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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 07.04.2017

Die Kinder der Holocaust-Überlebenden"Ich darf es mir nicht erlauben, unglücklich zu sein"

Von Marie Wildermann

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(picture alliance/dpa/XAMAX)
Die Sängerin Sharon Brauner ist Enkelin von Holocaust-Überlebenden. Sie schildert im Buch ihre Erfahrungen. (picture alliance/dpa/XAMAX)

Wissenschaftler beschäftigen sich mit den Auswirkungen des Holocaust auf die zweite und dritte Generation. Jetzt ist ein neues Buch dazu erschienen: "Erben des Holocaust. Leben zwischen Schweigen und Erinnerung". Die Autoren berichten, wie die Schrecken der Nazi-Zeit ihr Leben bestimmen.

Nachdem in ihren früheren Büchern die Holocaust-Überlebenden selbst zu Wort kamen, lag es nahe, sagt Andrea von Treuenfeld, die zweite Generation zu befragen. Wie hat sich das Trauma der Eltern auf das Leben der Kinder ausgewirkt? Wie haben die Eltern mit ihnen über den Holocaust gesprochen? Haben sie überhaupt darüber gesprochen?

"Es gibt die eine Gruppe der Eltern, der Überlebenden, die ihren Kindern gegenüber wirklich geschwiegen haben, es verkapselt haben, aus Scham, um die Kinder nicht zu belasten, aus mehreren Gründen, aber geschwiegen bis zum Grab.

Und die anderen haben genau den anderen Weg gewählt und haben die Kinder fast erdrückt mit den Holocaustgeschichten, mit den KZ-Geschichten, Lager, im Erdloch-leben-müssen über Monate."

Der Sportkommentator Marcel Reif. (imago/sportfoto/Defodi)Sohn Holocaust-Überlebender: Sportkommentator Marcel Reif. (imago/sportfoto/Defodi)

Zu denen, die schwiegen, gehörten die Eltern von Marcel Reif. Der ehemalige ZDF-Journalist und Sportkommentator wurde 1949 in Niederschlesien geboren, die Familie emigrierte nach Israel und kehrte Mitte der 50er Jahre nach Deutschland zurück. Nie hätten seine Eltern über den Holocaust gesprochen, schreibt Marcel Reif. Und er ist ihnen dankbar. Er hätte das Grauen nicht ertragen.

Angst als bestimmendes Lebensgefühl

Für Sarah Singer, 1958 in Berlin geboren, war Angst das bestimmende Gefühl. Die Angst der Eltern um die Tochter, die Angst vor dem nächsten Tag, die Angst vor dem Leben. Weil die Angst während der Verfolgung so übermächtig war, konnten die Eltern nie wieder ein normales Verhältnis zur Wirklichkeit entwickeln.

Andreas Nachama, der immer darunter gelitten hatte, dass er die Wahrheit nur scheibchenweise erfuhr, studierte Geschichte - vielleicht ein Versuch, das Unbegreifliche zu begreifen.

Andreas Nachama:
"Gerade weil ein Teil der Wahrheit immer nur zu hören war, bin ich dann irgendwann in dieser Zeitgeschichte gelandet, weil mich das schon interessiert hat, wer waren diese Täter, was waren das für Leute, mit denen man da zu tun hatte, die ja offenbar auch gelegentlich meine Nachbarn gewesen sind."

Sharon Brauner, Schauspielerin und Sängerin, wurde in ihrer Kindheit und Jugend ständig mit der Shoa konfrontiert. "Ich erinnere mich", schreibt sie, "dass das Geschehene jeden Tag auf dem Mittagstisch stand".

Die Großmutter lehrte zu differenzieren

Von ihrer Großmutter erfährt sie, dass es ausgerechnet ein Nazi war, der sie rettete. Das habe sie gelehrt zu differenzieren.

"Genau hinzuschauen, weil es eben auch Gestapo-Leute gab, die ihr geholfen haben, sonst würde ich heute auch nicht hier sitzen. Und nicht zu verallgemeinern. Und zum andern von meinen Eltern, dass ich die absolute Aufgabe habe, glücklich zu sein und es mir nicht erlauben darf, unglücklich zu sein, weil sie nicht überlebt haben, damit ich unglücklich bin."

Selbst die Überlebenden, die sich immer wieder mit der Vergangenheit auseinandersetzten, auch aus beruflichen Gründen, haben ihren Kindern nur wenig vom persönlich erlittenen Leid erzählt - so schildern es Sandra Kreisler und Andrew Ranicki, der Sohn des berühmten Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki.

"Das, was man von der Geschichte weiß, haben mir meine Eltern schon erklärt. Das Persönliche haben sie mir vielleicht verschwiegen. Erst aus der Biografie meines Vaters hab ich sehr viel erfahren, das neu war für mich."

Marcel Reich-Ranicki wollte gefragt werden

Marcel Reich-Ranicki kritisierte seinen Sohn Andrew gelegentlich, er sei "nicht richtig angezogen", wie er es formulierte

"Warum, das hab ich erst begriffen, als ich in der Biografie las, dass man mit guter Kleidung etwas tun wollte, um größere Überlebenschancen zu haben. Vielleicht stimmte das sogar. Aber am Ende ging es um Glück."

Marcel Reich-Ranicki habe sich auch beschwert, dass sein Sohn nicht genügend gefragt habe über die Zeit im Ghetto

"Er hat nicht begriffen, dass immer, wenn er erzählte, ich sehr genau hinhörte. Vielleicht hätte ich mehr fragen müssen. Aber nein, ich glaube nicht. Es war zu gefährlich, wenn man die falsche Frage stellte. "Wie war es im Ghetto?", das geht nicht."

Das Resümee von Mathematikprofessor Andrew Ranicki, der mit seiner Familie in Großbritannien lebt: Für seine eigene Entwicklung war es gut, dass sein Vater sich schreibend und redend mit dem Holocaust auseinandergesetzt habe. So musste er, der Sohn, die schwere Last seiner Eltern nicht tragen. Ihr Leben, sagt Andrew Ranicki, sei für ihn aber eine Verpflichtung.

Essays und Geschichten von 18 Prominenten und weniger prominenten Zeitzeugen sind in diesem Band versammelt. Es sind sehr unterschiedliche Geschichten, die meisten tief bewegend. Allen gemeinsam ist die Erfahrung, dass ihre Kindheit überschattet war von einer Last, die für Kinder eigentlich zu schwer ist.

Andrea von Treuenfeld: "Erben des Holocaust. Leben zwischen Schweigen und Erinnerung"
Gütersloher Verlagshaus, 2017, 224 Seiten, 19,99 Euro

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