Hörspielmagazin, vom 03.03.2020, 20:13 Uhr

Die Karlsruher Postulate - Gleichberechtigung jetzt!Wie weiblich ist das Hörspiel?

Der Kulturbetrieb gilt als offen, tolerant und progressiv. Hier finden sich feministische Künstlerinnen und emanzipierte Leserinnen, Theaterbesucherinnen und Hörerinnen. Doch Radiosender kommen an einer Frage nicht mehr vorbei: Wie präsent sind Frauen in der Radiokunst wirklich?

Die Karlsruher Postulate. Gleichberechtigung in Kunst und Kultur - jetzt! (ARD / Marc Trompetter)
Teilnehmer*innen der ARD Hörspieltage im ZKM Karlsruhe stellten im November 2019 einen Katalog an Forderungen und Selbstverpflichtungen auf: die Karlsruher Postulate. (ARD / Marc Trompetter)

"Gebt ihr hundert Jahre" – so hat es Virginia Woolf 1929 in ihrem großen feministischen Essay "Ein Zimmer für sich allein" formuliert. Hundert Jahre Zeit für schreibende Frauen. Hundert Jahre, um die Rahmenbedingungen für Autorinnen derart zu verbessern, dass einer Frau, die so talentiert ist wie Shakespeare, nichts mehr im Wege steht. So die Hoffnung von Virginia Woolf vor 91 Jahren… Und so kann es klingen, wenn eine Frau heute ein Hörspiel schreibt:                                                      

Auszug aus dem Hörspiel "Wer Wagenitz, der nichts gewinnt" von Annika von Trier

Nur Frauen sind zu hören in diesem Hörspiel von Annika von Trier, das der rbb 2019 produziert hat. In "Wer Wagenitz, der nichts gewinnt" unterhält sich die Autorin mit den Geistern von Jenny Marx, Bettine von Arnim und Hanna Höch darüber, wie eine Künstlerin den Produktionsbedingungen der Kunst standhalten kann.

Auszug aus dem Hörspiel "Wer Wagenitz, der nichts gewinnt" von Annika von Trier

Von den zwölf Hörspielen, die für den ARD Hörspielpreis 2019 nominiert waren, war "Wer Wagenitz, der nichts gewinnt" eines von dreien, das den sogenannten Bechdel-Test bestanden hat. Die Literatur- und Medienwissenschaftlerin Ania Mauruschat hat alle zwölf Hörspiele einem ersten Schnellcheck auf differenzierte Frauenfiguren unterzogen:

Ania Mauruschat:
Und davon waren sechs nur von Männern, vier von Frauen und zwei von gemischten Teams. Und das Interessante war halt, dass diesen Bechdel-Test, der halt danach fragt, ob in einem Film oder halt auch in einem Hörspiel es mindestens zwei Frauen gibt. Ob die miteinander reden und ob sie über etwas anderes reden als einen Mann und auch, ob sie einen Namen haben, also eine etwas bedeutendere Rolle haben, nicht einfach nur eine Darstellerin als Mitarbeiterin im Abspann erscheinen oder die Frau mit dem tiefen Ausschnitt oder so. Und da fiel halt auf, dass alle sechs Hörspiele von Männern diesen Test nicht bestanden haben. Das Hauptproblem kann man ja auf diese einfache Formel bringen: Frauen werden erzählt, im überwiegenden Falle und das in oft reduzierter, klischeehafter und diskriminierender Art und Weise. Und Männer erzählen.

