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Lange Nacht | Beitrag vom 23.01.2021

Die Lange Nacht über den Polarforscher Alfred WegenerDer Traum eines großen Poeten

Von Günther Wessel

(links) A. Wegener, Groenland-Vorexpedition 1929 Wegener, Alfred Geophysiker und Meteorologe, Berlin 1.11.1880 - Groenland Ende Novem- ber 1930. - Wegener bei einer Eisbohrung zur Messung der jaehrlichen Abschmelzung waehrend der Vorexpedition zur Groenland- expedition 1930/31. - Foto, 1929. (rechts) Wegener, Alfred Geophysiker und Meteorologe, Berlin 1.11.1880 – Grönland Ende November 1930. Foto, um 1928. (dpa, akg-images)
Der Polarforscher Alfred Wegener (1880-1930) (dpa, akg-images)

Der Meteorologe und Klimaforscher Alfred Wegener legte das Fundament für unser heutiges Wissen über die Polarregionen und die Erdsystemforschung. Mit seiner Theorie der Kontinentalverschiebung eröffnete er neue Sichtweisen auf unsere Erde.

Der Forscher Alfred Wegener entdeckt bei seinen Beobachtungen, dass die Kontinente so aussehen, als hätten sie einst wie Puzzlestücke zusammengepasst und entwickelt die Theorie von einer dynamischen Bewegung der Erdoberfläche sowie ihrer Neubildung in den Meeren.

"Seine Theorie ist ein wunderbarer Traum von Schönheit und Anmut", schreibt der Direktor des französischen Amtes für geologische Landesaufnahme Pierre-Marie Temier. "Der Traum eines großen Poeten." Das ist die freundlichste aller ablehnenden Stellungnahmen aus dem Fachpublikum.

Elternhaus, Kindheit und Studienjahre

Alfred Lothar Wegener wird am 1. November 1880 als Sohn des Predigers und Waisenhaus-Direktors Richard Wegener und seiner Frau Anna Schwarz geboren. Er wächst in Berlin und an der Müritzer Seenplatte auf.

Alfred Wegeners Mutter, Anna Schwarz, stammt aus Zechlinerhütte. Dort, in Annas Elternhaus, verbringen die Wegeners regelmäßig ihre Sommer. Zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Kurt lernt Alfred Schlittschuhlaufen, Segeln, legt Herbarien an, beobachtet Flora, Fauna, Wetterphänomene und beschließt, später Naturforscher zu werden. Nach der Schule studiert er in Heidelberg und Berlin die Fächer Mathematik, Naturwissenschaften, Astronomie und besucht Vorlesungen bei Max Planck und dem Astronomen Wilhelm Foerster.

Ein mit Helium gefüllter Fesselballon wird für den Aufstieg vorbereitet. (Alfred-Wegener-Institut / Stefan Schoen)Ein mit Helium gefüllter Fesselballon wird für den Aufstieg vorbereitet (Alfred-Wegener-Institut / Stefan Schoen)

Alfreds Bruder Kurt arbeitet als Meteorologe und Assistent am Königlich-Preußischen Aeronautischen Observatorium in Lindenberg bei Beeskow, wo auch Alfred eine Anstellung bekommt. Die Brüder untersuchen den Luftraum mit aufsteigenden Drachen und mit dem Fesselballon. Sie messen mit Hilfe von mechanischen Apparaturen Luftdruck und Temperatur in Höhen von bis zu 5000 Metern, und sie entdecken dabei verschiedene Luftschichten.

Frühe Polarexpeditionen

Wegener träumt von einer Grönlandexpedition und erfährt 1902 durch Zufall von einer dänischen Expedition des Grönlandforschers Ludvig Mylius-Erichsen. Er fährt nach Kopenhagen und trifft sich mit ihm, um an dieser Expedition teilzunehmen. Er spricht bei dem Meteorologen Wladimir Köppen vor, den er um Unterstützung bittet. Bei diesem Treffen begegnet Alfred auch zum ersten Mal Köppens Tochter Else, die er später heiratet.

Die Expedition startet am 24. Juni 1906 in Kopenhagen. Ziel dieser Expedition ist die Erkundung und Kartierung der Ostküste Grönlands von etwa 75 Grad nördlicher Breite bis zur Nordspitze der Insel. Dazu sollen meteorologische, hydrologische, geologische, biologische und ethnologische Forschungen vorgenommen werden, um Grönland wirtschaftlich zu erschließen.

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Die polare Eiswelt schlägt Wegener in ihren Bann. Mitte August erreichen sie die Dovebucht auf etwa 77 Grad Nord, wo sie ihr Winterquartier errichten. Trotz der atemberaubenden Schönheit des Polarwinters sehnen die Expeditionsteilnehmer den Frühling und das Ende der ewigen Dunkelheit herbei. Ab März 1907 erkunden sie die Gegend mit Schlitten und dringen bis zum 81. Breitengrad nach Norden vor. Ludvig Mylius-Erichsen und zwei Begleiter sterben während einer mehrwöchigen Schlittentour, doch die Arbeit geht weiter. Wegener baut eine meteorologische Station auf, wo er am Rande des Inlandeises etwa 50 Kilometer westlich ihres Winterquartiers zusammen mit seinem Assistenten Peter Freuchen lebt. Im Juni 1908 kehren die beiden wieder nach Hause zurück.

