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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 05.12.2007

Die Post wird bunter

Vom liberalen Gang der Briefzustellung

Von Ute Krupp

Briefbotin in Frankfurt (AP)
Briefbotin in Frankfurt (AP)

In Deutschland wird zu Beginn des kommenden Jahres das Briefmonopol der Deutschen Post aufgehoben Dass der Wettbewerb dann funktioniert, wird von Seiten der privaten Mitanbieter auf dem Zustellmarkt seit der Festlegung eines Mindestlohnes allerdings heftig bestritten. Der Brief und die Briefzustellung ist Teil unseres Alltags, der sich gewiss nicht auf die Ökonomie reduzieren lässt. In der langen Entwicklung dieser schriftlichen Kommunikation spiegelt sich ein Stück Kulturgeschichte mit ihrer ganz irdischen Seite.

Sylvia Blesing: "Das ist eine Einigung gewesen in Gesamteuropa, dass die Postmärkte geöffnet werden und die bisher staatlichen Unternehmen eben zu eigenständigen Firmen werden, und diese Einigung ist getroffen worden, und wir haben uns sehr konsequent daran gehalten, und werden jetzt dann 2008 den Markt völlig frei haben und werden uns im Wettbewerb bewegen."

Eigentlich könnte man davon ausgehen, dass sich erst ab dem kommenden Jahr neue Briefanbieter auf dem deutschen Markt etablieren werden. Aber in Wirklichkeit sieht es ganz anders aus. Denn der Wettbewerb hat längst begonnen. Konkurrenz bekam die gelbe Post schon vor einiger Zeit. Neue Zusteller in orangefarbener oder grüner Kleidung bevölkern heute die Straßen und machen der Post Marktanteile streitig.

"Schick es grün"

- wirbt PIN, einer der neuen Firmen, mit der grünen Farbe ihrer Boten. Und keiner weiß, ob und wie viele weitere Postdienstleistungsunternehmen nächstes Jahr noch hinzu kommen werden.


Bei der Deutschen Post setzt man auf die jahrelange Erfahrung beim Zustellen von Briefen und hofft, mit diesem Know-how auf dem freien Markt ab nächstem Jahr gut bestehen zu können.

Zum Standard des Unternehmens gehören ein flächendeckendes Netz, aber auch neueste technologische Systeme. So wird erreicht, Briefe innerhalb kürzester Zeit vom Absender zum Empfänger zu befördern.

Vier bis fünf Tage dauerte die Briefzustellung in der DDR, in der Bundesrepublik damals zwei, maximal drei Tage. Nach der Wiedervereinigung arbeitete die Deutsche Post daraufhin, diese Zeit auf einen Tag zu reduzieren. Diese schnelle Zustellung von gegenwärtig 70 Millionen Briefen pro Tag wurde möglich, weil die Post im vergangenen Jahrzehnt ihr Bearbeitungskonzept modernisiert hat. Dazu Sylvia Blesing von der Deutschen Post.

"Wenn Sie den Brief in einen Briefkasten einwerfen, dann wird der Briefkasten von einem unserer Kastenleerer geleert, der fährt mit diesem Brief zum Briefzentrum, das ist davon abhängig, wo Sie den Brief eingeworfen haben. Dort wird dann dieser Brief aus der Kastenpost kommend aufgestellt, gestempelt, er wird dann mit einem Identcode versehen, mit diesem Code ist er in allen Briefzentren, wir haben insgesamt 82, lesbar. Und nach einer bestimmten Zeit, das liegt bei uns immer so gegen halb 10 Uhr, wird dieser Brief in einen LKW verladen und wird dann auf die Strecke gebracht. Ein Teil der Post befördern wir per Luftpost, mit dem Flieger. Und einen anderen Teil, da benutzen wir nach wie vor die Straße, ganz traditionell."

Vor über 100 Jahren, genau an der Wende zum 20. Jahrhundert, wurde in Deutschland die Briefzustellung zum Monopol der Reichspost erklärt.

Bereits damals begann man damit, den jeweils neuesten technischen Standard einzusetzen - und so nach und nach die Geschwindigkeit der Briefzustellung zu verbessern.

Briefpostkästen, Briefträger, Briefmarken, alles, was wir heute kennen und mit dem Verschicken von Briefen verbinden, gab es in den Anfangszeiten des Briefes nicht.

Briefe sind Nachrichten, private oder berufliche Botschaften, die von einem Absender zum Empfänger gebracht werden müssen. In allen europäischen Ländern nutzten die Privilegierten über Jahrhunderte die Kommunikationstechnik des Briefes exklusiv, denn sie konnten lesen und schreiben. Dem Volk war diese Art, sich mitzuteilen, nicht zugänglich. Oder - wie in Frankreich - sogar verboten.

Man brauchte Boten, um die Briefe überbringen zu lassen. Nur wer diese bezahlen konnte, hatte überhaupt die Möglichkeit, schriftliche Mitteilungen zu verschicken. Mit dem Pferd, später dann mit der Kutsche, machten sich diese Boten auf den Weg. Ihre Zustellung dauerte oft Wochen oder Monate.

Könige und Fürsten verfügten stets über solche Boten. Zum Adel kamen bald religiöse Orden als Auftraggeber schriftlicher Mitteilungen hinzu, später dann Kaufleute und Universitäten.

Sylvia Blesing: "Einer der ältesten Briefbeförderer in Deutschland, das sind ja die Fürsten von Thurn und Taxis gewesen, die vor über 500 Jahren so ein Beförderungsgesetz aufgebaut haben. Und da gab es tatsächlich diese Postillione, und die haben ihr Kommen mit diesem Posthorn angezeigt, dieses Posthorn ist über die Jahrhunderte, muss man jetzt schon sagen, immer das Symbol für die Deutsche Post gewesen. Immer ein bisschen in veränderter Form. Ganz am Anfang hat man tatsächlich noch dieses Musikinstrument erkannt, es hatte dann irgendwann so einen Schmuck unter dran - und jetzt haben wir eine sehr vereinfachte Form, aber es ist immer noch das Posthorn."

Vor allem reiche Kaufleute waren daran interessiert, ein Zustellnetz für Briefe aufzubauen. Deshalb wurden in Städten wie Augsburg, Köln, Frankfurt, Brüssel und Mailand die ersten Postämter gegründet. So mussten Briefboten im 16. Jahrhundert nicht mehr den ganzen Weg bis zum Empfänger zurücklegen, sondern die Briefe nur noch bis zu einem dieser Postämter bringen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg dann richtete man solche zentralen Ämter in vielen, auch kleineren Orten ein.

Die Briefe wurden zu diesen Standorten gebracht, dann von dort aus weiter verteilt. Bei den Postämtern war es den Boten auch möglich, ihre Pferde zu wechseln. In Preußen blieb es ab 1680 dem Empfänger überlassen, sich in den Posthäusern über angekommene Briefe zu informieren und sie abzuholen.

Auf Wunsch des Kunden ließen die Postmeister gegen Bezahlung auch Briefe durch Privatdiener austragen. Solche Dienstleistungen innerhalb der Orte waren aber noch nicht die Regel. Dennoch: diese Boten von damals bildeten die Vorläufer der heutigen Briefträger.

Briefe, Ausdruck des Herzens (AP)Briefe, Ausdruck des Herzens (AP)Das 18. Jahrhundert gilt als die Blütezeit des Briefes. Geschrieben von einer kleinen Schicht Gebildeter. In Deutschland dominierte bis dahin das amtliche Schreiben und der schwerfällige Gelehrtenbrief, die der damaligen Sitte entsprechend viele umständliche Floskeln enthielten.

Lessing und Gellert ermutigten ihre Zeitgenossen, den Brief als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit zu sehen und führten einen ganz anderen Briefstil ein.

"So viel ist gewiss, dass wir in einem Briefe mit einem anderen reden, und dass dasjenige, was ich einem auf einem Blatt schreibe nichts anderes ist, als was ich ihm mündlich sagen würde, wenn ich könnte."

