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Lange Nacht | Beitrag vom 25.08.2018

Die Lange Nacht über BraunkohleKlimasünder oder Rohstoff mit Zukunft?

Von Heinz-Jörg Graf

Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde neben einem Windkraftrad (Patrick Pleul / dpa-Zentralbild, dpa picture alliance)
Braunkohlekraftwerk trifft Windrad in Brandenburg (Patrick Pleul / dpa-Zentralbild, dpa picture alliance)

Einst war die Braunkohle der wichtigste Energieträger in der DDR. Nach der Wende wurden die meisten Tagebaue stillgelegt. Heute scheint die Braunkohle ein Comeback zu erleben – im Osten wie im Westen der Republik, obwohl sie ein Klimasünder erster Güte ist.

Die Lange Nacht taucht zunächst in die Historie ein. Erzählt, wie der Braunkohletagebau in der DDR Landschaften verwüstete und die Luft verpestete. Schildert dann die vielfältigen Bemühungen nach der Wende, die Wunden wieder zu heilen. Inzwischen erobert sich die Natur vielerorts ihren Raum zurück. Manchmal auf spektakuläre Art und Weise.

Die Lange Nacht berichtet schließlich über das erstaunliche Comeback der Braunkohle heute, für die ausgerechnet die Energiewende der Auslöser ist. Sie e läuft langsamer als geplant. Ohne Braunkohle, so argumentieren Energiekonzerne und einige Politiker, stehe zu wenig Strom zur Verfügung. Deshalb sei die Versorgungssicherheit im Lande nicht gewährleistet. Kritiker bezweifeln das.

Der Braunkohletagebau ruft vor allem im rheinischen Revier Protest hervor. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel ist der Hambacher Forst endgültig bedroht. Er liegt westlich von Köln und soll dem Braunkohletagebau weichen. Umweltaktivisten halten deshalb den Wald besetzt. Auch davon erzählt diese Lange Nacht.

Neubearbeitung der Sendung vom 3./4.11.2007

Die Zusammensetzung

Braunkohle ist ein bräunlich-schwarzes, meist lockeres Sedimentgestein. Es ist durch Carbonisierung von Pflanzenresten (Inkohlung) entstanden und besteht abgesehen von im Schnitt 50 Prozent Wasseranteilen in der Trockenmasse zu mehr als 50 Prozent des Gewichtes und mehr als 70 Prozent des Volumens aus Kohlenstoff. Braunkohle ist ein Energieträger und wird vom Menschen als fossiler Brennstoff verwendet. Wikipedia: Braunkohle    
 
Ortschaften werden als abgebaggert bezeichnet, wenn ein Tagebau, zum Beispiel Braunkohle sich auf besiedeltes Gebiet ausgedehnt hat, und daher Ansiedlungen aufgegeben werden mussten. Homepage des Bundesverband Braunkohle        

Gerhard Gundermann - Mann aus Eisen

Wie immer trete ich allein aus meiner tür
Wie schon immer geht schon nach der kreuzung einer neben mir
Wie immer kriege ich im bus antwort auf meinen gruß

Wie immer steh ich wie die andern am spind
Wo hose helm und handschuh und die lederstiefel sind
Wie immer spür ich meine kraft vom scheitel bis zum schaft

Hundert Meter unterm gras
artet die maschine dass
Ich ihre hebel fraß

Und nach einer stunde schon
Ist die hand am schaufelrad
Der mund ein telefon

Mein Rücken ist ein förderband
Und im schein von tausend watt
Sind mir die augenbraun verbrannt

Auf raupenplatten krieche ich
Stück um stück nach vorn
Bei havarien blute ich

Abends dann tau ich langsam auf
Untern händen einer frau
Gehen in mir die fenster auf
Himmel wird grün rot und blau.

Mann aus Eisen bei Youtube

Liedermacher Gerhard Gundermann (picture alliance/dpa/Foto: Rainer Weisflog)Liedermacher Gerhard Gundermann im November 1993 in Cottbus. (picture alliance/dpa/Foto: Rainer Weisflog)

Gerhard Gundermann – Baggerfahrer, Rockstar, Verräter

Zehn Jahre hat Regisseur Andreas Dresen für seinen Film "Gundermann" gekämpft. Es hat sich gelohnt – weil manche nun endlich die DDR verstehen. Filmkritik im Tagesspiegel Filmtrailer

Der Tagebau

Braunkohle wird in der Lausitz und im Mitteldeutschen Revier schon seit Jahrhunderten abgebaut. Schritt für Schritt ersetzte die Kohle das Holz, den Torf und die Wasserkraft der Flüsse und Bäche als Energieträger. Seit gut 100 Jahren wird Braunkohle industriell aufgeschlossen und gefördert, mit Menschen, Baggern und Förderbrücken. Tagebau-Gebiete breiteten sich im Süden Brandenburgs aus; in den Regionen um Cottbus, Finsterwalde und Hoyerswerda und in Sachsen und  Sachsen-Anhalt: im Raum Bitterfeld, Halle und Leipzig. Die Kohle hat damals auch andere Industriezweige gefördert. Rolf Kuhn, Leiter der IBA, der Internationalen Bauausstellung "Fürst Pückler Land" in Großräschen, einem Städtchen südwestlich von Cottbus. 

