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Zeitfragen | Beitrag vom 27.01.2021

Die NS-Elite beim Nürnberger ProzessLügen, leugnen, Selbstmitleid

Von Winfried Sträter

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Anklagebank im Nürnbergers Prozess am 20.11.1945: 1. Reihe v.l., Göring, Hess, Ribbentrop, Keitel; 2. Reihe, v.l., Dönitz, Raeder, von Schirach, Sauckel und Jodl. (picture-alliance / akg-images)
Anklagebank im Nürnbergers Prozess am 20.11.1945: 1. Reihe v.l., Göring, Hess, Ribbentrop, Keitel; 2. Reihe, v.l., Dönitz, Raeder, von Schirach, Sauckel und Jodl. (picture-alliance / akg-images)

Von November 1945 bis Oktober 1946 wurde der Führungselite der Nationalsozialisten für ihre Verbrechen an Millionen von Menschen in Nürnberg der Prozess gemacht. Die Angeklagten vollführten ein erbärmliches Schauspiel.

Vors. Richter Lawrence: "Hermann Wilhelm Göring… You must plead guilty or not guilty."

"Ich bekenne mich im Sinne der Anklage nicht schuldig."

"Rudolf Heß."

"Nein!"

"Joachim von Ribbentrop."

"Ich bekenne mich im Sinne der Anklage nicht schuldig."

Alfred Rosenberg, Hans Frank, Wilhelm Frick, Julius Streicher, Walter Funk, Hjalmar Schacht, Karl Dönitz, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel, Alfred Jodl. Alle bekennen sich als nicht schuldig.
 
"Auf der Anklagebank sitzen 20 gebrochene Männer..."

Der amerikanische Chefankläger Robert Jackson in seiner Eröffnungsrede zum Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess.

"Die Möglichkeit, jemals wieder Unheil zu stiften, ist ihnen für immer genommen. Man mag sich beim Anblick dieser armseli­gen Gestalten, wie sie hier als Gefangene vor uns sind, kaum die Macht vorstellen, mit der sie als Nazi-Führer einst einen großen Teil der Welt beherrscht und fast die ganze Welt in Schrecken gehalten haben."

Fritz Sauckel: "Ich bekenne mich im Sinne der Anklage vor Gott und der Welt und vor allem vor meinem Volk nicht schuldig."

Alfred Jodl: "Nicht schuldig. Was ich getan habe oder tun musste, kann ich reinen Gewissens vor Gott, vor der Geschichte und vor meinem Volke verantworten."

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"Während die Anklage, welche die Welt den 20 Männern entgegenschleuderte, viersprachig durch die Drähte ins Ohr der einzelnen dringt, ist es im Saal selber fast still."

So beschreibt der Prozessbeobachter Erich Kästner die Szenerie im Nürnberger Justizpalast.

"Die Stimme des Anklägers klingt, als sei sie weit weg. Die Dolmetscher murmeln hinter ihren gläsernen Verschlägen. Aller Augen sind auf die Angeklagten gerichtet. Göring trägt eine lichtgraue Jacke mit goldenen Knöpfen. Die Abzeichen der Reichsmarschallwürde sind entfernt worden. Die Orden sind verschwunden. Baldur von Schirachs Gesicht ist bleich und bedrückt."

Schirach. Reichsjugendführer, dann Gauleiter und Reichsstatthalter in Wien.

Sauckel. Ein NS-Gauleiter. Ein kleiner rundköpfiger Spießer. Mit einem Schnurrbart unter der Nase, wie ihn sein Führer trug.

"Meine Herren Richter! Von den im Prozess offenbar gewordenen Untaten bin ich in innerster Seele erschüttert. Ich beuge mich in tiefer Demut und Ehrfurcht vor den Opfern und Gefallenen aller Völker und vor dem Unglück und dem Leid meines eigenen Volkes."

"Ich stehe zu dem, was ich getan habe." Hermann Göring vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, August 1946.