Meint Christian Fürchtegott Gellert in seinem Aufsatz "Gedanken von einem guten deutschen Briefe" - und er schlug vor, Sätze in Briefen denen aus mündlichen Gesprächen anzugleichen, Floskeln zu vermeiden sowie über Befindlichkeiten und Herzensangelegenheit zu schreiben. Situationen sollten in Briefen zum Ausdruck kommen, die in den Jahrhunderten davor keiner schriftlichen Mitteilung würdig waren.

Was in der damaligen Zeit noch ungewöhnlich war, nämlich das Mitteilen von spontanen Gefühlen wie beispielsweise Begeisterung, aber auch Liebeskummer oder Wut, das gehörte wenige Jahrzehnte später dann zum Selbstverständnis der Briefschreiber. Privatbriefe, besonders Liebesbriefe, die geschrieben und verschickt wurden oder auf die eine zweite Person sehnsüchtig wartete, gingen in die Literatur, die Musik und später dann den Film ein. Und der Brief verkörperte in der Kunst meistens die Sehnsucht nach Liebe, das Hoffen auf eine gute Nachricht.

" Von der Straße her ein Posthorn klingt.
Was hat es, dass es so hoch aufspringt,
Mein Herz?
Was hat es, dass es so hoch aufspringt, mein Herz. Mein Herz"


So heißt es in der "Winterreise" von Wilhelm Müller und Franz Schubert. Schuberts Reisender hofft auf Post. Und auf einen Brief warten, das hieß auf die Liebe eines anderen Menschen hoffen, die sich darin mitteilt.

"Die Post bringt keinen Brief für dich. Was drängst du denn so wunderlich. Mein Herz.
Mein Herz. Die Post bringt keinen Brief für dich. Mein Herz. Mein Herz. Was drängst du denn so wunderlich. Mein Herz. Mein Herz."


Das lyrische Ich hört ein Posthorn und fühlt Freude, ohne zunächst zu wissen warum. Dann fällt ihm ein, dass die Post aus der Stadt seiner ehemaligen Angebeteten kommt - er möchte zu ihr zurück. Briefe wurden in der Romantik zum Inbegriff der Sehnsucht. Das Warten auf den lange ersehnten Brief konnte aber auch zur seelischen Qual ausarten, zum Ausdruck einer verzweifelten Einsamkeit werden.

Mit der Industrialisierung im neunzehnten Jahrhundert beschleunigte sich die Zustellung von Briefen. Einen Meilenstein in dieser Entwicklung stellten die Postbriefkästen dar, in die man zu jedem Zeitpunkt Briefe einwerfen konnte. Sie hatten den großen Vorteil, dass diejenigen, die Briefe aufgeben wollten, nicht mehr auf einen Boten zu warten brauchten.

Anke Höwing ist Referentin für Sammlungen am Museum für Kommunikation in Berlin.

"In Preußen gibt es seit 1824 Briefkästen. Es gab eine Verordnung, dass im preußischen Lande Briefkästen aufgehängt werden müssen. Die Akzeptanz war allerdings nicht allzu groß. Sie waren aus Holz, diese Briefkästen. Damit auch leicht zu demolieren. Dann standen vorne Verhaltensregeln drauf. Es gab ja noch keine Briefmarken, die wurden erst 1850 eingeführt."

Eines der ersten Gedichte, das sich mit Briefkästen beschäftigt, ist in Paris entstanden und beschreibt, was der Verfasser, dessen Name nicht überliefert ist, sich beim Anblick eines Briefkastens vorstellte:

Zahlreiche Kasten sieht man hängen,
Sowohl in breiten Gassen wie in engen,
Worein durch einen Diener man
Pakete legen lassen kann,
Briefe, Billette und Urkunden
In allen Nacht- und Tagesstunden.


Auf viele Menschen damals wirkten diese Behälter zum Sammeln von Briefen äußerst befremdlich. Deshalb standen auf den ersten Briefkästen Verhaltensregeln drauf, nämlich, dass man in die Behälter "nur unbeschwerte Briefe" einwerfen solle. Diese ersten Briefkästen waren mit zahlreichen Ornamenten versehen.

Anke Höwing: "Ab 1850 sind gusseiserne Briefkästen eingeführt worden, die führten jeweils noch die Landesfarben, Preußen, Bayern, Baden-Württemberg, alle hatten unterschiedliche Farben, ab der Reichseinigung 1871 wurde Preußischblau als einheitliches Blau für die Briefkästen eingeführt."

Mit der Einführung von Briefmarken gelang es, die Portopreise zu vereinheitlichen. Denn bevor es Briefmarken gab, war es üblich, die Preise für die Zustellung eines Briefes individuell auszuhandeln. In diesen Zeiten zahlte jeweils der Empfänger das Porto, nicht der Absender.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden Briefe dann nicht mehr nur mit Kutschen, sondern auch mit der Bahn transportiert und während der Fahrt sortiert. Unterteilt waren diese Bahnpostwagen meistens in zwei Packräume und einen Büroraum. Die ersten Bahnpostwagen waren aus Holz gefertigt, unbeheizt, schlecht belüftet. Nachdem zahlreiche Beschwerden von Mitarbeitern eingegangen waren, ließ man sie modernisieren. Das Sortieren der Post in der Bahn nahm viel Zeit in Anspruch. Das hatte vor allem damit zu tun, dass Briefe noch nicht standardisiert waren.

Anke Höwing: "Sie waren im 19. Jahrhundert noch nicht einer Norm unterworfen, die Briefe. Die sind erst später normiert worden. Ein Blatt wurde zusammengefaltet, der Text war innen drin, außen wurde versiegelt der Brief - und wurde dann aufgegeben."

Es war damals an der Tagesordnung, dass Briefe abgefangen und vorab gelesen wurden. Schnüffelei, Intrige und Kontrolle von Briefinhalten gehörten lange zum Alltag. Einer der Gründe dafür war, dass es noch keine Hausbriefkästen gab und der Postillion Briefe in Nachbarhäusern oder manchmal sogar in Nachbarorten abgab. Um das Briefgeheimnis zu wahren, faltete, schnürte und versiegelte man die Mitteilungen..

Haustüren mit einem Briefschlitz gab es bereits im 19. Jahrhundert. Nach und nach setzte die Post aber auf richtige Hausbriefkästen. Die Eigentümer wurden verpflichtet, solche Briefkästen aufzuhängen. Ihre große Verbreitung im 20. Jahrhundert machte es möglich, dass Briefe direkt zugestellt werden konnten. Der Briefbote musste nun nicht erst klingeln und warten, dass ihm irgendjemand öffnete, sondern konnte die Post in den entsprechenden Briefkasten einwerfen.

Vieles veränderte sich bei der Briefzustellung seit Beginn des letzten Jahrhunderts. In den zwanziger Jahren führten Modernisierungsimpulse aus Amerika zu einer effektiveren Gestaltung der Arbeit innerhalb der Postämter. Eine damals neue alphabetische Methode wurde eingeführt, um Briefe schneller sortieren zu können. Außerdem sollten Maschinen nach und nach menschliche Arbeitskräfte ersetzen. Betriebsabläufe wurden vereinfacht. Die Post führte zur Arbeitsbeschleunigung Briefstempelmaschinen, Förderbänder und Aufzüge ein.

Viele Menschen waren vom Land in die Stadt gezogen. Das Schreiben und Aufgeben von Briefen gehörte längst zum Alltag aller Bevölkerungsgruppen, war nicht mehr nur einer kleinen Oberschicht vorbehalten. Zirka 300.000 Briefe wurden in der damaligen Zeit pro Tag befördert.

Auch bei den Transportfahrzeugen entschied sich die Post, die jeweils modernsten einzusetzen. Kutschen wurden deshalb ganz abgeschafft. Neben der Bahn übernahmen mehr und mehr Autos die Aufgabe, Briefsendungen zu den entsprechenden Zielen zu bringen.

Anke Höwing: "Die Kleidung der Postillione wurde immer praktischer. Sie mussten ja bei Wind und Wetter rum reisen. Ganz moderne Kleidung, in unserem heutigen Sinne, wurde erst nach dem Weltkrieg eingeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg."

