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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.08.2006

Die Mär vom Nicht-Wissen widerlegt

Studie über Mitwisserschaft während des Holocausts

Rezensiert von Stephan Detjen

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1943: SS-Truppen deportieren Bewohner des Warschauer Ghettos (AP-Archiv)
1943: SS-Truppen deportieren Bewohner des Warschauer Ghettos (AP-Archiv)

Die Historiker Frank Bajohr und Dieter Pohl haben in ihrer Studie erforscht, was die Deutschen und die Alliierten über den Massenmord an den Juden wussten. In "Der Holocaust als offenes Geheimnis" zeigen sie unter anderem anhand von Tagebüchern, dass selbst einfache Bürger sich ein umfangreiches Bild von der Judenvernichtung machen konnten.

Die Frage nach dem Wissen führt unmittelbar in das Zentrum unserer kollektiven Identität. Die Frage: "Was habt ihr gewusst?" kettet die Generationen der Deutschen nach der Shoa aneinander und reißt zugleich moralische Klüfte zwischen ihnen auf. Die Behauptung, nichts oder doch nichts Genaues gewusst zu haben, war der Schutzreflex, mit dem Eltern und Großeltern ihre Verteidigungsstellung gegen die drängenden Fragen ihrer Kinder und Enkel bezogen.

Wo dem die Feststellung der Mitwisserschaft entgegengehalten wird, steht auch der Vorwurf der Mittäterschaft beunruhigend im Raum. Mitschuld lässt sich in diesem Zusammenhang kaum noch individualisieren. Wenn es gilt, dass alle es wussten oder hätten wissen müssen, trifft die Schuld kollektiv. Das ist der Sprengstoff, der sich in Frank Bajohrs und Dieter Pohls Untersuchung über den "Holocaust als offenes Geheimnis" verbirgt.

Die beiden renommierten NS- und Holocaust-Forscher, beide Vertreter der jüngeren Historikergeneration, legen mit ihrem Buch eine kompakte und auch für den historische interessierten Laien aufschlussreiche Studie vor. Auf einer breiten, wenn auch kaum neuen, Quellengrundlage entschlüsseln sie die Mechanik des Wissens, das sich über den Genozid sowohl im Deutschen Reich als auch bei den Alliierten verbreitete. Für eine ohne Anmerkungsteil nicht einmal 130 Seiten umfassende Studie wird da ein weiter Betrachtungshorizont aufgerissen.

Fast zwangsläufig bleiben deshalb am Ende manche Fragen offen und werden Deutungsangebote nur ansatzweise skizziert. Insoweit bleiben Bajohr und Pohl in ihrem Anspruch deutlich hinter der zwar auf Deutschland beschränkten, aber erheblich umfangreicheren und hoch gelobten Studie von Peter Longerich zurück, die gerade erst in diesem Frühjahr unter dem Titel "Davon haben wir nichts gewusst!" im Siedler-Verlag erschienen ist.

Das dieses für das Verständnis unserer Geschichte und unserer Gesellschaft so zentrale Thema erst jetzt, und dann gleich in zwei Monographien von der Ebene volkstümlicher Allgemeinplätze auf ein wissenschaftliches Niveau gehoben wird, ist schon für sich bemerkenswert. Interessant sind zudem die unterschiedlichen Wertungen, zu denen die Historiker auf im Wesentlichen gleicher Quellenbasis kommen.

Frank Bajohr etwa diagnostiziert bereits in der Frühphase der Judenverfolgung einen breiten "antijüdischen Grundkonsens" in der mehrheitsdeutschen Bevölkerung. Zusammen mit der nicht zuletzt materiellen Nutznießerschaft in Folge zunehmender Entrechtung habe dies dazu geführt, dass die Juden schon 1938/39 nicht mehr als Teil der Volksgemeinschaft angesehen worden seien. Damit war der geistige Grund gelegt, auf dem auch die 1941 beginnenden Deportationen auf eine Stimmungslage trafen, in der sich nach Bajohrs Einschätzung "aktive Zustimmung, Zurückhaltung und kritische Distanz" die Waage hielten.

Peter Longerich dagegen konnte in seiner Studie eine eindrucksvolle Vielzahl von Zeichen des Unmuts und Unverständnisses belegen, die ihn, was das Verhalten der deutschen Mehrheitsbevölkerung angeht, zu einem in Teilen milderen Urteil kommen lässt.

Ebenso bemerkenswert ist indes auch die Einigkeit, mit der Longerich ebenso wie Bajohr und Pohl den Kern ihres Themas fast wortgleich erfassen: Mit dem Begriff des "öffentlichen" beziehungsweise "offenen Geheimnisses" kennzeichnen beide Bücher das Ergebnis eines komplexen Ineinandergreifens von jedermann zugänglichen Informationen und einem breiten Schweigekonsens über die Wirklichkeit des millionenfachen Mordes.

Bereits in einer berüchtigten Rede vom 30. Januar 1939 hatte Hitler ganz offen die "Vernichtung" des Judentums angekündigt. Auf dem Höhepunkt der Deportationen ab 1941 wiesen der Diktator und die ihm dienende Propaganda immer wieder auf diese "Prophezeiung" hin und verstärkten die Botschaft, indem nun noch drastischer von "Ausrottung" die Rede war.

Berichte von Fronturlaubern, Feldpost aus dem Osten und zunehmend auch die im Geheimen viel gehörte BBC lieferten zunächst isolierte Hinweise, die sich jedoch lauffeuerartig durch die Bevölkerung verbreiteten. Blieb das Bild des Schreckens zunächst noch vage, so verdichteten sich die Informationen ab 1942 zu einem schlüssigen Gesamtbild.

Anhand konkreter Beispiele aus Tagebüchern und Aufzeichnungen weist Frank Bajohr nach, wie sich ganz einfache Leute, Handwerker, Techniker Hausfrauen, die selbst nie auch nur in die Nähe von Exekutionsorten oder Vernichtungslagern gekommen waren, ein präzises Bild des Massenmordes verschaffen konnten.

Dass es die offizielle Propaganda bei düsteren Drohungen, vagen Andeutungen beließ, stand der weit verbreiteten Kenntnis über die Wirklichkeit nicht entgegen. Bajohr analysiert überzeugend, wie gerade in dem Zusammenwirken aus unter der Hand verbreiteten Informationen und offiziellem Nicht-Sagen die spezifische Stimmung des Schreckens entstand, in der das vermeintlich im geheimen Geschehende zum Gegenstand allgemeinen Wissens wurde.

Konsequenterweise wurde das kollektive Befinden der Mehrheitsdeutschen in den späteren Kriegsjahren zunehmend auch von der nackten Angst vor der drohenden Strafe durch die heranrückenden Alliierten beherrscht. Der Bombenkrieg musste vor diesem Hintergrund als Vorwegnahme einer begründeten, wenn nicht gar verdienten Bestrafung gedeutet werden.

Als kaum weniger komplex schildert Dieter Pohl im zweiten Teil des Buches, wie sich das Wissen über das historisch einmalige Verbrechen unter den Alliierten verbreitete. Durch die Entschlüsselung deutscher Funkcodes erhielt die britische Regierung bereits im Herbst 1941 detaillierte Informationen über Massenerschießungen und Konzentrationslager im Osten.

Aus Furcht, die deutsche Militärführung könne die Unsicherheit ihres Funkverkehrs bemerken, machte die britische Regierung aber keinen politischen Gebrauch von ihrem Wissen. Weit mehr als für die Ausrottung der Juden im Osten interessierten sich die Westalliierten lange Zeit für Geiselerschießungen der deutschen Besatzungsmacht in Frankreich. Obwohl die Presse zunehmend über den Genozid an den Juden berichtete, blieben ernst zu nehmende Reaktionen der alliierten Regierungen oder militärische Konsequenzen aus.

Ob durch ein beherztes Eingreifen mehr Menschenleben hätten gerettet werden können, bleibt nach Einschätzung Pohls indes spekulativ. Sein Teil der Studie jedenfalls muss sich am Ende darauf beschränken, Perspektiven für eine weitere Erforschung der Interaktion zwischen NS-Führung und Alliierten aufzuzeigen.

Frank Bajohr / Dieter Pohl: Der Holocaust als offenes Geheimnis
CH Beck Verlag, München 2006
149 Seiten, 18,90 Euro

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