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Thema / Archiv | Beitrag vom 26.03.2013

"Die Rosaphase ist eine Einstiegsdroge"

Die Initiative "Pink stinks Germany" macht mobil gegen Barbie

Stevie Meriel Schmiedel im Gespräch mit Susanne Führer

In der Nähe des Berliner Alexanderplatzes entsteht das "Barbie Dreamhouse". (picture alliance / dpa Foto: Jens Kalaene)
In der Nähe des Berliner Alexanderplatzes entsteht das "Barbie Dreamhouse". (picture alliance / dpa Foto: Jens Kalaene)

Im Mai soll mitten in Berlin das "Barbie Dreamhouse" eröffnen. Gegen diese glitzernde Werbewelt formiert sich jetzt Protest. Es gehe aber nicht darum, Kindern das Spielen mit einer Barbie oder die Farben Pink und Rosa zu verbieten, sagt Dreamhouse-Kritikerin Stevie Schmiedel, sondern medienkritisch damit umzugehen.

Susanne Führer: In Berlin entsteht gerade das weltweit größte Barbie Dreamhouse. Was das ist? Ich zitiere von der Homepage: "Eine einzigartige, lebensgroße und interaktive Installation, die das weltberühmte Barbie-Spielzeughaus zum Leben erweckt."

Prospekte vielleicht auch, aber Proteste auf jeden Fall gibt es jetzt schon: Eine Demonstration ist angekündigt, und zu den Kritikern des Barbie Dreamhouse gehört Stevie Schmiedel, sie ist die Initiatorin von Pink stinks Germany. Guten Tag, Frau Schmiedel!

Stevie Meriel Schmiedel: Schönen guten Tag!

Führer: Pink stinks – warum stinkt denn Pink?

Schmiedel: Pink kann nicht stinken, Pink ist nur eine Farbe. Was uns stinkt, ist, was die Spielwarenindustrie in den letzten 20 Jahren mit der Farbe Pink gemacht hat. Und das sehen wir hier an Barbie Dreamhouse: Pink steht für verführerisch, niedlich, große Augen mit langen Wimpern und vor allen Dingen aufs Äußere bezogen. Und es ist doch spannend, wie zum Beispiel das Barbie-Haus, das hätten wir uns vor zehn Jahren nie denken können, dass jetzt so ein Riesen-Barbie-Haus mal nach Deutschland kommt, da hätten wir gesagt, so was amerikanisches, das gibt es hier doch gar nicht. Aber wir sind so weit gekommen, wir haben jetzt ein Barbie Dreamhouse auf 2.400 Quadratmetern, und das ist doch ziemlich traurig.

Führer: Immerhin nur für drei Monate, wenn ich das mal einflechten darf. Aber Frau Schmiedel, viele Eltern erzählen ja, dass ihre kleinen Töchter vollkommen versessen sind auf Glitzer, Pink und Rosa. Barbie ist ja nur eine von vielen, es gibt ja noch Lillifee und Kitty und so weiter, wir wollen die gar nicht alle aufzählen. Sollen die Eltern das den Mädchen verbieten?

Schmiedel: Auf gar keinen Fall, das würde ich auch bei meinen Kindern nicht machen. Es geht einfach darum, medienkritisch damit umzugehen. Natürlich wollen die kleinen Kinder genau das, was man ihnen vorlebt. Wir sehen täglich inzwischen 5.000 Anzeigen durchschnittlich, die Mädchen, denen es ganz klar Mädchensein bedeutet, hübsch zu sein und sich zu verschönern, denn das sehen sie überall um sich herum. Und natürlich fängt das an mit rosa Stramplern, und auch im Kindergarten kommen die Mädchen und sagen: Guck mal, was ich neu habe. Denn sie merken, dafür kriegen sie Anerkennung. Dann sagen alle: Oh Gott, bist du süß.

