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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.05.2012

"Die meisten Muslime sind nicht fundamentalistisch"

Der Liberal-Islamische Bund will Muslime aus Deutschland zusammenbringen - auch über Facebook

Lamya Kaddor im Gespräch mit Joachim Scholl

Facebook sei "insgesamt ein sehr gutes Austauschforum", sagt Lamya Kaddor. (picture alliance / dpa / Marc Tirl)
Facebook sei "insgesamt ein sehr gutes Austauschforum", sagt Lamya Kaddor. (picture alliance / dpa / Marc Tirl)

Die Religionslehrerin und Gründerin des Liveral-Islamischen Bundes Lamya Kaddor erwartet zwar, dass viele Muslime sich bei dem im Juli startenden sozialen Netzwerk Salamworld.com anmelden werden. Diese "Extrawurst" für Muslime findet sie aber falsch. Kaddor vernetzt Muslime über ihre Facebook-Seite.

Joachim Scholl: Das soziale Netzwerk Facebook geht heute an die Börse, und das wird vermutlich auch diejenigen interessieren, die oft und regelmäßig die Seite des Liberal-Islamischen Bundes anklicken - eine Vereinigung, die sich ganz bewusst an weltoffene und weltinteressierte Muslime richtet, für die es selbstverständlich ist, sich auf Onlineplattformen zu orientieren und auch über ihre Religion auszutauschen. Wir wollen Muslime, die eigenverantwortlich entscheiden, wie sie ihren Glauben leben in der Gesellschaft, in der sie sich befinden. Das sagt die Gründerin des Liberal-Islamischen Bundes, die Religionslehrerin Lamya Kaddor. Sie ist jetzt im Studio - guten Morgen, Frau Kaddor!

Lamya Kaddor: Guten Morgen!

Scholl: Seit knapp zwei Jahren gibt es den Liberal-Islamischen Bund, und von Beginn an war online zu sein ganz wesentlich für die Kommunikation. Wie viele Facebook-Freunde hat denn Ihr Bund inzwischen?

Kaddor: Nun ja, der Bund hat zwar in der Tat eine eigene Seite, ich glaube, die liegt irgendwie bei 600 Personen, die meisten Kontakte allerdings, die meisten Interessierten steuern allerdings meine persönliche Seite an, die anfangs mal eigentlich eine Privatseite war, inzwischen aber mit 3.200 Freunden oder so das Maß des Privaten und Persönlichen natürlich überschritten hat. Im Grunde genommen tummeln sich die islaminteressierten, wenn man so will, und auch die weltorientierten Muslime auf meiner Seite.

Scholl: Warum ist anscheinend gerade die Onlinekommunikation so wichtig?

Kaddor: Ich glaube, das ist ja ohnehin sehr typisch für Facebook eher, dass man eben hinter der Anonymität sehr frei kommentieren kann, einerseits, andererseits, ich glaube, weil es insgesamt ein sehr gutes Austauschforum ist. Ich erlebe sehr häufig, egal was ich poste - häufig natürlich nur zu muslimischen Themen oder Themen, die irgendwie Muslime betreffen -, dass es eben doch sehr viele Kommentare gibt. Natürlich auch die ganz süffisanten, polemischen Kommentare, kennen wir ja auch aus anderen Zusammenhängen auch auf Facebook, aber eben auch sehr viele ernst gemeinte.

Häufig treffen sich auf meiner Seite eben ganz unterschiedliche Gruppen: einerseits die Journalisten, die insgesamt ganz interessiert sind an dieser Art von Kommunikation und auch an den Inhalten, andererseits aber auch eben Laien, also islaminteressierte Laien, ganz normale Gläubige sozusagen, aber eben auch islamische Theologen und Islamwissenschaftler. Das, glaube ich, ist eine ganz gute Mischung, weil eben auch Andersgläubige wiederum ebenfalls auf dieser Seite sind, sodass sich im Optimalfall all diese Gruppen untereinander oder miteinander unterhalten können.

Scholl: Ich wollte Sie gerade nach dem Profil dieser liberalen Muslime, die Sie ansprechen und gewonnen haben, fragen: Wie wichtig denn sind für diese Muslime auch Nationalität, Herkunft, eventuell auch die Ethnie?

Kaddor: Also im Liberal-Islamischen Bund macht das überhaupt keine Bedeutung aus im Grunde genommen. Das ist ja genau der Anspruch, mit dem der LIB quasi seine Arbeit aufgenommen hat. Uns war es ganz wichtig zu sagen, wir wollen Muslime einen oder zusammenbringen, die alle eines nur gemeinsam haben, nämlich ihre Verortung in und zu Deutschland, nicht ihre Herkunft oder die Herkunft ihrer Eltern oder Großeltern vielmehr.

Das ist eigentlich aufgegangen, denn das war übrigens der Grund, diesen Verein Liberal-Islamischer Bund zu nennen. Es soll eben ein Bund sein von ganz unterschiedlichen Menschen, die aber doch relativ ähnlich denken und sich gleich verorten. Und das geht eigentlich relativ gut auf. Also die meisten unserer Mitglieder haben einen ganz unterschiedlichen Hintergrund, es sind eben nicht nur türkischstämmige Muslime, nicht nur Konvertiten, nicht nur, weiß ich nicht, arabischstämmige Menschen, sondern wirklich kunterbunt gemischt, ganz unterschiedlich.

Scholl: Gibt es denn auch weitere Treffen, so persönlichen Austausch über den virtuellen Raum hinaus - bestimmt, ne?

Kaddor: Ja, natürlich, klar. Also ich meine, selten organisiert man so was quasi öffentlich, im Sinne von "so, wir überlegen uns jetzt, dass wir uns morgen in Köln treffen, kommt doch bitte, liebe Leute", sondern das sind natürlich meist dann ... läuft das natürlich durch den vereinsinternen E-Mail-Verkehr, dass man sich zusammensetzen will. Gelegentlich aber bekomme ich sehr häufig Anfragen von Privatpersonen, die entweder mit mir telefonieren wollen oder fragen, wann sie mal zu solch einer Sitzung des Liberal-Islamischen Bundes hinzukommen können. Wir hatten übrigens vor Kurzem eine Mitgliederversammlung, dort dürfen auch Gäste anwesend sein oder durften auch Gäste anwesend sein - das passiert oft.

Scholl: Islam online - Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Lamya Kaddor. Sie hat den Liberal-Islamischen Bund gegründet und ist auch dessen Vorsitzende. Nun hat Ihr Bund, Frau Kaddor, mit dieser entschiedenen liberalen Ausrichtung vermutlich andere konservativere Muslime oder auch Verbände provoziert, welche Reaktionen gibt es hier?

Kaddor: Ja, da muss ich bedauerlicherweise feststellen, dass es häufig nichts mehr als Polemik seitens dieser Verbände oder konservativer orientierten Muslime gibt. In der Regel ist es so, dass man die Hauptvorwurf vorgesagt bekommt, man würde beliebig den Glauben ausleben oder beliebig handeln und auswerten, wenn man so will, das ist aber das gängige Argument, womit übrigens alle liberal Gläubigen in egal welcher Glaubensgemeinschaft zu tun haben. Liberalen Juden wird das seitens der ultraorthodoxen oder konservativen übrigens ebenfalls vorgeworfen, das ist also nichts, was nur typisch für Muslime ist.

Scholl: Auch der katholische Papst will von liberaler Theologie nichts wissen.

Kaddor: Genau, und da ist der Vorwurf ja in der Regel auch der gleiche, dass eben der Glaube damit verwässert wird, es würde ein Islam light geben, man würde damit die Grundsätze des Korans außer Kraft setzen und aushebeln - ja, das müssen wir uns schon anhören. Aber leider ist es bis heute immer noch nicht passiert, dass sich eben gerade die etablierten Verbände eben mit bestimmten Positionen von uns ernsthaft theologisch und inhaltlich auseinandersetzen - das ist nicht passiert. Und ich glaube, gerade Themen wie Geschlechtergerechtigkeit, also die Rolle der Frau im Islam: Was ist mit Frauen, wenn die vorbeten, also Imaminnen, können die auch geschlechtergemischte Gebete leiten? Dafür plädieren wir übrigens, dass das möglich sein sollte. Was ist mit homosexuellen Beziehungen? Darüber würden wir gerne reden, aber wir stoßen da nicht auf ein offenes Ohr.

Scholl: Zurzeit findet ja der Katholische Kirchentag statt, dort ist an verschiedenen Stellen auf etlichen Foren ein christlich-islamischer Dialog geplant. Inwieweit gibt es denn hier einen Austausch Ihres Bundes mit anderen Religionen? Findet hier Kommunikation statt, auf den Netzseiten oder vielleicht auch ganz praktisch? Also morgen ist auf dem Kirchentag eine entsprechende Veranstaltung geplant.

Kaddor: Ja, also ich meine, ich bin natürlich eingeladen auf den Kirchentag. Ich denke, das ist sicherlich auch ein Zeichen, zu sagen, also wir wollen mit ganz unterschiedlichen Muslimen zusammenkommen. Es geht ja nicht nur darum, die Zusammenarbeit oder den Dialog mit nur liberalen Muslimen darzustellen, es geht ja insgesamt darum, überhaupt mit Muslimen zu sprechen, und dann möglichst, denke ich, auch mit vielleicht ganz unterschiedlichen Muslimen. Ich maße mir nicht an und ich glaube, auch der LIB tut das sicher nicht, dass wir sagen, wir sind die einzig islamisch legitimierte Autorität innerhalb des Islams, das natürlich nicht.

Wir formulieren ein Angebot, und uns ist das eben wichtig, dass wir auch mit Andersgläubigen ins Gespräch kommen. Das ist zum Beispiel übrigens auch einer der Gründe, warum wir sagen, dass es im Liberal-Islamischen Bund eine außerordentliche Mitgliedschaft gibt. Also man kann als Nichtmuslim Mitglied werden, dann allerdings ohne Stimmrecht, aber um auch zu zeigen, dass man vielleicht gerade hinter dieser Interpretation eines zeitgemäßen Islams steht. Wir haben also damit übrigens auch jüdische Mitglieder inzwischen, wir haben natürlich auch christliche Mitglieder, aber was ich wirklich toll finde, sind eben die jüdischen Mitglieder, die dann ganz klar auch dafür stehen, die selbst ihres Zeichen natürlich eher liberale Juden sind, das muss man vielleicht dazu auch sagen, aber das finde ich natürlich super. Und ich glaube, das zeigt der LIB einerseits, dass er eben diese Ausrichtung hat, und klar, das Gespräch ist immer wichtig im Dialog.

Scholl: Lassen Sie uns doch mal auf diese Onlinekommunikation zurückkommen, Frau Kaddor. Es gibt ja neben der großen Freiheit im Netz auch diese dunkle Seite, das Netz als Tummelplatz für Radikale, es steht auch radikalen Islamisten offen, die dort ihre Werte und Ideologie propagieren - wie gehen Sie damit um?

Kaddor: Ja, die hab ich natürlich auch auf meiner Seite, klar, das sind natürlich Muslime, die das Ganze eben nicht so liberal sehen, sondern sehr viel dogmatischer. Die sind auch auf meiner Seite, weil die natürlich daran interessiert sind, was äußern so Liberale zu welchen Themen, zu irgendwelchen Themen. Und das kann und das führt auch immer häufiger dazu, dass bestimmte Positionen eben wirklich klar gegeneinander da stehen, wirklich auch als Kommentare zum Beispiel innerhalb von Facebook, dass der eine sagt, nein, das sehe ich überhaupt nicht so, weil Gott euch alle dann bestrafen wird, der Islam predigt dies und das, und andere Muslime sagen, nein, hier geht es um die Freiheit, die persönliche Freiheit des Individuums, zu entscheiden, was für ihn oder für sie gut ist. Also das erlebt man immer häufiger, zu ganz unterschiedlichen Themen, dass ich auch ganz im Privaten immer wieder E-Mails bekomme von ganz aufgebrachten Glaubensgeschwistern, wenn man das so sagen kann, die mir sagen, dass, wenn ich so weitermachen würde, ich in die Hölle käme. Das bekomme ich sehr regelmäßig zu hören.

Scholl: Ende Juli will das soziale Netzwerk Salamworld.com online gehen, man hat es schon als die, ja, die muslimische Antwort auf Facebook bezeichnet. Beobachter warnen davor, dass die Betreiber ja doch Islamisten seien oder diesen doch sehr nahe stünden. Wie sehen Sie das Projekt, als konservative Konkurrenz?

Kaddor: Ehrlich gesagt sehe ich das gar nicht Konkurrenz, das muss ich deutlich sagen. Ich denke immer noch, dass die meisten Muslime - ob jetzt politikinteressiert oder besonders islaminteressiert -, die meisten Muslime melden sich möglicherweise dort an, das kann sein, aber ich glaube, denen ist klar, dass wirklich die Mehrheit aller Muslime eben nicht islamistisches Gedankengut hat. Ich glaube, die meisten Muslime lassen sich durchaus zwischen liberal und konservativ ansiedeln. Die sind nicht fundamentalistisch, die meisten. Das geht auch aus Umfragen heraus, das ist also nichts, was ich jetzt einfach so hier hineininterpretiere.

Ich halte insgesamt nichts von solchen Dingen. Es gibt beispielsweise auch dieses sogenannte Muslimtaxi und irgendwelche Dinge, die plötzlich nur für Muslime gemacht sind, die zwar für Andersgläubige offen sind. Ich halte da wenig von, weil ich glaube, dass das Signal nach außen, also in die Mehrheitsgesellschaft, was dort transportiert wird, eher zulasten der Muslime geht, also eher zu unserem Nachteil geht, weil es dann wieder heißt: Die Muslime und ihre Extrawünsche, die Muslime brauchen eine Extrawurst.

Ich glaube, dass wir vielleicht auch angesichts der politischen Entwicklung oder gesellschaftlichen Entwicklung in diesem Land - nämlich damit meine ich die wachsende Islamfeindlichkeit, das ist übrigens auch statistisch belegt - vielleicht nicht gerade eine gute Idee ist, dass Muslime sich zu solchen Interessenvertretungen, wenn man so will, zusammentun, weil sie letztlich damit eine bestimmte Art von Islamophobie ich will nicht sagen mitschüren, aber zumindest diese vielleicht sogar provozieren könnten.

Scholl: Junge, weltoffene Muslime schaffen sich ihre eigene Plattform, etwa auf der Facebook-Seite des Liberal-Islamischen Bundes. Er wird geleitet von Lamya Kaddor. Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Kaddor: Sehr gerne!

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Rekord-Börsengang für Facebook
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