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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.03.2012

"Die Politiker wussten von den Gefahren"

Schriftstellerin Sigurdardottir über das Gerichtsverfahren gegen den ehemaligen isländischen Ministerpräsidenten

Steinunn Sigurdardottir im Gespräch mit Katrin Heise

Steinunn Sigurdardóttir: "Analyse ist nicht die starke Seite der Isländer." (Sebastian Hänel)
Steinunn Sigurdardóttir: "Analyse ist nicht die starke Seite der Isländer." (Sebastian Hänel)

Der ehemalige Regierungschef von Island Geir Haade muss sich für das Finanzdesaster, das sein Land 2008 fast den Staatsbankrott brachte nun vor Gericht verantworten. Die Politiker waren gewarnt, auch vom Ausland, aber sie hätten nicht zugehört, meint Schriftstellerin Steinunn Sigurdardottir.

Katrin Heise: Geir Haarde war isländischer Premierminister, als 2008 die drei größten Banken des Landes kollabierten und im Zuge der Krise Island fast an den Staatsbankrott herankam. Jahrelanger Aufschwung und ein kollektiver Konsumrausch waren dem vorangegangen. Quasi das gesamte Land lebte auf Pump und ging deshalb mit den Banken baden.

Inzwischen, nach drei Jahren und Verstaatlichungen und IWF-Hilfe, scheint es wieder bergauf zu gehen. Island ist auf dem Finanzmarkt zurück, und es gibt auch wieder Wachstum im Land. Aber vielen Privatleuten steht das Wasser bis zum Halse.

Ab heute muss sich der ehemalige Premier Geir Haarde vor Gericht für sein Versagen verantworten - als erster Politiker in ganz Europa. Und ich begrüße nun die in Berlin lebende isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardottir, die im ständigen Austausch mit ihrer Heimat steht - schönen guten Tag.

Steinunn Sigurdardottir: Guten Tag.

Heise: Ein Mann steht jetzt vor Gericht für eine Finanzkrise damals jedenfalls noch unfassbaren Ausmaßes - da haben sich die Dimensionen inzwischen auch noch mal verschoben - aber damals war das so. Wird da nicht jemand zum Sündenbock gemacht?

Sigurdardottir: Ja, das ist die Frage. Und ich habe gemischte Gefühle. Einerseits finde ich es gut, dass endlich ein Minister seine Verantwortung nimmt. In Island ist es zum Beispiel nicht gängig, dass ein Minister zurücktritt. Deshalb bin ich erleichtert, wenn ich in Deutschland lebe, zu sehen, dass die Leute ab und zu zurücktreten müssen.

Nicht, dass ich so viel Lust auf Rache habe, aber nur so sollte man mit der Demokratie umgehen. Aber ich finde, dass nun weich Geir Haarde vor Gericht kommen soll. Ich finde, dass es besser, dass es mehr Gerechtigkeit gewesen wäre, wenn auch andere Leute da an seiner Seite stehen würden. Und dann kann man sich fragen, ist ein Viertel Gerechtigkeit besser als gar keine, oder ... ja, das sind komplizierte Fragen.

Heise: Ist Ihrer Meinung nach dieser Verfassungsparagraf aus dem Jahr 1905, nach dem jetzt das Parlament eben den ehemaligen Regierungschef vor Gericht gebracht hat - ist das eigentlich noch zeitgemäß?

Sigurdardottir: Also ich verstehe eigentlich nicht, dass das Parlament in dieser Sache entscheiden sollte. Das sind Spielkameraden, das sind Feinde, ich meine, ich finde nicht, dass das Parlament sich so mit Justiz einmischen sollte, das finde ich gar nicht, und im Allgemeinen ist leider die isländische Verfassung oder das Grundgesetz total altmodisch, das stammt aus der Kolonialzeit, das ist eigentlich eine dänische Sache. Und man hat versucht, es zu reformieren, aber das ist bisher nicht gelungen. Das halte ich wirklich für eine Schande.

Heise: Wie nehmen Sie eigentlich die Stimmung in Ihrer Heimat wahr? Wollen die Bürger diesen Prozess gegen den ehemaligen Premier?

Sigurdardottir: Ich glaube, soweit ich weiß, sind die Meinungen gespalten. Aber ich habe zum Beispiel einen ganz hervorragenden Blogger gesehen. Er schreibt: Es ist besser, dass er da steht als keiner, aber jetzt müssen wir auch ordentlich machen. Aber ich glaube, viele Leute sind ganz böse, dass er der Einzige ist und kein anderer.

Aber ich glaube auch, dass nun, weil dieser Prozess schon im Gange war, dann wäre es vielleicht nicht leicht, sich vorzustellen, wie wäre es gegangen, wenn man es alles zurückgezogen hätte. Und im Parlament gab es total gespaltene Meinungen.

Heise: Im Umfeld dieses Prozesses wird natürlich auch alles noch mal gewendet und beleuchtet, was im Zusammenhang mit diesem Finanzdebakel überhaupt steht, was da passiert ist - das kann ja eigentlich auch ein sehr konstruktiver Umgang mit der Krise sein. Also bei der Aufarbeitung der Fehler helfen. Ist das so ein bisschen auch Ihre Hoffnung?

