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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.06.2011

Die Normalisierung des Schreckens

Antoine Volodine: "Mevlidos Träume", Suhrkamp Verlag, Berlin 2011

Die verschachtelte Architektur in Volodines Romanen könnte aus Südostasien stammen - hier: Bangkok. (Regina Kusch)
Die verschachtelte Architektur in Volodines Romanen könnte aus Südostasien stammen - hier: Bangkok. (Regina Kusch)

"Mevlidos Träume" ist der bislang düsterste Science-Fiction-Roman des französischen Schriftstellers mit dem Pseudonym Antoine Volodine. Tote und Lebendige scheinen sich in einer Art Zwischenreich aufzuhalten.

Wir befinden uns im 22. Jahrhundert in Ulang-Ulan, einer Stadt in einer Diktatur. Der Weltuntergang ist nah, überall liegen Leichen herum. Mutierte Vogelwesen, die sprechen können und brutal, aber auch ungemein verführerisch sein können, verwalten den Alltag. Absurde Selbstkritikrituale erinnern an den Kommunismus und die chinesische Kulturrevolution. Der Polizist Mevlido, etwa 50, lebt mit Maleeya zusammen, deren Mann 15 Jahre zuvor ermordet wurde. Mevlido wiederum trauert um seine geliebte Frau, die vor langer Zeit von Kindersoldaten massakriert wurde. Er ist noch immer auf der Suche nach ihr.

Wie ist das möglich? Weil die Toten bei Volodine nicht richtig tot sind, die Lebendigen allerdings auch nicht richtig lebendig. Alle scheinen sich in einer Art Zwischenreich aufzuhalten, von dem man nie weiß, ob es Traum oder Wirklichkeit ist – ja, mehr noch: ob Traum oder Wirklichkeit überhaupt noch wichtig sind. "Es gelingt nicht mehr, zwischen Leben, Träumen und dem Tod zu unterscheiden." Wer dabei an den buddhistischen "Bardo" (den Zustand zwischen Tod und Wiedergeburt) denkt, liegt gar nicht so falsch. Mevlido wird von den "Organen" in ein weiteres Zwischenreich geschickt, um ein Attentat aufzuklären. Voraussetzung dafür sind sein Tod und eine qualvolle Reinkarnation.

Um sich dem Literaturbetrieb zu entziehen, veröffentlicht Volodine ähnlich wie der Portugiese Pessoa unter verschiedenen Autorennamen (Lutz Bassmann, Manuela Träger u.a.). Mit seiner portugiesischen Frau Anna hält er sich alljährlich in Südostasien auf – daher stammt vielleicht das feuchtheiße Klima, die verschachtelte, labyrinthische Architektur und die zahlreichen charmanten Asiatinnen in seinen Romanen. Ihr Hintergrund sind die Traumata gescheiterter Revolutionen, in diesem Roman noch deutlicher und düsterer als in den bislang auf Deutsch erschienenen "Alto Solo" (1992) und "Dondog" (2005).

Volodines Weltreisen können vielleicht auch die skurrile Schublade des "Post-Exotismus" erklären, in die er sich – aus ironischer Abwehr aller Schubladen – selbst gesteckt hat. Post-Exotismus heißt, dass es keine Exotik mehr gibt. Volodines Romane spielen nie in einem bestimmten "exotischen" Land, seine Personen tragen internationale Fantasienamen. Es gibt nur noch die Globalisierung und die Normalisierung des Schreckens. Das Konfuse, Rätselhafte ist die Norm der Endzeitwelt.

Ein Rätsel ist natürlich auch die Person des Erzählers. Genau in der Mitte des Buchs sagt ein gewisser Mingrelian zu Mevlido: "Ich werde den Bericht über deine Mission schreiben." Am Ende jedoch verfließen die beiden zu einer Person, von der man sicher nicht zu Unrecht annehmen darf, dass sie einem gewissen Antoine Volodine – oder wie auch immer er heißt – ziemlich ähnlich sieht.

Besprochen von Peter Urban-Halle

Antoine Volodine: Mevlidos Träume
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
446 Seiten, 26,90 Euro

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