"Ich weise aber auf das Entschiedenste zurück, dass meine Handlungen diktiert waren von dem Willen, fremde Völker durch Kriege zu unterjochen, zu morden, zu rauben oder zu versklaven, Grausamkeiten oder Verbrechen zu begehen."

Hermann Göring 1942, zum Erntedankfest im Berliner Sportpalast:

"Vergesst nicht, dass es die besten Gebiete sind, die wir den Russen fortgenommen haben. Im Sumpf – ist uninteressant. Können sie selber stecken bleiben. Wir wollten uns nicht in der Richtung ausdehnen, um Kriechtiere zu werden, sondern wir haben uns das genommen, was zweckmäßig ist. Wir mussten heraus aus der Enge! Und danken wir dem Allmächtigen, dem Führer und unseren tapferen Soldaten, dass sie die Enge gesprengt haben und die Weite des Raumes für das deutsche Volk geöffnet ist!" (Jubel)

Verbrecher müssen sich vor Gericht verantworten

Die Welt erlebte das bis dahin einmalige Schauspiel, dass aus einst unbeschränkten Herrschern und Tyrannen plötzlich Angeklagte wurden, die sich wie gewöhnliche Mörder und Verbrecher vor einem ordentlichen Gericht verantworten mussten.  

24 Männer hatten die Alliierten für den ersten großen Prozess in Nürnberg ausgewählt, nur 20 drücken bei der Prozesseröffnung die Anklagebank. Der ehemalige Führer der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, hat die Kenntnisnahme der Anklageschrift nicht überlebt.

"Soll ich mich gegen diese Verbrechen, von denen ich nichts wusste, verteidigen? Stellt uns an die Wand und erschießt uns! Ihr seid die Sieger! Aber warum soll ich vor einen Gerichtshof geschleppt werden wie ein V..., V..., wie ein V...?"

Er bringt das Wort nicht über die Lippen: "Wie ein Verbrecher", ergänzt der amerikanische Psychologe Gustave Gilbert. Er hat die Angeklagten psychologisch zu betreuen und unterhält sich als letzter mit Ley. In der Nacht darauf erhängt sich Robert Ley in seiner Zelle. Im Oktober 1945, drei Wochen vor Prozessbeginn. 

Angeklagter Hermann Göring am 20.11.1945 im Zeugenstand während des Nürnberger Kriegsverbrecher Prozesses. (picture alliance/akg-images)Selbsternannter Führer der Angeklagten: Hermann Göring am 20.11.1945 im Zeugenstand während des Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesses. (picture alliance/akg-images)
Der Gerichtspsychologe Gustave Gilbert hält fest, wie sich die 21 übrig gebliebenen Hauptangeklagten während des fast einjährigen Verfahrens aufführen. Nebenbei testet er ihre Intelligenzquotienten:

"Die IQs zeigen, dass die Nazi-Führer, mit Ausnahme von Strei­cher, überdurchschnittlich intelligent waren."

Wichtigster Mann auf der Anklagebank ist Hermann Göring, jahrelang zweiter Mann im Hitler-Staat. Gustave Gilbert notiert: 

"In seiner Zelle versuchte Göring, den Eindruck eines jovialen Realisten zu machen, der mit hohen Einsätzen gespielt und verloren hatte und es alles wie ein guter Sportsmann hinnahm."

Über das deutsche Volk, dem, nach eigener Aussage, seine "heiße Liebe" gehörte, bemerkt Göring:

"Kümmern Sie sich nicht darum, was die Leute jetzt sagen! Das ist genau das, was mich nicht einen Dreck interessiert! Ich weiß, was sie vorher sagten! Ich weiß, wie sie uns umjubelten und lobpriesen, als alles gut ging. Ich weiß zu viel übers Volk!"

Hermann Göring ist der selbsternannte Führer unter den Angeklagten. Der große Außenseiter, der von allen geschnitten wird, ist Julius Streicher. Der Herausgeber des Hetzblattes "Der Stürmer" war der primitivste Judenhasser bei den Nazis. Streicher 1938 vor Lehrern in Nürnberg:

Und wenn ich noch in der Schule stünde, würde ich vor jeder Stunde sagen: Kinder, vergesst es nicht: Christus hat gesagt: Die Juden sind Mörder seit Anbeginn. Und ihr Vater ist der Teufel. Erzieht die Kinder zu einem gesunden Hass! Erzeugt diesen Hass!

1945 im Nürnberger Gefängnis belehrt Streicher den Gefängnispsychologen Gilbert:

"Jetzt kreuzigen sie mich. Ich merke es. Drei der Richter sind Juden. Die Juden begehen einen großen Fehler, wenn sie einen Märtyrer aus mir machen, Sie werden es sehen. Ich habe das Problem nicht erfunden; es existiert seit Jahrhunderten. Ich habe erlebt, wie die Juden sich in alle Bereiche des deutschen Lebens hineindrängten, und ich habe gesagt, dass sie wieder hinausgedrängt werden müssen."

Die Liste der Verbrechen ist endlos

Dreieinhalb Monate benötigen die Ankläger in Nürnberg, um das Gericht und die Angeklagten mit den Verbrechen und den Schuldbeweisen zu konfrontieren. Dokumente werden verlesen, Zeugen befragt, Anschauungsmaterial wird vorgeführt. Die Liste der Verbrechen ist endlos lang.

"Die Ermordungen und Misshandlungen wurden auf verschiedene Weise ausgeführt wie: durch Erschießen, Erhängen, Vergasen, Aushungern, übermäßige Zusammenpferchung, systematische Unterernährung, systematische Aufbürdung von Arbeit über die Kraft derer, die sie auszuführen hatten, unzureichende ärztliche Betreuung und Hygiene, durch Fußtritte, Prügel, Brutalität und Folter jeder Art."

"Ich verstehe", sagt Hermann Göring und blickt nervös im Gerichtsraum umher.

"Ich verstehe, dass man das deutsche Volk für alle Zeiten für diese Grausamkeiten verfluchen wird. Aber diese Gräueltaten waren so unglaublich, sogar in dem geringeren Umfang, von dem wir erfuhren, dass man uns mit Leichtigkeit überzeugen konnte, dass alle derartigen Berichte nur Propaganda seien. Himmler hatte seine extra ausgesuchten Psychopathen zur Ausführung dieser Taten. Vor uns Übrigen wurden sie verheimlicht."

Alfred Jodl, in der Wehrmacht Generaloberst, zum Gerichtspsychologen:

"Sagen Sie mir von Mann zu Mann, wussten Sie je, dass die Deutschen so blutdürstig und grausam waren? Ich kann es nicht begreifen. Das ist kein deutscher Charakterzug. Es ist eine typisch asiatische Eigenschaft."

Jodls Abteilung hatte während des Russlandfeldzuges den berüchtigten Kommissarbefehl formuliert: Die Anweisung, alle politischen Kommissare der Roten Armee zu erschießen.

US-Chefankläger Robert H. Jackson 1945 in Nürnberg.  (picture alliance/dpa/Everett Collection/CSU Archives)US-Chefankläger Robert H. Jackson 1945 in Nürnberg. (picture alliance/dpa/Everett Collection/CSU Archives)
Chefankläger Robert Jackson: "Der Angeklagte Streicher war unter den Nazis der Vertreter der schärfsten judenfeindlichen Gewalttätigkeit. In einem Artikel des Stürmers vom 19. März 1942 beklagte er sich, dass die christliche Lehre einer `radikalen Lösung der Judenfrage in Europa' hindernd im Wege gestanden habe, und führte begeistert die Proklamation des Führers an, als die Lösung des zwanzigsten Jahrhunderts, nämlich dass der `Jude ausgerottet werden wird'."

Julius Streichers Rechtfertigung vor dem Internationalen Gerichtshof:

"Es steht weiter fest, dass ich in mehreren Artikeln in meinem Wochenblatt des Stürmer die zionistische Forderung zur Schaffung eines Judenstaates als natürliche Lösung des Judenproblems vertreten habe. Diese Tatsachen sind ein Beweis dafür, dass ich die Judenfrage nicht auf gewaltsame Weise gelöst haben wollte."

