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Profil / Archiv | Beitrag vom 22.05.2006

Die Leiden des jungen B.

Der Schriftsteller Benjamin Lebert

Von Bettina Ritter

Szenenfoto aus dem Film "Crazy" nach dem gleichnamigen Roman von Benjamin Lebert. (AP Archiv)
Szenenfoto aus dem Film "Crazy" nach dem gleichnamigen Roman von Benjamin Lebert. (AP Archiv)

Wie ein Popstar wurde der 17-jährige Benjamin Lebert als neues Literatur-Wunderkind gefeiert, als er 1999 sein erstes Buch "Crazy" veröffentlichte. In 33 Sprachen übersetzt, wurde es ein internationaler Erfolg und auch verfilmt. Benjamin Lebert stellte sein Buch auf der halben Welt vor. Nun erscheint sein dritter Roman mit dem Titel "Kannst du".

"Ich bin, glaub ich, noch immer auf der Stufe, ein Schriftsteller zu werden. Wenn mir das in meinem Leben gelingt, dann bin ich sehr glücklich, egal wieviel Jahre das dauert."

Auch nach seinem dritten Buch zweifelt Benjamin Lebert noch immer an seinen Fähigkeiten. Der inzwischen 24-Jährige sitzt in der Bar eines Hotels in Berlin-Mitte. Er ist auf Stippvisite, trägt Jeans und ein blau-weiß-kariertes Hemd mit geöffneten Manschettenknöpfen. Die blauen Augen blicken freundlich und wach, die Stirn legt er oft in zweifelnde Falten. Trotz des Rummels um ihn nach seinem Erstling "Crazy" scheint er mit den Füßen auf dem Boden geblieben zu sein, gesunde Selbsteinschätzung inbegriffen.

"In dem Zusammensein mit Leuten wie Günter Grass oder so ist es ziemlich lächerlich, wenn ich mir als Schriftsteller vorkomme. Das geht gar nicht anders. Allein dadurch, wie seine Arbeit ist und was er getan hat, hat mir die Augen geöffnet, wie weit ich davon entfernt bin, ein Schriftsteller zu sein."

Film-Ausschnitt, Soundtrack "Crazy": " Je m'appelle Benjamin. Je suis seize ans. Und ich bin 'n Krüppel. Mein linker Arm und mein linkes Bein sind gelähmt. Wenn ihr's wisst, ist's vielleicht von beiderseitigem Interesse.""

In "Crazy", das auch erfolgreich verfilmt wurde, erzählt Benjamin Lebert seine Geschichte, die eines 16-jährigen körperbehinderten Jungen. Der linke Arm ist dünn und kraftlos, die Hand nach innen gekrümmt. Das linke Bein zieht er nach.

In "Crazy" beschreibt er auch das Auseinanderbrechen der Familie, sein Schulversagen, den ersten Liebeskummer und wie er sich nach fünf Schulwechseln als Neuer in einem Internat gegen die anfänglichen Schikanen seiner Mitschüler wehren muss. Das Buch wird ein Bestseller und löst einen Sturm aus, der den Alltag von Benjamin Lebert vollkommen durcheinanderwirbelt.

"Ich weiß gar nicht, wie ich's verkraftet habe. Es war unglaublich schwer, es ist banal, wenn man das sagt, aber es ist einfach so. Und dieses Verkraften hält, glaub ich, noch etwas an. Es war einfach so heftig, der Unterschied von einem absoluten Schulversager zu einem Menschen, den der "Spiegel" interviewt. Das ist einfach so ein großer Sprung, der in so kurzer Zeit gemacht worden ist."

Lebert überlegt gut, bevor er antwortet. Seine sensible, zögernde Art wurde ihm nicht selten als Masche vorgeworfen. Er entgegnet: Sich zu verstellen, koste ihn einfach zu viel Kraft. Wegen der vielen Lesungen und Reisen bricht er in der neunten Klasse die Schule ab und zieht nach Berlin. Hier fühlt er sich schnell verloren, allein gelassen. Diese Erfahrung beschreibt er in seinem zweiten Roman "Der Vogel ist ein Rabe".

Lebert selbst zieht die Konsequenz, siedelt in seine Geburtsstadt Freiburg um, macht Dinge, die alltäglich sind. Unter anderem holt er den Hauptschulabschluss nach. Mit 21 und einer Mathe-Note von 2,5. Ein Riesenerfolg, meint er grinsend. "Crazy" ist inzwischen Schullektüre. Ihm selbst bleibt die Begegnung mit dem eigenen Werk erspart.

"Ja, das war ja so lustig, als ich meine Prüfung für den Hauptschulabschluss gemacht habe, war in der selben Schule auch die Prüfung für die Mittlere Reife. Und die Deutschprüfung der Mittleren Reife ging um "Crazy". Ich hätte also von der Schuleinstufung her, wär ich nicht befugt gewesen, als Hauptschüler meinen eigenen Text in der Mittleren Reife zu bearbeiten. Das allein zeigt, wie prall unser Schulsystem ist." (lacht)"

Inzwischen ist Lebert nach Hamburg gezogen. Eine erste Wieder-Annäherung an Berlin, meint er lächelnd. Dass er aus einer schreibenden Familie kommt, wurde ihm oft übel genommen. Sein Onkel Norbert Lebert ist Journalist beim Berliner "Tagesspiegel", sein Vater Andreas Lebert arbeitet als Chefredakteur des Frauen-Magazins "Brigitte" und war Miterfinder von "Jetzt", der Jugendbeilage der "Süddeutschen Zeitung". Hier veröffentlichte Benjamin auch seine ersten Texte, kleine Erzählungen. Die Lektorin eines Kölner Verlags wurde so auf ihn aufmerksam. War das erste Buch noch ein Experiment, ist der Druck seitdem gewachsen, erklärt der 24-Jährige nachdenklich.

" "Die Schriftstellerei ist plötzlich zum Beruf geworden. Was immer sehr gefährlich ist, wenn dein Traum zum Beruf wird, dann wird er so gegenständlich. Das bekommt Träumen nicht gut, wenn sie gegenständlich werden."

Auch in seinem dritten, neuen Buch mit dem Titel "Kannst du" bleibt sich Lebert treu. Sein Thema ist weiterhin seine eigene Geschichte. Diesmal die eines gefeierten, jungen Autors, der Schwierigkeiten hat, seinen neuen Roman zu Papier zu bringen. Sein Ziel sei es, sich selbst als richtigen Schriftsteller anzusehen, erklärt Benjamin Lebert noch. Und: er möchte im Ausland leben, wenigstens eine Zeit lang. Deutschland sei wie eine nervige Mutter, die einem ständig hinterherläuft. Davon wolle er sich irgendwann mal erholen, sagt er schmunzelnd.

Benjamin Lebert: "Kannst du"
Kiepenheuer und Witsch Verlag, 9,95 Euro

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