Die Internationale Bauausstellung

Die IBA Fürst-Pückler-Land 2000-2010 war ein breit angelegtes Zukunftsprogramm für die Bergbauregion in Südbrandenburg. Mit 30 IBA-Projekten und weiteren EU-Projekten hat die IBA Impulse für den Strukturwandel in der Region gegeben. Das ehemalige Beamtenwohnhaus der "Ilse-Bergbau-Aktiengesellschaft" war der Geschäftssitz der IBA und wurde danach zum Studierhaus umgebaut. Mehr dazu

Ein düsterer Braunkohleabbau. Furchig und schwarz. (imago / CHROMORANGE)Braunkohleabbau in der Niederlausitz. (imago / CHROMORANGE)

Aus allen Teilen der Republik zogen Menschen in die Lausitz. Es gab Wohnungen und die Arbeit im Bergbau wurde für DDR-Verhältnisse gut bezahlt. Auch Leute, die mit der Partei angeeckt waren, kamen in die Lausitz. Die Kohleabbau sog alle auf. 1989 förderten 52.000 Arbeiter im Lausitzer Braunkohlenrevier 200 Millionen Tonnen Rohbraunkohle, brikettierten, vergasten und verstromten sie. Lausitzer Kohlengas strömte bis nach Mecklenburg, Lausitzer Briketts beheizten 65 Prozent der Öfen in der DDR.

Gigantisches Ausmaß

Auch weiter westlich, im Mitteldeutschen Revier, bildeten sich Tageabbaue von gigantischen Ausmaßen. Der größte von ihnen, die Goitzsche in Sachsen-Anhalt war über 60 Quadratkilometer breit und lang. Bis zu 100 Metern Tiefe schaufelten die Bagger die Erde auf, stählerne Ungetüme, 170 Meter lang, 50 Meter hoch und fast 4.000 Tonnen schwer, räumten Schicht für Schicht ab, türmten sie zu riesigen Halden auf, bis sie zur Kohle fanden, dem Schatz aller Schätze, damals in der DDR. Zwar habe Gott die Lausitz geschaffen, so ein geflügeltes Wort, doch der Teufel habe die Kohle dort vergraben. Ihr mußten Menschen, Dörfer, Wälder und Landschaften weichen.

Gudrun Jugel: "Wenn Sie im Winter gefahren sind und der Schnee hat so an den Straßenrändern gelegen, der frischgefallene neue war innerhalb von wenigen Stunden braun. Das war dann ... Braunkohlenschnee. ... Daran hat man sich gewöhnt ...... von Borna nach Leipzig, da passieren Sie den Ort Espenhain und Espenhain lag richtig ... wie unter einer Käseglocke. Wenn man da langgefahren ist, hat man ... eine Dunstglocke über diesen Ort gesehen. Das war gelblich ... wie so ein Atompilz ... durch die Schwelereien in Espenhain."

Hartmut Rüffert: "Wir haben dann überlegt, in Espenhain, ... auch am Tage mußte man dort permanent mit Licht fahren, um überhaupt durch diese Industrienebel durchzukommen. Smog war natürlich ein Begriff, aber der durfte öffentlich ja nicht verwendet werden, Smog gab´s in der DDR nicht und wir haben überlegt, dort eine Straßensperre zu machen, dass man ... symbolisch deutlich macht ... die durchfahren, Leute, ihr müßt das mal aushalten, wir müssen´s immer aushalten, und nur durch ... die Bewußtmachung, was hier passiert, die Menschen anzuregen, drüber nachzudenken, ist das noch gesund oder ist das noch sozialistisch oder ist das nicht ... menschenverachtend, was hier passiert. Zur diese Sperre ist es nicht gekommen, die Stasi hat es vorher mitgekriegt."

Gudrun Jugel: "Nicht besonders giftig, nicht besonders schlimm, so hat das die DDR-Regierung empfunden,... die brauchten die Braunkohle dringend, das war die einzige Naturressource in der DDR ... die haben hier furchtbare Schlachten geschlagen, ..., um diese ... Braunkohle ... da abzubauen. Dietmar Matzke: wenn es sehr kalt wurde, dann wurde die Volksarmee herangekarrt und die hat versucht, die Gleise ... wieder zu bewegen, indem sie da gehackt haben mit Feuer und dergleichen, um das wieder in Bewegung zu bringen und da waren Hunderte von ... Soldaten hier, sonst wäre das gar nicht gegangen ... das waren die sogenannten Winterschlachten, die Schlachten des Sozialismus ... "

Gudrun Jugel: "Trotz widriger Witterungsbedingungen  war die Planerfüllung garantiert mit dem Einsatz der FDJler und der NVA Soldaten und so weiter und so fort."

Walter Karge: "Es waren tatsächlich Schlachten. Und das beruht... auf diese einseitige Ausrichtung der Energiewirtschaft, der Energieversorgung auf die Braunkohle. Da ist ja nicht nur ... Strom hergestellt worden, es ist ja auch Gas hergestellt worden. Und wenn dort ein Tagebau ausfiel, dann war es also so, dass sofort Katastrophenstimmung da war ... Mit der ersten Schneeflocke ist bei uns Winteralarm ausgelöst worden und dann sind wir, die Leitungskräfte und andere Mannschaften im Prinzip kaserniert eingezogen. Dann haben wir dort unseren zwölf, vierundzwanzig Stundendienst gemacht, war manchmal zwei, drei Tage nicht zuhause, das ist nicht nur einmal passiert, mich haben sie ´mal gesucht, da war ich zuhause eingeschlafen, keiner wußte, dass ich zuhause bin, meine Frau auch nicht, die ... ist zur Arbeit gegangen und hat gedacht, ich bin noch auf der Arbeit, dabei habe ich im Wohnzimmer auf der Couch gelegen, das ist schon eine harte Sache gewesen."  

Das neue Forum in Borna

Gudrun Jugel, Hartmut Rüffert und Dietmar Matzke gründeten 1989 das neue Forum in Borna, einer Stadt in der Nähe von Leipzig. Heute arbeitet Jugel beim Heimatverein in Borna, Rüffert verdient sein Geld als Immobilienmakler und Denkmalschützer, Matzke führt eine Pension und malt. Karge ist Pensionär. Früher leitete er die Instandhaltung des Braunkohlekraftwerkes Senftenberg, einer Stadt südlich von Cottbus.