Chefankläger Robert Jackson: "Streicher hat jetzt die Dreistigkeit, uns zu sagen, er sei nur ein Zionist. Er habe nur die Juden nach Palästina zurückschicken wollen. Und der Angeklagte Hans Frank, ein Anwalt von Beruf, fasste in seinem Tagebuch im Jahre 1944 die Nazi-Politik folgendermaßen zusammen: `Die Juden sind eine Rasse, die ausgetilgt werden muss, wo immer wir nur einen erwischen, geht es mit ihm zu Ende."

Einer ist in der Zelle Katholik geworden

Als Generalgouverneur von Polen war Hans Frank verantwortlich für das bestialische Wüten der Nazis dort. Mit fanatischem Eifer betrieb er die Versklavung der Polen, die Ermordung der polnischen Intellektuellen und der Juden, die er stets nur als Ungeziefer bezeichnete.

Als Gustave Gilbert Hans Frank in seiner Zelle aufsucht, trifft er den Mann mit der Bibel in der Hand an. Frank ist, bevor ihm und seinesgleichen in Nürnberg der Prozess gemacht wird, zum katholischen Glauben übergetreten.

"Ja, vieles ist mir in der Einsamkeit dieser Zelle klar geworden", beichtet Hans Frank dem Gerichtspsychologen.

"Hitler verkörperte den Geist des Bösen auf der Erde und erkannte keine höhere Macht an als seine eigene. Gott beobachtete diese Schar von Heiden, die von ihrer winzig kleinen Macht aufgeblasen waren, und fegte sie dann einfach zornig und belustigt zur Seite. Ich sage Ihnen, das zornige Gelächter Gottes ist viel schrecklicher als aller menschliche Rachedurst! Es ist grotesk! Hier sind die Männer, die Deutschlands Herrschaft an sich rissen, jeder in so einer Zelle, mit vier Wänden und einer Toilette, und sie erwarten den Prozess wie gewöhnliche Verbrecher. Ist das nicht ein Beweis für Gottes Belustigung über die gotteslästerliche Machtgier der Menschen? Aber sind diese Männer dankbar für diese letzten Wochen, … Knien sie nieder und beten sie zu Gott um Vergebung? Oh, nein, sie fürchten um ihre Hälschen und klammern sich an alle möglichen lächerlichen Entschuldigungen, um sich von der Schuld freizusprechen!"

Leugnen und relativieren

Wilhelm Keitel, Generalfeldmarschall, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, fragt, nachdem er die Anklageschrift gelesen hat, verzweifelt den Gerichtspsychologen:

"Wie um Himmels willen kann man die Anklage, einen Angriffskrieg angezettelt zu haben, gegen mich erheben, wo ich nur das Sprachrohr für Hitlers Willen war?"

Albert Speer, Hitlers Rüstungsminister während des Weltkrieges, kommentiert diese Haltung:

"Ja, ich weiß – sie hielten großartige heroische Reden über Kämpfen und Sterben fürs Vaterland, ohne den eigenen Kopf zu riskieren. Jetzt, wo es wirklich um ihr Leben geht, zittern sie und suchen nach jeder nur möglichen Entschuldigung. Das sind also die Helden, die Deutschland in den Untergang führten!"

Einer der Wegbereiter bei Hitlers Machtergreifung und Wirtschaftsführer im Dritten Reich war Walter Funk. Ihm wird unter anderem seine Mittäterschaft bei den Rassegesetzen des NS-Staates vorgeworfen:

"Ich habe heute Morgen gesagt, dass ich ein tiefes Schuldgefühl und eine tiefe Scham empfinde über das, was mit den Juden in Deutschland geschehen ist und dass ich in dem damaligen Zeitpunkt, als der Terror und die Gewalt begannen, in einen schweren Gewissenskonflikt kam. Ich habe damals gefühlt, möchte ich fast sagen, dass hier schweres Unrecht getan ist. Ich habe aber nicht ein Schuldbekenntnis abgelegt hinsichtlich der hier erhobenen Anklage gegen mich, das heißt, dass ich dadurch im Sinne der Anklage gegen die Menschlichkeit schuldig geworden bin, dass ich die Durchführungsverordnungen zu den von übergeordneten Stellen erlassenen Gesetzen unterschrieben habe, weil diese Gesetzgebung durchgeführt werden musste. Und zwar um die Juden nicht völlig rechtlos zu machen, um ihnen noch wenigstens hinsichtlich der Entschädigung und der Abfindung einen rechtlichen Schutz zu gewähren."