Und das ist ja genau das, wogegen sich Pink stinks wendet – die Spielwarenindustrie konzentriert sich immer mehr darauf, den Markt zu segregieren, das heißt Jungs immer aktiver, und da hat es immer viel mehr mit Action zu tun, mit Star Wars und Spiderman, und die armen Kerle kommen gar nicht mehr zur Ruhe, und bei Mädchen ist es das Gegenteil, dass es sich nur noch um ihr Äußeres dreht. Schon Zweijährige finden den passenden Nagellack in den unteren Regalen im Spielzeugladen.

Führer: Also das heißt, es ist nicht nur ein Rückfall in alte Zeiten, in alte Rollenklischees, sondern diese Pinkifizierung dieses Spielzeugs von Mädchen enthält auch noch ein neues Rollenbild.

Schmiedel: Nein, eigentlich ist es ein ewig gleiches Rollenbild, das wir über die Jahrtausende kennen: Mädchen oder Frauen verschönern sich, um sich ermächtigt zu fühlen oder mächtiger zu fühlen, und Männer sind einfach so per se mächtig. Und das ist das Bild, das wir nach wie vor haben, obwohl Frauen am Arbeitsmarkt angekommen sind, obwohl wir gerade eine Sexismusdebatte hatten, in der mehr Respekt für Frauen gefordert wurde. Interessant ist doch, dass diese Sexismusdebatte überhaupt nicht mit der Kinderspielwarenwelt zusammengebracht wird. Es wird ganz klar Geld damit gemacht, dass Mädchen schon ganz früh an ein Frauenbild herangeführt werden, das bedeutet: Mach dich schöner, sonst hast du keinen Erfolg.

Führer: Trotzdem ist ja die Frage, ob sich die Mädchen tatsächlich alle zu etwas überreden lassen würden, was nicht doch auch auf irgendetwas trifft, was sie interessiert oder was ihnen Spaß macht.

Schmiedel: Es ist ganz klar, kleine Mädchen und kleine Jungs kommen auf die Welt und hören schon von ganz früh an, du bist ein Mädchen, oder du bist ein Junge. Und jedes Kind hat natürlich eine Sehnsucht danach zu wissen, was bedeutet denn das, was bedeutet denn Junge oder Mädchen sein. Und sie kriegen ganz viele Hinweise um sich herum und wollen diese Hinweise nachahmen.

Kleine Mädchen, zwei- bis fünfjährige, wollen noch nicht sexy sein, und trotzdem ahmen sie zum Beispiel eine Barbie nach oder eine Lillifee, die sich ganz klar um ihr Äußeres dreht, wo es ganz klar um Schönheit und Beauty geht, oder ein Einstieg dazu. Und das tun sie nicht, weil da irgendetwas drin ist, genetisch, was sie da hinzieht, sondern sie tun es, weil es ein Bild ist, das ihnen verkauft wird und das ihnen über Jahrtausende in unserer ganzen Abendländischen Kultur auch, in Grimms Märchen und so weiter, vermittelt wird. Mädchen sollen schön sein.

Führer: In Deutschlandradio Kultur spreche ich mit Stevie Schmiedel, sie ist die Initiatorin von Pink stinks Germany. Frau Schmiedel, nun könnte man ja aber trotzdem auch sagen, dass vielleicht die Mädchen selbstbewusst trotzdem pinke Sachen sich anschaffen möchten oder ihre Eltern eben darum anbetteln, das zu tun, und je intensiver sie diese Phase ausleben, dann ist es ja auch irgendwann wieder vorbei, und sie dann hinter sich lassen.

Schmiedel: Genau.

Führer: Vielleicht ist das alles gar nicht so dramatisch.

Schmiedel: Natürlich, die Rosaphase geht ganz bestimmt sogar vorbei, das kennen wir alle, irgendwann schneiden sie sich die Haare kurz und spielen Fußball. Und trotzdem sagen wir, dass die Rosaphase eine Einstiegsdroge ist zu Puppen wie meinetwegen Monster High, die sind auch alle in schwarz und grau, und trotzdem haben die anorektische Maße, und zu einer Akzeptanz für Serien wie "Germanys Next Topmodel", oder andere Serien, in denen es ganz stark ums Äußere geht. Und es ist einfach so, 2006 fühlten sich noch 70 Prozent der Mädchen wohl in ihrer Haut, 2012 waren es nur noch 47 Prozent. Das heißt, das Selbstbewusstsein von Mädchen schwindet zurzeit, wir haben unheimlich stark steigende Raten an Essstörungen in den letzten 20 Jahren zu verzeichnen, und an selbstverletzendem Verhalten.

Führer: Aber nicht nur bei den Mädchen, es ist ja auch bei den Jungs so, dass die inzwischen immer stärker auf ihr Aussehen achten, auf ihren Körper, auf ihre Frisur. Vielleicht geht es gar nicht so sehr um Geschlechterbilder, sondern um den Körper an sich, der sozusagen kolonisiert wird.

Schmiedel: Natürlich wird der Körper an sich kolonisiert, aber trotzdem ist es bei Mädchen nach wie vor stärker. Während sich nur 30 Prozent der Jungs unwohl in ihrer Haut fühlen, sind es bei Mädchen eben über 50 Prozent, und das ist noch ein großer Unterschied. Wenn sie um sich herumschauen, in Werbeplakaten, sind es 96 Prozent Frauen, die sexualisiert werden, und wenn Männer mal halb nackt von den Werbelitfaßsäulen herunterschauen, dann haben sie einen Blick, der sagt, vielleicht mag ich dich, vielleicht nicht, aber auf jeden fall bin ich der Begehrende. Mädchen hingegen sind diejenigen, die begehrt werden wollen, und das ist ja auch ein Bild, das sich über Jahrtausende vermittelt und das wir auch in der Spielwarenwelt wiederfinden, insbesondere bei Barbie.

Führer: Aber trotz dieser Werbung, trotz Glitzer, Pink und Rosa, es ist doch so, Frau Schmiedel, Mädchen sind besser in der Schule, sie machen häufiger Abitur als Jungen inzwischen, die Hälfte aller Studienabschlüsse werden von Frauen abgelegt, und sie stellen inzwischen auch fast die Hälfte aller Doktoranden. Also vielleicht ist es doch nicht so dramatisch, wie Sie meinen.

Schmiedel: Ja, aber trotzdem haben wir gerade eine Sexismusdebatte gehabt, die Aufschreidebatte, die ganz klar gezeigt hat, dass sich Frauen am Arbeitsplatz noch diskriminiert fühlen, dass sie noch zu oft das Gefühl haben, dass sie angemacht werden, obwohl sie nicht angemacht werden wollen, dass sexuelle Übergriffe noch genau so hoch sind und häufig, dass sich da in den letzten zehn Jahren nichts getan hat, und das zeigt eben ganz klar, dass wir in der absoluten Gleichberechtigung ganz bestimmt noch nicht angekommen sind.

Und wir fragen uns eben, wir haben diese Debatte angefangen Anfang des Jahres, und sie wird eben nicht zusammengebracht mit einem Barbie-Haus zum Beispiel, in dem Kinder an Cupcake-Backen und an Beauty herangeführt werden, nicht aber an räumliches Denken oder zum Beispiel die Jobwahl. Die Berufswahl von Mädchen heutzutage – die meisten Mädchen wollen Model oder Schauspielerin werden und nicht Maschinenbauerin. Wir haben nach wie vor in den Ingenieursstudiengängen nur zehn Prozent Frauen. Da liegt aber die Jobsicherheit, das heißt, ja, klar, bis zum Studium haben wir gute Zahlen, aber wie sieht es danach aus?

Führer: Das sagt Stevie Schmiedel, sie ist die Initiatorin von Pink stinks Germany, und diese neue rosa-pinke Mädchenwelt ist auch das Thema in unserer Debatte heute Nachmittag. Was halten Sie von all dem Spielzeug extra für Mädchen, alles in Rosa, meinen Sie auch, wie Frau Schmiedel, das macht die Kinder krank, oder ist das alles halb so wild? Das ist das Thema in unserer Debatte heute Nachmittag um zehn vor vier, und das war jetzt erst einmal Stevie Schmiedel, und ich danke Ihnen fürs Gespräch, Frau Schmiedel!

Schmiedel: Bitte schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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