Dienstag, 10.12.2019
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 06.01.2009

"Die Leute haben Angst, auch die Ambulanzfahrer"

Rotes Kreuz fordert sicheren Zugang zu Krankenhäusern in Gaza

Katharina Ritz im Gespräch mit Leonie March

Podcast abonnieren
Palästinensische Mediziner versorgen ein verwundetes Mädchen in Beit Lahiya im nördlichen Gazastreifen. (AP)
Palästinensische Mediziner versorgen ein verwundetes Mädchen in Beit Lahiya im nördlichen Gazastreifen. (AP)

Nach Angaben des Internationalen Roten Kreuzes sind die Bedingungen für medizinische Hilfeleistungen durch die Bodenoffensive im Gazastreifen erschwert. Katharina Ritz, Leiterin des Büros für die palästinensischen Gebiete, sagte, das Hauptproblem sei der sichere Zugang von verletzten Palästinensern zu den Kliniken und der Bevölkerung zu Nahrungsmitteln. Ambulanzen würden beschossen und müssten wieder umkehren. Die Koordination mit der israelischen Armee müsse dringend verbessert werden, so Ritz.

Leonie March: Die traumatische Situation der palästinensischen Bevölkerung muss so rasch wie möglich beendet werden. Diesen dringenden Appell richtete die Arabische Liga an den Weltsicherheitsrat. Ihr Resolutionsentwurf soll dem Gremium noch heute vorgelegt werden. UN-Generalsekretär Ban will vor der Sitzung mit US-Präsident Bush darüber beraten. Im Gaza-Streifen sind die Kämpfe in der Nacht unterdessen weiter ausgeweitet worden.

Über die humanitäre Situation in Gaza spreche ich jetzt mit Katharina Ritz in Jerusalem. Sie ist die Leiterin des Büros für die Palästinenser-Gebiete beim Internationalen Roten Kreuz. Guten Morgen, Frau Ritz.

Katharina Ritz: Guten Morgen!

March: Sie haben 15 Mitarbeiter im Gaza-Streifen. Darunter ist ein gerade eingereistes Chirurgenteam. Was berichten Ihre Kollegen über die Situation im Kriegsgebiet?

Ritz: Was eigentlich im Ganzen die letzten zwei Tage rauskommt, ist, dass die Situation ist sehr chaotisch, was vor allem im Norden vom Gaza-Streifen stattfindet, im Norden und im Osten von dem Gaza-Streifen. Die Leute, die Palästinenser, vor allem die Zivilbevölkerung, die sind in Panik. Die wissen nicht mehr, wohin sie sollen, was sie sollen. Wir haben Hunderte von Anrufen den ganzen Tag. Die Leute fragen uns, man soll sie evakuieren, man soll sie aus den Häusern rausholen in den Gebieten, wo sie abwarten können, bis die Gefechte vorüber sind. Wir haben leider nicht die Kapazität, all diese Anrufe behandeln zu können. Das IRK konzentriert sich auf die Ambulanzen. Wir versuchen, mit der palästinensischen Rotkreuz-, Roter-Halbmond-Gesellschaft die Verwundeten in die Spitäler zu bringen. Unsere Rolle ist dann, mit der israelischen Armee diese "Safe Passage" zu koordinieren.

March: In den Krankenhäusern fehlen unter anderem Medikamente, Verbandszeug und Blutkonserven. Ist denn absehbar, dass Sie die Kliniken in Gaza in den nächsten Tagen besser mit dem Notwendigsten versorgen können?

Ritz: Es fehlen sicher immer gewisse Dinge in Gaza. Vor allem, was heute fehlt, sind die starken Schmerzmedikamente, was man die Narcotics nennt, weil die sind rezeptpflichtig. Das sind Sachen, die immer sehr schwierig sind reinzubringen. Das braucht verschiedenes oder spezielles grünes Licht von den Autoritäten. Blut ist im Moment vor Ort. Es hat Spenden gegeben. Das geht im Moment. Was natürlich das Hauptproblem heute ist - und das kann man wirklich nicht genug sagen -, das Hauptproblem ist: Man muss Zugang zu den Spitälern haben. Wir müssen Zugang zu den Häusern haben, zu den Familien. Die Familien müssen Zugang zum Essen haben. Natürlich: Wenn das ganze Material im Gaza-Streifen ist, heißt das noch nicht, dass die Leute Zugang haben, und das ist heute unser Hauptproblem und ich glaube, das muss man wirklich sehr laut sagen. Die Leute haben keinen Zugang und keinen sicheren Zugang zu diesen Spitälern.