Görings Fantastereien 

Adolf Hitler am 30. Januar 1945: Ansprache an das deutsche Volk:

"Ich erwarte von jedem Deutschen, dass er deshalb seine Pflicht bis zum Äußersten erfüllt. Ich erwarte von jedem Gesunden, dass er sich mit Leib und Leben einsetzt im Kampf…"

Wilhelm Keitel, der ehemalige Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, sagt in seiner Zelle im Gespräch mit dem Gerichtspsychologen über Hitler:

"Tja, es ist jetzt alles vorbei. Wir glaubten alle so fest an ihn. Und wir müssen die Schuld auf uns nehmen. Und die Schande! Er gab uns die Befehle. Er wiederholte immer, dass er allein die Verantwortung trüge. Dann hätte er aber auch um der Gerechtigkeit willen aushalten und die Schuld auf sich nehmen müssen."

Hermann Göring macht in derartigen Gesprächen unmissverständlich klar: "Es wäre völlig undenkbar für mich, dass Hitler so in einer Zelle säße und den Prozess als Kriegsverbrecher vor einem ausländischen Gerichtshof erwartete."

Für Göring ist die Geschichte deutschen Größenwahns mit dem Nürnberger Prozess und den zu erwartenden Todesurteilen nicht zu Ende. Er hegt Hoffnungen für eine fernere Zukunft.

"Wer weiß, wie alles in 50 bis 100 Jahren aussieht."

Eines Tages, wenn es auch 50 Jahre dauere, würde sich das deutsche Volk wieder erheben und sie als Helden feiern. Dann würden sie ihre Gebeine in Marmorsärgen in einem nationalen Ehrenmal unterbringen. Albert Speer, Hitlers Rüstungsminister, kommentiert Görings Vision spöttisch:

"Göring weiß, dass sein Schicksal besiegelt ist, und er braucht für seinen großen Einzug in Walhall ein Gefolge von mindestens 20 zweitrangigen Helden."

Filme, die Grausamkeiten belegen

Doch das Verfahren läuft nicht so, wie er sich das vorstellt. Nachdem die amerikanischen Ankläger einige Tage hintereinander ihre Anklagen und Dokumente vorgetragen haben, zeigen sie einen Film: einen Dokumentarfilm über die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Bergen Belsen. Man sieht Gefangene, die bei lebendigem Leibe verbrannt werden. Berge nackter Leichen, die von Bulldozern in ein gewaltiges Massengrab geschoben werden.

Der Gerichtspsychologe Gustave Gilbert beobachtet: 

"Fritzsche sitzt entsetzt da, als es mit Szenen beginnt, in denen Gefangene lebend in einer Scheune verbrannt werden. Keitel wischt sich die Stirn, starrt aus den Augenwinkeln auf die Leinwand, Neurath schaut nicht hin, Funk bedeckt die Augen, Ribbentrop schließt die Augen, blickt weg, Sauckel wischt sich die Stirn ab, Frank schluckt krampfhaft, blinzelt mit den Augen, um Tränen zurückzuhalten, Streicher – bewegungslos, Funk jetzt in Tränen, Rosenberg zappelt herum, guckt hoch, um zu sehen, wie die andern reagieren, Seyss-Inquart – stoisch, Speer sieht tieftraurig aus, Raeder schaut zu, ohne sich zu rühren, Papen schaut zu Boden, es werden Berge von Toten in Zwangsarbeitslagern gezeigt, Funk weint jetzt, Göring trübsinnig, lehnt auf Ellbogen, Dönitz schaut nicht mehr zu, Sauckel schaudert, als ein Lampenschirm aus Menschenhaut gezeigt wird, Streicher sagt: `Ich glaub das nicht', Göring hustet, Keitel lässt jetzt den Kopf hängen, Frank kaut an den Nägeln, Frick schüttelt ungläubig den Kopf, als eine Ärztin Behandlung und Experimente mit Frauen in Belsen beschreibt, Funk weint bitterlich, Streicher zeigt zum ersten Mal Anzeichen von Beunruhigung..."

