Seit 14:05 Uhr Kompressor

Freitag, 18.10.2019
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.08.2006

Die neue Rechtschreibung

Ein Abenteuerpark für Buchstabenathleten

Von Arno Orzessek

Podcast abonnieren

Deutschland ist ein ziemlich liberales Land. Man lese die Verfassung, man lese die Urteile oberster Gerichte, man schaue, wie hierzulande geliebt und gerast, getrunken und gekifft wird, vergleiche mit anderswo - dann bekommt man einen Begriff.

Und nun hat sich diese liberale Republik ein Denkmal der Freizügigkeit gesetzt. Es ist, wie sich das gehört im Land der Dichter und Denker, ein Werk der Sprache selbst: nämlich die allerneueste, vor Alternativen überquellende Rechtschreibung. Die Amerikaner haben ihre Statue of Liberty, die schlank und rank vor New York steht. Und wir haben jetzt unsere Statue of Liberality, die zwischen zwei Buchdeckel passt.

Jeder Schreibtisch ist gewissermaßen ein Roulettetisch geworden – jedoch mit Gewinngarantie, wie das Wort 'Roulettetisch' beweist. Schreiben Sie Roulettetisch mit 'l-e-t-t-e' in der Mitte, ist’s richtig; schreiben Sie es nur mit 'l-e-t-t', also ohne das 'e' aus dem Französischen, bleibt es richtig; und schreiben Sie es mit Bindestrich – 'Roulett-Tisch' –, kräht auch kein Hahn danach. Dreieinigkeit ebenso beim 'Sciencefictionroman', der mit zwei Bindestrichen, mit einem Bindestrich und auch mit keinem richtig geschrieben ist. Das Antiautoritäre erlebt in der deutschen Schrift ein fulminantes Comeback – natürlich ist auch 'Comeback' mit und ohne Bindestrich erlaubt.

Wie aber schreibt man das 'Antiautoritäre'? Der neue Duden, d. i. die 24. Auflage, verzeichnet diese Substantivierung nicht, und das mag eine freudsche Fehlleistung sein – 'freudsche' gern so klein wie 'marxsche' und 'nietzschesche'. Denn der Duden respektiert zwar die neue Freiheit, aber letztlich ist er gegen das Antiautoritäre. Deshalb hat die Redaktion um Matthias Wermke in knapp 3000 Wahl-Fällen ihre Empfehlungen leuchtend gelb markiert – in der kühnen Hoffnung, die Wiedervereinigung der deutschen Schriftsprache nach dem Scheitern diverser Gesundheitsreformen doch noch zu erzwingen, notgedrungen mit Zuckerbrot, statt mit Peitsche.

Natürlich wird es anders kommen. Zum einen ist der Duden seine alte Allmacht längst los und Konkurrenzprodukte wie der Wahrig geben keine übereinstimmenden Empfehlungen. Zum anderen strotzen die Duden-Markierungen vor Inkonsistenz. Allzu oft halten die gelben Varianten nicht, was die "Variantenempfehlungen" im Benutzerkapitel des Buches mit pädagogischer Verve ausdrücklich versprechen.

Dort liest man: Bindestrich wird gesetzt, wenn das Wort anders unübersichtlich würde. Aber tatsächlich bekommen weder Sightseeingtour noch Tagundnachtgleiche die versprochenen Striche. Auch das Eineurostück soll an einem Stück geschrieben werden, der Ein-Euro-Job jedoch in drei Stücken mit zwei Bindestrich-Verbindungen. Waren da vielleicht Ein-Euro-Jobber am Werk? Oder liegt es daran, dass der 'Ein-Euro-Job' – wie zum Beispiel auch 'Hassprediger', 'Heuschreckenkapitalismus' und 'Gammelfleisch' – ein Dudenneuzugang der 24. Auflage ist und man keine Zeit fand für den internen Abgleich?

Wer auf Logik setzt, ist verloren. Das Arbeitslosengeld ALG soll mit drei Großbuchstaben abgekürzt werden - was in der Tat besser aussieht als das Alg mit Klein-l und Klein-g, das einer kupierten Alge ähnelte. Die NATO bekommt vier große Buchstaben, die SFOR-Truppen auch – schon man wittert System. Doch das Ahaerlebnis - das der Duden trotz Kollision von a-Auslaut und e-Anlaut in der Mitte gnadenlos zusammenquetscht - kommt bei der Schufa. Obwohl ebenfalls Abkürzung, soll man sie mit Groß-S anfangen und klein weiter schreiben, als wäre die Schufa nahezu eine Schuhfa-brik.

Aber es gibt auch viel Grund zum Beifall. Die bevorzugte Duden-Loreley hat am Wortausklang statt des e-i ihr romantisches e-y wieder; dem Kommuniqué wurde der vulgäre i-k-e-e-Schwanz abgerissen und durch q-u-e plus accent aigu ersetzt; das Tête-à-Tête ist wie das alte Coupé mit allen diakritischen Zeichen rehabilitiert, Butike mit –ike wie Nike verworfen.

Die neue Rechtschreibung ist für halbwegs austrainierte Buchstabenathleten ein Abenteuerpark. Es gibt jetzt wieder den Unterschied zwischen wohlerzogenen Kindern und Kindern, die wohl erzogen wurden, aber augenscheinlich nicht ausreichend. Von deutschen Besuchern des Yellowstone dürfte der reißende Grizzly weiterhin mit z-z-l-y geschrieben werden. Aber warum sollte das I-Dötzchen, für das ein Grisli vielleicht nur ein übergroßer Teddy ist, selbigen nicht mit i-s-l-i schreiben – Grisli passend zu Müsli. Erlaubt ist’s.

Als wir selbst zur Schule gingen, schien uns die Rechtschreibung so mürrisch und streng wie das Strafgesetzbuch. Heute blättern wir im Duden wie in Annoncen. Manchmal wird uns mulmig vor Möglichkeiten - wir geben es zu -, aber meistens finden wir etwas Passendes. Der Wohlfühlfaktor, um einen weiteren Neuzugang zu gebrauchen, ist groß – und 'Wohlfühlfaktor' ein Wort ohne Bindestrich. Möge die Rechtschreibreform nun hundert Jahre ruhen.


Arno Orzessek, geboren 1966 in Osnabrück, studierte Philosophie, Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte in Köln. Seit 1996 schreibt er vor allem für die "Süddeutsche Zeitung" und für den Rundfunk. Gerade erschienen ist sein Roman "Schattauers Tocher". Orzessek lebt in Berlin.

Politisches Feuilleton

UmweltaktivismusWarum die Demokratie das Radikale braucht
Auf einer Wiese vor dem Kanzleramt in Berlin stehen Zelte und Transparente. (imago images / Jürgen Ritter)

Die Klima-Bewegung "Extinction Rebellion" machte zuletzt weltweit mobil: Den Argwohn, mit dem viele ihrer Methode des zivilen Ungehorsams begegnen, teilt die Journalistin Charlotte von Bernstorff nicht – sie sei eine Chance für die Demokratie.Mehr

Olympia 2032Endlich Doping für alle!
Eine Frau schüttet sich rote Pillen in den Mund. (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)

Doping ist die Plage des modernen Sports: Alle Versuche, Wettkämpfe sauber zu halten, sind zum Scheitern verurteilt, stellt der Soziologe Niels Zurawski fest. Wie also könnte bei Meisterschaften in Zukunft wieder sportliche Fairness einkehren?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur