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Lange Nacht | Beitrag vom 20.06.2020

Die Lange Nacht über den Schriftsteller Wolfgang Welt"Ich schrieb mich verrückt"

Von Martin Willems

Wolfgang Welt mit Schnauzbart sitzt 1981 auf einer Parkbank. (Foto: Andreas Böttcher)
Ohne Rücksicht auf Verluste: Wolfgang Welt (1952-2016) begann in den 80er-Jahren als Musikjournalist, bevor er Schriftsteller wurde. (Foto: Andreas Böttcher)

Peter Handke nennt ihn einen „ganz anderen Geschichtshelden“. Wolfgang Welt war Suhrkamp-Autor, furioser Rockschreiber, Schallplattenverkäufer, Dauer-Bochumer, Nachtwächter, Buddy-Holly-Fan. Kurzum: der „größte Erzähler des Ruhrgebiets“.

Wolfgang Welt kommt aus Bochum, Stadtteil Langendreer, geboren am letzten Tag des Jahres 1952. Rund 144.000 Werktätige zählt Bochum, davon allein 44 Prozent in der Kohle- und Eisenindustrie. Die Zeche Bruchstraße in Langendreer hat für Familie Welt eine große Bedeutung. Wie schon sein Großvater, ist auch Wolfgang Welts Vater in dem Steinkohlebergwerk tätig. Zunächst unter Tage, später, infolge einer Kriegsverletzung, im Lohnbüro.

Herkunft als Leitmotiv

Welts Mutter, Elvira, begegnet ihrem Mann 1946 in der Kantine der Zeche. Sie arbeitet in der zugehörigen Küche. Wolfgang Welt hat sich stets davon distanziert, ein "Zechen-Nostalgiker" zu sein, Herkunft ist dennoch immer wieder Thema in seinen Romanen und journalistischen Texten.

Blick auf Bergbaumuseum mit Zechenturm und Polizeiverwaltung in Bochum (imago stock&people)Bergbaumuseum in Bochum mit Zechenturm: Wolfgang Welt verstand sich nie als "Zechen-Nostalgiker". (imago stock&people)

In einem seiner Texte heißt es: "Der eine Opa starb nach einer Schlagwetterexplosion, der andere Öppes ging nach 25 Jahren Pütt buchstäblich kaputt. (…) Hätte ich nicht ein bisschen aufm Kasten und eine bessere Ausbildung als meine Vorfahren gehabt, würde ich wahrscheinlich heute auch Kohle losmachen."

Fußball, Fernsehen und Musik

Als kleinen Jungen interessieren ihn drei Dinge: Fußball, Fernsehen und Musik. Seine Laufbahn als Fußballer geht von 1962 bis 1981, er absolviert mehr als 500 Spiele. 1963 entdeckt mit Freunden bei einem Kirmesbesuch die Musik.

Diesen Moment hat Welt in der Geschichte "Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe", einer Mischung aus Automatic Writing und Oral-History-Projekt, festgehalten: "Och, wir warn auf der Raupe und da hörten wir auf einmal ‚Brown Eyed Handsome Man‘. Wir wohnten ja zusammen auf der Wilhelmshöhe, und ich möchte sagen, als wir ‚Brown Eyed Handsome Man‘ hörten, in dem Moment, auf der Raupe, auf der Kirmes an der Dördelstraße, durch dieses Lied wurden wir musikbewusst."

Ab sofort ist Wolfgang Welt Rock-'n'-Roll-Addict. Im Rahmen seiner Möglichkeiten. Als Elfjähriger kann er freilich nicht nach Lust und Laune bei der Beatles-, Stones- und Kinks-Mania mitmischen. Welt gehört zur Generation der sogenannten ‚Zaungäste‘: zu jung für Rock 'n' Roll und 68er-Bewegung, zu alt für Punk.

Sein erstes Konzerterlebnis hat Wolfgang Welt 1968 sozusagen vor der Haustür: in Essen. Dort finden die Internationalen Song-Tage statt. Über 150 Bands und Solokünstler treten während des fünftägigen Festivals in der Grugahalle auf. Welt wird in Kürze 16 und interessiert sich für die Nachtveranstaltung. Er bestaunt Hardin & York, Deep Purple, die Keef Hartley Band, Taste.

Auch wenn er Amon Düül II und The Mothers of Invention verpasst, ist er selig: "Ich nahm also den letzten Zug nach Bochum-Langendreer und sank glücklich, auch ohne Hasch, in mein Bett. Am nächsten Morgen stand ich pünktlich auf und schoss zwei astreine Tore. So verbanden sich damals zwei Bereiche in meiner Brust, die noch lange drinbleiben sollten, Fußball und Popmusik. Ich hab danach noch viele Spiele gespielt und manches Konzert erlebt, aber nie war die Synthese in mir so geglückt wie an diesem Wochenende."

Über Handke zur Literatur

Der Abend in Essen löst Fernweh aus. Welt träumt von London, zumal er endlich seine Brieffreundin Sue sehen möchte, die, so glaubt er, in ihn verliebt ist. Wolfgang Welt trägt jetzt nur noch Jeans, oder wie seine Mutter sagt: Texashosen. Bevor ihn die Abi-Fahrt in die englische Hauptstadt bringt, stößt Wolfgang Welt auf einen Artikel im Spiegel.

Horst-Dieter Eberts Kritik zu Peter Handkes Erzählung "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" führt dazu, dass Welt zum ersten Mal überhaupt bewusst ein Buch kauft. Handkes Protagonist Josef Bloch zeigt Symptome einer Psychose, eine Form der Ich-Störung, die Wolfgang Welts Leben nachhaltig beeinflussen wird.

Der Schriftsteller Peter Handke sitzt an einem kleinen runden Tisch mit Äpfeln in seinem Garten in Chaville in der Nähe von Paris. (picture alliance / AP Photo / Francois More)Fan und Förderer von Wolfgang Welt: der Schriftsteller Peter Handke (picture alliance / AP Photo / Francois More)

Nach dem Abitur versucht Wolfgang Welt zu studieren. Er entdeckt die Romane von Hermann Lenz und verschlingt Kafkas "Verwandlung", Hesses "Steppenwolf". Dann ist alles klar: Er will Schriftsteller werden.

Ein deutscher Rockschreiber

Doch vorher schlägt er noch eine Laufbahn als Musikjournalist ein. Ohne Rücksicht auf Verluste startet Wolfgang Welt in die 80er-Jahre. Als radikal-subjektiver Musikjournalist wirbelt er die Szene durcheinander, was nicht nur Herbert Grönemeyer und Heinz Rudolf Kunze zu spüren bekommen.

Die mehr als 200 Kritiken und Stories, die Wolfgang Welt zwischen 1979 und 1984, der Hauptphase seiner journalistischen Tätigkeit, verfasst, bezeichnet er rückblickend als "Fingerübungen"– eine ausgemachte Untertreibung.

Schnell wechselt Welt von einer eher nüchternen Erzählhaltung in die Ich-Perspektive. Was er auch deutlich markiert. Eine Retrospektive zu Elvis Presleys zweitem Todestag betitelt er "The King and I".

"Ich liege im Bett und habe das englische Programm von Radio Luxemburg eingeschaltet. Der Disc-Jockey Tony Prince unterbricht die laufende Musik und verkündet tränenerstickt: ‚The King is dead‘. Drei Stunden Rock von Elvis folgen, Fans rufen beim Sender an, flennen hemmungslos über den Äther, ich bleibe wach bis drei Uhr. Mir wird klar: Elvis – das war einmal. Ich war einmal."

Eigene Bibliothek mit 2000 Bänden

Welts Bewertungen kommen – ob Literatur oder Musik – nicht von ungefähr. Seine Bibliothek zählt 2000 Bände, die Plattensammlung ist nicht weniger umfangreich. Freunde attestieren ihm einen regelrechten "bullshit detector".

Über die LP "Zwo" von Herbert Grönemeyer schreibt er: "Ich wäre froh, wenn diese Scheibe (man könnte das b auch durch ein ß ersetzen), nicht ‚Zwo‘, sondern ‚Die Letzte‘ hieße. Was sich der vielbeschäftigte Grönemeyer, der demnächst in dem Monumental-Streifen ‚Das Boot‘ zu begutachten sein wird, hier geleistet hat, ist wie schon bei seinem Debüt vor zwei Jahren unter aller Sau. ...Es ist mir klar, dass der aus Bochum stammende Künstler kein Wort mehr mit mir sprechen wird, doch kann ich leider nicht lobhudeln, wenn mir mein Urteilsvermögen einen Verriss diktiert."

Sänger Herbert Grönemeyer bei einem Auftritt im Jahr 2002 (imago stock&people/ Sven Simon)Von Wolfgang Welt verrissen: Herbert Grönemeyer (imago stock&people/ Sven Simon)

Zufällig bekommt Welt Kontakt zu Suhrkamp, der von ihm hoch geschätzte Verlag hat sogar Interesse an einem Manuskript. Doch was ihm abgeht, um mit einem Roman beginnen zu können, ist vor allem eins: Ruhe. Er muss die Musikszene zwischen Duisburg und Iserlohn, in der sich über 200 Bands tummeln, im Blick behalten, Neuerscheinungen besprechen, Kontakte zu Plattenfirmen pflegen. Welt schreibt viel über Musik, verdient damit aber zu wenig Geld.

Suhrkamp, Sex und Psychose

Je näher sein 30. Geburtstag rückt, desto auswegloser erscheint ihm die gegenwärtige Situation. Auf Welt lasten Schulden, die er trotz zahlloser Jobs nur schwer abtragen kann. Er wohnt noch immer bei den Eltern und muss gegenüber seinen Eltern den zielstrebigen Studenten mimen. Auch mit den Frauen läuft es nicht gut: In seinen Texten geht es häufig um Sex, insbesondere um das Verlangen danach.

Ein Rezensent bezeichnet ihn als "oversexed and underfucked", was Welt keineswegs abstreitet: "So war mein Leben nun mal verlaufen. Alle zwei Sekunden an Sex denken und ihn nur alle Jubeljahre vollziehen."

Nicht zuletzt plagen ihn manisch-depressive Zustände, seit ein paar Jahren nimmt Medikamente zur Stabilisierung seiner Psyche. Doch sie helfen nur bedingt: Wolfgang Welts Realität im Frühjahr 1983 heißt: Marien-Hospital Dortmund, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Diagnose: schizophrene Psychose mit manisch-depressivem Einschlag.

"Plötzlich fiel mir Kafka ein"

Doch die Krankheit führt ihn auch zu seinem literarischen Thema: "Plötzlich fiel mir Kafka ein. Was hatte er damit zu tun? Ich kannte nur seine ‚Verwandlung‘. War ich Gregor Samsa, hatte ich mich in ein Ungeziefer verwandelt? Ich fühlte mich plötzlich wieder von Satellitenkameras beobachtet. Ich fuhr zur Uni und hörte was über Barockromane und dachte, der Dozent spräche über mich und meinen Roman. Sollte ich sagen, ich sei Kafka? Der würde mich für verrückt halten. War ich es nicht auch? Oder war ich tatsächlich der größte Schriftsteller aller Zeiten, der nicht mehr schreiben musste, sondern durch sein schieres Leben Literatur erzeugte?"

Das Leben schreibt den Roman, durch sein schieres Leben Literatur erzeugen: Wolfgang Welt folgt diesen Eingebungen und beschließt, sein ganzes Leben aufzuschreiben: An gerade einmal "20 Nachmittagen", "verteilt über sechs Wochen", entsteht Wolfgang Welts erster Roman: "Peggy Sue". Benannt nach seinem liebsten Buddy-Holly-Song. Den Authentizitätsgrad beziffert er auf 99 Prozent.

Aber es dauert, bis Welt damit bekannt wird: Zehn Jahre nach Erscheinen kommt es zur Wiederveröffentlichung von "Peggy Sue". Der Roman wird im "Spiegel" und in der "Süddeutschen Zeitung" positiv aufgenommen – der Schriftsteller Wolfgang Welt erfährt größere Aufmerksamkeit.

Liegt es daran, dass der deutsche Literaturmarkt poppiger geworden ist? Die häufig an ihn herangetragene Frage, ob er womöglich "Urvater" der zweiten Popliteratur-Generation sei, lässt Wolfgang Welt unbeantwortet.

Später Ruhm

Inzwischen arbeitet er im Bochumer Schauspielhaus, aus der Musikszene hat er sich verabschiedet. 25 Jahre ist Wolfgang Welt dort als Nachtwächter tätig. Zwischen seinen Rundgängen schreibt er Romane. Als 2006 mit "Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe" eine Ausgabe seiner bis dato vorliegenden Romane erscheint, wird er vom Feuilleton zum "größten Erzähler des Ruhrgebiets" erklärt.

Nach zahlreichen Rückschlägen kann Wolfgang Welt behaupten: "Mein Lebensziel ist erreicht. Es kommt nur 20 Jahre zu spät."

Die Freude über den Publikationserfolg wird durch den sich stetig verschlechternden Gesundheitszustand der Mutter getrübt. Welt lebt immer noch bei ihr und kümmert sich bis zu ihrem Tode.

In seinem Roman "Fischsuppe" beschreibt er sein Leben inzwischen so: "Jetzt war Hängen im Schacht. Keine Chance mehr bei den Frauen, mit dem dicken Bauch, den ich mir angefressen hatte, angeregt durch die Psychopharmaka... Die Herbstblätter lagen auf und neben den Gleisen. Der Zug würde Verspätung haben."

Wolfgang Welt stirbt am 19. Juni 2016 in einem Hagener Krankenhaus.

Literatur von Wolfgang Welt:
"Peggy Sue", Roman, Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1986 
"Der Tick", Roman, Wilhelm Heyne Verlag, München 1999
"Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe. Drei Romane", Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006
"Fischsuppe", Roman, Engstler Verlag, Ostheim/Rhön 2014
"Die Pannschüppe" (und andere Geschichten und Literaturkritiken), herausgegeben von Martin Willems, Verlag Andreas Reiffer

Eine Sendung von Deutschlandfunk/Deutschlandfunk Kultur 2020. Das Skript zur Sendung finden Sie hier.

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