Hermann Göring, 1942: "Mit stolzer Verachtung wollen wir alle Feindpropaganda zurückweisen, denn es ist doch nichts anderes wie Lüge. Der, der uns diese Propaganda schickt, ist ja der Gleiche, der uns dieses Theater in den Zeiten des Systems in den Straßen Berlins noch selber vormachen konnte. Genauso wie damals seine schmierigen Zeitungen voller Lügen gestanden haben, so lügt der Jude heute genau das Gleiche vom Himmel herunter wie damals. Nur dass er es Gott lob nicht mehr bei uns tun kann."

Selbstmitleid in den Zellen

Am Abend, nachdem im Gerichtssaal der Dokumentarfilm über die Konzentrationslager gezeigt worden ist, geht der Gerichtspsychologe Gustave Gilbert von Zelle zu Zelle.

"Der Erste war Fritzsche."

Der ehemalige Chef des Großdeutschen Rundfunks.

"Wir hatten kaum zu reden begonnen, als er in Tränen ausbrach und bitterlich schluchzte."

"Keine Macht des Himmels oder der Erde wird diese Schande von meinem Land nehmen! – Nicht in Generationen – nicht in Jahrhunderten!"

"Funk war deprimiert und brach in Tränen aus. Streicher gab ohne jedes erkennbare Gefühl zu, der Film sei `schrecklich' gewesen, und fragte dann, ob die Posten nachts nicht leiser sein könnten, damit er schlafen könnte. Hans Frank begann vor Scham und Zorn zu weinen."

"Wenn man bedenkt, dass wir wie Könige lebten und an diese Bestie glaubten! Lassen Sie sich von niemand erzählen, dass sie nichts gewusst hätten! Jeder ahnte, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war mit diesem System, auch, wenn wir nicht alle Einzelheiten wussten. Sie wollten es nicht wissen! Es war zu bequem, sich von diesem System ernähren zu lassen, unsere Familien in fürstlicher Weise zu unterhalten und zu glauben, es sei alles in Ordnung! Ihr behandelt uns zu gut."

"Keitel aß. Den Film schien er vergessen zu haben. Heß schien verwirrt. Ribbentrop sah äußerst bestürzt aus. Rosenberg war noch nervöser als sonst. Göring schließlich war sichtlich gekränkt, weil der Film seine `Show' verdorben hatte."

"Es war ein so angenehmer Nachmittag, bis man diesen Film zeigte."

Zeuge der Widerstandsbewegung des 20. Juli

Noch mehr ärgert sich Göring am nächsten Verhandlungstag, am 30. November 1945. An diesem Tag präsentieren die Ankläger als Zeugen einen ehemaligen General der deutschen Spionageabwehr, General Lahousen. Er beschreibt, wie Göring und die Wehrmachtsführer Keitel und Jodl gemeinsam mit Hitler die Bombardierung Warschaus, die Ausrottung der polnischen Elite und der Juden planten. Der General gibt sich als Mitglied der Widerstandsbewegung des 20. Juli zu erkennen. Göring kocht vor Wut.

"Dieser Verräter! Den haben wir am 20. Juli vergessen! Kein Wunder, dass wir den Krieg verloren haben – unser eigener Nachrichtendienst war an den Feind verraten!"

Wehrmachts-Chef Keitel ist besorgt, weil er belastet worden ist. Bemüht er sich doch während des gesamten Verfahrens darum, als anständiger Soldat zu erscheinen, der letztlich nichts zu sagen hatte, weil der Führer alles bestimmte und dem getreu seiner Offiziersehre nichts anderes übrig blieb, als seinem Vorgesetzten zu gehorchen. Beim Verhör sagt Wilhelm Keitel:

"Der Führer erschien, sprach und ging heraus. Es war eine Befehlsausgabe. Aber keine Beratung."

Der Chef der Wehrmacht als Befehlsempfänger des Führers. Joachim von Ribbentrop, der ehemalige Außenminister, fragt, besorgt um sein Schicksal in diesem Prozess:

"Warum können die Sieger dies nicht als eine historische Tragödie, die nicht vermieden werden konnte, hinnehmen und versuchen, auf eine friedliche Lösung hinzuarbeiten?"

Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß vor dem alliierten Militärtribunal. Auf der Anklagebank v. li. 1. Reihe: Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop; 2. Reihe: Karl Dönitz und Baldur von Schirach. (picture alliance/dpa/akg-images)Auf der Anklagebank v. li. 1. Reihe: Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop; 2. Reihe: Karl Dönitz und Baldur von Schirach. (picture alliance/dpa/akg-images)
Alfred Rosenberg, Propagandist und Theoretiker des Nationalsozialismus, sagt:

"Der Nationalsozialismus gründete sich nicht auf Rassenvorurteile. Wir wollten lediglich unsere eigene rassische und nationale Einheit bewahren. Ich habe nicht gesagt, die Juden seien minderwertige Menschen. Ich habe nicht einmal behauptet, dass sie eine andere Rasse seien. Ich erkannte nur, dass die Vermischung verschiedener Kulturen zu keinem guten Ergebnis führt. Dadurch gingen die römische und die griechische Kultur unter."

Ein anderes Mal sagt er dem Gerichtspsychologen über Hitler und die Bewegung:

"Wir dachten am Anfang nicht daran, irgendjemanden zu töten, das kann ich Ihnen versichern! Die Juden sollten lediglich aus ihren einflussreichen Positionen heraus, das war alles. Anstatt 90 Prozent Juden unter den Ärzten in Berlin zu haben, wollten wir sie auf 30 Prozent oder so ähnlich beschränken, was auch dann noch eine großzügige Zahl gewesen wäre. Ich hatte keine Ahnung, dass es zu solch grauenvollen Dingen wie Massenmord führen würde. Wir wollten nur das Judenproblem friedlich lösen."

Der ehemalige Generalgouverneur von Polen, Hans Frank, macht in der religiös inspirierten Absetzbewegung von seiner Vergangenheit immer weitere Fortschritte.

"Es ist, als steckten zwei Menschen in mir."

Erzählt er dem Psychologen Gustave Gilbert.

"Ich, ich selbst, Frank hier – und der andere Frank, der Nazi-Führer. Und manchmal frage ich mich, wie dieser Mensch Frank jene Dinge tun konnte. Der eine Frank sieht den anderen Frank an und sagt: `Hm, was bist du doch für eine Laus, Frank! Wie konntest du solche Dinge tun?! Du hast dich sicher von deinen Gefühlen hinreißen lassen, nicht wahr?' Gerade so, als wären zwei ver­schiedene Menschen in mir. Ich bin hier, ich selbst – und dieser andere Frank mit den großartigen Nazi-Reden da drüben vor Gericht. Faszinierend, nicht wahr?"

Ein Angeklagter gesteht Verbrechen

Der neue gute Frank ist so mutig, auch offiziell vor Gericht die Schandtaten des alten bösen Frank zu gestehen. Fast müsste sich das Hohe Gericht Gedanken darüber machen, ob es nicht den falschen verurteilt, wenn es den neuen guten Frank für die Taten des alten bösen zur Rechenschaft zieht. Aber so ganz ist der alte böse Frank dann doch noch nicht verschwunden.

Der Prozess dauert, und der neue gute Frank ist nicht gefeit vor Heimsuchungen des alten bösen. Er schwankt, ob er den Nationalsozialismus wirklich verwerfen soll. Schuld daran ist Göring, der Tyrann auf der Anklagebank. Göring versucht unablässig, "seine Leute" von Selbstbezichtigungen abzuhalten, ihnen Reue und ähnlich weiche Gefühle auszutreiben.

