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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 15.04.2020

Die Karriere eines deutschen OffiziersVincenz Müller diente dem Kaiser, Hitler und der NVA

Von Thomas Klug und Christoph Krix

Vincenz Müller (deutscher Offizier, Generalleutnant der Wehrmacht und der Nationalen Volksarmee der DDR), aufgenommen in den 50er-Jahren (imago/ZUMA/Keystone)
Vincenz Müller sollte eigentlich Priester oder Arzt werden, entdeckte aber schon früh eine Leidenschaft fürs Militär. (imago/ZUMA/Keystone)

Er war Offizier des Kaisers, der Reichspräsidenten Ebert und Hindenburg, Hitlers - und baute in der DDR die NVA auf. Dann wollte Vincenz Müller Architekt der deutschen Wiedervereinigung werden. Doch er geriet ins Visier der Staatssicherheit.

Im 20. Jahrhundert hat es erstaunliche Karrieren in Deutschland gegeben. Doch der Weg dieses Mannes ist einzigartig: von der Reichswehr des Kaiserreichs bis zur Nationalen Volksarmee der DDR. Und dazwischen hat er nichts ausgelassen.

Vincenz Müller, 1894 in einem streng katholischen Elternhaus im bayerischen Aichach geboren, sollte eigentlich Priester oder Arzt werden, entdeckte aber schon früh eine Leidenschaft fürs Militär. Als Kaiser Wilhelm 1914 zu den Waffen rief, zog Müller begeistert an die Front, wurde zwar mehrfach verletzt, stieg aber zum Oberleutnant auf.

Einmal Militär, immer Militär: Auch in der Weimarer Republik dient er in der Reichswehr und landet sogar im Reichswehrministerium, im Stab des Generals von Schleicher, dessen Intrigenspiel gegen die Republik 1933 zur Ernennung Hitlers als Reichskanzler führt. Das nationalsozialistische Regime lässt 1934 seinen ehemaligen Chef, General von Schleicher, zwar ermorden, aus der Reichswehr wird die Wehrmacht, aber Vincenz Müller findet auch hier seinen Platz als Oberst. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion kämpft er an der Ostfront, bekommt aber Skrupel.

"General Müller erzählte von den ungeheuerlichen Schandtaten des Sicherheitsdienstes nach der Eroberung von Kiew", schreibt nach Kriegsende sein Untergebener, der Schriftsteller Ernst Jünger, in einem Buch.

Befehlshaber an der Ostfront

1944 befehligt Vincenz Müller die 4. Armee in Weißrussland. Als seine Truppen eingekesselt sind, entschließt sich Müller zur Kapitulation und begibt sich in sowjetische Kriegsgefangenschaft.

"Bedenkt, wie wir alle belogen und betrogen worden sind, namentlich seit Hitler diesen wahnsinnigen Krieg mit Russland begonnen hat. (…) Das sinnlose Weiterkämpfen ist daher ein Verbrechen an unserem Volk. (...) Darum lasst euch nicht weiter betrügen und missbrauchen. (...) Beendet den sinnlosen Kampf, stürzt das unheilvolle nationalsozialistische System und tut damit den ersten Schritt in eine bessere Zukunft."

Nachdem er sich mit diesem Aufruf an die deutschen Soldaten gewandt hat, wird er vom NS-Regime in Abwesenheit zum Tode verurteilt, macht in der Kriegsgefangenschaft eine Antifa-Schulung mit und lässt sich nach seiner Entlassung 1948 in der Sowjetischen Besatzungszone nieder, der DDR ab 1949.

Müller ist nun ein national gesonnener Antifaschist und wird führendes Mitglied der NDPD, der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands. Die Gründung der DDR kommentiert er mit den Worten:

"Wir sind dabei tief befriedigt von der Tatsache, dass die sowjetische Besatzungsmacht im eindeutigen Gegensatz zu den westlichen Besatzungsmächten uns den Weg zur Wiedererlangung unserer nationalen Würde nicht versperrt, sondern freigelegt hat."

Der NVA-Militär träumt von der Wiedervereinigung

Einmal Militär, immer Militär: Müllers Aufgabe ist nun, die Streitkräfte der DDR aufzubauen, die Kasernierte Volkspolizei, aus der dann die NVA, die Nationale Volksarmee, hervorgeht. Müller rückt auf bis zum Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung. Aber auch in dieser Position hat der einstige kaiserliche, dann republikanische Offizier und General der Wehrmacht noch einen Traum: die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Mitten im Kalten Krieg bahnt er einen Kontakt zu westdeutschen Politiker an: Fritz Schäffer, einem Minister im Kabinett Adenauer. Die beiden treffen sich in Ost-Berlin. Doch erbittert muss Müller feststellen, dass Schäffers Freundlichkeit nichts an der Haltung des Bundeskanzlers ändert:

"Dr. Adenauer ist gegen eine Verständigung. Er ist gegen eine erfolgreiche Durchführung von Verhandlungen zur Wiedervereinigung Deutschlands. Er bildet sich ein, die Deutsche Demokratische Republik mit Hilfe der NATO mit Gewalt an Westdeutschland angliedern zu können."

Müllers Initiative scheitert, und die DDR-Führung wird ihm gegenüber misstrauisch. 1961 beendet er sein Leben, drei Monate vor dem Bau der Berliner Mauer.

(wist)

Onlinetext zum Feature von Thomas Klug und Christoph Krix

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