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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 20.09.2005

Die Lust am Untergang

Von Alexander Schuller

Alexander Schuller (privat)
Alexander Schuller (privat)

Alle Menschen lieben den Sieg, nur wir Deutsche nicht. Wir lieben den Untergang, nicht erst seit Hitler, sondern schon immer. Wir besangen die Götterdämmerung und den Untergang der Nibelungen und wir betrieben den selbstmörderischen 30-jährigen Krieg. Zwei große, blutige Weltkriege haben wir geführt, nur um sie heroisch zu verlieren.

Schließlich beschrieb ein Deutscher, Oswald Spengler, genau und verlockend, den "Untergang des Abendlandes" und ein Deutscher, Gottfried Benn, bedichtete den Untergang. Die Engländer, die Spanier, die Franzosen, die Russen, die Amerikaner hatten Siege, Triumphe und Imperien, wir hatten immer nur Untergang. Das nannten wir dann Befreiung und zitierten aus Goethes Faust, Teil 2. Untergang ist unsere Leidenschaft, unsere Mission unser Schicksal.

Dem bleiben wir treu, nicht nur in großen historischen Momenten, sondern immer, tagaus, tagein, bis in die blödesten Tiefen des Alltags, auch jetzt wieder. Wir jammern und klagen und beschweren uns: keine Kinder und kein Wachstum, wenige Ehen und viele Scheidungen, viele Arbeitslose und noch mehr Insolvenzen. Deutsche wandern aus, Muslime wandern ein. Bildung und Forschung verkümmern, die Hoffnung der Nation, die Jugend, verblödet. Auf allen Skalen, die es so gibt, rutschen wir von oben nach unten: wirtschaftlich, kulturell, moralisch. Wir haben die Hosen voll vor der Zukunft, wir haben die Nase voll von der Vergangenheit und vor der Gegenwart verschließen wir die Augen. Wir tun, so als gäbe es die Wirklichkeit nicht, als sei sie ein Störfaktor. Da war die Wahl die unglaubliche, die unerwartete Gelegenheit zurückzukehren zur Wirklichkeit, aufzuwachen. Wir, das souveräne deutsche Volk, konnten unser Schicksal selbst in die Hand nehmen, richtig erwachsen sein.

Aber - Gott sei's gedankt - die Wahl, die wir hatten, war gar keine. Zwei medial aufgepumpte Gummibärchen wurden uns angeboten: Das eine Bärchen verscherbelt einen Vorsprung von 20 Punkten, das andere kann nur pöbeln. Es stimmt also schon, das Angebot war schrecklich, aber wir haben es gar nicht gemerkt, es entsprach uns ja. Wir taten so, als handle es sich um eine echte Alternative, um seriöse Kandidaten, um eine Entscheidung. Anstatt dessen wurden wir verhöhnt und gedemütigt und freuen uns jetzt riesig. Wir hätten vor die Tür treten müssen und gemeinsam millionenfach singen: Das Volk steht auf, der Sturm bricht los. Das ist zwar Theodor Körner und Befreiungskrieg, aber nicht wirklich deutsch. Merkel und Schröder als die denkbar radikalste Verkörperung der Inkompetenz sind schon das Richtige, und die große Koalition, von der jetzt alle schwärmen, auch. Dann passiert wenigstens nichts, alle Auswege sind blockiert und der Parademarsch in das Nochmal-das-Selbe ist frei.

Man muss an die großen, scheinbar unbegreiflichen Katastrophen der deutschen Geschichte zurückdenken, um zu verstehen, was uns antreibt und wer wir sind. Dass wir Deutsche 1945 bis zum bitteren Ende gekämpft haben, für eine verlorene Sache, für einen räudigen Hund, dass wir alles jubelnd verspielt haben, zeigt, dass wir Süchtige sind, süchtig nach Verwirrung und Wahnsinn, nach Wagner und Kleist, nach Kapitulation und Demütigung. Wir lieben das Verwaschene, den Konsens die Volksgemeinschaft und die Gewerkschaft.

Kein Volk will so gerne ein anderes sein, kein Volk verachtet sich selbst so sehr wie wir. Auch wir träumen von Helden, wie Engländer, Franzosen und Amerikaner, aber wir schämen uns unserer Helden. Kein Volk feiert seine Niederlagen, auch seine moralischen Niederlagen, mit solcher Inbrunst wie wir. Dass gerade ein Deutscher, Carl Schmitt, die Bedeutung der Entscheidung und die Bedeutung der Unterscheidung zum Mittelpunkt seines Denkens gemacht hat, offenbart unsere Parodoxie: die Hoffnung auf Klarheit und Härte, die Sehnsucht nach Sofa und Sinnlichkeit. Und immer schon hat sich die Welt über uns gewundert.

Caesar beschreibt uns als entscheidungsschwache Trunkenbolde, bei Germaine de Stael sind wir weltfremde Träumer, Denis de Rougemont öffnet unsere zerrissenen Seelen. Wir wissen nicht, wer wir sind und was wir wollen. Wir sind die schwebende Ballerina unter den Völkern, die nie auf die Erde kommt. Das Ergebnis dieser Wahl ist eine solche Luftnummer, aber es passt zu uns. Wir haben es ersehnt, wir haben es bekommen. Jetzt ist alles im Chaos. Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, wann wir uns endlich wieder mal schämen können.


Alexander Schuller ist Soziologe, Publizist und Professor in Berlin. Er hatte Forschungsprofessuren in den USA (Princeton, Harvard) und ist Mitherausgeber von "Paragrana" (Akademie-Verlag). In seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen befasst er sich mit Fragen der Anthropologie und der Bildungs-, Medizin-, Geschichts- und Alltagssoziologie. Er arbeitet als Rundfunk-Autor sowie für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und gelegentlich für die "taz", die "Süddeutsche Zeitung", "Die Welt", "Die Zeit" und für die Zeitschriften "Merkur" und "Universitas".

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