Seit 05:05 Uhr Studio 9

Freitag, 18.10.2019
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 28.01.2019

Die "Potse" in BerlinEin Jugendzentrum kämpft gegen Verdrängung

Von Manfred Götzke

Podcast abonnieren
Aktivisten vor dem besetzten Jugendclub Potse und Drugstore am 02.01.2019 in Berlin. (imago/Markus Heine)
Aktivisten vor dem besetzten Jugendclub Potse und Drugstore am 02.01.2019 in Berlin. (imago/Markus Heine)

Das Potse ist eine Institution in Berlin. Seit mehr als 40 Jahren treffen sich Jugendliche in dem alternativen Jugendzentrum in Schöneberg, verwalten sich selbst und organisieren Konzerte. Doch jetzt droht das Aus.

Mit zwei Wärmflaschen in der Hand steht Willi an der Potsdamer Str. 180 in Schöneberg, den Blick nach oben gerichtet, in die zweite Etage des Hauses. Ein Fenster ist auf Kippe, eins offen, daneben das Transparent, "Potse bleibt". Er ruft einmal, zweimal, doch seine Leute hören ihn nicht.

"Wir wollten die Wärmflaschen hoch geben, damit sie die wieder aufwärmen. Die lassen dann so einen Beutel runter, wir packen da alles rein, dann ziehen die es wieder hoch."

Drinnen im alternativen Jugendzentrum Potse war er noch nicht, der 20-Jährige in schwarzen Punk-Klamotten ist zur Unterstützung, aus Solidarität hergekommen. Seit drei Stunden steht er an diesem Freitagnachmittag schon draußen in der Kälte. Denn rein kommen weder die Jugendlichen, die sich hier solidarisieren, noch sonst irgendwer. Die Potse-Mitglieder haben Angst, geräumt zu werden.

Die Eingangstür ist versperrt

"So versorgen wir die mit allem Möglichen, mit Essen und so, aber die hören gerade nicht..."

Seit einigen Tagen haben sich die Mitglieder des Jugendzentrums Potse sowie einige ihrer ständigen Besucher in den Räumen der zweiten Etage in der Potsdamer Str., 180 verschanzt. Auch ich als Journalist darf nicht rein, sie wollen nicht mal mit mir sprechen.

Die Eingangstür ist versperrt, blockiert von Lena und Hanna, beide heißen eigentlich anders, sind 15, gehen noch zur Schule. Den Rücken an die Tür gelehnt, liegen sie im Eingangsbereich eingemummelt unter drei Schlafsäcken und einer Plastikplane. Und zwar schon seit vier Stunden bei knapp unter Null grad.

"Es sind durchgängig Leute da, und ich bin seit dem ersten Tag da. Weil wir wollen, dass die Potse bleibt oder gleichwertige Ersatzräume bekommt."

"Auf jeden Fall halten die Leute hier seit zwei Wochen durch, was ich krass finde, weil das Wetter nicht so ist, dass man sich draußen aufhalten kann."

Demonstranten während der Kundgebung vor dem besetzten Jugendclub Potse und Drugstore am 02.01.2019 in Berlin. (imago/Markus Heine)Demonstranten während der Kundgebung vor dem besetzten Jugendclub Potse und Drugstore am 02.01.2019 in Berlin. (imago/Markus Heine)
Peter – auch er heißt eigentlich anders – ein 38-jähriger Bekannter hockt neben ihnen, eine Mate in der Hand. Tag und Nacht halten sie hier eine Mahnwache für die Potse und den benachbarten Jugendclub Drugstore ab. Sie demonstrieren dafür, dass die autonomen Jugendzentren vom Bezirk Tempelhof-Schöneberg ein gleichwertiges Ausweichquartier gestellt bekommen. Was ihnen das Bezirksamt bislang angeboten hat, lehnen die Mitglieder ab.

Der Mietvertrag ist an Silvester ausgelaufen

"Bandproben und Konzerte sind da nicht möglich, was ja einen Teil der Sache hier ausgemacht hat. Bei einem Ersatz sollten die gleichen Sachen möglich sein, alles andere ist Verarschung."

Der Mietvertrag für die Räume hier ist an Silvester ausgelaufen. Damals haben 150 Menschen dafür demonstriert, bleiben zu dürfen.   

"Ich war bei der Demo dabei und fand die Aktion gut und unterstütze das halt auch, weil Gentrifizierung einfach scheiße ist und man dagegen kämpfen sollte."

"Das ist ja ein Prozess, der schon seit 20 Jahren läuft, dass alles, was nicht kommerziell ist, schlecht gemacht wird, versucht wird zu vertreiben. Und bei ganz vielen Sachen, laufen jetzt die Mietverträge ab und die werden halt nicht verlängert. Dann versuchen die Leute, das loszuwerden, um da was hinzuschicken, was mehr Miete bringt, mehr Einkommen bringt. Das ist das Problem, dass es nur um irgendwelche wirtschaftlichen Dinge geht und nicht darum, wie die Menschen hier eigentlich zusammen leben wollen."

"Ich hab schon vor 20 Jahren hier gefeiert"

Vor den beiden Mädchen auf dem Gehsteig stehen ein paar Flaschen Clubmate, Chipstüten, eine halbvolle Kiste Sternburger Bier – für die Spätschicht, sagt Peter. Im Gegensatz zu den beiden Schülerinnen, die den Jugendclub noch nie von innen gesehen habe, kommt er schon seit vielen Jahren immer wieder her.

"Ich hab mich schon vor 20 Jahren hier aufgehalten und gefeiert. Die Potse ist ein Laden, wo Jugendliche Konzerte veranstalten können und feiern können. Es gibt keine Eintrittspreise. Es gab hier immer ein breites Angebot, was man machen kann, es ist selbstverwaltet. Autonom, selbstverwaltet, von den Jugendlichen für die Jugendlichen, nicht dass da jemand kommt. Die Leute bestimmen in ihren Plena, was sie tun wollen und wie, ohne dass irgendwer die Kommandos gibt."

"Wir sind in Gesprächen"

Im Büro von Bezirksstadtrat Oliver Schworck türmen sich die Akten schon auf dem großen Konferenztisch. Auch die Weihnachtsdeko und Weihnachtssüßigkeiten sind noch liegen geblieben. 

Schworck leitet das Amt für Jugend, Gesundheit, Schule und Sport im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg mit seinen 350.000 Einwohnern. Schon in normalen Zeiten kein einfacher Job, seit ein paar Monaten befasst er sich aber gut einen Tag pro Woche ausschließlich mit den Jugendzentren Potse und Drugstore.

"Wir sind auch in Gesprächen, nach wie vor mit beiden Einrichtungen und versuchen, klarzumachen, dass unsere Bemühungen nicht eingestellt sind, alternative Lösungen zu finden."

Das eigentliche Ausweichquartier hat Schworck schon längst angemietet, sein Amt lässt gerade neue Räume an der Potsdamer Straße 134 herrichten. Doch Punk-Konzerte, wie sie die Potse bislang regelmäßig veranstaltet hat, sind dort nicht erlaubt. Aber auch dafür hat Schworck schon eine Lösung gefunden, eigentlich.

Demosntranten und Polizei stehen am Jugendzentrum Potse Potsdamer Straße.  (picture alliance/dpa/Foto: Paul Zinken)Demosntranten und Polizei stehen am Jugendzentrum Potse Potsdamer Straße. (picture alliance/dpa/Foto: Paul Zinken)
"Ganz konkret waren jetzt im Gespräch ein Hangar im ehemaligen Flughafen. Da muss man immer gucken, wie ist die Zugänglichkeit, wie kann man das nutzen, das wird dann, wenn von Potse signalisiert wird, dass diese Räume annehmbar sein könnten, konkretisiert."

Nur: Die Vertreterinnen des Vereins Potse sind mit dem Ort offenbar nicht einverstanden. Alternativen zu finden, ist sehr, sehr schwierig, sagt der Stadtrat.

"Wir nehmen schon seit vielen Jahren wahr, dass es ganz schwierig ist, Räume zu finden und wenn sie dann Räume gefunden haben, gerade auch solche Nutzungen unterzubringen, scheitert entweder am Lärmschutz oder am Eigentümer, der das nicht haben möchte."