Briefe konnten damals innerhalb von 2 bis 4 Tagen den Empfänger erreichen - zumindest innerhalb der Städte.

Anke Höwing: "Die Briefträger hatten nach dem Zweiten Weltkrieg, Ost wie West, eine dunkelblaue Uniform, sie unterschied sich durch Hoheitszeichen: der Bundespost und der Deutschen Post der DDR. Grundsätzlich eine Schirmmütze für die Männer. Einen normalen dunkelblauen Anzug für die Herren. Großartige Unterschiede gab es nicht. Die DDR führte ab 1976 eine neue Uniform ein in so einem Taubenblau. Ab da unterschieden die sich ganz erheblich, die Uniformen Ost wie West."

Auch bei den Postbriefkästen gab es in Deutschland im Laufe der Jahrzehnte unterschiedliche Farben. Von 1871 bis 1933 waren sie blau, dann rot bis 1945. Jede Zeit verwendete eine eigene Farbe. In der Nachkriegszeit wurde dann in West und Ost die Farbe gelb eingeführt.

Anke Höwing: "Die Briefkästen wurden einfach nur überlackiert. Sie wurden nicht ausgetauscht, sie wurden gelb übermalt."

Eine Mitarbeiterin der Deutschen Post sortiert Briefe im Briefzentrum im Güterverkehrszentrum in Erfurt. (AP)Eine Mitarbeiterin der Deutschen Post sortiert Briefe im Briefzentrum im Güterverkehrszentrum in Erfurt. (AP)Der Wirtschaftsaufschwung in den fünfziger und sechziger Jahren führt zu einer allgemeinen Beschleunigung des Informations- und Warenaustauschs, in der auch die Menge der Briefe weiter anwuchs. Es war die Zeit, in der man über steigende Personalkosten nachdachte und noch stärker auf Automatisierung setzte. Die Post entwickelte automatische Briefverteilanlagen, in denen die drei Arbeitsschritte - Codieren, Vorverteilen. Feinverteilen - in einem bewältigt werden konnten. Auch an den Briefkästen ging - teilweise - der Zug der Zeit nicht vorbei.

Anke Höwing: "Es wurden neue Briefkästen entwickelt, kreiert, neue Materialien eingesetzt. In den 60er Jahren kam der Kunststoff hinzu. In der DDR gab es aber noch die gusseisernen Briefkästen aus der Zeit um 1900."

"Schon Anfang nächsten Jahres soll ein Teil jener Arbeit, die gemeinhin in Postämtern anfällt, von den Briefschreibern selbst bewältigt werden: Sie sollen jedes Kuvert mit Postleitzahlen versehen."

Diese Zeilen standen Anfang der sechziger Jahre im "Spiegel" - der damals in einem Artikel über die Einführung der vierstelligen Postleitzahl berichtete. Wenig später gab es sie auch in der DDR. Damit konnte die Post Maschinen einsetzen, die mit Abtasteinrichtungen die codierten Postleitzahlen erkannten und so die Briefe in die dafür vorgesehenen Fächer leiteten.

Eine halbe Million Briefsendungen konnte so innerhalb kürzester Zeit auf den Weg gebracht werden. Solche Modernisierungen, zu denen auch der Transport per Flugzeug gehörte, ermöglichten es der Post eine Zustellung innerhalb von etwa zwei Tagen zu sichern.

Um Briefe aber innerhalb eines einzigen Tages zustellen zu können, mussten neue Organisationsstrukturen eingeführt werden. Dazu Sylvia Blesing:

"Ende der 90er Jahre haben wir praktisch unser gesamtes Bearbeitungskonzept verändert. Wir hatten bisher über 500 Bearbeitungsstellen bundesweit. Sie müssen sich das so vorstellen, dass es in jeder größeren und kleineren Stadt ein es ein sogenanntes Verteilamt gab, ein zentrales Ein- und Abgangsamt. Dort sind alle Briefe, die angekommen sind, erst mal bearbeitet worden und dann in die angeschlossenen Postämter verteilt worden. Wir haben uns von diesem großen Netz getrennt und haben die Vielzahl der Bearbeitungsstellen, dann aber auch die Vielzahl der Anfahrtsstellen, das ist ja auch eine Streckenleistung, die wir da erbracht haben, reduziert auf 82 Briefzentren. Und diese Briefzentren sind für Postleitzahlenbereiche zuständig."

E-Mails und SMS brachten der Post im vergangenen Jahrzehnt eine neue Herausforderung: Diese Kommunikationstechniken ermöglichen eine Übertragung von Nachrichten innerhalb von nur wenigen Sekunden. Und so wurde aus der Briefpost, bei der man lange daraufhin gearbeitet hatte, sie an einem einzigen Tag zuzustellen, eine Art Schneckenpost im Vergleich zu diesen neuen Möglichkeiten

Sylvia Blesing: "Ganz viele, auch Privatleute, weichen auf E-Mail aus, das merken wir, wir steuern dem entgegen, indem wir zum Beispiel bei Geschäftsleuten auch Angebote unterbreiten, wie man zum Beispiel Post elektronisch zu einem Punkt übermittelt, die dort ausgedruckt und dann ganz normal vom Postboten gebracht wird. Natürlich merken wir, dass die Technik sich auf unsere Sendungsmenge auswirkt."

SMS und E-Mail sind nicht nur schneller, sondern auch billiger, und sie werden sowohl im privaten Bereich als auch im beruflichen eingesetzt. Im letzten Jahrzehnt verlor die Post deshalb einen größeren Anteil der täglichen Briefmenge.

Dennoch - trotz E-Mail und SMS - läuft auch heute noch ein wesentlicher Teil der lokalen, nationalen und internationalen Briefe über Postämter, die den Anfang des gesamtgesellschaftlichen Kommunikationswesens bildeten.

Ein Zusteller eines privaten Postdienstes radelt durch Gelsenkirchen. (AP)Ein Zusteller eines privaten Postdienstes radelt durch Gelsenkirchen. (AP)Aber auf dem Weg zur Liberalisierung entstand in den letzten Jahren eine erneute, andere Konkurrenzsituation. Neue Briefzustellfirmen haben sich bereits vor Ablauf des Monopols auf dem Markt für Briefe bis 50 Gramm etablieren können. Und bei der Post rechnet man deshalb noch einmal mit einer abnehmenden Briefmenge in den kommenden Jahren.

Vor allem die Briefzusteller der unterschiedlichen Anbieter sind in den letzten Wochen in den Blick der öffentlichen Wahrnehmung und der Medien geraten.
Michael Schewosny arbeitet bei der Deutschen Post.

"Oh, ja, kann sich heute jeder bewerben, ich habs damals mal gelernt. Dat war 1971. Eigenschaften? Na ja. Wetterfest, na ja, man gewöhnt sich dran. Wenns geht natürlich schnell, will der Arbeitgeber jedenfalls so. Und ja zuverlässig. Sonst fällt mir eigentlich auch nichts ein. Das kann ja eigentlich jeder Mensch machen, wenn er angelernt ist. Im Jahr kann ich zwei Jacken, drei Hosen, paar Hemden bestellen, wir haben da so ein Punktesystem bis zu 78 oder 82 Punkte. Die Jacke hier hat zehn oder sechs Punkte, so was kann ich mir jedes Jahr wieder bestellen."

Bis auf die Schuhe bekommen die Postbriefboten ihre Kleidung gestellt. Das ist auch bei dem alternativen Briefanbieter PIN so, da dominiert die grüne Farbe. Unterschiede gibt es bei der Ausbildung der Briefboten. Noch einmal Sylvia Blesing von der Deutschen Post:

"Wir haben, wie jede andere Firma, sehr strenge Auswahlverfahren. Und die lernen einmal, welche Briefarten gibt es, es gibt Einschreiben, es gibt Nachnahmen. Wir haben eine Vielzahl von Angeboten, die der Briefträger an der Tür mit dem Kunden erledigt. Das lernen die in dieser Zeit. Gleichzeitig haben die noch eine Berufsschulausbildung wie Postverkehrskunde, auch Mathematik, auch Buchhaltung. Das lernen die da auch alles. Das ist der Einstieg über die Ausbildung. Dann gucken wir uns natürlich die Zeugnisse an. Ein guter Hauptschulabschluss oder auch ein Realschulabschluss ist schon erforderlich."

Allerdings gibt es bei der Deutschen Post auch den Quereinstieg. Menschen, die in anderen Berufen gearbeitet haben und arbeitslos geworden sind, können über eine Umschulung Briefzusteller werden.

Auch PIN hat in den letzten beiden Jahren viele Briefzusteller eingestellt und die tragen Briefe, da sie größere Strecken zurücklegen als die Postboten, meistens mit Hilfe von Fahrrädern aus. PIN befördert vor allem Geschäfts- und Behördenpost zu den privaten Haushalten.

Seit 2005 besteht die Firma PIN auf dem deutschen Markt, die mit dem Anspruch antrat, die Nummer eins auf dem deutschen Briefmarkt zu werden. PIN ist der größte private Anbieter in Deutschland und noch darum bemüht, ein flächendeckendes Netz auszubauen. Die Firma hat eigene Briefmarken entwickelt. Es sind Marken mit Tier- und Pflanzenmotiven. Sie werden einzeln oder als Zehnerheftchen verkauft.

Auch PIN wirbt Leute, die bereits in anderen Berufen gearbeitet haben, aber auch Berufsanfänger, als Zusteller an.

"Es ist eine Dreiwochenausbildung, und dann muss man immer regelmäßig zur Schule gehen."

Sagt ein Mitarbeiter von PIN. Er wollte seinen Namen nicht nennen aus Sorge, dass sein Sechsmonatsvertrag dann möglicherweise nicht verlängert wird. Nicht nur die Ausbildung unterscheidet die Briefzusteller der verschiedenen Anbieter, sondern auch ihre Arbeitsbedingungen.

Michael Schewosny: "Das ist erst mal das Gehalt, das die viel weniger verdienen. Und wenn ich das sehe, noch länger auf der Straße sind, damit sie vielleicht Geld verdienen. Die haben nicht so viel wie wir, die Bezirke sind noch größer. Die haben in jedem Haus zwei, drei Briefe, wo ich mit zwanzig, dreißig reingehe. Die haben nicht so viele große Sachen wie Werbung und so. Die haben keine Schlüssel für Häuser. Wat bei uns auch wieder ein Vorteil ist."

70 Millionen Briefe sind es pro Tag. Und es werden nicht mehr. Der Briefmarkt ist keine Wachstumsbranche! Das heißt, eine konstante beziehungsweise eher leicht abnehmende Menge an Briefen verteilt sich seit einiger Zeit auf mehrere Anbieter.

Die Kunden können wählen zwischen einer Briefzustellung von PIN, die ein paar Cent billiger ist als bei der Deutschen Post und dafür länger dauert oder weiterhin über die Deutsche Post verschicken, was etwas teurer ist, aber schneller geht, nämlich innerhalb eines Tages.

In wenigen Wochen wird das Postmonopol für Briefe bis 50 Gramm auslaufen. Es bleibt abzuwarten, wie viele neue Anbieter dann noch auf den Briefmarkt drängen werden. Bei der Deutschen Post gibt man sich zuversichtlich, und diese Zuversicht hat zu tun mit dem hohen technischen Standard dieses Unternehmens und dem flächendeckenden Zustellnetz. Damit hofft man bei der Post, auch in Zukunft bestehen zu können.

Sylvia Blesing: "Es ist tatsächlich so, dass wir ganz konsequent weiter darauf setzen, dass die Qualität unserer Leistung sehr gut ist. Wir haben uns ja auch auf den Wettbewerb vorbereitet, auch durch die zunehmende Technisierung. Wir haben Managementstrukturen vereinfacht, wir haben ganz neue Angebote wie beispielsweise Packstationen oder elektronisches Frankieren eingeführt, wir haben einfach das Spektrum massiv erweitert von einer normalen Beförderungspost hin zu einer Post, die doch ein sehr breitgefächertes Angebot hat."

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