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Thema / Archiv | Beitrag vom 06.04.2011

Die Kinder des Gulag

Ein düsteres Kapitel deutscher und russischer Geschichte

Von Katharina Pencz

Ein sowjetisches Gulag, mehr als 8000 Kilometer östlich von Moskau in Sibirien. (AP Archiv)
Ein sowjetisches Gulag, mehr als 8000 Kilometer östlich von Moskau in Sibirien. (AP Archiv)

Sie folgten dem Ruf aus dem Mutterland ihrer Weltanschauung in die künftige "strahlende Welthauptstadt" Moskau. Viele junge deutsche Kommunisten, die meisten davon Juden, wollten in den 1930er Jahren ein neues Leben beginnen in der Sowjetunion. Sie bezahlten diese Entscheidung mit Verhaftung, Verbannung ,Tod.

Als in Deutschland Anfang der 30er-Jahre Hitler an die Macht kommt, folgen viele Kommunisten – meistens waren es Juden – dem Aufruf Stalins nach Moskau zu kommen. Moskau sollte zur strahlenden Welthauptstadt des Kommunismus werden.

Die deutschen Immigranten sind von der Aufbruchstimmung in der Sowjetunion sehr angetan. Sie helfen Moskau aufzubauen, werden sogar sowjetische Staatsbürger. Der Wunsch nach einem besseren Leben ist groß. Kinder werden geboren. Aber dann verschwinden ganze Familien.

"Im September 37 wurde mein Vater verhaftet. So wie es üblich war - nachts aus dem Zimmer geholt und weg war er. Meine Mutter hat ihn nie wieder gesehen. Ich natürlich auch nicht."

Den Eltern wird vorgeworfen, dass sie Spione, Verräter oder Saboteure sind. Die Väter werden erschossen oder, wie die Mütter, in Arbeitslager gebracht.

Während die Kinder in Heimen heranwachsen und zu treuen Stalinisten erzogen werden, müssen die Eltern unter menschenunwürdigen Umständen im Gulag leben.

Mit Kriegsende werden die Eltern aus der Lagerhaft entlassen. Sie sind nun sogenannte "Freigänger" – nicht mehr eingesperrt, müssen ihre Zwangsarbeit aber fortführen. Einige Kinder kehren zu ihren Eltern zurück. Unter schwersten Bedingungen müssen sie leben, manche sogar in Erdhöhlen.

"Ich war noch nicht 14, habe ich angefangen im Bergbau. Instrumententräger war ich. Wir haben dann, wir zwei, meine Mutter und ich, wir haben uns selber eine Höhle gegraben und hatten eine eigene Höhle."

Nach Stalins Tod 1953 gibt es erstmals wieder Hoffnung. Man kann in die alte Heimat, natürlich in den "Deutschen Demokratischen" Teil, zurückkehren. Viele Kinder der Gulag-Opfer fürchten sich aber vor dem Land, das sie mit Begriffen wie Faschismus und Hitler in Verbindung bringen. Einige sprechen noch nicht mal Deutsch.

"Ich wollte um Himmels Willen nicht nach'm Krieg dann nach Deutschland fahren. Das war überhaupt nicht, das wollte ich überhaupt nicht. Und schon gar nicht mit deutschen Kindern in einer Klasse sitzen. So war eben die Erziehung."

Die Rückkehr in die DDR wird wieder von dem Aufruf begleitet, ein neues sozialistisches Land aufzubauen. Über die Ereignisse im Gulag darf nicht gesprochen werden. Es gibt eine Entschädigung für die Leiden. Unfassbar dabei: Nicht als Opfer Stalins, sondern als Verfolgte des Nazi-Regimes werden sie entschädigt.

Und obwohl ihnen durch Stalin großes Leid zugefügt wurde, haben die meisten von ihnen nicht den Mut oder die Kraft, sich von dem Glauben an den Sozialismus zu lösen. Bis zum Ende halten sie an ihrer Utopie fest.

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