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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.04.2012

Die Natur als der größte Künstler

Ernst Haeckel: "Kunstformen der Natur - Kunstformen aus dem Meer", Mit Texten von Olaf Breidbach und Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Prestel Verlag, München 2012

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In der Formenvielfalt offenbarte sich Haeckel die Wahrheit einer sich entwickelnden Natur.  (picture alliance / dpa)
In der Formenvielfalt offenbarte sich Haeckel die Wahrheit einer sich entwickelnden Natur. (picture alliance / dpa)

Den Variantenreichtum der Einzeller hielt der Wissenschaftler und Künstler Ernst Haeckel um 1900 in Abbildungen fest. Die Poesie seiner Illustrationen fasziniert Künstler, Architekten und Designer - damals wie heute. Sie sind nun in einem Band zu betrachten.

Das Tor zur Moderne war eine Radiolarie. Ausgerechnet ein Kleinstlebewesen aus dem Meer stand Pate für René Binets monumentales Eingangsportal der Pariser Weltausstellung von 1900. Der Architekt hatte das Gehäuse des Strahlentierchens, der sogenannten Radiolarie, detailgetreu nachgebaut und ins Gigantische vergrößert. Ein ornamentales Meisterwerk, purer Jugendstil – und doch keine menschliche Schöpfung, sondern eine "Kunstform der Natur".
Entdeckt hatte sie Binet bei dem bedeutenden deutschen Zoologen Ernst Haeckel. Seine fantastisch bebilderten Bände über Radiolarien (1862) und andere "Kunstformen der Natur" (um 1900) gehörten ins Bücherregal eines jeden Bildungsbürgers. Über 100 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung liegen sie jetzt erstmals gemeinsam in einem prächtigen Bildband mit insgesamt 135 Abbildungen vor.

Ursprünglich hatte der 1834 in Potsdam geborene Haeckel Landschaftsmaler werden wollen. Die Radiolarien mit ihren symmetrisch aufgebauten Gehäusen faszinierten daher nicht nur den Wissenschaftler in ihm, sondern auch den Künstler. Haeckel hielt den unerschöpflichen Variantenreichtum der Einzeller in minutiös gezeichneten Abbildungen fest. Jede einzelne zeigt ein oder mehrere Gehäuse – als Ganzes und vielen Details. Als hätte sich Haeckel nicht nur des Mikroskops, sondern heutiger Technik bedienen und immer weiter ins Innere hineinzoomen können. Dort entdeckte er symmetrische Strukturen und Muster von unglaublicher Schönheit.

Haeckel fand die Symmetrie aber nicht nur in der Natur, er nutzte sie auch selbst als Ordnungsprinzip und formierte seine Abbildungen zu ornamentalen Kunstwerken. Wie sehr er damit einem am Jugendstil geschulten Blick verpflichtet war, erläutert Olaf Breidbach, der Direktor des Ernst-Haeckel-Hauses. Er weist zudem nach, dass Haeckels Bilder nicht nur durch die Zeit geprägt waren, sondern auch in diese zurückwirkten. Etwa wenn in den Ornamenten der Dekorateure Einzeller auftauchten, wenn Krebse und Langusten das Geschirr zierten oder Buchrücken mit Medusenabbildungen umspannt wurden.

Die Poesie von Haeckels Illustrationen fasziniert Künstler, Architekten und Designer - damals wie heute. Tatsächlich ist der Formenreichtum der Radiolarien eine ebenso große Inspirationsquelle wie der der "Kunstformen" etwa von Quallen, Farnen, Fledermäusen, Vögeln und Fischen, die Haeckel Jahrzehnte später darstellte.

Es ist einfach wunderbar, jetzt alle Abbildungen gemeinsam in einem Band betrachten und damit Haeckels Kosmos in Gänze erleben zu können. Grandios auch die Texte, die die Bilder erläutern und Haeckel als Künstler und Wissenschaftler vorstellen. Hier wird deutlich, dass ihn die Symmetrie der Natur nicht nur ästhetisch faszinierte, sondern auch zum Beleg für Darwins Evolutionstheorie wurde. In Formenvielfalt und Variation offenbarte sich Haeckel die Wahrheit einer sich entwickelnden Natur. Dass er sie auf ein Grundprinzip zurückführte, erwies sich als Irrweg. Dennoch hat er die Forschung vorangetrieben und die Kunst sowieso!

Besprochen von Eva Hepper

Ernst Haeckel: Kunstformen der Natur - Kunstformen aus dem Meer
Mit Texten von Olaf Breidbach und Irenäus Eibl-Eibesfeldt
Prestel Verlag, München 2012,
336 Seiten, 24,95 Euro

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