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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.09.2012

Die Modernität der Mitläufer

Nir Baram: "Gute Leute", Hanser Verlag, München 2012, 457 Seiten

"Gute Leute" ist ein für Deutsche auch unbequemer Jahrhundertroman. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
"Gute Leute" ist ein für Deutsche auch unbequemer Jahrhundertroman. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Nir Baram ist der wohl interessanteste Autor der jüngeren israelischen Literatur - jetzt ist in deutscher Übersetzung sein grandioser Weltkriegs-Roman "Gute Leute" erschienen.

Ein Romancier und Gesellschaftskritiker, den in Israel jeder kennt, während er hierzulande erst noch vorgestellt werden muss: Nir Baram, Jahrgang 1977. Debütiert hatte er Ende der 90er-Jahre mit dem (kurz darauf auch auf deutsch übersetzten) Roman "Purple Love Story", einer Liebesgeschichte, die in den Monaten vor und nach der Ermordung Yitzhak Rabins spielt.

Einige Jahre später erschien - unter einem geradezu hymnischen Kollegenlob von Amoz Oz und Meir Shalev - "Der Wiederträumer", eine Art hyper-realistischer Traumsequenz, an deren Ende Tel Aviv untergeht, heimgesucht von einem gigantischen Hurrikan. Literarisches und Lebensweltliches geht hier permanent ineinander, ist doch Nir Baram, unkonventioneller Sprössling einer linksliberalen Politikerfamilie der Arbeitspartei, häufig auf eben jenem Yitzhak Rabin gewidmeten Platz im Tel Aviver Stadtzentrum zu sehen, um dort zusammen mit seinen Autorenkollegen die Gesellschaft aufzurütteln für die Belange der sudanesischen Darfur-Flüchtlinge oder gegen das Demoralisierende der fortgesetzten Besatzung der Palästinensergebiete.

Und nun der Roman "Gute Leute", der soeben in geschmeidiger deutscher Übersetzung im Hanser Verlag erschienen ist. Erzählt werden zwei Lebenswege, die sich schließlich am Vorabend des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion kreuzen: Der Berliner Thomas Heiselberg ist ein alerter Nazi-Mitläufer, die Leningraderin Alexandra Weißberg verkehrt unter regimekritischen Dichtern und kollaboriert schließlich doch mit Stalins NKWD. Barams deutscher Protagonist hatte in den 20er-Jahren für eine amerikanische Marktforschungsfirma gearbeitet und lässt sich nun auf einen Auftrag von Ribbentrops Außenministerium ein, eine Studie des "polnischen Volkscharakters" zu erstellen. Im Gegensatz zum letztlich beruhigend einlullenden Image des Nazis als dumpfe oder hyper-intelligente Bestie, wie er etwa in Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" dargestellt ist, zeigt hier Baram eher den ewigen, dabei kultiviert-flexiblen Mitläufer als verstörend gegenwärtigen Typus.

Von ähnlich existenzieller Tiefe ist die Figur der tragisch verstrickten Idealistin Alexandra Weißberg, die gleichzeitig eine in Deutschland noch immer beliebte Frage so ziemlich obsolet macht: Wer war eigentlich schlimmer - Hitler oder Stalin? Interessanterweise wird im Staat der Shoah-Überlebenden (nicht zu vergessen: auch jener Russen mit Gulag-Erfahrung) keineswegs in solch ideologischen Relativierungs-Rastern gedacht, so dass Barams Roman dort äußerst nuanciert diskutiert wurde. "Gute Leute" aber endet bereits vor dem Holocaust, als Alexandra und Thomas schließlich in Brest zusammentreffen, um zu Ehren des Hitler-Stalin-Paktes eine deutsch-sowjetische Freundschafts-Parade zu organisieren, ehe sich dann im Sommer ´41 beide Terror-Staaten plötzlich als Todfeinde gegenüber stehen. Auf die Leser in Deutschland wartet eine beunruhigende, alle bequemen Gewissheiten beiseite fegende Jahrhundertgeschichte.

Besprochen von Marko Martin

Nir Baram: Gute Leute
Roman. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Hanser Verlag, München 2012
457 Seiten, 24,60 Euro

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