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Lange Nacht | Beitrag vom 19.06.2021

Die Lange Nacht zum „Polizeiruf 110“Einsatzgruppe Fuchs ermittelt wieder

Logo der Sendung Polizeiruf 110. (imago images / Christian Schroedter)
Ein halbes Jahrhundert gibt es die Serie Polizeiruf 110. (imago images / Christian Schroedter)

Alles begann vor 50 Jahren, als SED-Chef Honecker mehr Spannung und Unterhaltung für das DDR-Fernsehen einforderte. Im Juni 1971 ging Polizeiruf 110 zum ersten Mal auf Sendung. Es war ein Sonntag, die Reihe trat in direkte Konkurrenz zum westdeutschen Tatort.

Ein halbes Jahr zuvor startet der "Tatort". Auch bei den Zuschauern im Osten sorgt die Reihe für erhebliches Aufsehen. Diesen Druck bekommt der junge Dramaturg Hans-Jürgen Faschina beim Deutschen Fernsehfunk zu spüren. Er erhält vom Fernsehintendant Heinz Adamek den Auftrag, eine neue Krimireihe zu entwickeln:

"Adamek bestellte mich zu sich und sagte zu mir: "Du, unsere Zuschauer gucken zu viel Tatort. Wir brauchen eine Geschichte, die DDR-Bürger interessiert, die unsere sozialen Probleme aufgreift. Und wir brauchen eine Gestaltung für die Zuschauer, wo die sagen: das ist unser Fernsehen! Und wenn du eine Krimireihe machen würdest, die DDR-Fälle aufgreift, die vor allem Gegenwarts-Film ist, dann mach` das. Du brauchst auch auf so gut wie gar nichts Rücksicht nehmen."

Die Hauptfiguren

Der Chefermittler der neuen Sendereihe wird Oberleutnant Peter Fuchs. Sein Darsteller ist der 1927 in Rostock geborenen Peter Borgelt.

Schauspieler Peter Borgelt betrachtet sich im Fernsehen. (imago images / Gueffroy)Schauspieler Peter Borgelt. (imago images / Gueffroy)

Bis zum Dezember 1991 wird Peter Borgelt den Fernsehkriminalisten im "Polizeiruf 110" verkörpern. Eine westdeutsche Illustrierte nannte ihn damals – nicht nur aufgrund seiner äußeren Ähnlichkeit mit Jean Gabin - den "ostdeutschen Maigret". Leutnant Vera Arndt ist die Arbeitspartnerin von Oberleutnant Fuchs. Wo Fuchs der logischen Überlegung vertraut, bringt sie auch viel Gefühl und weibliche Intuition in die Ermittlungsarbeit hinein. Gespielt von Sigrid Göhler ist sie die erste weibliche Ermittlerin im deutschen Fernsehen.

Krimi als Gegenwartskunst

Der Zeitplan für das junge Polizeiruf-Team ist ehrgeizig. Bereits ein halbes Jahr nach dem Beschluss, die neue Krimireihe zu konzipieren, sollte sie auf Sendung gehen. Von Anfang an mit dabei sind auch die Fachberater vom Ministerium des Inneren. Das MdI hat nicht nur die Fälle vorgegeben, sondern auch die Drehbücher gelesen. Es hat darauf geachtet, dass die beiden Hauptpolizisten im Umgang der Wirklichkeit der Kriminalpolizei entsprachen. Schon die erste Folge von "Polizeiruf 110" ist ein Erfolg mit einer Zuschauerbeteiligung von etwa 56 Prozent. Geplant ist zunächst, sechs Polizeiruf-Folgen pro Jahr zu produzieren. Um den nötigen Vorlauf zu schaffen, müssen neue Autoren und Regisseure gewonnen werden. Einer der Fernsehverantwortlichen, Eberhardt Görner, erinnert sich:

"Es war auch interessant, dass am Anfang viele Regisseure dem Genre, dieser neuen Reihe, ablehnend gegenüberstanden und sich fast geweigert haben, dafür zu arbeiten, weil dass unter ihrer Würde war. Ich habe ja manchmal auf Knien vor Regisseuren gelegen, um sie zu kriegen für einen Stoff. Fernsehen hatte nicht die Achtung sozusagen von künstlerischer Arbeit. Aber in der Reihe "Polizeiruf 110" haben sich wirklich alle bemüht, eine sehr gute künstlerische Arbeit abzuliefern. Egal, ob das die Regisseure waren, die Autoren, die Schauspieler, Maske, Kostüm, Produktionsleitung, alle Kollegen haben sehr engagiert für diese Reihe gearbeitet."

Unterschiedliche künstlerische Handschriften – eingebracht durch neue Autoren und Regisseure – werden das Markenzeichen von "Polizeiruf 110". Als Autor für Folge 3 konnte Rudolf Böhm, der frühere stellvertretende Leiter der Hauptverwaltung Film im DDR-Kulturministerium und ehemalige DEFA-Chefdramaturg, gewonnen werden.

Brisante Themen

Nur zwei Monate nach der Erstsendung von "Blutgruppe AB" von Rudolf Böhm, in der die Vergewaltigung einer jungen Frau thematisiert wird, greift die Reihe mit der Episode «Minuten zu spät» das Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern auf: Erzählt wird von einem pädophilen Triebtäter, der sich seinen Opfern im Rollstuhl nähert. Chefdramaturg Hans-Jürgen Faschina ist nach der Ausstrahlung des Films überrascht von den Reaktionen der Zuschauer:

"Die war sehr bewegend. Und es gab viele Nachfragen und auch Mitteilungen von Zuschauern, dass sie in ihrer persönlichen Umgebung auch sittliche Verfehlungen bemerkt haben. Das war überhaupt eine Reaktion im Polizeiruf, dass wir sehr viele Täterhinweise oder Vermutungen erhalten haben. Die habe ich dann an das MdI weitergegeben, und die haben sich drum gekümmert."

Hatte der Polizeiruf also auch eine Aufklärungsfunktion? Hans-Jürgen Faschina:

"Ja, und zwar über die Polizeiarbeit selbst natürlich, wie man vorging, gesellschaftliche Auseinandersetzungen, wie man soziale Probleme beilegen kann. Die Beurteilung von Tätern und die Reaktion der Gesellschaft. Das war ja auch eine sehr wichtige Frage: Wie stelle ich mich als Bürger der DDR einem Straftäter?"

Die Täter im Polizeiruf

In den ersten Jahren sind soziale Außenseiter die Täter: sie kommen von Schrottplätzen, sind Gastwirte, Schausteller oder rebellierende Jugendliche. In späteren Filmen kommen die Täter häufig aus der Mitte der Gesellschaft, waren oftmals brave sozialistische Kleinbürger, bis sie auf die schiefe Bahn geraten. Der 2012 verstorbene Polizeiruf-Regisseur Manfred Mosblech beschreibt es so:

"Im Grunde genommen sollte man immer versuchen, die Arbeiterklasse rauszuhalten. Das waren so die Edlen, die Guten. Aber unter den Edlen und Guten gab`s ja dann auch immer mal wieder ein Schwarzes Schaf. Der wurde dann eben auch so in der Führung und in der Erzählweise als die Ausnahme erzählt. Schwierigkeiten hat es dabei eigentlich überhaupt nicht gegeben."

Doch nicht immer ging alles glatt. Der Grund: das DDR-Fernsehen war der Abteilung Agitation und Propaganda beim Zentralkomitee der SED direkt unterstellt.

In Honeckers Vorzimmer

Im Oktober 1978 läuft "Schuldig", die 55. Folge von "Polizeiruf 110". Im Mittelpunkt steht der soziale Abstieg es ehemaligen Rangiermeisters Jochen Schober. Der Film zeigt die dunkelsten Seiten eines DDR-Alltags. Die zerrüttete Beziehung Jochen Schobers zu seiner Verlobten Eva Rickelmann wird in aller Brutalität dargestellt: Schläge und Alkoholismus bestimmen den Alltag des Paares. Doch dessen Trennung scheitert am fehlenden Wohnraum in der DDR. Als Eva Rickelmann ihrem Ärger auf dem Wohnungsamt freien Lauf lässt, spricht sie den Unmut vieler DDR-Bürger aus. Eberhardt Görner war der stoffführende Dramaturg für diesen Film:

"Honecker hatte erklärt: Im Jahre 1990 hat jeder eine neue Wohnung. Und dann erzählen wir so eine Berliner Asozialen-Geschichte, dass jemand asozial wird, weil er keine Wohnung kriegt. Wir haben mit dem Film - in der Sicht von Leuten der Abteilung Agitation und Propaganda - die Wohnungspolitik von Honecker infrage gestellt. Was überhaupt nicht unsere Absicht war. Unsere Absicht war, auf Mängel in der Wohnungspolitik hinzuweisen, damit solche Sachen nicht passieren. Aber da haben sie wieder einen politischen Elefanten draus gemacht und haben den Regisseur Rolf Römer im Prinzip denunziert."

"Schuldig" verschwindet bis zum Ende der DDR im Giftschrank der Programmverantwortlichen. Regisseur und Schauspieler Rolf Römer wird beruflich kaltgestellt. Chefdramaturg Hans-Jürgen Faschina kommentiert das so:

"Das war sehr wechselhaft und wir waren abhängig von der internen politischen Lesart, die im ZK gepflegt wurde und die natürlich auf das Fernsehen durchschlug."

Dennoch – für Autoren und Regisseure bleibt der Polizeiruf auch in den nächsten Jahren eine wichtige Möglichkeit, um weitgehend unzensierte Blicke in die Abgründe des real existierenden Sozialismus werfen zu können.
Nicht nur die Qualität der Geschichten – auch an äußeren Schauwerten vor der Kamera hat der Polizeiruf einiges zu bieten: Wann immer es geht, werden den Fernsehzuschauern moderne Großfahndungen und neuste Polizeitechnik vorgeführt: Hubschrauber, Mannschaftswagen, Wasserschutzpolizei, Hundestaffel, alles, was kriminalistische Arbeit ausmacht, wurde von MdI gestellt und bezahlt. Der Aufwand lohnt sich: "Polizeiruf 110" entwickelt sich auch im Ausland zum gefragten Exportartikel, bis in die damalige Sowjetunion. Da war der Polizeiruf vor allem in den Kinos sehr beliebt.

80er Jahre und Mauerfall

1983 verabschiedet sich Sigrid Göhler aus dem "Polizeiruf". Auf eine Nachfolgerin der Vorzeige-Kriminalistin wird verzichtet. Das Innenministerium klagt über zu viele junge Frauen, die sich für diesen Beruf bewerben. Der "Polizeiruf" soll keine falschen Hoffnungen mehr wecken.
Im Herbst 1989 passiert das Unmögliche – die sozialistische Ordnung gerät ins Wanken. Im 1990 gedrehten Polizeiruf "Das Duell" geht der erzählerische Blick zurück zu den Montagsdemonstrationen im Herbst 1989. Es ist der erste fiktionale Fernsehfilm, der sich dem Mauerfall widmet. Als er gesendet wird, ist die DDR bereits Vergangenheit.

In der Szene ist zu sehen, wie Jugendliche verhaftet werden. (imago images / United Archives)Szene einer Poliziruf 110 Folge aus dem Jahr 1990. (imago images / United Archives)

Neue Ermittler braucht das Land

Am 31. Dezember 1991 stellen Rundfunk und Fernsehen der ehemaligen DDR ihren Sendebetrieb ein. Die neuen Sender sind der Mitteldeutsche Rundfunk – kurz MDR - als Dreiländeranstalt für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt sowie der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg ORB. Vor diesem Hintergrund ist die Zukunft von "Polizeiruf 110" anderthalb Jahre ungewiss. Aber 1993 kehrt der Polizeiruf ins ARD-Hauptprogramm als Gemeinschaftsreihe verschiedener ARD-Anstalten zurück.
Besonders beliebt sind die Folgen des NDR: versehen mit einen ironischen Unterton, gehen Kurt Groth und Jens Hinrichs als denkbar ungleiche Kommissare auf Verbrecherjagd in Mecklenburg.

Aufnahme von Uwe Steimle vor einem NDR-Auto mit Polizeiruf 110 Aufklebern. (imago images / APress)Uwe Steimle. (imago images / APress)

Uwe Steimle spielt den ungleichen Partner von Kommissar Groth alias Kurt Böwe. Anneke Kim Sarnau gehört zum aktuellen Ermittlerteam des NDR-Polizeirufs. Die von ihr dargestellte Profilerin Katrin König ermittelt zusammen mit Hauptkommissar Alexander Bukow, dargestellt von Charlie Hübner, in den Straßen von Rostock.

50 Jahre "Polizeiruf 110" – viele Ermittlerteams sind mittlerweile gekommen und auch wieder gegangen. Auch beim NDR kündigen sich – nach nunmehr fast 12 Jahren - erneute Veränderungen an: Hauptdarsteller Charly Hübner wird den Polizeiruf demnächst auf eigenen Wunsch verlassen. Wie könnte die Zukunft der gesamten Krimireihe aussehen? Anneke Kim Sarnau:

"Der Polizeiruf – den gibt es schon unfassbar lange – und ich finde, jetzt gibt es so viele coole neue Filmemacher, die eigentlich da ein Forum haben, und eine Plattform, wo sie sagen können, da hauen wir mal richtig auf die Kacke, und "rocken" richtig los."

Weitere Hinweise:
In der ARD-Mediathek gibt es viele Folgen von Polizeiruf 110.
"Polizeiruf 110" feiert 50. Jubiläum, hier geht zu einem Beitrag der ARD-Sendung titel thesen temperamente.
Literatur zum Thema: Peter Hoff: Polizeiruf 110. Filme, Fakten, Fälle. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2001.
Das Skript zur Langen Nacht über Polizeiruf 110 finden Sie hier.

Eine Produtkion von Deutschlandfunk Kultur/Deutschlandfunk 2021. 

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50 Jahre "Polizeiruf 110" - Die Tragödien des Alltags
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