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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.10.2020

"Die Orestie" an der Volksbühne BerlinFamilienzwist in Endlosschleife

Von André Mumot

Ein Schauspieler im Unterhemd bespritzt sich mit einer blutroten Flüssigkeit aus einer Flasche. (Volksbühne Berlin/ Vincenzo Laera)
Ein eher hermetischer Abend - Sebastian Grünewald in "Die Orestie" (Volksbühne Berlin/ Vincenzo Laera)

Thorleifur Örn Arnarsson inszeniert "Die Orestie" nach Aischylos an der Volksbühne Berlin: Dampft coronabedingt die auf drei Teile angelegte Familientragödie auf gut zwei Stunden ein. Dabei verzettelt er sich allerdings vor lauter Fintenreichtum.

Je größer und je wuchtiger, desto besser. Thorleifur Örn Arnarsson inszeniert immer wieder die archaischen Mythen des Altertums: 2018 erzielte er einen spektakulären Erfolg mit seiner opulenten Hannoveraner "Edda"-Inszenierung, seinen Einstand als Schauspieldirektor an der Berliner Volksbühne gab er im Jahr darauf mit seiner ganz eigenen Version von Homers "Odyssee".

Ein kontroverser Abend, der sich zum Kompendium der Kriegsverbrechen von der Antike bis heute aufschwang. Nun folgt, ganz logisch, der nächste Schritt. Die "Orestie" des Aischylos berichtet von den Kriegsheimkehrern und ihren familiären Traumata, von Mord und Totschlag zwischen Eltern und Kindern – und schließlich vom Beginn eines menschengemachten Rechtssystems, inklusive Freispruch und Gnade.

Die erste Demokratie

Das von den Göttern verhängte ewige Verhängnis aus Schuld und Rache wird hier offiziell beendet – entstand der Text doch auch genau zu dem Zeitpunkt, da Athen die erste demokratische Staatsordnung der Weltgeschichte in Kraft setzte.

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Doch wie kondensiert man diesen auf drei Teile angelehnten Stoff auf eine pandemiebedingte Laufzeit von gut zwei Stunden ohne Pause? Ein Problem, das Darstellerin Sarah Franke auf der Bühne direkt anspricht. Als Hygienebeauftragte und als Ein-Personen-Chor informiert sie das Volksbühnenpublikum über die Sinnkrisen des Regisseurs, Probenverzögerungen und die allgemeine Ratlosigkeit.

Ist das, was hier über die Bühne geht, also nur Skizze, nur Rumpf einer größeren Inszenierung, die nicht umsetzbar war? Wahrscheinlicher ist etwas anderes: dass diese selbstironische Ausrede nur eine der vielen Finten dieses überaus kompliziert zusammengepuzzelten Abends bildet.

Der Familie entgeht keiner

Los geht es schon mit einem Stück im Stück: Sólveig Arnarsdóttir und Sebastian Grünewald spielen in einem aus dem Graben gehobenen separaten Wohnungsbühnenbild die ersten Szenen aus Edward Albees "Wer hat Angst vor Viriginia Woolf?" Der Klassiker des modernen Ehekrachdramas läuft dann im weiteren Verlauf der Inszenierung im Untergeschoss in Endlosschleife weiter, sichtbar noch immer über mehrere Videomonitore. Ein Sinnbild für den unentrinnbaren, mörderischen familiären Zwist des fluchbeladenen Artriden-Hauses.

Die Dopplung trägt jedoch vor allem zur Verwirrung bei, während der Rest des Ensembles sich durch lange und leider auch sehr langweilige Aischylos-Passagen kämpft, steppt, albert, schreit. Zur Ablenkung wird viel Musik gemacht, an mehreren Klavieren spielt man Chopin und Queen, und auf dem Höhepunkt des Geschehens dreht sich die Bühne zu einem gewaltigen Crescendo samt Pauken und Trompeten und Pop-Song-Medley.

Dieses Chaos einer rauschhaften Kakofonie ist vielleicht der stärkste Moment der Inszenierung, weil er sich gar nicht mehr bemüht, dem Text und Handlungswust gerecht zu werden, weil er nur noch wilde Gesten und Enthemmungen einer exzesssüchtigen Conditio humana vorführt.

Der Mörder wird befreit

Anschließend muss dann doch noch Recht gesprochen und der geschundene Mörder Orest aus der "Virginia Woolf"-Kellerhölle befreit werden. Durch den frisch gegründeten Rechtsstaat tänzelt – wenig subtil – noch ein Donald-Trump-Double, und das ganze Spektakel geht mit einem leisen "Always look on the bright side of life" zu Ende.

So viele Ideen kommen hier zusammen, blitzen auf, beeindrucken kurz im komplexen Bühnenbild von Ann-Christine Müller und verpuffen wieder. All die Einzelteile verbinden sich weder intellektuell noch emotional zu einer schlüssigen Einheit, riegeln den Abend stattdessen über weite Strecken nach außen hermetisch ab. Das Theater ist hier wieder einmal vor allem für sich selbst da, spielt verbissen vor sich hin. Und dass es nur gute zwei Stunden lang sein durfte, ist dann doch vor allem eine Erleichterung.

"Die Orestie" nach Aischylos
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson
Volksbühne Berlin
Premiere am 1. Oktober 2020

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