Walter Matzke: "Wir haben gelebt wie jeder andere auch, vielleicht auch in Westdeutschland. Wir haben unsere Kinder zur Schule geschickt, wir haben versucht, sie so gut wie möglich zu erziehen, auch so ideologiefrei wie möglich, wir haben unsere Feste gefeiert, ich habe ja dieses Häuschen damals gekauft für wenig Geld, wir haben uns ständig um Material Sorgen gemacht ... es war ja eine Mangelwirtschaft. Das war unser Leben ... es gab sehr viele schöne, auch Erinnerungen habe ich noch an die Zeit ... es gab das öffentliche Leben und  das private Leben und das private, das würde ich nicht missen wollen ... wir haben das Leben gelebt und wir haben es ... auch sehr schön gehabt, was nichts mit der Politik zu tun hatte. Walter Karge: Ja, was ging schief? Wir hatten ... an den Baggern schwere Kettenrisse ... Schneeverwehungen, dass ... Züge auf der Strecke stehengeblieben sind, Fahrleitungen runtergebrannt sind ... Das war ein ständiges Geschäft und ein ständiges Organisieren zur Zentrale hin: Wo wird der nächste Zug benötigt? Dann haben wir natürlich Züge quer durch das Revier gefahren von Schwarze Pumpe nach Senftenberg, von Senftenberg nach Schwarze Pumpe ... um ... die Versorgung zu gewährleisten ... Die gesamte Wirtschaft hat stillgestanden. ... die Hühnerzuchtanlagen zum Beispiel, wenn dort der Strom ausfällt, ist die gesamte Kükenpopulation hin, die brauchen ja Wärme ... wenn die Gaserzeugung wegfällt ... sind ganze Betriebe ausgefallen ... die gesamte ... Glasindustrie in Weißwasser war ... auf das Gas von Schwarze Pumpe angewiesen. Wenn da kein Gas mehr kam, war Schluß. Da stand das gesamte System in der DDR auf der Kippe. Aus diesem Grund eben ... dieser unwahrscheinliche Druck ... wenn das losging, dann hatten wir Soldaten, Bereitschaftspolizei, die uns unterstützt hat. Da waren ... manchmal so viel da, dass wir auch nicht richtig wußten, was wir damit machen sollten."

Verwandlung in Neukirchen 

Wenn Hartmut Rüffert Besuchern die alte Brikettfabrik zeigt, führt er ihnen manchmal eine Multi-Media-Show vor. "Die Verwandlung". Dramatisch der Gegensatz zwischen früher und heute. Neukirchen lag mitten in einem Braunkohle-Tagebaugebiet der DDR. Die Bilder zeigen Gebäude und Landschaften. Sie heruntergekommen zu nennen, wäre untertrieben. Dazu Geräusche von Brikettpressen, Abraumbaggern und Rangierloks. Fabrik- und Tagebaugeräusche von früher. 

Hartmut Rüffert: "Ich fand diese Gegend hier nicht lebenswert. Um´s ganz deutlich zu machen, wenn sie ins Bett kämen und das Fenster aufmachen, dann kommt also eine Gaswolke rein und wenn sie dann früh aufstehen, haben sie nicht nur die Gaswolke im Zimmer, sondern sie haben eben auch diese ganzen Braunkohlenkrümelchen auf ihrer Bettdecke, sofern sie eine weiße Bettdecke benutzt haben. ... Oder, wenn der Wind ungünstig stand, dann konnten sie die Tomaten, die im Garten zwar gewachsen waren, sie konnten sie nicht mehr essen, weil sie einfach in einer Nacht so schrumplig waren, dass sie das Gift sozusagen sehen konnten oder Herbst. Herbst war Ende August. Ende August sind in Mölbis von den Bäumen die Blätter runtergefallen, das ist das, was ich erlebt habe und ich bin ab und zu auf die Kippe gestiegen, auf die Espenhainer Kippe und hab in dieses Werk Espenhain hineingeguckt, in diesen für mich Moloch, wo es aus jeder Ecke puffte, krachte und zischte und ich bin ab und zu auch durch dieses Werk durchgegangen ... und das war für mich unheimlich, ... und auch, wenn ich mir die Menschen vor dem geistigen Auge wieder angucke, wie dieses Zerschlissene, ... dieses Heruntergekommene, auch seelisch Heruntergekommene, wenn ich mich an die Gesichter erinnere,  ... ich hatte das Gefühl, das kann nicht das Leben sein."

Ansicht des Kraftwerks Niederaußem von der RWE Power. (imago stock&people)Das Kraftwerk Niederaußem von der RWE Power in Bergheim Niederaußem. (imago stock&people)

Denn kein anderer Energieträger setzt so viel Kohlendioxid frei, wie die Braunkohle, wenn sie verbrannt wird. Heute kann mit Sicherheit gesagt werden, dass weit über 1/3 der Treibhausgase aus den (Braun-)Kohlekraftwerken kommen. Da heißt es doch umdenken, das Klima schonen und beim Gasanbieter Vergleich über eine energiereiche Alternative nachdenken. Mehr dazu im Umweltlexikon des Instituts für angewandte Umweltforschung Katalyse
http://www.umweltlexikon-online.de/fp/archiv/RUBenergie/Braunkohle.php

Eine Liste von Buchveröffentlichungen zum Thema Braunkohlerevier

Neue Landschaft von Menschenhand im Osten Deutschlands. Nach dem Rückgang des Braunkohleabbaus in Ostdeutschland füllen sich die stillgelegten Tagebaue wieder mit Wasser. In der Lausitz entsteht so eine regelrechte Seenplatte. Um den Wasserhaushalt auszubalancieren und eine passable Wassergüte zu erreichen, ist aber ein ausgeklügeltes Management der Wasserressourcen unerlässlich. Mehr dazu in einem Artikel von 2002 in der NZZ  von Dieter Sauer

