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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 06.10.2017

Die Schattenseiten der PflegeWenn Patienten aggressiv werden

Von Astrid von Friesen

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Eine Altenpflegerin wäscht einem Bewohner in einem Altenpflegeheim den Ruecken.  (imago )
Eine Altenpflegerin wäscht einem Bewohner in einem Altenpflegeheim den Rücken. (imago )

Undankbarkeit, Geschimpfe, Gestank. Die Pflege von Demenz- oder psychisch Kranken kann an die Grenzen des Aushaltbaren gehen. Pflegende Angehörige haben oft sogar eine rapid verkürzte Lebenserwartung. Darüber muss gesprochen werden, findet die Therapeutin Astrid von Friesen

"Die Würde des Menschen ist unantastbar", so steht es im Grundgesetz. Viele Humanisten kämpften Jahrzehnte, sowohl in der alten BRD als auch in der DDR, hart für erträgliche Zustände in Heimen und Krankenhäusern. Doch bis heute werden Behinderte vielfach diskriminiert.

Die Schattenseiten der Pflege

Doch um die oftmals schwerste, entbehrungsreiche Pflege gerade von Angehörigen und dem Pflegepersonal zu würdigen, gehört es auch dazu, die bislang tabuisierten Schatten anzusprechen.

Wir wissen, dass zum Beispiel etliche Demenzkranke ihren Charakter verändern und aggressiv werden. Sie schimpfen zum Teil unflätig den ganzen Tag, in jedem Satz, können nur unter Gebrüll angezogen werden, schlagen, beißen, kratzen. Und die Lebenspartner und Kinder sind 24 Stunden mit ihnen zusammen, manchmal lebenslänglich. Und das Pflegepersonal täglich acht Stunden.

Undankbarkeit, Geschimpfe, Gestank, die körperlich zum Teil schwere, den eigenen Ekel auch provozierende Pflege und die krankmachende Störung der eigenen Nachtruhe macht jeden Menschen eigentlich bereits nach wenigen Wochen mürbe. Doch sie müssen es oftmals Jahre und - bei chronisch Behinderten - eine Leben lang aushalten. Statistiken besagen, dass pflegende Angehörige eine rapid verkürzte Lebenserwartung haben.

Die alltägliche Abwertung durch Patienten

Oder in der Psychiatrie: Der Wahnsinn, die Aggressionen, die Sadismen der Patienten greifen - oftmals unbewusst - nach jeder Seele. Es sind nicht nur die wilden Aggressionen und körperlichen Attacken von ausrastenden Patienten, nicht nur Suiziddrohungen und vollzogenen Suizide, die emotional verkraftet werden müssen. Und das meist in völliger Unterbesetzung auch des Nachts auf den Stationen.

Meist mit einem quälenden Gemisch von Selbstvorwürfen, Scham und Versagensgefühlen. Es sind die alltäglichen Abwertungen durch etliche Patienten, die strikte, stündliche Negierung von allem Guten, was ihnen zu Hause oder auf den Stationen durch Pflege, Therapien, Gruppen, geboten wird. Diese affektive Nichtansprechbarkeit, die Aggressionsausbrüche natürlich als Symptome. Ebenso die Sadismen, bei denen oftmals nicht klar ist, ob sie Symptome oder Charaktereigenschaften zu nennen sind. All dies zieht mit hinunter in den schwarzen Keller der Depressionen, manchmal auch in die Nähe des eigenen Wahnsinns.

Nicht nur über die "Gutmenschengefühle" reden

Schwierig bis hin zum Ausbrennen wird es, wenn es keine professionelle Supervision in den Pflegeeinrichtungen und für Angehörige gibt, in der auch die eigenen Aggressionen benannt werden dürfen, in der es einen freien Austausch nicht nur über die "Gutmenschengefühle", sondern auch über die gelegentlich sadistischen Impulse gibt, die als Reaktionen zur emotionalen Selbstrettung in jedem Menschen aufsteigen. Wenn diese Gefühle in den Schatten und emotionalen Untergrund verdrängt werden, müssen die Beteiligten sie schlucken, verdrängen, sie werden vielleicht krank oder wechseln tief enttäuscht die Berufe. Oder, schlimmstenfalls, agieren ihre entsetzliche Hilflosigkeit selbst als Sadismen an den Pflegebedürftigen aus.

Wir alle werden Teil von diesen Situationen

Da hilft nur: Über die eigene seelische Not sprechen zu dürfen, immer wieder. Unabdingbar sollte jeder sich bewusst machen: Die meisten von uns werden, als pflegende Angehörige oder selbst als Patienten - zumindest im Alter – irgendwann Teil von diesen schwierigsten Situationen und hoch emotionalen Gefühlslagen werden. Wirklich: Ich, du, wir alle!

Astrid von Friesen ist Diplom-Pädagogin, Gestalt-, Trauma- und Paar-Therapeutin in Dresden und Freiberg, sie unterrichtet an der TU Freiberg und macht Lehrerfortbildung und Supervision. Ihr neustes Buch gemeinsam mit Gerhard Wilke: "Generationen-Wechsel: Normalität, Chance oder Konflikt? Für Familien, Therapeuten, Manager und Politiker" 2016, LIT-Verlag, Berlin

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