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Lesart / Archiv | Beitrag vom 03.10.2012

Die mitreißende Geschichte des Auschwitz-Boxers

Reinhard Kleist: "Der Boxer. Die wahre Geschichte des Hertzko Haft" und Alan Scott Haft: "Eines Tages werde ich alles erzählen"

Rezensiert von Matthias Küntzel

In Konzentrationslagern wurde Hertzko Haft gezwungen, gegen Mitgefangene zu boxen und seine Gegner in den Tod zu schicken.  (picture alliance / dpa / Sebastian Widmann)
In Konzentrationslagern wurde Hertzko Haft gezwungen, gegen Mitgefangene zu boxen und seine Gegner in den Tod zu schicken. (picture alliance / dpa / Sebastian Widmann)

Der jüdische Boxer Hertzko Haft entging dem Holocaust nur, weil er in einem Außenlager von Auschwitz zum Amüsement der SS-Schergen auf Leben und Tod gegen Mithäftlinge kämpfte. Ein Buch seines Sohnes und eine Graphic Novel berichten von seinem verstörenden Überlebenskampf.

Die Überlebensgeschichte des jüdischen Boxers Hertzko Haft ist so unglaublich wie verstörend. 1925 in Polen geboren, überlebte er den Holocaust nur, weil er in einem Außenlager von Auschwitz zum Amüsement grölender SS-Schergen gegen ausgemergelte Mithäftlinge boxte. Wer den Kampf verlor, verlor sein Leben. 76-mal blieb Hertzko bei diesem sadistischen Spektakel als Sieger zurück. Nach dem Krieg ging er 1946 in die USA, wo er kurzzeitig als Profiboxer arbeitete und einmal sogar gegen den späteren Boxweltmeister Rocky Marciano antrat.

Cover Alan Scott Haft: "Eines Tages werde ich alles erzählen" (Verlag Die Werkstatt)Cover Alan Scott Haft: "Eines Tages werde ich alles erzählen" (Verlag Die Werkstatt) Diese wahre Geschichte ist auch deshalb bekannt, weil sein ältester Sohn Alan Scott Haft sie im Jahr 2006 veröffentlichte. Vor drei Jahren ist die deutsche Ausgabe unter dem Titel "Eines Tages werde ich alles erzählen" erschienen, zusammen mit Fotos und faksimilierten Dokumenten sowie mit Aufsätzen. John Radzilowski und Mike Silver informieren darin über das jüdische Leben in Polen und die amerikanische Boxerszene der Vierzigerjahre. Im Nachwort dieses Buches berichtet Alan Scott Haft:

"Mein Vater war ein großer ungehobelter Mann mit plötzlich aufbrausendem und ungezügeltem Jähzorn. Er sprach nur gebrochen Englisch und konnte kaum lesen oder schreiben. Auf seinem linken Vorderarm waren hässliche grüne Nummern eintätowiert. Die Jahre, die er in den Konzentrationslagern verbracht hatte, verfolgten ihn sein Leben lang."

Reinhard Kleist hat schon mehrere biografische Comic-Bände gezeichnet. In Zusammenarbeit mit dem Sohn hat er den Lebensbericht von Hertzko Haft in eine grafische Erzählung verwandelt, die sich penibel an die Buchvorlage hält. Jetzt hat der Carlsen-Verlag diese Comic-Serie erweitert und als 200-seitige Graphic Novel auf den Markt gebracht. Endlich – kann man da nur sagen, denn dem Zeichner Reinhard Kleist ist ein Meisterwerk gelungen.

"Der Boxer. Die wahre Geschichte des Hertzko Haft" beginnt und endet mit der Perspektive des Sohnes, der von dem Vorleben seines durchaus brutalen Vaters erst sehr spät erfuhr. Der Hauptteil der Geschichte wird aus der Sicht des Holocaust-Überlebenden Hertzko Haft erzählt – ein ungehobelter und gewalttätiger Junge, der dem Bild des friedfertigen und schuldlosen Opfers nicht entspricht. Doch Kleist versteht es, ihn, der schon als Grundschüler seinen antisemitischen Lehrer versohlte und prompt von der Schule flog, zu einer Identifikationsfigur zu machen.

Cover Reinhard Kleist: "Der Boxer" (Carlsen-Verlag)Cover Reinhard Kleist: "Der Boxer" (Carlsen-Verlag)Mit 15 Jahren gerät Hertzko Haft in den Holocaust, dessen Grauen sich bei Kleist subtil offenbart. Es spiegelt sich im Gesicht der Hauptfigur, das sich verdüstert, dessen Züge sich auflösen, das sich entmenschlicht. Wir erleben den Schock der Einsamkeit nach Hertzkos Trennung von Freundin und Familie, sein bodenloses Entsetzen, als er von der Deportation seiner Angehörigen erfährt, den Albtraum der Verbrennungsöfen, an denen Hertzko in Auschwitz arbeiten muss und wir beobachten seine verzerrte Fratze beim scheinbar unmittelbar bevorstehenden Tod, dem Herzko mehrfach wie durch ein Wunder entgeht.

Reinhard Kleist hat hier nicht einfach Comic-Bilder kreiert, sondern kleine Gemälde, Zeichnungen in Schwarz-Weiß, die haften bleiben und kaum zu vergessen sind.

Kleist spart als Vertreter des Comicrealismus zwar nichts aus, er wird in seiner Darstellung des Holocaust aber auch nicht voyeuristisch, sondern zeichnet abstrakt, wo Diskretion dies verlangt. Wir sehen den Irrwitz der Todesmärsche, wir begreifen, dass Hertzko um des schieren Überlebens Willen Zivilisten erschießt und wir begegnen Amerikanern, die nach Kriegsende illegal ein Bordell betreiben, mit Hertzko als Chef.

Während zwei Drittel des Comics vom Holocaust und der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählen, nimmt Hertzkos Boxer-Leben in den USA ein Drittel ein. Das Buch endet so, wie die Biografie eines Holocaustüberlebenden nur enden kann: ohne Happy-End.

Kleist hat es geschafft, ein packendes, ja mitreißendes Buch über den Holocaust zu schreiben, das weder beschönigt, noch trivialisiert. Diese Graphic Novel ist ein Buch für Erwachsene, wie sein Vorabdruck in der FAZ beweist. Es ist aber auch ein Buch für Jugendliche, das in einer Zeit, in der sich die Reihen der Zeitzeugen des Holocaust lichten, eine immer spürbarer werdende Lücke füllt.

Der Schläger und Boxer Hertzko Haft ist kein Held ohne Widersprüche, der abseits der Grausamkeiten der Lager steht. Doch gerade das macht ihn so glaubwürdig und so stark, auch für Jugendliche, die heute so alt sind, wie er es damals war. Die Authentizität dieses Buches, sein Realismus und die emotionale Wirkung, die Kleist mit seinem Zeichenstift erzeugt, rechtfertigen es, diesem Band das Prädikat "Besonders wertvoll auch für Unterrichtszwecke" zu verleihen.

Der Bundeszentrale für Politische Bildung sei hiermit nahegelegt, für die Herausgabe einer ermäßigten Sonderausgabe dieser Graphic Novel zu sorgen.

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