Das Hauptproblem: Frauen werden erzählt und Männer erzählen

Vielleicht geht der Mangel an differenzierten Frauenfiguren also auf eine unausgewogene Auftragslage zurück? In Folge der #MeToo-Debatte war die Hörspielredaktion vom WDR so selbstkritisch, einmal durchzuzählen – und war bestürzt: In den Jahren 2014 bis 2018 gingen 217 Aufträge an Autoren und 44 an Autorinnen. Das heißt, 80 Prozent der Manuskripte wurden von Männern eingereicht. Bei der Regie war das Verhältnis ein bisschen besser: Da war der Schlüssel von Männern zu Frauen zweieinhalb zu eins. Martina Müller-Wallraf, die Leiterin des Hörspielressorts vom WDR:

Martina Müller-Wallraf:
Es fängt damit an, dass im Moment - Bestand heute - mehr, wesentlich mehr Männer auf dem Markt sind als Frauen. Sowohl in der Regie als auch in der Autorenschaft. Das fängt damit an, dass unsere eigenen Kriterien gesteuert sind. Stereotypen unterliegen. Dass wir uns zu wenig Mühe geben in der Auswahl. Es wird viel zu wenig gesucht, und das Problem ist, dass Frauen weniger forsch mit ihren Sachen nach vorne springen, weniger oft auch die Möglichkeit und die Gelegenheit haben, ihre Dinge anzubieten, weniger nassforsch sind in der Darstellung ihrer eigenen Kompetenzen oder ihres Wissens, also... Das ist jetzt natürlich zugespitzt, und natürlich klingt das jetzt auch wieder wie ein Klischee. Aber es ist tatsächlich empirisch belastbar, und das ist die Erfahrung, die wir selber gemacht haben mit unserem eigenen Programm.

"Wie weiblich ist der Kulturbetrieb?", war die Frage, die dem Thementag zugrunde lag, den WDR-Hörspiel-Leiterin Martina Müller-Wallraf bei den ARD Hörspieltagen in Karlsruhe im November 2019 initiiert hat. Einen Tag lang wurde diskutiert. Über Geschlechterrollen und Stereotype, über die Chancen von Frauen im Kulturbetrieb, über die Verteilung von öffentlich-rechtlichen Geldern, die zwar paritätisch eingezahlt werden, aber offenbar bei Aufträgen nicht paritätisch verteilt werden. Eines war klar: Das muss sich ändern! Das Ergebnis dieses Thementags sind also ganz klare Forderungen – die Karlsruher Postulate.

Auszug aus den Karlsruher Postulaten

Wir brauchen eine Revolution des Geschlechterverhältnisses, nicht zuletzt auf unseren Bildschirmen, in unseren Lautsprechern und Kopfhörern und an den verantwortlichen Stellen dahinter. Es geht um das Recht, sich selbst erzählen zu können. Wir brauchen diese Revolution jetzt, damit die Gleichberechtigung von Männern und Frauen gemäß Artikel 3, Absatz 2 Grundgesetz endlich Wirklichkeit wird.

Wir fordern:

Paritätische Spielpläne

Gleichen Lohn und gleiche Honorare für gleiche Arbeit

Flexiblere Arbeitsbedingungen

im Hinblick auf Familienaufgaben

und mehr Umsicht bei Mehrfachbelastungen

Mehr Mut zu Diversität, mehr Mut zum Risiko,

mehr Mut zu radikalen Prozessen

Mindestens 50% Frauen*jurys in den nächsten 25 Jahren

Wir verpflichten uns:

Diversität als Qualitätskriterium anzuwenden

Autorinnen und Regisseurinnen aktiv zu scouten

in Communities außerhalb der eigenen Blase,

Frauen für Aufträge aktiv anzusprechen,

zu animieren und zu unterstützen

Rein weiblich besetzte Teams zu unterstützen

Selbstreflexiv zu sein:

eigene Vorurteile und Vorbehalte zu erkennen,

eigene Stereotype und Muster zu identifizieren und zu durchbrechen

Radikale Zeichen zu setzen

Wer Geschlechterparität will, muss handeln - und radikale Zeichen setzen

Genau das hat die Hörspielredaktion vom WDR jetzt beschlossen.

Martina Müller-Wallraf:
Alles, was wir jetzt einkaufen zur Produktion als Hörspiel, ist ab sofort paritätisch, das heißt, jeder Mann als Autor erfordert eine andere Produktion mit einer Frau als Autorin. Das ist insofern mühsam, als man wirklich Phantasie entwickeln muss. Das heißt aber auch, dass man in unangenehme Gespräche gehen muss. Das heißt, dass man Autoren, mit denen man vielleicht schon seit zehn Jahren zusammenarbeitet, mal anbieten muss: Hast Du schon mal darüber nachgedacht, das mit einer Frau zusammen zu machen? Das geht nicht einfach. Das hat auch was zu tun mit… ja, wir sind doch alle eitel. Es geht hier um "Wer hat's erfunden?" Und da jetzt plötzlich zu sagen, wir bilden Tandems. Es geht nicht mehr darum, dass es ein Genie gibt, das alles erfindet und das sich das hinterher in den Bucheinband schreiben kann, sondern es geht darum, dass wir auch tatsächlich die Erzählweisen verändern.

Aktiv nach Frauen suchen, heißt das für die Redaktionen – was Autorinnen und Regisseurinnen, aber auch, was die Stoffe und Frauenfiguren angeht.

Martina Müller-Wallraf:
Zu meinem redaktionellen Verhalten gehört es schon inzwischen dazu, dass ich auch die Frage stelle: Ist das wirklich ein Mann oder ist diese Rolle vielleicht umschreibbar auf eine Frau? Und was passiert mit Deinem Stück, wenn diese Rolle eine Frau spielt?

Neben dem WDR haben sich auch die Hörspielredaktionen vom BR und von Deutschlandfunk Kultur dazu bekannt, Aufträge ab sofort paritätisch zu vergeben. Auch wenn das anfangs gar nicht so einfach ist. Weil Frauen zu einem überwiegenden Teil immer noch diejenigen sind, an denen der Hauptteil der Sorgearbeit für die Familie hängt. Weil es ihnen schwerer fällt, einen Regieauftrag über mehrere Wochen in einer anderen Stadt anzunehmen. Weil weibliche Autorschaft noch keine so lange und bekannte Tradition hat. Weil Laut Werden und Sich-in-den-Vordergrund-Drängen immer noch eher Männern zugestanden wird. Und sich Stereotype selbstverständlich in den Kulturbereich forttragen – bei Frauen genauso wie bei Männern.

Abschied vom Geniekult im Kulturbetrieb

Die Ich-Bezogenheit im Kunstbetrieb, der Geniekult, ist eines der Probleme, so sieht es auch die Medienwissenschaftlerin Ania Mauruschat, die beim Thementag in Karlsruhe den Eröffnungsvortrag gehalten hat:

Ania Mauruschat:
Also, ich bin sehr dafür, dass Frauen sich mehr zutrauen, selbstbewusster auftreten. Das ist natürlich auch mit Scheitern verbunden, das ist nicht einfach, sich hinzustellen und versuchen sich durchzusetzen. Und natürlich kann es auch der leichtere Weg sein, wenn man sagt, "Ach, ich probiere es gar nicht erst, dann kann ich nicht scheitern". Also insofern ist es schon auch eine, ja, Forderung an Frauen, sich den Teil der Welt zu nehmen und das so lange zu tun, bis sie ihn kriegen, auch wenn sie dabei immer wieder scheitern. Andererseits ist natürlich… finde ich diesen Geniekult durchaus veraltet und nicht der Zeit angemessen in dieser komplexen Welt, in der wir leben, in der es halt um wirklich Kollaborationen Zusammenarbeit geht, Teamwork, ist es etwas, was nicht weiter gefördert werden sollte meiner Meinung nach.

Ein Jahrhundert Zeit hat uns Virginia Woolf 1929 gegeben. Bis 2029 sind es noch neun Jahre…

Am 9. November 2019 haben Teilnehmer*innen der ARD Hörspieltage die Karlsruher Postulate zur Geschlechterparität in der Kulturszene formuliert. (ARD Hörspieltage 2019)Die Karlsruher Postulate: ein Katalog an Forderungen und Selbstverpflichtungen. (ARD Hörspieltage 2019)

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