Hans Dieter Sauer. Neue Landschaft von Menschenhand - Sanierung des Lausitzer Braunkohlereviers. 2003
Leseprobe: Für die Sanierung des Lausitzer Braunkohlereviers wird ein Zeitraum von insgesamt 15 Jahren veranschlagt. Die Sanierung erfolgt dabei in mehreren Schritten. In einem ersten Schritt werden die Böschungen an den Restlöchern abgeflacht, damit nach der Flutung die Bevölkerung Zutritt zum Wasser hat. Da die Kippen überwiegend aus lockeren Sanden bestehen, die sich wassergesättigt beim kleinsten Anstoß verflüssigen können, wird mit Hilfe einer Rüttelvorrichtung der Untergrund durch Rütteln von unten nach oben stabilisiert. Um die Versauerung des Bodens durch das im Abraum vorhandene Pyrit, welches in einer chemischen Reaktion mit dem Luftsauerstoff Schwefelsäure bildet, zu verhindern, müssen bei land- und forstwirtschaftlich genutzten Flächen pro Hektar 100 bis 200 Tonnen Kalk in den Boden eingearbeitet werden, um die Säuren abzupuffern.

Anbauen, wo abgebaut wird.

Lars Reifert trägt eine Arbeitskombi. Und eine Kappe. Ein Basecap. Er fährt einen fünfzehn Jahre alten roten BMW, der komisch aussieht, weil er höher gelegt ist. "Das ist die Federung. Damit wir im Gelände nicht aufsetzen", erklärt Reifert. Auf der Ablage liegen Postkarten von Anika Hortig. Sie trägt darauf ein weites Kleid, eine Schärpe, und sie lacht. Sie ist die Weinprinzessin des Geiseltals - quasi Reiferts eigene Weinprinzessin, denn er ist der einzige Winzer am Geiseltalsee in Sachsen-Anhalt. Vorerst. Weiterlesen

Vattenfall ist noch immer in der Lausitz

Aus der Braunkohle hat sich der schwedische Konzern zurückgezogen. Er beackert jetzt hier andere Geschäftsfelder. Mehr dazu in der Sächsischen Zeitung-Online 2017

Vattenfall Europe veredelt etwa fünf Prozent der im Lausitzer Revier geförderten Rohbraunkohle am Standort Schwarze Pumpe zu hochwertigen Brennstoffen wie Briketts, Braunkohlenstaub und Wirbelschichtbraunkohle. Weiterlesen

Der Rohstoff Braunkohle ist in Europa so bedeutsam wie nie zuvor. Um den zweifelsohne klimaschädlichsten Energieträger ist eine heftige Diskussion entbrannt. Nach den USA und China ist Europa der drittgrößte Kohle-Verbraucher. In Deutschland beträgt der Braunkohleanteil am Primärenergie-Verbrauch ca. 10 Prozent, doch der Anteil an den klimaschädigenden CO2-Emissionen ist doppelt so hoch. Dennoch will sich die Stromwirtschaft nicht von diesem Energieträger verabschieden.

Fotografien aus der Lausitz

André Baschlakow: "Als ich das erste Mal an einem Tagebaurand stand, hatte ich das Bild von Caspar David Friedrich, Mönch am Meer, also, wie dieser einsame kleine mikrogroße Mensch in dieser unglaublich weiten Landschaft steht... das Licht kann ungebrochen von einer ganz weiten Entfernung über diese Landschaft streichen und Schattenformationen bilden, die man sonst eben gar nicht hat ...
Das ... Bild ... ist in Klettwitz entstanden ... zu einer Zeit ... der Zeitpunkt des Stillstands war noch gar nicht so weit her ... kurz nach der Wende und man sieht ... noch eine ganz wilde Landschaft, manche Masten ..fangen schon an, sich zu neigen, weil sie eben nicht mehr richtig versorgt werden beziehungsweise irgendjemand ist gegengefahren, im Vordergrund sieht man große Abwasserrohre, hier und das entsteht schon ... kleiner Bewuchs in Form von Birken ... nicht geplant ... ja, die Landschaft hält inne ... wenn man sich dort in dieser Landschaft bewegt ... dann empfindet man das auch ... es ist so ein Innehalten ... den Bagger hört man schon lange nicht mehr, der Staub ist auch nicht mehr wirklich da ... das Vogelgezwitscher ist auch noch nicht um einen herum und diesen Ruhezustand, das war´s vielleicht auch, den ... ich immer wieder gesucht habe und auch heute noch suche, wenn ich aus Berlin in die Lausitz fahre, um ... dort Bilder zu machen."

Seit Jahren fährt der Berliner Fotograf André Baschlakow einmal im Monat in die Lausitz und fotografiert. Ihn faszinieren die schroffen Brachlandschaften der ehemaligen Tagebauflächen. Kraterförmige Mondlandschaften sind auf seinen Bildern zu sehen. Nebeneinander aufgeschüttete Abraumhalden, die, riesenhaften Krallen gleich, ihr Areal immer noch im Griff halten. Erosionsböden, schollenartig aufgebrochen, die Rinnen meterbreit. Eine einsame Landschaft, seelenlos, nur zögernd kehrt das Leben zurück. Baschlakow fotografiert mit einer 30 mal 40 Zentimeter Plattenkamera, die er sich für die Aufnahmen in der Lausitz extra hat bauen lassen. Jedes Detail ist auf seinen Bildern zu sehen. Die neuen Windkrafträder am Horizont ebenso wie das kilometerweit entfernte liegengebliebene Kabel oder das windschiefe Dixie-Plumpsklosett, das windschief irgendwo in der Landschaft steht. Fotos, auf denen man spazierengehen kann und die eine enorme Sogwirkung entfalten, während man unterwegs ist. 

Lausitz Brandenburg. Freie Arbeit Langzeitprojekt  

Entwicklungsraum Lausitz

Auch der Berliner Journalist Klaus Muche hat sich viel mit der Lausitz beschäftigt. In seinem Essay "Entwicklungsraum Lausitz" schreibt er über wahrhaft abenteuerliche Vergnügungen.

