Die Liebe zweier Geisteswissenschaftler

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel
Von Volker Trauth · 15.11.2012
"Einer und eine" erzählt von der Liebe in der Leistungsgesellschaft. Regisseur Dominic Friedel hat mit seiner Inszenierung am Mannheimer Nationaltheater das Stück Martin Heckmanns durchaus mutig verändert. Allerdings zeigt sich ein klares darstellerisches Leistungsgefälle. Ein Abend mit Licht und Schatten.
Die Story ist schnell erzählt: Zwei junge Geisteswissenschaftler - Grete und Jacob - treffen sich zufällig in einem Supermarkt und verlieben sich gegen ihren eigenen Willen. Sie haben sich dermaßen in Literatur und scheiternde Liebesverhältnisse vertieft, dass sie eine große Liebe nur für "Nichtleser" für möglich halten.

Sie messen sich an literarischen Figuren, borgen sich von denen Gedanken, Gefühle und Texte aus und machen ihre Überzeugungen an "kulturellen Produkten" fest. Zunächst verständigen sie sich über Literatur und entdecken dann auch im Alltag Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Auf dem Höhepunkt gedanklicher und körperlicher Nähe werden sie von alter Zukunftsangst eingeholt: Sie fürchtet, das Glück nicht festhalten zu können, er ahnt, dass er in die alte Schwäche zurückfallen könnte, in ihn gesetztes Vertrauen nicht einhalten zu können. Sie beschließen, ihrer Liebe eine Pause zu gönnen. Offen bleibt, ob sie wieder zusammenfinden können.

Regisseur Dominic Friedel hat das ursprüngliche Stück von Heckmanns hinsichtlich der Textverteilung gravierend geändert. Im Original gab es das junge Paar Grete und Jacob und ein kommentierendes Erzählerp¹ar, das zum Schluss auch zueinander findet. In Friedels Stückfassung erzählen vier Schauspieler die Geschichte einer komplizierten Partnersuche.

Ein jüngeres Paar Grete und Jacob steht neben einem gleichnamigen älteren. Alle vier sind im Wechsel die Umfeldfiguren wie Jacobs Chef, dessen Doktorvater oder Gretes Exfreund. Durch das spielerische Nebeneinander zweier Paare wird der Sachverhalt der gefährdeten Liebe gleichsam von verschiedenen Blickwinkeln und Lebenserfahrungen her beleuchtet.

Das jüngere Paar spielt vor allem die unmittelbaren Kontakte von Grete und Jacob, die körperliche und gedankliche Annäherung, das jugendgemäße Flirten und Schäkern. Das offensichtlich lebenserfahrenere Paar kommentiert mehr, verliert sich in literaturtheoretische Diskurse, brilliert mit Kenntnissen und ahnt das Scheitern der Beziehung voraus. Gerade im Blick auf das Textmaterial des älteren Paares greift immer mehr realitätsabgehobener Text Platz. Die stärksten Momente hat die Inszenierung, wenn beide Paare zusammen auf der Bühne stehen, wenn die Aktionen des einen die des anderen steigern oder kontrastieren, wenn beispielsweise die rauschhafte Annäherung der Jüngeren von den Älteren kommentiert wird mit einem euphorischen Rocksong.

Schauspielerisch gewinnt vor allem Sabine Fürst als die jüngere Grete an Eigenprofil. Sie hat das meiste Fleisch für die Figur gefunden, zeigt das größte darstellerische Differenzierungsvermögen. Sie ist nicht so sehr die realitätsferne Intellektuelle,sondern die glücksgierige junge Frau. Sie zeigt die Peinlichkeit ihres Missgeschicks im Supermarkt, das Staunen über ihre Zuneigung zu Jacob, sie spielt im ersten Telefongespräch gleich mehrere Spielarten weiblichen Werbens, verwirft sie wieder und hat ihren schönsten Moment, wenn sie ihre sexuelle Annäherung mit anmutig lockenden Tanzschritten des klassischen Balletts andeutet und in der Situation der Ernüchterung ihre Tanzbewegungen abrupt abbrechen lässt.

Ein darstellerisches Leistungsgefälle ist jedoch nicht zu übersehen. In Sabine Fürsts Umfeld häufen sich chargierend äußerliche Töne und Haltungen - so wenn Jacobs Chef in ein fortwährendes Stottern verfällt und seinen Untergebenen auch zur sprachlichen Ladehemmung provoziert.

Ein Abend also mit Licht und Schatten.

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