Sigurdardottir: Das wäre meine Hoffnung gewesen, aber momentan habe ich nicht sehr große Hoffnungen. Ich finde, dass momentan ist das - man spricht vom alten Island und neuen Island, und ich finde, wir haben zu wenig neues Island und zu viel altes Island, leider. Ich finde, dass zu wenig hat sich verändert. Zum Beispiel die Lösungen: Was sollen wir machen, um aus dieser Krise zu kommen? Das sind immer diese alten, schlechten Ideen, noch mehr Wasserkraftwerke zu bauen, noch mehr Aluminiumfabriken.

Heise: Und da haben Sie die Hoffnung nicht, dass dieser Prozess da irgendwie doch ein Zeichen setzt und man sich noch mal ein bisschen besinnt?

Sigurdardottir: Auf jeden Fall kann es dazu kommen, dass neue Informationen kommen, dass man irgendwie mehr erleuchtet ist, mehr informiert, dazu kann es kommen, hoffentlich.

Heise: Die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardottir. Heute beginnt ein Prozess gegen den ehemaligen isländischen Premier, dem die Finanzkrise in seinem Land angelastet wird. Gab es eigentlich, Frau Steinunn, in den vergangenen drei Jahren gar keine Analyse der Fehler, die fast zum Bankrott geführt hätten?

Sigurdardottir: Ja, da haben Sie ein ganz gutes Wort erwähnt. Analyse ist nicht die starke Seite der Isländer. Anekdoten sind unsere starke Seite. Also meiner Meinung nach gibt es viel zu wenig Kritik im Lande oder sie wird nicht gut angesehen. Kritik wird als übel und nicht konstruktiv gesehen, und das ist tödlich, denn wenn man nicht kritisieren darf, wie kann man dann wissen, was die Fehler sind, und wie kann man dann sozusagen richtig weitermachen.

Und was so bemerkenswert an der Krise war, war, dass niemand konnte es voraussehen, ich kenne ganz, ganz gut informierte Leute, die sagten: Das hätten wir nie geglaubt. Aber die Politiker wussten von den Gefahren - sie waren gewarnt, auch vom Ausland, und sie haben gar nicht zugehört. Und das ist nicht zu verzeihen.

Heise: Beispielsweise von den aufgeblähten Banken in Island. Wie wird diese Rolle der Banken eigentlich bewertet?

Sigurdardottir: Aus der Sicht der Bevölkerung - also das ist ein Riesenskandal. Und heute, da werden Schulden von ganz steinreichen Leuten und Firmen abgeschrieben, aber der kleine Mann muss zahlen und zahlen. Die Banken übernehmen Wohnung nach Wohnung, und dann stehen sie leer, und die Leute sind auf der Straße.

Heise: Hat die Kulturszene denn sehr gelitten unter der Krise, weil da spart man ja oft als Allererstes?

Sigurdardottir: Es ist natürlich klar, dass sehr viele Künstler individuell gelitten haben, und ich habe allzu viele Beispiele aus der Filmindustrie, dass also zum Beispiel Frauen von 50 Jahren, die ganz viel Erfahrung haben, also sie müssen sich jetzt um Leute im Altersheim kümmern. Sie sind pleite und es geht nichts mehr. Aber es ist ein kleines Mirakel, dass unsere Regierung hat beschlossen, auf jeden Fall teilweise auf der Seite der Kultur zu stehen. Sie haben diese wundervolle Konzerthalle in der Mitte von Reykjavik, das war ein Finanzwikingerprojekt, und dann stand das Gebäude da, also halb gebaut, einige Jahre, und dann hat die Regierung beschlossen, doch weiterzumachen, also das Geld der Finanzwikinger gab es nicht mehr, und es hat sehr, sehr viel gekostet.

Dann war die Buchmesse in Frankfurt, und sie haben beschlossen, das weiterzumachen, das kostet sehr viel Geld. Auch die Staatsstipendien, die die Künstler haben, das ist ein umfangreiches Programm, das wurde nicht zurückgezogen. Also ich kann das nur bewundern.

Heise: Abschließend, wie würden Sie das sagen, auf welchem Weg sehen Sie Island gerade jetzt, so aus der Distanz, aus der Distanz hier von Berlin aus betrachtet?

Sigurdardottir: Das ist ganz, ganz kompliziert zu fragen. Also wenn ich ein Politiker in Island wäre, dann würde ich kreative Leute zu mir kommen lassen und sagen: Was machen wir jetzt? Und ich würde auch versuchen, diese wundervollen Strukturen, die wir teilweise aufgebaut haben, wie das Gesundheitssystem ... Ich würde darauf aufpassen, dass es nicht zerbricht, also dass unsere gute Arbeit doch weitergeht.

Heise: Die Hoffnung der Schriftstellerin Steinunn Sigurdardottir, was ihr Heimatland Island betrifft. Wir sprachen über das Gerichtsverfahren gegen den ehemaligen isländischen Ministerpräsidenten. Vielen Dank, Frau Steinunn, für das Gespräch.

Sigurdardottir: Vielen Dank.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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