Ein Tagebau, siebzig Meter unter der Oberkante, im Sommer kochend heiß, im Winter ein Loch, in das die kalte Luft fließt und in der Inseln aus buntem Sand im sauren Grundwasser stehen. Was von außen nicht mehr als eine große Kiesgrube ist, verschlägt einem nur wenige hundert Meter weiter den Atem. Der Horizont verschwindet, und am Grunde des Tertiärs empfängt einen absolute Stille. Es scheint, als zögen die Wellen der Zivilisation über uns hinweg, ohne uns auch nur zu bemerken. Nur manchmal, wenn ein Kondesstreifen am Himmel sichtbar wird, ist die Gegenwart wieder da.

Am Grund der schwarzen Seen ist allerdings auch Leben. Schilf wächst dort und am Rande, wo das saure Grundwasser nicht hingelangt, wo sich aber kleine Regenwasserseen bilden, siedeln sich erste Frösche an. Wer Glück hat, findet auch die Spur eines neugierigen Rehs oder eines Fuchses. Aber eben nur, wer Glück hat. Das Wandern am Uferstreifen ist anders als am Meer. Es ist ein Gang auf dem Kohleflöz. Saubergespült ragen die Kohleklippen aus dem Wasser, schweigend, lockend und mit einer Ruhe, wie sie bestenfalls jene erstarrte Lava an sich hat, die die isländische Küste bildet.

Dafür kann der Kundige im letzten Flöz nach Bernstein schürfen, im Abraum Fossilien bergen oder Halbedelsteine, die vor Millionen Jahren die Elbe in die Lausitz gespült hat. Und wer mit der Pfanne in die Stille wandert, wird auch sein Gold-Nugget finden. Keine Würstchenbude, kein Dönerduft durchzieht dieses unwirtliche Land. Nicht einmal Warnschilder zerstören den Eindruck von Unberührtheit.

Nur die Fußspuren des Trails sind noch erkennbar, die Spuren jener, die vor uns gingen und hoffentlich überlebten, so wie wir selber hoffen, heil aus dieser beklemmenden Hölle herauszukommen. Indes, die Gefahren sind deutlich sichtbar. "Geweberisse" zeigen die Rutschungsgefahr, markieren die Grenze des Überlebens. Die Spur macht einen seitlichen Sprung, eine feuchte Kluft zieht sich vor uns hin. Springen? Waten? Umkehren!

Niederlausitzer Bergbautour

Der Fernradweg führt Sie auf über 500 km durch den Süden Brandenburgs und ein kurzes Stück durch den Norden Sachsens. Dabei erleben Sie eine Mischung aus Industriekultur, wie z.B. die Stationen der ENERGIE-Route, malerischen Orten, imposanten Tagebauen und neuen Landschaften. Weitere Informationen

Energie-Route Lausitzer Industriekultur

Wie wird Kohle zu Energie? Wie sah der Alltag der Lausitzer Bergleute aus? Wie kommt die Braunkohle aus der Erde? Entlang der ENERGIE-Route können Neugierige die Lausitzer Industriekulturgeschichte an Originalschauplätzen entdecken. Dabei können sie auch Orte betreten, die für Schaulustige einst tabu waren.

150 Jahre lang prägten Bergbau und Energiegewinnung das berufliche und gesellschaftliche Leben der Lausitz. Auch in der Landschaft sind deutliche Spuren sichtbar. Bergleute holten über zwei Milliarden Tonnen Braunkohle aus bis zu 60 Metern Tiefe. Seit den 1970er Jahren erlebt die Region einen immensen Landschaftswandel.

Aus stillgelegten Tagebaugruben, die geflutet wurden und noch werden, entsteht die größte von Menschenhand geschaffene Wasserlandschaft Europas: das Lausitzer Seenland mit seinen vielfältigen Wassersport- und Erholungsangeboten. Die Stationen der Energie-Route erklären also gewissermaßen auch den Wandel vom Bergbauland zum Seenland. Weitere Informationen

Bergbaugerät arbeitet im Tagebau Hambach bei Kerpen (Nordrhein-Westfalen). Die Polizei rechnet zum Weltklimagipfel in Bonn mit schärferen Protesten gegen den Braunkohleabbau im Rheinischen Revier. Aktions-Bündnisse haben demnach an dem symbolträchtigen Hambacher Wald ein Camp für 2000 Leute geplant. (Federico Gambarini/dpa)Braunkohletagebau Hambach (Federico Gambarini/dpa)

Nicht nur in der Lausitz, auch im rheinischen Revier, in Nordrhein-Westfalen, wird noch kräftig Braunkohle abgebaut. Der Platzhirsch hier ist die RWE, die "rheinisch-westfälischen Elektrizitätswerke". Wenn ein Tagebau erschlossen wird, leiden nicht nur die Umwelt, sondern auch die Menschen. Besonders die, die umgesiedelt werden. Margarete Mehl, eine Rentnerin, musste dem Tagebau Garzweiler weichen. Sie wurde von Spenrath nach Neu-Spenrath umgesiedelt. Die beiden Orte liegen südlich von Mönchengladbach. Sie erzählt über ihren Heimatverlust.

Begegnung mit Otzenrath

Margarete Mehl: "Hier ist der Ortskern und hier war die evangelische Kirche, die ist aber ganz abgerissen ... von Otzenrath, der Ortskern von Otzenrath ... was noch da ist, ist diese alte ... Rotbuche, aber die wird natürlich auch noch weggemacht ... und der Bagger, der steht ja ... schon mitten im Dorf ... der Abraumbagger von Rheinbraun ... hier war übrigens die katholische Kirche mit dem Friedhof, alles plattgemacht, die ganzen Toten sind ja umgebettet worden ... alles kaputt ... ja, noch eine alte Hecke ... ein bißchen Klatschmohn war eben noch am Wegesrand ... jetzt fahren wir direkt auf den Tagebau zu, eigentlich wollte ich ja mit Ihnen nach Pech, aber der Tagebau, der ...ist jetzt so nahe an diesen Ortschaften dran, dass man direkt quasi am Rande des Tagebaues fährt, wenn man noch was sehen will, links ist der Tagebau und rechts ... abgerissene Dorf ...

hier war früher unser alter Bahnhof und wenn man jetzt so rechts rüberguckt, das ist mein Dorf, Spenrath, wo da ... noch ein paar Häuser und Bäume stehen, das ist mein altes Dorf und hier das sind ... auch Wege gewesen, wo ich immer spazieren gegangen bin ... am Wochenende habe ich dann hier immer meine Wanderungen gemacht ... erst konnte ich noch drei Stunden durch die Felder wandern, plötzlich steht da ein Schild "Betreten verboten", dann ist der Weg plötzlich zugemacht und du stehst am Rand, die letzte Zeit ... konnteste zehn Minuten, dann warst du am Kohleloch da ... hier hinter diesen Bäumen ist wieder der berühmte Tagebau, man sieht ihn nicht, aber man kann ihn hören, nachts quietschen die Bagger ja wie verrückt, die Licht- und Lärmbelästigungen sind schon ziemlich groß ... jetzt muß ich ´mal überlegen, wo ich am Besten mit Ihnen fahre … ja gut, dann fahren wir jetzt durch ... genau ... jetzt fahren wir hier ´mal einen ausgebauten ... Feldweg, der denn von Immerath zu meinem kleinen Dorf Spenrath hinführt ...

hier bin ich immer gegangen oder mit dem Fahrrad gefahren ... als man noch fitter war, Dauerläufe gemacht ... das ist hier meine Heimat, mein Zuhause ... und hier auf diesem Feld, das vergesse ich auch nicht, da war ´mal so ein Winter, da war ich achtzehn Jahre, da war hier eine Überschwemmung, die war zugefroren und da hatte mein Vater mir ein paar Schlittschuhe geschenkt ... und dann bin ich hier auf dem Feld Schlittschuhe gelaufen ... hier, das ist mein Lieblingsweg gewesen ... da ist so eine Baumallee ... der endete an meinem Garten ... hier haben wir immer als Kinder gespielt ... hier war früher eine alte Mühle ... dahinten wäre mein Garten noch gewesen, wo die Bäume da stehen ... da ist jetzt meistens alles weggemacht ... hier, das ist jetzt Spenrath, das ist ja noch ganz passabel, aber, wenn man jetzt die Ecke rumfährt,

dann sieht es schon nicht mehr so gut aus, ... die Häuser schon ziemlich, ziemlich lädiert, Fenster zugemauert, Türen zugemauert oder halb abgerissen, also das ist nicht wirklich schön ... ja hier, das war mein Elternhaus, hier das, ja, das hier, das war ganz begrünt ... haben sie alles abgerissen, Fensterscheiben kaputt geschmissen ... ja ... da ging´s neunzig Meter nach hinten ... ja, das war hier meine Heimat ... ist nicht so schön ... und jetzt sieht es so zugemauert aus wie nach einem Bombenangriff ... hier liegen schon Bäume, der schöne alte Baum, der wird natürlich auch weggemacht ... ja, hier steht noch ein Baum ... da gibt´s noch Pfirsiche, vielleicht kann man noch ´mal Pfirsiche ernten ... und hier war auch eine verlassene Katze, das waren die Leute, die schon alt waren und ins Altersheim gekommen sind und hier waren auch Katzen, die zurückgeblieben sind ...

jaaah ... hier, das war mein Schulweg ... von meinem Haus, hier war ja unsere Schule, da ging man als Kind immer zu Fuß zur Schule ... das sind alles die Erlebnisse, die werden jetzt einfach weggewischt, ... die sind einfach hin ... 387 So ein altes Dorf, das hat irgendwas oder hatte, muß man ja jetzt sagen ... und das dauert halt, in so´nem neuen Dorf, bevor da ´mal ... ´nen Charakter reingekommen ist, das dauert einfach ..."

RWE hält an der Braunkohle fest

In ihren Tagebauen Garzweiler, Inden und Hambach will die RWE noch viele Jahre Braunkohle abbauen. Der Energiekonzern ist überzeugt, dass Braunkohle noch lange Zeit gebraucht wird.

Guido Steffen, Pressesprecher des Konzerns: "Wir gehen davon aus, dass die Kohle der drei Tagebaue, die wir im Rheinland betreiben, noch bis Mitte des Jahrhunderts abgebaut und ganz überwiegend zur Stromerzeugung verwendet wird. Unsere Kraftwerke haben eine Kapazität von ungefähr 10.000 MW, decken etwa 12-13 % des gesamtdeutschen Strombedarfs und können nicht ohne weiteres durch andere Energieträger ersetzt werden."

Das Rheinische Braunkohlerevier ist ein Bergbaurevier in der Kölner Bucht, am Nordwestrand des Rheinischen Schiefergebirges. Obwohl geringmächtige Lagerstätten an den Rändern der Kölner Bucht bei Bad Godesberg und rechtsrheinisch bei Beuel und Bergisch Gladbach zu nennen sind,[1] die keine große Rolle gespielt haben, sind die Grenzen des eigentlichen Reviers wie unten beschrieben. Der Abbau der Braunkohle im Tagebauverfahren wirkte hier maßgeblich landschaftsverändernd und führte zur Ausbildung einiger bedeutender Industriestandorte. Das Revier umfasst die Zülpicher und Jülicher Börde, die Erftniederung und die Ville und ist damit das größte Braunkohlerevier in Europa.[2] In geringerem Maße werden hier Ton, Quarzsand und Löss abgebaut. Wikipedia: Das Rheinische Braunkohlenrevier https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinisches_Braunkohlerevier

