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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.08.2009

Die politische Stimme der Familie Mann

Irmela von der Lühe: "Erika Mann", Rowohlt 2009, 480 Seiten

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Die Familie Mann bei ihrer Ankunft in New York 1939. In der Mitte Erika Mann. (AP Archiv)
Die Familie Mann bei ihrer Ankunft in New York 1939. In der Mitte Erika Mann. (AP Archiv)

Unter den Frauen der Mann-Sippe, in der es an ungewöhnlichen Gestalten nicht fehlte, war Erika Mann mit Abstand die schillerndste und widersprüchlichste. Geboren 1905 als älteste Tochter von Thomas und Katia Mann, lebte die geschiedene Gründgens und (schein-)verehelichte Auden, Schauspielerin, Journalistin, Kabarettistin und Kriegskorrespondentin in Deutschland, England, den USA und der Schweiz. Sie starb 1969.

In den 20er- und 30er-Jahren machten Erika und ihr Bruder Klaus als skandalöses Duo von sich reden: Sie spielten mit Geschlechterrollen und brillierten als "die Mann-Zwillinge", die sie ja gar nicht waren von der Cote d´Azur bis in die Salons von Hollywood. Man liebte schicke Hotels, schnelle Autos, Drogen und die Abwechslung; all das fand seinen literarischen Niederschlag in Feuilletons und Büchern.

Mit dem Jahr 1933 und dem Exil wurde aus der flotten Bohemienne die engagierte Kabarettistin und Publizistin Erika Mann. Innerhalb der Familie spielte sie bald die Rolle des politischen Gewissens – und das tat sie auch in der Öffentlichkeit, vor allem, nachdem die ganze Familie nach Amerika emigriert war. Auf Vortragsreisen warb sie für den Kriegseintritt der USA, sprach im Radio, attackierte und polemisierte, schrieb später Kriegsberichte. Und wurde zur unverzichtbaren Begleiterin ihres Vaters bei heiklen Auftritten.

Nach Kriegsende verweigerte man ihr die amerikanische Staatsbürgerschaft und verbittert profilierte sie sich von da an als Tochter ihres Vaters. "Statthalterin Thomas Manns auf Erden" wurde sie genannt, als sie dann auch seinen Nachlass betreute, seine Briefe herausgab und sich mit aller Welt anlegte, wenn es darum ging, ein möglichst makelloses Bild von ihm zu zeichnen. Dasselbe tat sie auch für ihren Bruder Klaus und dessen Werk.

Ihre Biografin Irmela von der Lühe allerdings legt Wert auf Erikas eigene Lebensleistung, auf ihre in dieser Familie erstaunliche Souveränität.

Lühes bereits 1993 erschienene sehr ausführliche und faire Biografie liegt in einer um zwei interessante Materialien erweiterten Neuausgabe vor: Neu sind Briefe des Geliebten und Vaterfreundes, des Dirigenten Bruno Walter; und ein bislang unveröffentlichter Text der letzten Lebensgefährtin Erika Manns, Signe von Scanzoni, der in sehr kurzen Auszügen zitiert wird.

Letzterer allerdings wirft ein doch etwas anderes Licht auf die letzten Lebensjahre Erika Manns: Sie fühlte sich gefangen in der Mann-Residenz am Züricher Kilchberg und ihr Dasein als, wie es selbstironisch nannte, "bleicher Nachlassschatten" hätte sie anscheinend gerne verändert. Doch die bis zuletzt für ihre Streitbarkeit berüchtigte Publizistin, die sich immer wieder ins politische Geschehen unüberhörbar einmischte, hatte für diesen großen Schritt nicht mehr die Kraft.

Besprochen von Katharina Döbler

Irmela von der Lühe: Erika Mann. Eine Lebensgeschichte
Überarbeitete Ausgabe
Rowohlt, Reinbek 2009
480 Seiten, 13 Euro

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