"Deutschland sollte durch Deutsche geführt werden und wünschte die Führung, besonders die politische Schicksalsgestaltung des deutschen Volkes durch deutsche Menschen, die das Empfinden dieses Volkes ganz anders wieder heben konnten wie Andersrassige. So war auch zunächst in der Hauptsache nur gedacht an die Ausschaltung des Judentums aus der Politik, aus der Staatsführung; später kam dann auch der kulturelle Sektor hinzu und zwar wegen des sehr starken Kampfes, der sich gerade auf diesem Gebiet zwischen Judentum auf der einen Seite, Nationalsozialismus auf der anderen Seite abgespielt hatte."

Für die späteren Gräueltaten hat Göring im Pausengespräch eine eigene Erklärung:

"Sie wissen, wie es schon in einem Bataillon ist; der Bataillonskommandeur weiß nichts von dem, was an der Front vorgeht. Je höher der Rang ist, umso weniger sehen Sie, was unten passiert!"

"Natürlich will das Volk keinen Krieg"

Damit dreht Göring den Spieß um: Nicht der Führer ist im autoritären System der Verantwortliche für Verbrechen, sondern die Untergebenen sind verantwortlich, weil der Führer von ihrem schlimmen Treiben gar nichts bemerkt.

Stark fühlt sich Göring, wenn er seinen Werdegang und die Politik des Dritten Reiches erklären kann – wenn es um seine Art der Realpolitik geht. Da bringt er beim Kreuzverhör selbst den amerikanischen Chefankläger Jackson in Schwierigkeiten. Jackson will wissen, was die Deutschen von Görings Haltung zum Angriff auf Russland wussten. Göring kontert kühl:

"Das deutsche Volk hat von der Kriegserklärung an Russland erst erfahren, als der Krieg mit Russland begonnen hat. Das deutsche Volk hat also damit gar nichts zu tun. Es ist nicht gefragt worden, sondern es hat von der Tatsache Kenntnis bekommen und der Notwendigkeit, warum."

Im Gespräch mit dem Gerichtspsychologen Gilbert erläutert Göring, wie er über das Verhältnis von Führer, Volk und Krieg denkt:

"Natürlich, das Volk will keinen Krieg. Warum sollte irgendein armer Landarbeiter im Krieg sein Leben aufs Spiel setzen wollen, wenn das Beste ist, was er dabei herausholen kann, dass er mit heilen Knochen zurückkommt. Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg; weder in Russland noch in England noch in Amerika und ebenso wenig in Deutschland. Das ist klar. Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt."

Schuld waren nur Hitler und Himmler

Wehrmachtsführer Keitel beteuert, er habe 44 Jahre lang versucht, als Soldat seine Pflicht zu tun, und er habe keine Befehlsgewalt gehabt. Julius Streicher, der von anderen Angeklagten geschnittene fanatische Antisemit, kommt für sich zu dem Schluss:

"Die Durchführung der Massentötungen ist ohne Wissen des deutschen Volkes unter völliger Geheimhaltung durch den Reichsführer Heinrich Himmler vollzogen worden."

Streicher erläutert, wenn er gesagt habe, die Juden müssten ausgerottet werden, dann dürfe man das nicht wörtlich nehmen. Und die Synagogen habe er lediglich aus architektonischen Gründen zerstören lassen. Streicher bietet schließlich auch noch seine Frau auf, die dem Hohen Gericht bezeugt, ihr Gatte sei ein guter Mann. Das Gericht verzichtet darauf, sie ins Kreuzverhör zu nehmen.

Den dritten Teil zum weiteren Verlauf und Ende des Prozesses hören Sie am 29. September zum 75. Jahrestag der Urteilsverkündung.

Es sprachen: Bernd Ludwig, Wolfgang Ostberg, Stefan Gossler, Gunter Schoß, Rolf Marnitz und der Autor
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Autor: Winfried Sträter

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