Der Tagebau Garzweiler ist ein Braunkohle-Tagebau der RWE Power (bis 2003 der RWE Rheinbraun AG) im nördlichen Rheinischen Braunkohlerevier. Das Abbaugebiet erstreckt sich zwischen den Städten Bedburg, Grevenbroich, Jüchen, Erkelenz und Mönchengladbach in Nordrhein-Westfalen. Wikipedia

Entsetzen beim BUND

Dirk Jansen rauft sich fast die Haare, wenn er hört, wie die RWE die Notwendigkeit des Braunkohlen-Abbaus im rheinischen Revier begründet. Der Umweltexperte leitet in Düsseldorf die Landesgeschäftsstelle vom BUND, des "Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland". Auch er weiß und hat die Zahlen im Kopf, dass der Braunkohle-Abbau und ihre Verstromung in Deutschland überflüssig geworden ist.

Dirk Jansen: "Wir haben netto Stromexport von etwa 60 Terra Wattstunden jährlich, wenn wir hier die ältesten und schmutzigsten Uraltkraftwerke im Rheinland bis 2020 dicht machen würden, dann würde es niemand merken. Nirgendwo in Deutschland oder in Nordrhein-Westfalen gingen deswegen die Lichter aus.

Was man allerdings merken würde, wäre ein Rückgang der Schadstoffemissionen. Die Braunkohle-Kraftwerke an den nordrhein-westfälischen Standorten Neurath, Niederaußem und Weisweiler verursachen jährlich etwa 80 Millionen Tonnen an Treibhausgas-Emissionen. Das sind etwa zehn Prozent der CO2-Emmissionen in ganz Deutschland. Ihre Dreckschleudern will die RWE zwar  nicht schließen, sie in den nächsten zwölf Jahren aber stilllegen. Was immerhin eine Reduzierung der CO2 Emissionen zur Folge hätte. Stilllegen heißt, dass die Kraftwerke in eine Sicherheitsbereitschaft versetzt werden.

Guido Steffen: "Die Sicherheitsbereitschaft bedeutet, dass Anlagen vom Netz genommen werden und in einem bestimmten Modus der Kaltreserve gehalten werden, um auf Anfrage des Netzbetreibers für besonders schwierige Situationen im deutschen Stromnetz binnen zehn Tage wieder abgerufen werden zu können. In dieser Zeit sind die Anlagen nicht unter Dampf, erzeugen also auch kein CO2."

Dirk Jansen bestreitet nicht, dass durch die Kaltreserve die Treibhausgas-Emissionen sinken. Er bezweifelt aber, dass die Sicherheitsbereitschaft hält, was sie verspricht. Diese Bereitschaft bedeutet, dass die Braunkohle-Kraftwerke dann wieder anspringen sollen, wenn bei der Stromerzeugung durch erneuerbare Energien Engpässe auftreten. Weil die Sonne nicht scheint oder beim Wind Flaute herrscht. 

Dirk Jansen: "Energietechnisch ist das vollkommen absurd, denn die uralten Kraftwerksblöcke und der Kraftwerkspark von RWE ist total überaltert. Der Großteil der Kraftwerke ist 40 bis über 50 Jahre alt, die können aus technischer Sicht dieser Anforderungen überhaupt nicht erfüllen. Diese Kraftwerke, diese alten Kraftwerke, sind als Grundlastkraftwerke darauf ausgelegt, von ihren Kesseln von ihrer ganzen Technik, quasi rund ums Jahr zu laufen. Sie sind nicht darauf ausgelegt,  schnell hoch und runter gefahren zu werden von ihrer Leistung, um sich dann flexibel an die Nachfrage anpassen zu können. Insofern brauchen wir diese Braunkohlen, vor allen Dingen die der alten Generation, in einem Energiemarkt der Zukunft überhaupt nicht mehr, weil sie einfach diese Dienstleistung nicht erbringen können."

Protest im besetzten Wald

Michael Zobel, Naturführer und Waldpädagoge, führt seit vier Jahren Besuchergruppen durch den Hambacher Hainbuchenwald. Er liegt etwa 40 Kilometer westlich von Köln und war einmal 600 Hektar groß. Heute ist er fast komplett im "größten Loch Europas" verschwunden – wie der Braunkohle-Tagebau Hambach genannt wird - und auf ein Zehntel seiner ursprünglichen Fläche geschrumpft. Das Loch dehnt sich auf fast 85 Quadratkilometern zwischen Bergheim und Jülich aus. Und ist jetzt nur einige hundert Meter von der Stelle entfernt, wo die Besuchergruppe steht. Schon seit Jahren soll auch der geschrumpfte Rest des Waldes dem Tagebau weichen und gerodet werden. Die Genehmigung dafür hat die RWE. Doch es gibt Schwierigkeiten. Seit sechs Jahren halten meist junge Leute den Wald besetzt. Sie haben sich Baumhäuser gebaut und den Räumungen bisher getrotzt. Clumsy, ein junger Mann, war von Anfang an dabei.

Der Hambacher Forst – oder was davon noch übrig ist und vielleicht gerettet werden kann? Die Website von Michael Zobel     

Michael Zobel: "Vor neun Jahren war ich beim Klimagipfel in Kopenhagen, weil ich gemerkt habe, ich will was für Ökologie tun und mich für eine lebenswerte Umwelt einsetzen und habe aber dort beim Klimagipfel gesehen, dass es nicht reicht, an Regierende zu appellieren und an die Wirtschaft, dass sie das Problem des Klimawandels für uns zu lösen, weil, es sind genau die Leute, die das Problem erst verursacht haben. Und die sich auch dagegen sträuben, Maßnahmen zu ergreifen. Deshalb ist mir  klar geworden, dass es eine Bewegung von unten braucht, die gegen Klimawandel vorgeht und die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Ja, bin dann über Umwege und Zufälle hier gelandet und habe dieses Loch gesehen, den Tagebau Hambach. Ab da war mir klar, hier ist ein guter Ansatzpunkt, was zu machen und bin dann hiergeblieben und mit ein paar anderen Leuten haben wir dann hier die Waldbesetzung gestartet."