Mitarbeiter des Alfred-Wegener-Instituts arbeiten am 23.08.2011 nahe dem Forschungseisbrecher Polarstern in der Zentralarktis auf dem Eis. (picture alliance / dpa / Mario Hoppmann)Das Forschungsschiff "Polarstern" bei einer Expedition in der Arktis im August 2011 (picture alliance / dpa / Mario Hoppmann)

Nach seiner Rückkehr aus Grönland veröffentlicht Wegener mehrere Artikel über seine Expedition, hält Vorträge, wertet Messungen und Daten aus und schreibt sein Buch "Thermodynamik der Atmosphäre", das zu einem Standardlehrwerk für angehende Meteorologen wird. In der vorlesungsfreien Zeit fährt er nach Hamburg, wo er Köppen und seine Tochter Else trifft. Im Mai 1911 verloben sich Else Köppen und Alfred Wegener.

Alfred Wegener: "Thermodynamik der Atmosphäre", VDM Verlag Dr. Müller, 376 Seiten, Herausgeberin: Esther von Krosigk (2007)

Im Frühjahr 1913 startet Wegener eine neue Expedition zur Durchquerung Grönlands zusammen mit dem dänischen Polarforscher Johan Peter Koch, der ihn schon auf der Mylius-Erichsen-Expedition begleitete. Am 21. Juli 1912 erreicht das Expeditionsschiff Danmarkshavn, wo die Mannschaft ihr Winterquartier aufbaut. Neun Monate später, am 19. April 1913, beginnen die Männer mit der Durchquerung Grönlands. 1200 Kilometer wandern sie bei Minus 32 Grad durch Schnee und Eis. Der Wind lässt nach und in der Mitte von Grönland wird es still. Sie erreichen die westliche Eisgrenze und müssen dort tagelang ausharren, weil Gletscherbäche ihnen den Weg versperren. Kurz vor ihrem Ziel, völlig ausgehungert und geschwächt, werden sie von der Mannschaft eines Segelbootes gefunden und gerettet. Nach 56 Tagen, am 15. Juli 1913, erreichen Koch, Wegener, Vigfús und Larsen schließlich ihren Zielort Kangersuatsiaq, nördlich von Upernavik an der Nordwestküste.

Wegeners Theorie von der Kontinentalverschiebung

Das zu Wegeners Zeit vorherrschende geologische Modell der Erde beruht auf dem sogenannten "Fixismus" – mit der Annahme, der Untergrund der Kontinente sei mit der Erdkruste fest verbunden und die Kontinente lägen seit ihrer Bildung unbeweglich an derselben Stelle.

Ausgehend von seinen Beobachtungen bei Polarexpeditionen, Ballonfahrten und der Grönland-Durchquerung entwickelt Alfred Wegener eine der wichtigsten Theorien der Erdsystemwissenschaften. Er stellt diese Theorie bei einem Vortrag dem geologischen Fachpublikum vor, das die bisherigen Vorstellungen erschüttert: Ihre Gestalt und ihr Aussehen verdanke die Erde einer horizontalen Bewegung der Kontinentalschollen. Alfred Wegener belegt seine These von der Plattentektonik damit, dass exakt die gleichen Fossilien, Gesteine sowie klimatische Zusammenhänge auf beiden Kontinenten, Südamerika und Afrika, vorgefunden worden seien.

Er geht von der ursprünglichen Existenz eines Superkontinents aus, den er "Pangaea" nennt und der im Laufe von Jahrmillionen auseinandergebrochen sei. Die einzelnen Kontinentalschollen drifteten laut dieser Theorie seither langsam in verschiedene Richtungen. Seine Kollegen in Wissenschaft und Forschung nehmen ihn nicht ernst und lehnen seine Thesen ab. Heute ist Alfred Wegeners Theorie der Kontinentalverschiebung als Plattentektonik anerkannt. Nach ihm ist auch das Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung mit Hauptsitz in Bremerhaven benannt.

Kriegs- und Nachkriegsjahre

Nach der Grönland-Überquerung kommt Alfred Wegener am 17. Oktober in Kopenhagen an, wo er seine Verlobte Else Köppen trifft. Er fährt mit ihr zu ihrer Familie nach Hamburg und dann weiter nach Zechlinerhütte zu seinen Eltern. Einen Monat später, am 16. November heiraten er und Else Köppen. Die Hochzeit findet in kleinem Kreise in Elses Elternhaus in Hamburg statt.

Das junge Paar zieht nach Marburg in eine geräumige und billige Wohnung, doch das häusliche Idyll ist nicht von Dauer. Im März 1914 wird Wegener zu einer Militärübung eingezogen und muss im August nach Belgien an die Front. Else ist zu dieser Zeit im neunten Monat schwanger.

Die Kriegserfahrung ist befremdend für Wegener, ihm fehlt der Enthusiasmus im Kampf für sein Vaterland. Ein Streifschuss am Hals beendet seine Zeit als Soldat. Ein Arzt stellt darüber hinaus einen Herzfehler bei ihm fest und Wegener wird im militärischen meteorologischen Dienst eingesetzt, wo er Winde und Luftströme für den Einsatz der Zeppeline berechnet und zwischen Marburg und seinen Einsatzorten in Antwerpen, Mühlhausen und Sofia pendelt.

Bescheidenes Auskommen als Privatdozent

Im März 1918 gebärt Else ihre zweite Tochter und im April 1920 die dritte. Nach Kriegsende, im Januar 1919 nimmt Wegener seine Vorlesungen in Marburg wieder auf. Die finanzielle Situation der Familie ist bescheiden, denn als Privatdozent lebt er von dem, was die Studierenden ihm an Hörergeld zahlen.

Im April 1919, als Alfreds Schwiegervater Wladimir Köppen pensioniert und seine Stelle frei wird, zieht die Familie Wegener nach Hamburg. Im gleichen Jahr wird die Hamburger Universität gegründet, wo Wegener 1921 als außerordentlicher Professor antritt. Das Jahr darauf, 1922, erhält er ein Angebot, in Graz den Lehrstuhl für Meteorologie und Geophysik zu übernehmen.

Nach einigen Verhandlungen nimmt er das Angebot an und wird am 28. April 1924 zum ordentlichen Professor der Meteorologie und Geophysik an der Universität Graz ernannt. Doch sein Arbeitsalltag an der Universität befriedigt Wegener nicht und er schmiedet erneut Pläne für eine Grönlandexpedition, die im Jahr 1930 stattfinden soll. Die Bedenken seiner Frau und der Schwiegereltern, dass er mit fast 50 Jahren zu alt dafür sei, wischt er beiseite.

Polarexpedition ohne Rückkehr

1928 verständigt Wegener sich mit seinem Kollegen Johannes Georgi über die Expedition. Er will an drei Stationen auf Grönland ein Jahr lang Temperaturen und andere Klimadaten sammeln. Dazu kommen Eisdicken- und Eisdichtemessungen, Messungen der Gletscherbewegungen und Seehöhenbestimmungen, um herauszufinden, ob die Höhe der Eisoberfläche sich verändert. Die Vorbereitungen nehmen viel Zeit in Anspruch, doch am 1. April 1930 ist es schließlich soweit.

Gestern Abend kamen wieder zwei Eisbären in die Nähe unseres Schiffes. Wahrscheinlich waren es die gleichen, die wir schon ein paar Tage vor unserer Ankunft auf der Scholle gesehen haben. Niemand war draußen auf dem Eis, als die Bären auftauchten, und es bestand keine Gefahr für die Teilnehmer der Expedition. Die Bären blieben mehrere Minuten um Polarstern und das Eislager herum. Zu unserer eigenen Sicherheit und zur Sicherheit der Eisbären wollen wir nicht, dass sie sich daran gewöhnen, unsere Nachbarn zu sein. Die leitenden und professionellen Eisbärenwächter der Expedition verfolgten sie daher mit einer Leuchtpistole. Die Bären wurden nicht verletzt und verließen sofort das Gebiet. Dieses Verfahren entspricht dem komplexen Sicherheitskonzept der MOSAiC-Expedition.  (Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz)Regelmäßig besuchen Eisbären das eingefrorene Forschungs-Schiff "Polarstern" (Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz)

Am 29. April erreicht das Schiff Godhavn an der Westküste Grönlands. Es ist ein sehr strenger Winter. Das Meereis versperrt ihnen die Einfahrt.

Nach 38 Tagen bricht das Eis und eine Fahrrinne entsteht. Doch schon nach 62 Kilometern – bis nach Eismitte sind es 400 Kilometer – kommt der nächste Rückschlag: Die Grönländer in seiner Mannschaft kehren um. Sie fühlen sich den Schneestürmen nicht gewachsen. Es wird von Tag zu Tag kälter und dunkler. Zu dritt marschieren die Männer weiter. Das Hundefutter ist aufgebraucht, die Tiere sind unruhig und versuchen, nachts ins Zelt einzudringen. Am 30. Oktober treffen Rasmus Villumsen, Alfred Wegener und Fritz Loewe schließlich mit Vorräten an der Polarstation in Eismitte ein. Loewe bleibt vor Ort, um sich von seinen Erfrierungen zu erholen.

Wegener und Villumsen brechen zwei Tage später, am 1. November, zur Rückreise auf. Es ist Alfred Wegeners 50. Geburtstag. Sie kommen nie an der Weststation an. Alfred Wegener stirbt vermutlich am 16. November 1930 an Herzversagen. Die Suche nach Rasmus bleibt erfolglos. Er ist gerade 22 Jahre alt.

Eine Produktion von Deutschlandfunk Kultur von 2021. Das Skript zur Sendung finden sie hier.

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