Die Königin des Tanztheaters

17.08.2007
Es sei für Journalisten einfacher, sich für ein Mittagessen mit Tina Turner zu verabreden als auf eine Zigarettenlänge mit La Bausch. Vor diesem Hintergrund ist dieser als Bilder- und Lesebuch annoncierte Band über die Erfinderin des Tanztheaters eine kleine Sensation. Bekannt wurde die Choreographin für die Radikalität, Emotionalität und Lebensnähe ihrer Aufführungen.
Man sollte meinen, es gäbe Bücher zuhauf über die berühmteste Choreographin Deutschlands. Aber Pina Bausch ist eine scheue Künstlerin, die sich nur selten und nur zögernd, jedes Wort lange abwägend, zu ihrer Arbeit und deren Motiven äußert.

Entsprechend wenige Journalisten oder Autoren haben, seit das Wuppertaler Tanztheater 1973 seine Arbeit aufnahm, Zugang zu der inzwischen 67-jährigen Choreographin gefunden. Selbst solche Kritiker, die bereits als Laudatoren Bauschs über viele Jahre hinweg ihr Vertrauen zu gewinnen versucht hatten, warteten mitunter tagelang auf eine eigentlich versprochene Audienz, um am Ende unverrichteter Dinge wieder abzureisen – ohne auch nur den Zipfel eines der von Bausch präferierten Armani-Anzüge gesehen zu haben. La Bausch ist eben die Königin des Tanztheaters.

Vor dem Hintergrund, dass es wahrscheinlich einfacher ist, ein Mittagessen mit Tina Turner zu verabreden als eine Zigarettenlänge mit Pina Bausch, ist das Erscheinen eines neuen, vom Suhrkamp-Verlag als Bilder- und Lesebuch annoncierten Bandes über die Erfinderin des Tanztheaters eine kleine Sensation.

Der Fotograf Francesco Carbone und die Journalistin Leonetta Bentivoglio haben die Auftritte des Wuppertaler Tanztheaters mehrere Jahre lang verfolgt und präsentieren nun die Ausbeute. Neben randlos gedruckten Farbfotos, meistens Szenenausschnitten oder Porträts einzelner Bausch-Tänzer stehen knappe, meist halbseitige Texte der Autorin Bentivoglio. Während der Fotograf beim Anschnitt häufig keine Rücksicht darauf nimmt, ob einzelne Hände, Füße oder Ellbogen sich außerhalb des Druckformats befanden, beweist auch die Autorin Mut zur Lücke. Schnell scheint bei ihren Texten durch, dass ihre Kenntnisse des auch in Wuppertal grundlegenden klassischen Techniktrainings nur rudimentär sind. Das hindert sie allerdings nicht daran, den klassischen Tanz als verlogene, veraltete, von Pina Bausch und ihrem Tanztheater endlich auf den Müllhaufen der Geschichte beförderte Kunst darzustellen.

Das Tanztheater dagegen ist der Ort, wo es so poetisch wie authentisch zugeht. Das mag einst eine zutreffende Beschreibung gewesen sein. Leider ist die für Pina Bausch beschriebene Radikalität, Emotionalität und Lebensnähe auf den Wuppertaler Bühnen nur noch selten zu entdecken. Längst sind es andere, jüngere Choreographen, die Bauschs Errungenschaften auf ihre Weise einsetzen.

Wer also ein Buch sucht, in dem die Arbeit der Solinger Wirtstochter ernsthaft diskutiert würde, hat nach wie vor Pech auf dem deutschen Büchermarkt. Wer aber zufrieden ist mit einem handlichen Paperback, das seine dramatischen Fotos durch lyrische, einfühlsame, bewundernde Texte ergänzt, ist mit dem neuen Band Pina Bausch oder Die Kunst über Nelken zu tanzen gut bedient.

Rezensiert von Wiebke Hüster

Leonetta Bentivogli/ Francesco Carbone:
"Pina Bausch oder Die Kunst über Nelken zu tanzen",

Suhrkamp 2007, 180 S., zahlr. Abb., 12 Euro,