Kohlekommission soll Ausstieg vorbereiten

Anfang Juni 2018 beschloss die Bundesregierung eine "Kohlekommission" einzusetzen. Sie soll bis Ende des Jahres ein Datum für den Ausstieg aus der Braunkohle setzen. Und die auch darüber beraten will, welche Art von Strukturwandel danach für Arbeitsplätze sorgen kann. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" titelte: "Jetzt geht es den Kohlerevieren an den Kragen". In die Kohlekommission wurde auch Antje Grothus von der Bürgerinitiative "Buirer für Buir" berufen. Ende März 2018 verlängerte die Bezirksregierung Arnsberg den Hauptbetriebsplan für den Tagebau Hambach. Dagegen reichte der BUND beim Oberverwaltungsgericht Münster Klage ein. Sollte das Gericht die Klage zurückweisen, darf RWE ab 1. Oktober 2018 roden.

O-Ton-Collage zum Ausklang 

Es folgen: Mike, ein Besetzer aus dem Wald und Antje Grothus, Andreas Büttgen und Gerhard Kern von der Bürgerinitiative "Buirer für Buir". Zum Schluss spricht Guido Steffen von RWE.

"Ich will es mir nicht vorstellen, was dann passiert. Für viele Menschen ist dieser Hambacher Forst ein Symbol  geworden. Auf beiden Seiten eigentlich: Für die Menschen im Wald. Ein Symbol für unsere Lebensweise, für die Ausbeutung des Planeten, für die Klimakatastrophe, da ist der Hambacher Forst ein Brennpunkt. Und auf der anderen Seite ist es auch ein Symbol. Für RWE und die Politik ist das ein Symbol für eine Art von Anarchie, die sie nicht haben wollen, die sie bekämpfen, und die wollen auf Teufel komm raus, dass dieser Wald hier wegkommt."

"Ja, wir brauchen dann definitiv mehr Menschen, die hier sind. Die Kampagne ist gerade am Anrollen, um Menschen für die Rodungsaktionen her zu bekommen. Es gibt teilweise schon ganz hoffnungsvolle Signale von bestimmten Gruppen. Aber ja, dann wird es hier, dann wird es hier hoch her gehen."

"Für uns und für viele andere ist dieser Wald ein Symbol für die Klimaziele von Paris und daher, wenn die Landesregierung und die Bundesregierung die Klimaziele ernst nehmen und Paris ernst nehmen und den Klimaschutz, dann muss dieser Wald erhalten bleiben. Wir wissen, dass der Rückhalt enorm ist. Das Thema "Hambacher Wald" ist ein großes Thema für große Teile der bürgerlichen Klimabewegung. Ich habe eine Petition gestartet. "Hambacher Wald retten und das Klima schützen". Da habe ich mittlerweile 70.000 Unterschriften, und das sind zutiefst bürgerliche Menschen, die sagen: "Dann komme ich in den Wald, dann stelle ich mich dahin, dann stelle ich mich vor die Bäume, ich stelle mich auch vor die Polizei, lass mich, von mir aus, wegtragen."

"Wenn jetzt gerodet wird, dann geht es um den Kernwald, wo die Waldbesetzungen sind, und das ist meine riesengroße Befürchtung, dass tatsächlich Menschen zu Schaden kommen. Weil, dann geht es um Menschen, die eine Symbiose mit dem Wald angenommen haben, die auf einem Baum leben, der ihr Lebensbegleiter geworden ist, und wenn da die Axt angelegt wird, dann werden sich die Menschen anders wehren als wenn eine Barrikadenräumung erfolgt."

"In den Gesprächen mit RWE wurde klar, wenn am 1. Oktober die Rodung freigegeben wird, dass der Kernbereich des Waldes, wo die Baumbesetzungen sich befinden, dass der dann wirklich fällt. Dass RWE auch wirklich will, dass der fällt, weil dann endlich der Widerstand gebrochen ist und das, das stell ich mir wirklich, also, kann man sich noch gar ein richtiges Bild von machen. Also, wenn das aufeinander trifft, einerseits diese Maschinengewalt, die Rodungsmaschinerie, dann den Waldbesetzern, die praktisch mit dem Rücken zur Wand stehen und die Polizei, die für so eine Situation auch noch keine wirkliche Strategie hat, weil, da geht es um Leben und Tod. Also, man muss da eigentlich mit dem Schlimmsten rechnen."

"Ja, es wird in der am 1. Oktober beginnenden Rodungsperiode sicherlich notwendig sein, dass Baumhäuser entfernt werden müssen, auch wir gehen davon aus, dass das mit Protesten und Widerstand verbunden sein wird. Das ist bedauerlich, denn das Recht ist auf unserer Seite, es gibt eine energiewirtschaftliche Notwendigkeit für die Braunkohle, und es ist bedauerlich, dass sich alle Beteiligten, auch die Polizei, auf Auseinandersetzungen mit den Menschen im Hambacher Forst einstellen müssen. Das muss nicht sein, wir werden auch alles dafür tun, dass niemand zu Schaden kommt, dass deeskaliert wird, aber leider liegt das nicht allein in unserer Hand."

Mehr zum Thema

Initiative "Lausitzer Perspektiven" - "Nun steht der Ausstieg aus der Braunkohle an"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 07.08.2018)

Kohle ade - Der geplante Ausstieg aus der Braunkohle
(Deutschlandfunk, Länderzeit, 25.07.2018)

Umstrittene Klimapolitik in Brandenburg - Braunkohle statt Klimaziele
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 05.10.2017)

Lange Nacht

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