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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 24.06.2007

Die Schöpferin des Musenhofs von Weimar

Annette Seeman: "Anna Amalia, Herzogin von Weimar"

Vorgestellt von Tilman Krause

Die im Jahr 2004 durch einen Brand zerstörte Anna-Amalia-Bibliothek (AP)
Die im Jahr 2004 durch einen Brand zerstörte Anna-Amalia-Bibliothek (AP)

Ohne sie gäbe es die Weimarer Klassik nicht: Anna Amalia, die fast zwanzig Jahre lang das kleine Herzogtum Weimar-Eisenach regierte, bis ihr Sohn, der sogenannte Goethe-Herzog Carl-August, volljährig wurde, Anna Amalia schuf die Voraussetzungen dafür, dass in der Stadt im Herzen Thüringens das entstand, was später als Musenhof bezeichnet wurde und zahllose Menschen von fern und nah anzog.

Es gibt in der Geschichte kaum Beispiele, dass ein Fürst und nun gar eine Fürstin so viele bürgerliche Intellektuelle an einen Hof zog wie diese Braunschweigische Prinzessin. Umso erstaunlicher ist es, dass eine für den allgemein interessierten Leser konzipierte Lebensbeschreibung bis jetzt fehlte. Das elegant geschriebene Buch von Annette Seemann schafft Abhilfe. Es steht auf dem neuesten Stand der Erforschung dessen, was als "Ereignis Weimar" längst ein großer Studienschwerpunkt vor allem an der Universität Jena ist. Und es besitzt, neben dem klaren, schnörkellosen Stil, eine ganz spezifische Anschaulichkeit durch die vielen, meist farbigen Abbildungen, die ihm beigegeben sind.

Nichts, so die Autorin, sprach dafür, dass die Tochter aus dem hauptsächlich auf Preußen hin orientierten Braunschweig einst eine so große Rolle in der Politik, aber auch in der Welt der Künste spielen sollte. Doch die Weichen wurden früh gestellt.

"In meinem 18. Jahr fing die größte Epoche meines Lebens an. Ich wurde zum zweiten Mal Mutter, wurde Witwe, wurde Vormundschaftsregentin. Die schnellen Veränderungen, welche Schlag auf Schlag kamen, machten mir einen solchen Tumult in meiner Seele, dass ich nicht zu mir selber kommen konnte. Ein Zusammenfluss von Ideen, von Gefühlen, die alle unentwickelt waren, kein Freund, dem ich mich aufschließen konnte. Ich fühlte meine Untüchtigkeit, und dennoch musste ich alles in mir selber finden."

Soweit Anna Amalia in der Rückschau. Friss oder stirb, so könnte man die Lage der jungen Frau im Jahre 1758 beschreiben. Untergang oder Neuerfindung. Anna Amalia entschied sich dafür, sich neu zu erfinden. Sie brach mit vielen Konventionen ihres Standes, um das ihr anvertraute Herzogtum, das zudem hochverschuldet und verarmt war, voranzubringen. Dabei setzte sie vor allem auf Professionalisierung aller Gebiete. Und berief bürgerliche Experten. Die Erziehung ihrer beiden Söhne, aber auch die von ihr geförderten Bildungseinrichtungen für die Bevölkerung im Herzogtum waren ihr Hauptanliegen. Damit entstand, während ringsum in Europa der Absolutismus herrschte, so etwas wie eine erste offene Gesellschaft an einem deutschen Hof. Hören wir Annette Seemann:

"Anna Amalias Gesellschaftsbegriff war durchlässig. Es war nicht nötig, mit dem Adelsprädikat auf der Brust bei ihr zu erscheinen. Man musste sich allerdings für Künste und/oder Wissenschaften interessieren, wenn man bei ihr reüssieren wollte. Insofern waren auch Jenenser Professoren immer wieder willkommen. Anna Amalias Berufungen folgten ihrem privaten Interesse, sich mit Kultur und Bildung zu umgeben, von neuen Erkenntnissen zu erfahren und zu diskutieren, ästhetische Eindrücke mit Freunden zu teilen, die eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse zu üben und zu überprüfen."

Coverausschnitt: Anette Seemann: Anna Amalia, Herzogin von Weimar (Insel Verlag)Coverausschnitt: Anette Seemann: Anna Amalia, Herzogin von Weimar (Insel Verlag)Und solche Fähigkeiten und Kenntnisse hatte sie, baute sie aus. Sie spielte vier Instrumente. Sie komponierte, malte und zeichnete. Sie übersetzte aus mehreren Sprachen, vor allem aus dem Italienischen, das sie besonders liebte. Sie schrieb sogar einige fiktionale Texte, übte sich im Genre des damals beliebten Briefromans. Zusammen mit Goethe gründete sie das Weimarer Liebhabertheater.

Und sie unternahm, um endlich einmal "sich selbst zu gehören", wie sie später sagte, die epochentypische Reise nach Italien. Zwei volle Jahre, von 1788 bis 1790, blieb sie dort. Anders als Goethe, der ihr vorausgegangen war, zog sie das lebendige, fröhliche, unbeschwerte Neapel dem geschichts- und bildungsgesättigten Rom vor. Sie liebte das einfache Leben, das sie als Frau von Stand zu Hause nur schwer durchsetzen konnte. Die Hofschranzen waren dabei ihre größten Widersacher. Man spürt ein wenig die Verwirrung in den indignierten Wortes ihres Kammerdieners, der die Zusammenkünfte bei der Herzogin folgendermaßen beschrieb:

"Zur Mittwochstafel der Herzogin wurden nur einer oder zwei von Adel, jederzeit aber mehrere schöne Geister eingeladen. Goethe, Wieland und Herder gerieten regelmäßig in lebhaften Streit; von Knebel und Einsiedel nahmen dann Partei. So entstand ein zwar an sich interessantes, aber oft solch lautes Gespräch, dass die Herzogin, Mäßigung gebietend, zuweilen die Tafel früher aufheben musste."

Jetzt sind einige Namen gefallen, die sich mit dem "Musenhof von Weimar" verbinden. Goethe, Wieland, Herder, die "drei Großen", bezeichnen gewissermaßen nur die Spitze des Eisbergs. Sie, zu denen sich am Ende des Jahrhunderts noch Schiller gesellen wird, der allerdings bereits nach fünf Jahren stirbt, bilden die intellektuelle Elite Deutschlands zu der Zeit. Knebel, der, wie Wieland und Goethe, zunächst als Prinzenerzieher berufen wird, ist ein großer Freund der Antike und übersetzt Lukrez und Properz. Einsiedel, der als Oberhofmeister der Herzogin gewissermaßen der Chef des kleinen Hofstaats ist, steuert für das genannte Liebhabertheater Schauspiele, Singspiele, Lieder und Prosageschichten bei.

Schließen wir die Beschreibung dieses Buches, das hiermit nachdrücklich empfohlen sei, mit der zierlichen Würdigung Anna Amalias durch ihren persönlichen Liebling, den Dichter, Publizisten und Übersetzer Christoph Martin Wieland. Ganz im Geist der Epoche charakterisiert er 1784 seine Dienstherrin als griechisch-römische Schutzgöttin:

"Unsere Herzogin-Mutter scheint an allen Qualitäten, die eine Fürstin allen Menschen, die Zutritt bei ihr haben, lieb und verehrenswert machen, mit jedem Jahre zuzunehmen. Sie ist unsere Pallas und unser Palladium zugleich, und ich begreife nicht, wie wir ohne sie existieren wollten."

Annette Seeman: Anna Amalia, Herzogin von Weimar
Insel Verlag, Frankfurt am Main/2007

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