünfzehnjährigen" schrieb sie nach der Flucht ins englische Exil in nur drei Wochen. Es ist der erste Teil der "Country Girls"-Trilogie und ihr "Porträt der Künstlerin als junge Frau.".

Schockierend und sinnlich

"Ich bin auf Edna O’Brien gestoßen, als mir mit dreizehn ein Exemplar von "Die Fünfzehnjährigen" in die Hände fiel, erzählt die Schriftstellerin Eimear McBride. "Das war 1989, als ich in Galway die Sommerschule besuchte, um Irisch zu lernen." Damals war O’Briens erster Roman zwar nicht mehr verboten, aber immer noch habe er eine Aura des Geheimnisvollen und Schockierenden gehabt und offenbarte ihr Aspekte des Lebens, insbesondere des Lebens irischer Frauen, von denen sie vorher nichts gewusst hatte. McBride sagt: "Die Art wie sie Sprache gebrauchte, um über diese Dinge zu schreiben, war so reich und sinnlich und außergewöhnlich und lag vollkommen außerhalb meiner eigenen Erfahrung."

Eine Rebellin

"Edna ist eine Rebellin", erzählt Lee Brackstone. "Sie rebellierte als Kind, als Heranwachsende, sie rebelliert noch immer. Sie ist völlig furchtlos. Und sie arbeitet in der Tradition von Schriftstellern, die ich liebe, vor allem James Joyce und William Faulkner."

Lee Brackstone ist seit 2011 Edna O’Briens Lektor im Londoner Verlagshaus Faber & Faber. Er ergänzt: "Ich glaube im Herzen von Ednas Büchern verbirgt sich ein starkes Unrechtsgefühl. Egal, ob es sich um ihre frühe Trilogie handelt oder um die späten Romane "Das Mädchen" oder "Die kleinen roten Stühle". Interessant ist, dass Edna als Ikone des Feminismus verehrt wird, aber sie selbst sieht sich nicht als eine solche, sondern als Humanistin."

Den Menschen die Spiegel vorhalten

In ihren Büchern gehe es immer um Menschen, die unterdrückt werden oder sich in Gefahr befinden. Und dass sie die Welt im Wesentlichen für einen ziemlich schlimmen Ort halte und glaube, es sei ihre Aufgabe als Schriftstellerin, Hoffnung zu schenken.

Edna O’Brien sagt dazu: "Als Schriftstellerin möchte ich die menschliche Natur zeigen. Es ist meine Absicht, "der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten", wie Shakespeare Hamlet sagen lässt.

Durch ihren Roman "Die kleinen roten Stühle" wurde O’Brien auch im deutschsprachigen Raum bekannt. Darin schildert sie das Martyrium einer verheirateten Frau, die sich in einen als Heiler getarnten serbischen Kriegsverbrecher verliebt, der in ihrem Dorf in der westirischen Provinz Zuflucht sucht.

Trauer und Zorn angesichts der Gegenwart

Die Berichterstattung über den Prozess vor dem Internationalen Strafgerichtshof gegen den bosnisch-serbischen Politiker und verurteilter Kriegsverbrecher, Radovan Karadzic, hatten sie zu dem Roman inspiriert. O’Brien spürt darin den Erschütterungen des Bosnienkriegs nach; ihrem Schreiben verleiht das eine neue, weltpolitische Dimension.

Literatur könne zwar den Einzelnen trösten, gegen den Ansturm der Wirklichkeit jedoch nichts ausrichten, glaubt sie.  Im Angesicht der Gegenwart empfinde sie Trauer und den Zorn: "Ist es nur, dass ich mir bewusster bin, jetzt, da ich neunzig werde? Ich vergleiche die heutige Welt mit der, die ich als Zwanzigjährige kannte. Die Welt sinnt auf Rache, die Leute sind im Angriffsmodus, sind mehr dem Negativen zugeneigt. Ich sehe das überall, in allen Winkeln der Gesellschaft. Ich sehe die Ratlosigkeit und Panik auf den Gesichtern. Die Menschen sind beklommener und manchmal leider auch feindseliger als sie mir früher erschienen."

Erfahrungen sammeln wie Feuerholz

Das habe zu einem großen Teil mit der Sprache und dem Wahn unserer politischen Führer zu tun. Der Arroganz, dem Wahnsinn und dem Hass der Sprache, die sie verwenden.

Zuletzt hat O’Brien "Das Mädchen" veröffentlicht über eine von der Terrormiliz Boko Haram verschleppte Schülerin, für den sie zwei beschwerliche Reisen nach Nigeria unternommen hatte.

Sie sagt: "Wenn wir uns hinsetzen würden, um aufzuschreiben, was sich in diesem Moment in jedem einzelnen Land in Europa, Afrika und Asien ereignet, würden wir nicht glauben, dass die Welt derart aus den Fugen geraten konnte." Etwas davon aufzusammeln sei für eine Schriftstellerin oder Lyrikerin wie das Sammeln von Feuerholz.

Dem Horror zum Ausdruck bringen

"Sie fühlt nach wie vor das das Unrecht," sagt Lee Brackstone. "Das ist der Schlüssel zu ihrem Werk." Und Eimar McBride ergänzt: "Es ist erstaunlich, wie Edna das Irland ihrer Kindheit als Filter für ihr ganzes Leben und Werk verwendet hat und welche überraschende Entwicklung dies genommen hat."

Die wesentlichen Anliegen ihres Schreibens seinen immer gleich geblieben, sagt Mark Lawson, Kulturjournalist und Literaturkritiker.  "Ihr ursprüngliches Thema, die Auflehnung der Frau gegen staatliche und religiöse Unterdrückung, hat mit den Jahren in Irland weitgehend und in England völlig an Bedeutung verloren. Aber im Mittleren Osten, im ehemaligen Jugoslawien, in allen möglichen Staaten oder Möchtegernstaaten wie dem "Islamischen Staat", wo die Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen ein großes Thema ist, sind diese Dinge wieder ans Licht getreten."

Aberglaube

Kurz vor ihrem 90. Geburtstag hofft, O’Brien, noch ein letztes Buch schreiben zu können, das von einem älteren Mann, der auf einem Rettungsboot im Mittelmeer gewesen ist, und von einem Jungen handeln soll. "Ich möchte dies als eine Art Requiem schreiben," sagt sie.

O’Brien glaubt nicht nur an Geister, sie ist auch ein bisschen abergläubisch. So hegt und pflegt sie eine zarte Pflanze, die ihr vor einiger Zeit eine junge Frau brachte, die für die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" auf den Rettungsschiffen im Mittelmeer arbeitet. O‘Brien sieht sie als eine Art Glücksbringer: "Ich betrachte sie täglich, und ich sage zu ihr: "Bitte, erlaube mir, dieses letzte Buch zu schreiben."

(DW)

Sprecher*innen: Regina Lemnitz, Uta Prelle, Robert Frank und Thomas Holländer
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Ton: Jan Fraune
Redaktion: Dorothea Westphal

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