Seit 17:05 Uhr Studio 9

Dienstag, 11.12.2018
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 10.01.2013

Die Naivität der Hannah Arendt

Warum das Böse nicht banal ist

Von Konstantin Sakkas

Podcast abonnieren
Die Philosophin Hannah Arendt im Jahr 1954 (AP-Archiv)
Die Philosophin Hannah Arendt im Jahr 1954 (AP-Archiv)

Hannah Arendt ist missverstanden worden - zu Lebzeiten wie auch nach ihrem Tod. Und es gibt gute Gründe für eine Rehabilitation. Gerade in Deutschland hat man die einzige Frau unter den großen Philosophen des vergangenen Jahrhunderts immer stiefmütterlich behandelt.

Und in dieses Schema passt, dass jüngst eine großangelegte Edition ihrer Schriften daran scheiterte, dass jene Wissenschaftsinstitutionen es nicht fördern wollten, die sich sonst für kein noch so bedeutungsloses Forschungsvorhaben zu schade sind.

Hannah Arendt war "originell", sie war eine Seherin, die auf die Urgründe der historischen Vorgänge blickte, ihr Wesen erfasste, wo andere nur politische oder soziologische "Strukturen" zu erblicken meinen. Doch sie war zugleich eben auch naiv. Diese Naivität spiegelt sich im Skandal um ihr Eichmannbuch, der nun verfilmt worden ist.

Arendts Schlagwort von der Banalität des Bösen brachte ihr viel Empörung und Häme ein. Freilich: der SS-Obersturmbannführer Eichmann wirkte äußerlich in der Tat durch und durch "banal", ebenso die überragende Mehrzahl der NS-Täter. Doch das Böse selbst ist ganz gewiss nicht banal, auch wenn es eine deformierte Ausgeburt des Guten ist. Wenn die Bibel Satan als Beauftragten Gottes auftreten lässt, ist seine Wirkung darum nicht minder schlimm und zerstörerisch.

Die grundrationale Philosophin aus dem aufgeklärten Königsberger Bildungsbürgertum konnte und wollte nicht wahrhaben, dass Menschen schlechter, bösartiger sein können, als man denkt. Eichmann und die anderen Nazis waren nicht einfach charakterlos; nein, sie hatten sich, auf welche Weise auch immer, durchaus einen Charakter erworben – einen durch und durch bösen Charakter! Daran ändert nicht, dass die Wurzel dieser Bosheit ein schwaches, kaum ausgebildetes Selbst war.

Heftig kritisiert wird sie bis heute auch für ihren Vorwurf, die Judenräte hätten zu sehr und zu willig an den Maßnahmen ihrer Peiniger mitgewirkt, auf deren Druck hin sie ja gebildet worden waren. Hannah Arendt versuchte so mit ihrer eigenen Geschichte fertig zu werden. Sie war mit viel Geschick und persönlichem Mut erst der Gestapo in Berlin entwischt und dann aus dem Durchgangslager Gurs in Frankreich geflohen.

Dass die Judenräte in einer verzweifelten Mischung aus Hoffnung und Resignation mit der SS kooperierten, und sei es nur, um die Schikanen bis zum Abtransport zu lindern, kann man ihnen schlechterdings nicht vorwerfen. Was für eine Wahl blieb ihnen denn? Worüber sie sich hier eigentlich empört hat, ist weniger die Arbeit der Judenräte, als vielmehr die Naivität, mit der so viele Juden nach 1933 in Deutschland und Kontinentaleuropa geblieben waren, bis es zu spät war.

Und doch war es ihrerseits naiv, den deutschen Juden vorzuwerfen, mit den Tätern kooperiert zu haben. Denn die Nazis trieben ein uraltes Muster zur Perfektion, die Opfer in den Schmutz des Bösen hineinzuziehen.

Vielleicht kannte Hannah Arendt das Schicksal der jüdischen Chemikerin Clara Immerwahr, die sich 1915 das Leben nahm – aus Protest dagegen, dass ihr Mann Fritz Haber am deutschen Giftgasprogramm mitarbeitete. Vielleicht schwebte ihr das Beispiel dieser Frau vor, als sie erklärte, es sei besser, Böses zu erleiden, als Böses zu tun, und es sei auch besser, sich das eigene Leben zu nehmen, um nicht durch bloßes Dasein ins Verbrechen verstrickt zu werden.

Diese Option hätte in der Tat jedem offen gestanden: dem Täter, der vor der Tat zurückschreckt, wie dem Opfer, das nicht zum Mittäter gemacht werden will. Sie wäre gewiss charakterstarke Konsequenz einer hohen Moral. Doch gerechterweise durfte Hannah Arendt diese hohe Moral jenen Juden nicht absprechen, die bewusst in Deutschland geblieben waren, als überzeugte Deutsche den Nazis nicht weichen wollten, dann gemeinsam – also auch solidarisch und mitfühlend - mit den anderen den Weg bis den Tod gingen.

Conditio sine qua non beider Optionen ist freilich, dass man an ein Leben nach dem Tod glaubt und an eine göttliche Gerechtigkeit, die ewig ist.

Konstantin Sakkas (privat)Konstantin Sakkas (privat)Konstantin Sakkas, Jahrgang 1982, schloss 2009 das Studium in den Fächern Rechtswissenschaften, Philosophie und Geschichte an der Freien Universität Berlin ab. Er arbeitet seit mehreren Jahren als freier Autor für Presse und Rundfunk.

Politisches Feuilleton

Deutsche EuropapolitikKüsschen statt Taten
Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Macron begrüßen sich. (dpa)

Deutsche Spitzenpolitiker wiederholen mit großem Nachdruck, wie pro-europäisch Deutschland sei. Aber was steckt hinter dieser Fassade? Politikwissenschaftlerin Sophie Pornschlegel meint: viel zu wenig.Mehr

John Chau und die SentinelesenTödlicher Missionsversuch
Luftbild der Insel. (NASA)

Ein Missionar, von Eingeborenen mit Pfeilen getötet - das klingt nach 19. Jahrhundert, ist aber gerade erst passiert. Der Fall wirft für Gesine Palmer zahlreiche Fragen auf: etwa, was für ein Glaube den jungen Missionar da eigentlich angetrieben hat.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur