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Im Gespräch | Beitrag vom 30.10.2020

Die Malerin Miwa Ogasawara Grau in allen Facetten

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Porträt von Miwa Ogasawara. (Andreas Sibler)
Bei uns zu Gast: die Malerin Miwa Ogasawara. "Ich möchte den Menschen Zeit geben, wenn sie meine Bilder anschauen", sagt sie. (Andreas Sibler)

Eigentlich kam Miwa Ogasawara für eine anthroposophische Ausbildung nach Deutschland. Dann entschied sich die japanische Malerin für ein Kunststudium. Grau ist die bestimmende Farbe ihrer Bilder.

Weiß, schwarz und immer wieder grau in unzähligen Nuancen: Wer die Bilder von Miwa Ogasawara zum ersten Mal betrachtet, dem wird vor allem diese Farbauswahl auffallen.

Menschen, Räume oder Gegenstände scheinen besonders achtsam, vorsichtig und tastend gemalt. In Gegenwart ihrer Bilder, so liest man in einem der Kataloge von Miwa Ogasawara, würde man flüstern. "Ich möchte den Menschen Zeit geben, wenn sie meine Bilder anschauen. Um über das Leben dabei nachzudenken, zurückblicken, vielleicht auch nach vorne schauen können. Dabei wird man vielleicht still."

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Was sie vor allem beim Malen sucht? "Zwischenräume", erzählt die Künstlerin, "Zwischenräume, die Zeit zwischen Vergangenheit und Zukunft, das ist mein großes Interesse." Beim Betrachten der Bilder von Miwa Ogasawara stellt sich tatsächlich eine gewisse Ruhe, fast sogar Melancholie ein. Der unbunte Charakter ihrer Werke trägt viel dazu bei. So zu zeichnen war und ist eine ganz bewusste Entscheidung, erzählt die Malerin.

"Wir leben in gemischten Gefühlen"

"Grau hat schon sehr viele Farben. Wenn ich mich nur für eine Farbe entscheiden würde, zum Beispiel Rot, das hat so eine kulturelle Bedeutung, Fröhlichkeit, Liebe, bis hin zum Blut. Die Assoziation ist so groß, dass man dann nicht mehr so feinfühlig in mein Bild hineingehen kann. Bei mir geht es nicht um starke Momente des Lebens, Heiterkeit, oder Trauer. Es sind die feinen Nuancen dazwischen. Wir leben, denke ich, die meiste Zeit in diesem gemischten Gefühl. Dieses Gefühl kann ich mit Grau am besten ausdrücken."

Wer das nachempfinden will, derzeit sind in einer kleinen Ausstellung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin einige Bilder von Miwa Ogasawara zu sehen.

Zwischen Rudolf Steiner und Uniformität

Doch nicht nur ihr Werk bewegt, auch der Lebensweg. Die Eltern wurden durch die "68er" geprägt, waren Anhänger der antiautoritären Erziehung, die Mutter begeisterte sich für Anthroposophie und Rudolf Steiner. Die Tochter sollte mit möglichst vielen Freiräumen aufwachsen. Klingt eigentlich nach einer Kindheit im linken Milieu der Bundesrepublik, späte 60er, frühe 1970er Jahre. Doch Miwa Ogasawara wurde in Japan geboren, wuchs in einer Bergregion zwischen Kyoto und Osaka auf.

"Meine Eltern wollten etwas bewirken in der japanischen Gesellschaft. Sie wollten einen Ort schaffen, wo die Kinder spielen können. Weil die Kinder im Japan nach der Schule sofort zum Privatunterricht mussten. Um in der Schule noch bessere Leitungen zu bringen. Die Kinder waren die ganze Zeit beim Lernen."

"Kinder sollten Befehle befolgen"

Worum es ihren Eltern ging, verstand sie später in der Schule, erzählt Miwa Ogasawara. "Als ich uniformiert wurde, die Haare kurz geschnitten wurden, man konnte nicht fragen: Warum soll das so sein? Kinder sollten sich einfach fügen und Befehle befolgen. Und für die Gesellschaft lernen, damit man später eingegliedert werden kann."

Mit 15 ging Miwa Ogasawara in die USA. Für eine Ausbildung als anthroposophische Kindergärtnerin kam sie drei Jahre später, Anfang der 90er-Jahre, nach Deutschland.

Nach Deutschland für die Anthroposophie 

In Japan wurde ihr empfohlen: "wenn Anthroposophie, dann ab nach Europa, am besten nach Deutschland". Später folgte ein Kunststudium in Hamburg, wo Miwa Ogasawara bis heute lebt.

Erst die Ausbildung, dann das Studium, heute ein Leben als Künstlerin: Auf ihrem Weg hätte sie viel an den Vater denken müssen. "Der Freundeskreis meines Vaters bestand aus Künstlern. Die waren die so genannten Außenseiter der japanischen Gesellschaft. Die waren sehr arm. Und ich dachte, wenn ich etwas Handfestes gelernt habe, ist es einfacher durch das Leben zu kommen. Das hat mir mein Vater mitgegeben."

(ful)

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