Das wäre teuer

Schworck denkt auch darüber nach, den Hochbunker in der Pallasstraße direkt neben dem Zentrum ausbauen zu lassen. Allerdings wäre das teuer, und die Räume zu groß für die beiden Jugendzentren allein. Da müssten sich andere Bezirke oder der Berliner Senat beteiligen.

"Der gehört uns. Ich könnte mir vorstellen, wenn man die Landesebene überzeugt, dass wir hier einen Hotspot kultureller Art entwickeln könnten, dass vielleicht dann auch das Interesse besteht sich an den Kosten zu beteiligen. Und den Bunker dann in einer bestimmten Art und Weise herzustellen."

Mindestens drei Staatssekretäre, das Berliner Abgeordnetenhaus, auch der Kultursenator befassten sich mittlerweile mit einer Lösung, erzählt Schworck. Die beiden Jugendzentren, die es seit den 70er-Jahren in Schöneberg gibt, sie sind zu einem Symbol geworden – für alles was momentan falsch läuft in Berlin, sagt der Jugendstadtrat. Gentrifizierung, Verdrängung – das Verschwinden von Freiräumen.

Versuch, ihnen den Hangar schmackhaft machen

"Wir finden, dass solche Angebote auch existieren müssen, dass sie bleiben müssen, weil genau für die Menschen, die da hingehen, sonst nur sehr, sehr, sehr wenige Angebote in Berlin bestehen. Wir sind der Meinung, dass wir für alle da sind und deswegen solche Räume haben müssen."

Schworck wird in den nächsten Tagen nochmal versuchen, mit den Vertretern des Vereins zu verhandeln, ihnen den Hangar schmackhaft zu machen. Doch eins ist auch klar: Lange können sie die Räume nicht mehr – widerrechtlich weiter nutzen.

"Die Verhandlungen sind mitunter aufwändig und anstrengend und wir haben keinen Mietvertrag und deswegen müssen uns diejenigen, die die Räumlichkeiten nutzen, die Räume übergeben. Wenn sie das nicht machen, müssen wir alle rechtlichen Maßnahmen ausschöpfen, damit wir diese Räume wieder zurück bekommen."

Vor dem Eingang des Potse wird es langsam dunkel an diesem Nachmittag, Hanna und Lisa haben sich die dicken Schlafsäcke bis übers Kinn gezogen. Wie lange die beiden heute noch ausharren, wissen sie nicht. Was sie jetzt auf jeden Fall gebrauchen könnten: Ein paar aufgewärmte Wärmflaschen von oben.

Mehr zum Thema

Angst vor Verdrängung - Ein Haus im Widerstand
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 12.03.2018)

Überraschende Wende in Berlin - Wie ein Mietshaus rekommunalisiert wurde
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 21.01.2019)

Mieterinitiative "BoeThie bleibt!" - Vom Kampf gegen eine dänische Pensionskasse
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 21.01.2019)

Länderreport

Cittaslow in MecklenburgDer Zukunft entgegenschleichen
Ansicht der Alten Burg Penzlin und umliegender Wiesen an einem sonnigen Sommertag. (Picture Alliance / dpa - Report / Hans Wiedl)

Bauernmärkte statt Discounter, Stadtfeste ohne Wegwerfgeschirr: Penzlin in Mecklenburg, Mitglied im Cittaslow-Netzwerk, setzt auf Umweltschutz, Regionalität und Entschleunigung. Das passt zum grünem Zeitgeist – und will doch nicht politisch sein.Mehr

Geschichte der KleingärtenDer Schatz der Laubenpieper
Eine Bochumer Kleingartenkolonie in Hufeisenform aus der Vogelperspektive. (imago/Hans Blossey)

Kleingartenkolonien sind ein wertvoller Teil der Stadtbaugeschichte, sagt der Historiker Roman Hillmann. Wer eine Kolonie abreißen lässt, vernichte mit ihr nicht nur eine Grünfläche, sondern auch einen architektonischen Mikrokosmos.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur