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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.06.2013

"Die Mittelschicht ist äußerst frustriert"

Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rio über den Unmut der Brasilianer

Felix Dane im Gespräch mit Gabi Wuttke

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Demonstranten am Rande des Fußballspiels Brasilien - Japan (picture alliance / Offside Sports / Simon Stacpoole)
Demonstranten am Rande des Fußballspiels Brasilien - Japan (picture alliance / Offside Sports / Simon Stacpoole)

Den Demonstranten in Brasilien geht es vor allem um mehr Chancengerechtigkeit und Entfaltungsmöglichkeiten, sagt Felix Dane, der das Büro der Adenauer-Stiftung in Rio leitet. Viele Studenten und Angehörige der Mittelschicht seien mit der Entwicklung des Landes unzufrieden.

Gabi Wuttke: Wenn alles richtig läuft, werden Russland, Indien, China und Brasilien in weniger als 40 Jahren gemeinsam größer sein als die bislang führenden sechs Länder der Erde. Das sagten 2005 die Analysten von Goldman Sachs. Nun gut, die rühren, wie wir inzwischen wissen, ein sehr eigenes Süppchen, aber die Einschätzung zeigt, wie groß die Erwartung an das Schwellenland Brasilien waren. Nun, da 200.000 Brasilianer ihrer Wut über die soziale Ungerechtigkeit freien Lauf ließen, schaut die Welt genauer hin: Offensichtlich läuft eben nicht alles richtig. Von Felix Dane, dem Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rio de Janeiro, wollte ich wissen, ob der Wirtschaftsboom also nur heiße Luft war.

Felix Dane: Absolut, die brasilianische Wirtschaft ist ein gigantischer Markt von rund 200 Millionen Konsumenten, und das ist natürlich ein Markt, an dem keine Wirtschaft vorbeikommt. Und deswegen gab es sehr viel, sage ich mal, Hype über Brasilien und zur brasilianischen Wirtschaft. Gekoppelt war das ganze dann eben mit Ölfunden und gleichzeitig dem internationalen Commodity Boom, an dem Brasilien sehr gut verdient hat.

Wuttke: Was ist ein Commodity Boom?

Dane: Das sind eben Rohstoffe, Mineralien, Soja und andere Güter, die durch den Aufschwung von China und anderen Staaten Brasilien sehr lukrativ in die Welt verkaufen konnte.

Wuttke: Waren die Wirtschaftsprognosen nie angemessen oder hat da was nicht geklappt?

Dane: Ich denke, Brasilien ist wirtschaftlich einfach überbewertet, politisch gleichzeitig unterbewertet, aber wirtschaftlich absolut überbewertet. Ich gehe nicht davon aus, dass Brasilien mittelfristig ein großes Wirtschaftswachstum aufweisen kann. Es fehlt einfach an mangelnder Infrastruktur, Sie haben das Problem von schlechter Ausbildung, insofern mangelt es an Fachkräften. Sie haben die Inflation, das alte Gespenst Brasiliens, was plötzlich wieder auftaucht und deswegen die Preise hier verteuert. Das ist alles unterschwellig seit einiger Zeit durchaus zu spüren, und die Bevölkerung nimmt das natürlich wahr. Insbesondere die ärmeren Bevölkerungsschichten spüren das direkt in ihrer eigenen Tasche.

Wuttke: Das heißt, der Protest richtet sich konkret weder gegen Dilma Rousseff noch gegen ihren Vorgänger Lula da Silva?

Dane: Wir können das nicht an einer Person fest machen, das geht gegen Bürgermeister, das geht genau so gegen Dilma Rousseff, das geht aber eben auch gegen irgendwelche Vorgänger. Es geht einfach darum, dass man unzufrieden ist mit dem, wie sich das Land entwickelt, und dafür wird die Politik im Allgemeinen verantwortlich gemacht.

Wuttke: Wenn Sie sagen, das Ganze ist ein schleichender Prozess, hat es Sie trotzdem überrascht, dass nun mit einem Mal an einem Tag in unterschiedlichen Städten Brasiliens die Menschen so massenhaft auf die Straße gegangen sind?

Dane: Ja, absolut. Also die Proteste in diesem Ausmaß hat es zum letzten Mal vor 20 Jahren gegeben, um den Präsidenten, den damaligen Präsidenten Fernando Collor zu stürzen, und insofern ist es durchaus überraschend gewesen für alle. Das, was gefordert wird, ist nicht überraschend, aber was das Fass zum Überlaufen gebracht hat, waren eben die Erhöhungen der Tarife des öffentlichen Nahverkehrs. Und das wurde in vielen Städten gleichzeitig umgesetzt, und da hat es bereits die ersten Protestaktionen gegeben.

Und warum das Ganze wohl jetzt so ein Momentum gewonnen hat, ist der momentan stattfindende Confederations Cup, und das Problem ist, dass viele Brasilianer eben sehen, dass sehr viel Geld in diese Fußballweltmeisterschaft und alles, was damit zusammenhängt, investiert wurde, dass dieses Geld aber entgegen aller Versprechen hauptsächlich aus öffentlichen Mitteln finanziert wurde, und dass in anderen Bereichen eben Investitionen in zum Beispiel Bildung und Gesundheitswesen mangelnd sind, und deswegen geht man jetzt auf die Straße.

Wuttke: Wie waren denn die Straßenproteste in Rio, in welcher Atmosphäre fand das statt?

Dane: Also entgegen aller internationalen Medienberichte muss man eigentlich sagen, dass es eine sehr ausgelassene, fröhliche Stimmung war, es gab rund 100.000 Demonstranten, damit war das auch in Rio die größte Protestaktion in ganz Brasilien. Es war alles sehr, sehr friedlich, es gab sehr viel Applaus, sehr verschiedene Plakate mit den sehr humorvollen Forderungen teilweise, und zusätzlich sehr viel Solidaritätsbekundungen. Das war im Zentrum, da haben sie sehr viele Hochhäuser, und da wurden dann teilweise Konfetti aus den Bürogebäuden oder anderen Hochhäusern rausgeschmissen, sodass die Stimmung eigentlich sehr, sehr ausgelassen und fröhlich war und nur dann gegen Ende von einer kleinen Gruppe von Demonstranten eben ausgenutzt wurde, um ein bisschen Randale zu machen, und das ist natürlich sehr, sehr ärgerlich, weil es das Gesamtimage dieser Proteste durchaus in ein negatives Bild zieht.

Wuttke: Glauben Sie, dass die Brasilianer, die jetzt auf die Straße gegangen sind, in gewisser Weise Nachzügler der Occupy-Bewegung sind, oder hätten diese Proteste so oder so stattgefunden?

Dane: Ich denke, die hätten so oder so stattgefunden. Womit man sich viel mehr hier identifiziert, ist die Türkei, also alles, was vorher auch im Arabischen Frühling gelaufen ist, das ist nicht etwas, was die Brasilianer inspiriert hat. Und die Occupy-Bewegung, das ist für sie zu sehr eine Sache, sage ich mal, des Westens, der entwickelten Welt. Mit der Türkei hingegen gibt es gewisse Überlappungen, und das ist ein Land, mit dem auch Brasilien zusammenarbeitet, und ich glaube, da gibt es eher eine Beziehung, und es gab durchaus sogar Leute, die türkische T-Shirts anhaben auf den Straßen. Gleichzeitig, glaube ich, darf man das nicht überbewerten, Brasilien ist ein Land und eine Gesellschaft, was wirklich sehr nach innen gerichtet ist, und die Masse der Leute eigentlich wirklich eine interne Veränderung möchte, und das Fass zum Überlaufen, das ist eher die FIFA-Weltmeisterschaft, und das zum Auslöser genommen hat.

Wuttke: Was meinen Sie mit einer Gesellschaft, die nach innen gerichtet ist?

Dane: Wenn Sie sich die brasilianische Wirtschaft angucken, dann ist sie sehr hermetisch von dem Rest der Welt abgeriegelt, und auch von dem Bruttosozialprodukt werden lediglich 20 Prozent durch Exporte erwirtschaftet. Das heißt, die Medien, alles berichtet sich mehr nach innen, man spricht auch nur Portugiesisch. Man nimmt die Welt wahr als Freunde, aber man kümmert sich nicht so sehr drum, sondern guckt schon eher auf die verschiedenen Regionen Brasiliens.

Wuttke: Gibt es für Sie ein eklatantes Beispiel für die soziale Kluft in Brasilien, oder ist es möglicherweise das, worüber wir noch nicht gesprochen haben, nämlich wie in Israel, der Frust der Mittelschicht, der da zutage tritt?

Dane: Ja, ganz eindeutig – es ist auch genau diese Mittelschicht, die auf der Straße war, wobei die Mittelschicht hier praktisch aus zwei Mittelschichten besteht, die untere und die obere. Und wer auf den Straßen war, das waren hauptsächlich Studenten und eben von, sage ich mal, der oberen Mittelschicht, das sind nicht die ganz Reichen, aber denen es schon deutlich besser geht. Also die Menschen, die aus den Armenvierteln, haben eben nicht an diesen Veranstaltungen teilgenommen, oder zumindest nur sehr wenig.

Die Mittelschicht ist äußerst frustriert, weil sie irgendwie nicht richtig aus dem Knick kommt, um das mal so umgangssprachlich zu sagen, weil ihnen die Möglichkeiten nicht gegeben werden. Und das war auch eine der Forderungen, die wir öfters gehört haben, dass es eben nicht darum geht, weitere Transferzahlungen zu bekommen, sondern man möchte Chancengerechtigkeit und man möchte ein System, in dem man sich frei entwickeln und entfalten kann, und das finde ich schon sehr bezeichnend für genau das, was Sie sagen, dass es eine sehr frustrierte Mittelschicht ist.

Wuttke: Glauben Sie, dass Dilma Rousseff das Ganze für einen einmaligen Spuk hält?

Dane: Ich glaube, Sie beobachtet das sehr genau, und im nächsten Jahr ist eben Wahljahr in Brasilien, und der Wahlkampf hat eigentlich inoffiziell bereits begonnen.

Wuttke: … sagt Felix Dane, der Chef der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rio de Janeiro. Ich danke Ihnen sehr und wünsche Ihnen einen guten Tag.

Dane: Danke schön.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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