March: Was wäre Ihre Forderung? Was müsste da passieren?

Ritz: Was man heute tun muss ist: Man muss mit der israelischen Armee das diskutieren, damit man bessere Bedingungen hat, damit die Organisationen arbeiten können. Die Bedingungen, das heißt, dass wenn man sagt, dass man eine Ambulanz irgendwo hinschickt, die Ambulanz muss sicher sein. Es ist sehr gefährlich, weil viele von diesen Ambulanzen versuchen wirklich ihr bestes. Die gehen in Gebiete rein, weil sie Telefonanrufe von der Bevölkerung bekommen, und danach werden sie angeschossen und dann müssen sie wieder zurückgehen. Die Frustration ist wahnsinnig hoch. Die Leute haben Angst, auch die Ambulanzfahrer haben wahnsinnig Angst. Und man darf auch nicht vergessen: Es hat praktisch keine Elektrizität im Gaza-Streifen. Während der Nacht - und die Nacht fällt um 5 Uhr bis um 5.30 Uhr am Morgen, fast 12 Stunden lang ist es Nacht im Gaza-Streifen und man fährt da durch Straßen, wo man eigentlich nie weiß, was passiert.

March: Ist der Einsatz für Ihre Mitarbeiter seit dem Beginn der Bodenoffensive noch gefährlicher geworden?

Ritz: Ich denke, die Bodenoffensive hat natürlich die Risiken, dass man sehr viele Soldaten hat und auch sehr viele Hamas, diese militanten Fighter, natürlich auch die ganzen Fraktionen, die gegen die Armee kämpfen. Es ist natürlich so, da finden Kämpfe statt und wir sind in einem Kriegsgebiet. Man kann nicht erwarten, dass das einfach von 5 bis 6 stattfindet und danach geht das Leben normal weiter. Was doch viel schwieriger geworden ist, dass natürlich auch sehr viele Soldaten im Gaza-Streifen sind, und die Reaktion ist natürlich nicht immer genau, was man koordiniert hat mit der Armee. Wenn sie sagen, ihr könnt gehen, dann kommt es sehr oft vor, dass wir dann blockiert werden, dass die Soldaten keine Ahnung haben, dass die Ambulanzen wieder zurückgeschickt werden, und dann kommen sie wieder und dann plötzlich gibt es eine Luftattacke. Das passiert heute häufig und ich glaube, in diesem Sinne ist es schwieriger geworden.

March: Klinikleiter im Gaza-Streifen haben kritisiert, dass Israel und Ägypten den Transport von Schwerverletzten in besser ausgestattete Krankenhäuser in Kairo oder Tel Aviv nur sporadisch genehmigen. Können Sie das bestätigen?

Ritz: Nein. Gestern hatten wir einen Konvoi organisiert. Acht Ambulanzen konnten von Gaza nach Ägypten transportiert werden. Das ist sicher etwas, was man regelmäßig tun muss. Wir haben das gestern angefragt und das ist eine der Anfragen, die durchkam bei der israelischen Armee, und das konnten wir mit den Ambulanzen organisieren und das ging gut über die Bühne. Ich glaube, es ist viel schwieriger, die Leute heute von den Häusern, die verletzten Zivilisten von den Häusern rauszubringen. Das ist heute viel schwieriger und das funktioniert nicht sehr gut.

March: Katharina Ritz war das. Sie ist die Delegationsleiterin für die Palästinenser-Gebiete beim Internationalen Roten Kreuz. Herzlichen Dank nach Jerusalem!

Interview

Petition im BundestagRettet das Schwimmbad!
Blick auf ein leeres Schwimmbadbecken. Auf der linken Seite des Bildes dominiert der Schriftzug "Nichtschwimmer" am Beckenrand. (imago images / Becker & Bredel )

Die DLRG schlägt Alarm: Viele Schwimmbäder hierzulande sind in keinem guten Zustand. Jedes Jahr werden im Schnitt 80 davon geschlossen. Matthias Oloew, Sprecher der Berliner Bäderbetriebe, analysiert die deutsche Bäderlandschaft.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur